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TAUSEND ERSCHIENEN IM INSEL-VERLAG LEIPZIG IM HERBST MDCCCCVI f< INHALTSTAFEL Seite EINLADUNG i EINGANG Frühlingszuruf 5 Froh und fromm 5 Stiller Gang 6 Das Lied von ferne 7 Fühle nur 8 Von Rosen und weisen Männern . . . 8 Guter Rat 9 Genug io PARKWIESE Griesgrams Bekehrung II BAUM UND BUSCH Die vier Lebensalter 16 Gebet zwischen blühenden Kastanien . 18 An die Trauerweide ig Die Birke ig Das Herz in der Linde 21 Vorfrühling 22 Hinter einer grünen Weide 22 Flieder . 23 Das grüne Wunder 24 Seite Das Wunder am Baume 24 Farben 24 Sonnenblicke 26 STATUEN Der Pfingstjunker 28 Sankt Jörg 2g Der flötende Faun 29 Michel mit der Lanze 31 Liebe und Tod jj Faunsmonolog 32 Rabenflug 33 Der schwarze Ritter 34 Christoph, Ruprecht, Nikolaus . ... 35 Gott zeigt Adam das Paradies . . . 37 Faunsflötenlied 37 Innocentia 38 Pulchra ut sol, clara ut lux . ... 38 Die Straßburger Münster engelchen . . 59 Knappe auf sein Schwert gestützt . . 40 Gebet des geschienten Ritters im Felde 41 Paus Flucht 41 Sommerglücksmusik 43 VILLA GEMMA Die Sehnsucht singt 45 Kühle 46 Kälte 46 Nacht . 47 Erstes Beben 47 Hoffnung 48 Scherzo lamentoso 4g Der begossene Pudel 4g Verzagt 50 Getrost 50 Das Lied vom bißchen Sonnenschein . 51 Trost im Winkel 52 Seite Sei getrost 52 Adoration 52 Devotionale 53 Glück . 54 Zuversicht 54 Du, mein Glück 54 Die Hauptsache 55 Liebe 55 Beruhigung 56 Entzückung 56 Liebeslied im Herbste 56 7,wei Liebesbriefe 57 Fröhliche Stille 5g Das grüne Blatt 5g Ruhe 60 Gute Stunde 60 Aussicht in den Garten 60 Meine Frau unterm Ölbaum . ... 61 Monologsatz, gerichtet an das Bildnis einer Rokokofürstin in Fulda ... 62 IM PARK Pandora 64 Eine Begegnung mit Herrn Ich . . . 68 NACHTSCHATTEN Gebet 72 Zwischen Abend und Nacht 72 Traumsommernacht 74 Groteske 75 Barocke Bilder j6 Die Nacht . 77 Licht in der Nacht 78 Gegen Abend yg Abendlied jg An die Nacht 80 In einer dunklen Nacht 81 Seite Abend und Nacht . . 81 Banger Abend 82 Dunkle, schöne Nacht 83 Lied in der Nacht 83 Aus der Ferne in der Nacht .... 84 Das winkende Auge 84 Alf 85 Tiefe Stunde 86 Mythologie 8y TANZWIESE Pan an die Sterne 8g Frommer Tanz, go Pfingsten 92 Auszählvers für Verliebte g2 Tanzlied g2 Maientanz 93 Gavotte des Verliebten ...... g4 Menuett g$ Tanz auf der Tenne g6 Kinderlied gy Die Juli-Hexen gy Der bekehrte Plinius gg Maestro Tod 104 VOLIERE Abschied 106 Mädchenlied 106 Der jungen Hexe Lied ...... 10 7 Lied des Schiffermädels 108 Mädchengeflüster 108 Rosen 10g Rieke im Manöver singt 110 Das Mädchen am Teiche singt . . . in Das Mädchen ohne Bräutigam . . . 112 WILDE BLUMEN Ernste Mahnung 114 Seite Fund n$ Alter Glückszettel ........ 115 Ich freue mich auf morgen .... 116 ? . . . •. 117 Wartelohn 117 'Trab 118 Ketzerküsse 118 Sankt Heinrich ■ 11g Der alte Orgelmann singt 121 Das Lied des verlassenen Lehmann . 123 Josephine 12$ Komm her und lass dich küssen . . . 126 Jeanette 127 Waldvögel 12g Juchzer 12g Im Wirbel fort 12g FREMDE BLUMEN Die Tanzgilde 131 Lyng-Lun 13g Mond in der Kammer 141 Der patriotische Holländer 141 Fatales Abenteuer einer Dame, die einen neuen Hut aufhatte 144 Winterlandschaft bei Gnesen .... 148 KAPELLE Sehnsucht 150 Der Vogel 151 Sonntag 151 Das Wunder kommt 151 Sommer 152 Neujahrs-Choral 153 Der Stern von Bethlehem 154 Weihnachtslied . . • 155 Der armen Kinder Weihnachtslied . . 156 Oft in der stillen Nacht 158 Stile Der Tod krönt die Unschuld, .... 15g Gesicht i$g Die Nonne 160 Aus der Herrgotts-Perspektive . . . 162 Golgatha 16g Vision des Geißlers IJ4 Die heiligen drei Könige des Elends . ij$ Das Kreuz ij6 Die schwarze Laute ....... 178 Die Herberge iyg TEMPEL Sehnsüchtige Melodie 181 Ekstase 182 Rosen, Goethe, Mozart 182 Nachts an die Nachtigall i8j Anrufung von ferne 184 Patrona navis 185 Rosenopfer 185 Sub rosa veneris i8j Vom Menschen igo KÜRBISLAUBE MIT SCHREIB- TISCH Frühlingsepistel ig4 Freundesbrief an einen Melancholischen ig$ Geburtstagsbrief an Liliencron . . . igy Epistel aus Würzburg 20 J KANNEGIESSE R-KEGELSCHUB Vom Russisch-J apanischen Kriegsschau- platz 218 Leier und Rad 21g Zwei Künstlerinnen 220 Seeschlacht mit Mondschein .... 224 Monolog des Mars 22J Zwischen den Schlachten 228 Europa an "Japan 232 Seite Afrikanische Distichen 234 PIERROTS MARIONETTEN- THEATER Pierrot prologisiert 23g Er bringt ihr ein Ständchen auf der Maultrommel 240 Er bringt sie nach Hause 241 Er fühlt sich den alten Römern zu Danke verbunden 241 Und nochmals 242 Er drückt dies etwas schwärmerischer aus 243 Dann wieder mehr den Tatsachen ent- sprechend 243 Nun nimmt er sie fest 244 Er springt mit ihr in die Ehe . . . 244 Er fühlt sich lustiger Ehemann . . . 245 Er fühlt sich geborgen 245 Sie singen 246 Er singt 24J Er erinnert sie an frühere Zeiten . . 247 Selbst ihre schlechte Laune macht ihm Spaß 248 Er hält sie offenbar für eine Perle . 248 Er denkt an später 24g Er glaubt nur noch einen letzten Wunsch zu haben 250 Er hat einen bösen Traum, wird aber erwachend getröstet 250 Er revanchiert sich mit einem Ständchen 251 Er merkt etwas 252 Er verreist und denkt an sie . . . . 252 Er kommt nach Hause und macht eine Entdeckung 253 Er kommt nicht so schnell darüber hin- weg und klagt das Schicksal an . . 255 Seile Er kommt zur Vernunft 253 Es hilft ihm eine neue Einbildung . . 256 Er hält sich abseits 257 Er entsagt 25g Er hat eine Vision . 259 Er singt den Schluß 260 MOHN UND ASPHODELOS Segenschwerer Traum 262 Allegorie 262 Die Spinne 263 Der Vögel Vorge sieht 26 3 Zwei Träume 265 Traum-Exegese 266 Himmlisches Abenteuer ... . . . 268 Dame Glück .......... 270 Zum Ziele 271 Ich wollte wohl, doch leider .... 273 Ein Traum 274 Schwerer Traum 277 Fieberlied 278 Ernte 27g Nachtwandel zum Glück 281 Licht 287 BAUMKANZEL Neujahrs fredigt 28g Neujahrs-Besuch 2go Mai 2g2 Osterfredigt in Reimen 295 Mai-Wunsch 2g4 Mai-Feier 2g5 Ostara 2g6 Erste Blüten, erster Mai 2g8 Tulpen-Predigt 299 Frühsommerphilosophie 301 Spätsommerphilosophie 302 Sette Spätsommer 303 An den Herbst . . 3°4 Winter 3°4 Eisblumen zu Weihnachten 305 Zwei Disputationen auf der Baumkanzel 306 Dem Tage 30S Zeitlied 3°9 Wind 309 BORKENHAUSCHEN FÜR ALLERHAND BESUCHE Geflüster im Gange 311 Hoher Besuch 312 Im Garten des Herrn 316 Münchner Studentenlied 317 Charlotte 318 Gigerlette 318 SEUFZER-ALLEE Wenns dämmert 320 Am Abend 321 Lied des Einsamen ........ 321 Im Blätterfallen 322 Leere 322 Ach vergossen, ach vergessen .... 324 Klage des Weisen 32$ Müde 325 Der melancholische Narr 326 Des Narren Regenlied 327 Des Narren Nachtlied 328 Des Narren Herbstlied 328 WEINLAUBE Trinklied 330 Ein Herbstlied . . . 330 Neuweinlied 331 Alter Wein und junges Blut .... 332 Drei trunkene Lieder zur Harfe . . 333 Seite GESCHNITTENE HECKEN Das Klapperwerk 336 Der weiße Maulwurf 338 Eine Parabel vom Mond und dem Riesen 342 Ritter Hahn und Bauer Enterich . . 343 Die Purpurschnecke 345 Des Teufels Nähfaden 347 KABINETT DER ERINNE- RUNGEN Reisespruch 348 Wundersames Abenteuer in einem Omni- bus und einem Hausflur 348 Im Hause Thoma 34g In Thomas Werkstatt 350 Du sollst es niemand sagen 351 Zwei Prinzessinnen 352 Hilf, heiliger Sankt Florian .... 352 Frauenhaar 353 Schlagende Herzen 353 Unschuld 355 Sentimentale Reise 355 Pfingstomnibus 362 Mutterlied 364 Das Hochzeitsreisepaar 364 Ein Löffel Suppe 366 Meine Sonne a. D 367 Dämmerung 368 Monte Carlo 369 Fröhliche Zuversicht 370 Nachtgang 371 Stiller Zwiegesang 371 Ein Trio 372 Goldene Hochzeit 373 Der Lachende 374 Bilanz 375 - Seite DREI SOLITJRE Freundliche Vision 380 Schmied Schmerz 380 Traum durch die Dämmerung .... 381 KLEINE BILDER-GALERIE Die Mauer entlang 382 Spätsommer 383 Nacht überm Meere 383 Sonnenaufgang 383 Porträtstudie 384 Einem schönen Mädchen unter sein Bildnis 385 Bildchen . 386 Der Hahn 387 Die Kranke 388 Der gewaltige Kater 38g Antritts-Visite 38g Ritter rät dem Knappen dies .... 3go Arie des Schäfers 39T Des alten Weibleins L ied vom Schwager Tod 3gi Kalenderhäuschen 393 OFENBANK Im Schlosse Mirabel 3g6 Die Ballade vom Tod und dem Zecher 3gj Die Legende vom Hadernburger Wein 400 A-B-C-HAUSCHEN 406 PARKSPUK Brautführer Tod 412 Herbstvisite . 413 MAUERINSCHRIFTEN Ehemarterl 416 Glaube nur 417 Das kommt von den Ochsen .... 417 Hans und Grete 418 Zwei Sprüche für Prüde 418 Misch dich nicht drein 418 Seite Drei Sprüche 41g Reimhatz . 41g Die gute Arztin 420 Zwischen Saat und Sense 420 Spruch 420 Wahlspruch 421 Schwerthuldigung 421 Quietistendevise 421 Künstlerkernspruch 422 Ästhetisches von den Kühen .... 422 Vom Lorbeer 422 Kleiner, hüte dich 422 Wahrheit und Wahn . ... . . . 423 Frage- und Antwortspiel 424 Eigentum . 42$ Der Dichter an den Philosophen . . 425 Meine Antwort 426 Bellender Neid 426 Glück auf die Reise 426 Meinen werten Feinden 427 Einem Geräuschvollen 42J Ach so 428 An die Verschämlichen . . . . . . 428 Für Beerensucher 42g Aus der Schusterperspektive .... 42g Gassenhauer für schwache Stunden . . 430 Trockene Blumen unter Glas .... 431 AUF DER MAUER Alexandriner 432 Winter .,,,,... 434 Wo lauschen deine Tale ...... 434 Andacht zu meiner Welt 433 Frühlings abend 436 Abend 436 Sonne ............. 437 EINLADUNG Meine Schwestern, meine Brüder, wollt ihr Mit mir gehn in meinen großen Garten? Kommt! Ich lad euch ein. Weit steht er offen. Freude nenn ichs, wenn ich Gäste habe, Und mir kann nichts Besseres geschehen, Als ein bißchen Dank aus euren Herzen. Glaubt, ich weiß: Es gibt viel schönere Gärten, Alte, von den Meistern angelegte, Die in beßren Zeiten freier bauten, Könige der Kunst und große Herren. Diese Gärten werden immer schöner, Denn es liegt der Glanz der großen Zeiten Über ihnen, und in ihrem Erdreich Ist die Kraft lebendig ersten Samens. Heiligtümer sind es unsrer Freude, Wo schon unsre Väter heiter gingen, Unsre Mütter, eh sie uns geboren, Sich den Blumen lächelnd nieder neigten, Die noch heute ihren Duft uns schenken. Und ich lad euch, meine lieben Schwestern, Lieben Brüder dennoch ein, zu kommen Und in meinem Garten froh zu wandeln. Meine Einsamkeit sehnt sich nach Gästen, Meine Blumen wollen sich verschenken, I Meine vielgewundenen Wege wollen Nicht bloß mich in Busch und Schatten führen, Mich, der diesem Garten fremd geworden. Denn es ist der Garten meiner Jugend. Ich bin selber nicht mehr hier zu Hause; Nur ein Gast noch, und ein seltner, bin ich Diesen Gängen, diesen Wiesen, Beeten Und Gebüschen, und Verwundern faßt mich Immer, wenn ich durch den Garten schreite. Manchmal wohl auch Rührung, manchmal Ärger; Diese Blume seh ich lächelnd an, und jene Möchf ich lieber aus dem Erdreich heben; Hier ein Weg, den ich mit Lust verfolge, Dort ein Bf ad, verloren in Gestrüppen, Den ich gern verschüttete. Doch immer Wehr ich ab den Wünschen: Mag es bleiben, Wie es, unbewußt halb, einst geworden. Wollt ich diesen Garten neu bebauen, Keine Zeit fand ich für meinen neuen, — Ach, vielleicht auch keine Lust. Er bleibe, Wie er ist. Und schenkt er meinen Gästen Nur ein Hundertteil der Freude, die er Mir geschenkt, als ich ihn einstens baute, Ist er doch ein rechter Freudengarten. Denn ich habe ihn mit Lust und Schmerzen, Die der Freuden allertief ste waren, Angebaut auf meinem eignen Lande, Auf dem Mutterboden meines Lebens; Habe ihn gespeist mit meinem Blute, Habe ihn gehegt mit meinem Herzen, Und die Sonne, die ihm schien, war meine Liebe. Zähl ich ab die Summe meines Glückes: Hier stehn seine Blüten. Was ich fühlte, Schaute, griff, umfaßte, — hierher trug ichs, Hier versenkt ichs in die heiVge Erde Meiner Kraft, die mir befahl, zu bilden, Was ich lebte. — Keiner, der die Blumen Dieses Gartens ansieht, mag es ahnen, Wieviel höchste Wonnen ich empfunden, Als zum erstenmal ich sie entfaltet Vor mir sah. Und wenn er drüber lächelt, — Lächl ich mit. Die jungen Mütter werden Anders lächeln. Junge Mütter wissen Um die höchsten Wonnen. Außer ihnen Wissens nur die jungen Dichter. — Lächelt, Liebe Brüder, lächelt, Schwestern-JungfraunI Euch, ihr Holden, wünsch ich allen jenen Wonnereichsten Anblick. — Ach, noch immer Dreht um euch sich meines Lebens Spindel. Darum weiß ich meinem Garten liebre Gäste nicht, als euch, geliebte Schwestern, Wenn den bunten Blumen meiner Beete Nur die grauen Mägde jener Vettel Ferne bleiben, deren dürre Hände Über alles Leben schwarze Laken Zänkisch breiten. — Liebe Schwestern,wißt ihr, Wie sie heißt, die alte, böse Vettel? Sitte nennt sie sich und Tugend, aber Lüge ist ihr eigentlicher Name, Kranke Scham, des Lebens größte Feindin. Scham ist Zierde. Keine holdre Farbe Weiß ich, als das schamhafte Erröten Einer Reinen, die das Süß-Geheime Heilig hält; es ist ein vornehm Zeichen Guter, wohlgeschaffner Art und adlig; 3 Aber niederträchtig und gemeiner Seelen Schmachmal ist das scheue Blickeirren; Schlechte Säfte kündet es und Triebe, Die im Keim schon faul sind. Möge keine Mit dem Moderatem dieser Krankheit Meine Blumenbeete mir verpesten! Mögen sie am Zaune stehn und schmähen, Während ihr den Atem eurer Frische Mit den Düften meiner Blumen lieblich Mischt und lachend über meine Wiesen Wandelt, oh ihr reizendsten der Blumen. Was ist tröstlicher, als euer Lachen? Was ist fröhlicher, als euer Schreiten? Was ist inniger, als euer Lächeln? Oh, ich werde hinter meinen Bäumen Stehn und euch belauschen, liebe Schwestern, Und ich will nicht für der klagen, daß ich Einsam bin, wenn ich euch lachen höre. Werd ich aber eine sehen, die sich Hellen Augs mit innig frohen Mienen Über meine Blumen beugt und lächelt, Oh, dann werden alle meine Wunden Lind sich schließen, und ich werde heiter Meiner Jugend wilden Garten preisen, Weil die schönste Blume in ihm aufging: Inniges Verstehen und Genießen. $£%m EINGANG FROHLINGSZURUF Nun sich die Knospen aus denZweigen drängen. Blühende Kräfte morsche Bande sprengen, Wohin du siehst, wacht alles fröhlich auf — ; Nun sei in deiner Seele rein und heiter, Erzengel rechts und links dir als Begleiter, Nimm in den Morgen fröhlich deinen Lauf.1 Die Schwingen streifen dich an beiden Seiten, Um dich der Engel Atem im Geleiten, Wie muß dein Schritt jetzt frei und kräftig sein ! Schreit aus und glaube : Dir erklang das Werde! Schick deine Blicke aus: Die ganze Erde Blüht dir ans Herz : Was schön ist, das ist dein ! Denn der ist König über alle Dinge, Und den berührt der Engel goldene Schwinge, Der seine Blicke so aussenden kann, Daß sie wie Adler Beute heimwärts tragen, Und dem die Morgenstunden leuchtend sagen: Du Mensch mit hellen Augen, nimm uns an! FROH UND FROMM Blauer Himmel und weiße Blüten, Ein göttliches Begüten 5 Liegt über aller Welt; Es ist ein himmlisch Hüten, Das uns in Armen hält. Weiß nicht, wohin michs leite, Weiß nicht, wohin ich schreite, Mein Herz ist wohl bestellt: Ich wandre in die Weite, Wohin es Gott gefällt. Der hat mit tausend Blüten Mir meinen Weg erhellt. STILLER GANG Stille geh ich meinen Gang Wiesen, Wälder, Felder lang. Was ich höre, was ich sehe, Daß mir nichts vorüber wehe, Fasse ichs in Verse ein, Und die ganze Welt wird mein. Sind wohl unscheinbare Dinge; Mancher achtet sie geringe, Und ein Nabob wird man nicht, Fängt man solche Schmetterlinge. Aber manches wird Gedicht. Ist nicht mehr, als Blumen pflücken, Luide sich ins Grüne bücken, Ist nicht mehr, als wie ein Lauschen, Grüße mit den Vögeln tauschen, Ist nichts, als bescheiden sein Mit der Schönheit, mit dem Schein. Und ist dennoch tiefe Labe, Dauernde und reiche Habe: Wer die Schönheit sich erfaßt, Schenkt der Welt den Rest mit Lachen, All die plumpen Siebensachen, Hat die Götter selbst zu Gast. DJS LIED VON FERNE Ich seh die Welt Als wie ein Feld, Das hoch im Halme steht. Die Sichel singt, Von Ferne klingt Ein Lied wie her geweht. Nun wird es leer, Und rund umher Garbe an Garbe steht. Und immer doch, Und immer noch Ein Lied wie hergeweht. Nun Herbst und kalt, Und Winter bald, Und alles überschneet, Und doch, und doch, Und immer noch Ein Lied wie hergeweht. O reiches Feld, O reiche Welt, Durch die mein Leben geht. Als wie ein Hauch. Mein Leben auch Ein Lied wie hergeweht. FÜHLE NUR Einsam bist du? Sieb, die vielen Sterne Stehn, ein Weltenkranz, ob deinem Häufte, Und die Lindenbäume, Kronenträger, Schicken ihre Düfte dir ins Zimmer. Fühle nur! Saug ein und gib dich wieder! Schmähe niemand, schmäh auch dich nicht selber! Denk: du darfst auf dieser reichen Erde Durch den sonnenvollen Weltraum fliegen, Und dein Herz, gehört auch zu den Sternen, Die ein bißchen Licht und Wärme strahlen. 8 VON ROSEN UND WEISEN MÄNNERN Leute gibts, mit langen grauen Barten, Dicke Brillen auf den breiten Nasen; Feierlich, mit ungemeiner Würde, Klagen sie, die Erde sei vom Übel. Glaube nicht sotanen Klagemännern! Allerdings, nicht immer blühen Rosen, Und zuweilen stechen dich die Dornen. Aber, und dies Aber sei gepriesen, Wo ein Dorn dich sticht, da darfst du hoffen: Bald schwebt eine Rose hier im Winde. Eine Rose, hundert, tausend Rosen, Und die harten Dornen sind vergessen; Kleine Mädchen tanzen um die Büsche, Ihre Seelen wissen nichts von Dornen. Dumm sind diese lieben kleinen Mädchen, Und du Griesebart bist viel gescheiter; Tief muß meinen Hut ich vor dir ziehen, Denn du bist in Dornen sehr beschlagen. Aber wenn im Wind die Rosen schweben Und im Tanz, die lieben kleinen Mädchen, Dann, mein sehr gescheiter Mann im Barte, Drücke dich, geh, mach dich in die Büsche. Denn, verzeihe: Wenn die Rosen blühen Und die lieben kleinen Mädchen tanzen, Ist die Domenweisheit überflüssig. Wenigstens für uns. Du selber kannst ja Eine Dissertation im Busche Oder meinetwegen zweie schreiben. GUTER RAT Mach dich von Sehnsucht frei und leb im Licht! Haus nicht im Träumerschloß mit Spie gel- wänden I Du glaubst, das ist die Welt, was sie dir blenden, — Ach nein, die Welt, mein Junge, ist das nicht. Es ist ein tückisches Spiel des schiefen Schliffs Und oft wohl gar Betrug, was sie dir zeigen. Hinaus! Schlag sie entzwei, aufs Pferd zu steigen Beherzten Sprungs und festen Tjügelgriffs! Hussa Galopp! Und mitten in die Welt! Sei nur Sankt Jörg, und du findst Ungeheuer Und schreitst durch Teufelsflut und Drachen- feuer Z« einem schönen Kind, das dir gefällt Und dir zum Lohn für deine Abenteuer 9 Die holdste Frucht aus Gottes großer Scheuer, Den vollen Mund zum Kuß entgegenhält. GENUG Ein Ritter ritt durch reifes Korn, Den Zügel laß und ohne Sporn; Es fraß der breite Gaul im Schritt, Nahm manche gelbe Ähre mit. Der Sommersonne heller Strahl Lag funkelnd auf dem schwarzen Stahl Des Rüstkleids, das der Ritter trug; Im Schild stand ihm ein Wort: Genug Es lag die Lanze vor ihm quer, Darauf die Eisenrechte schwer. Als er an eine Quelle kam, Den Helm er sich vom Häufte nahm, Kniete nieder in den Kieselsand, Schöpfte Wasser mit der Eisenhand. Und ließ es wieder fließen dann; Liebreich sah er das Fließen an: Mein Herz war heiß im Kampfgetos, Mich ließ die Liebe nimmer los; Nun reite ich nach Haus im Schritt Und bringe bloß ein Lächeln mit: Genug. 10 PARKWIESE GRIESGRAMS BEKEHRUNG Eine Szene um Ostern Der Griesgram (auf einer Parkwiese feierlich skandierend, indem er auf- und absteigt, wie der Storch im Salat): Schauderhaft! Seit ein -paar Jahren Spüre ichs an meinen Haaren, Daß ich längst kein Jüngling mehr. Lichter wirds in meinem Schöpfe, Kühler wirds in meinem Kopfe, Weise werd'' ich viel zu sehr. Daß das Glauben ich verlernte, Das ist eine böse Ernte Meines Weisheitsrübenbaus ; Ach, und auch die Illusionen, Die im höchsten Stockwerk wohnen, Rücken nacheinander aus. Auch im Prunk- und Ehrensaale Der erlauchten Ideale Fehlt schon mancher werte Gast. Freiheit, Freiheit, die ich meine, Sag mir doch, wohin du deine Schwingen weggesteuert hast. TT Selbst die vielbeliebte Liebe Sagte kürzlich mir, sie bliebe Jetzt nur noch auf Kündigung. Bloß Frau Pflicht, der alten Dame, (Hochgepriesen sei ihr Name! ) Scheine ich noch jung genung. Jeden Tag schwört sie aufs neue Ihre unwillkommne Treue Mit gesetzten Worten mir ; Und sie schleppt zum Standesamt mich, Denn der Teufel hat verdammt mich, Weh, zum Ehegatten ihr. Nein! Das will mir nicht gefallen! Zu entrinnen ihren Krallen Häng ich mich an diesen Strick, Einmal will ich doch noch schweben: Lebe wohl, verlebtes Leben! Du ja du brachst mirs Genick. * * * (Er zieht einen festen Strick aus der Tasche und sucht sich einen soliden Ast aus. Da er keinen findet, der seiner Korpulenz ge- wachsen wäre, steckt er den Strick wieder in die Tasche und zieht eine Leberwurst hervor, die zu seiner Leiblichkeit im besten Verhältnisse steht. Desgleichen fördert er ein umfangreiches Stück Kommißbrot und eine Flasche Burgunder zutage. Dies getan, breitet er, sich ja nicht zu erkälten, seinen Mantel auf die Erde und läßt sich zwischen Krokus, Tulpen und Narzissen nieder, die den dicken und traurigen Mann erstaunt ansehen. Indessen würdigt er sie keines Blickes, weil ihn seine Viktualien beschäftigen. Erst wie er alles in sich versenkt hat, be- 12 merkt er sie und redet sie höflich an, wie folgt:) Ei sieh da! Krokus, Narzissen, Tulpen, weiß und rot gefleckt; Ja, die Erde ist ein Kissen, Wunderschön bestickt, besteckt, Wie schon längst die Dichter wissen, Die der Erde Reiz entdeckt Und mit ihres Geistes Gaben Adäquat besungen haben. (Er wälzt sich etwas auf die Seite und langt nach einer Tulpe, sie zu pflücken.) Die Tulpe (biegt sich beleidigt zurück und faucht ihn an wie eine Katze): Willst du mich wohl stehen lassen! Ich bin für die Frohen da, Du mit deinen Gramsgrimassen Riech an Asa fcetida! (Er langt nach einer Narzisse.) Die Narzisse (schüttelt sich und zischt empört): Such dir einen Schwammerling, Höchst absurder Jämmerling! Von uns Narzissen Wirst du gebissen. Denn unsre Herzens-Schönheitskrone Wird nur dem lachenden Sinne zum Lohne. (Jetzt möchte er sich eine gelbe Krokusblüte holen.) Die Krokusblüte (plustert sich auf und bläst ihn an): Du irrst dich wohl in der Adresse, Für dich wächst höchstens Brunnenkresse, Um deine böse Gall und Nieren, 13 Wenn es noch möglich ist, zu kurieren. Für deinen Weltschmerzhokuspokus Gibts keinen Krokus. (Er macht ein Gesicht wie ein ausgepfiffener Dramatiker und denkt nach, wie er wohl am unauffälligsten verschwinden und nach Hause gelangen könnte.) Trio von Tulpe, Narzisse und Krokus: Geh in dich, o du Jammermann, Und rede nie mehr Schwefel! Wer weder leben noch sterben kann, Ist ein zweibeiniger Frevel. Die ihr, mit Herz und Hirn begabt, Augen, Ohren, Fühlen habt, Ihr wollt euch unterstehen Und unsern Herrgott schmähen? Seht doch den Kerl an, wie er keift, Weil seine Blüte ausgereift! Sah je man was, das so verrucht? Er greint. Warum? Er wurde Frucht. Mächt immer und ewig Blüte sein! Hilf Himmel, welche Kindereien! Weil eine Glatze ihm erstrahlt Als Sonne der Vollendung, Die Welt er als ein Mausloch malt Mit immer neuer Wendung. Weil von ihm flog der Pollenstaub, Dieweil er reif zum Fluge, Schreit dieser Tölpel Raub, Raub, Raub Und orgelt eine Fuge Von nichts als Weh und Wut und Ärger Und mimt dann gar den Drückeberger. Ei so hänge dich doch auf! Aber mach es gründlich! Oder aber: rühr dich, lauf, Seis herunter, seis hinauf, Immer frisch entzündlich An des Lehens ewiger Glut. Nur wer fröhlich ist, ist gut; Jammern, das ist sündlich. Chor sämtlicher Blumen, Gräser, Bäume, Sträucher, Vögel und Insekten der ganzen Umgebung: Ei so hänge dich doch auf! Aber mach es gründlich! Oder aber: rühr dich, lauf, Seis hinunter, seis hinauf, Immer frisch entzündlich An des Lebens ewiger Glut. Nur wer fröhlich ist, ist gut; Jammern, das ist sündlich. Der Griesgram (nimmt seinen schönen festen Strick aus der lasche, wirft ihn zur Schlinge um einen Ast, befestigt seine Burgunderflasche daran, gibt ihr einen Stoß und freut sich, wie munter sie hin und her fliegt. Aber er freut sich auch, daß nicht er es ist, der von diesem Rhythmus bewegt wird. Er erinnert sich 'plötzlich, daß er einmal tanzen gelernt hat, und er exekutiert einen ausdrucksvollen Solo- walzer zwischen Tulpen, Krokus und Nar- zissen, wozu er, weil man das Beste doch nicht sagen kann, pfeift. Der Vorhang fällt — von seiner Seele). 15 BAUM UND BUSCH DIE VIER LEBENSALTER Es lag ein Kind unter einem Baum Und sah hinauf in den grünen Raum Und lächelte dazu. Sprach ich: Hör, du, Was tust du so? Sprach es; Ei, Mann, ich hin so froh, Weil da die Vöglein singen, Von Zweig zu Zweige springen. Ist das nicht lustig? Ach, könnt ich hinein In die grüne Welt; doch ich bin noch zu klein. Meine Arme umfassen den Stamm noch nicht; Sonst wollte ich bald oben sein Bei den Vögeln im grünen Licht. Es stand ein Jüngling unter einem Baum, Auf seiner Lippe der erste Flaum, In seinen Augen die erste Liebe. Er schnitt ein Herz in die Rinde ein, Das sollte Denkmal und Rahmen sein, Darein er ihren Namen schriebe. Und lächelte dazu. Sprach ich; Hör, du, Was tust du so? Sprach er: Mich macht die Liebe froh. Das wachsende Leben soll umschließen Den Namen, der mein Herz umschließt. 16 Des Lebens Säfte sollen ihn durchfließen Der wie ein Glücksschwall mich durchfließt. Dies soll ein Sinnbild meiner Liebe sein: Stark wie der Baum ist sie und also rein Wie seine Säfte, die in tausend Blüten In jedem Jahre neu sich offenbaren; Von jungen Jahren bis zu alten Jahren Will ich als Heiligtum sie selig hüten. Es lag ein Mann unter einem Baum, Verschränkte die Arme wie im Traum Unter dem Häufte und sah hinan, Wo viele Vögel sangen; Ruhig, ohne Verlangen sah in das Grüne der Mann Und lächelte dazu. Sprach ich: Hör, du, Was tust du so? Sprach er: Ich bin der Ruhe froh, Und daß ich mich von einem Schmerz ermannte. Den ich zuletzt doch als ein Glück erkannte. Ich war zu lang Im Überschwang, Vertaumelte mein Leben In eines Traumes Schweben Und wurde so des Lebens bar, Unfest, unklar, Bis mir der Schmerz beschieden war, Der mich zur Erde mächtig stieß Und mich den Sinn der Erde, Das ewige Sei und Werde Dankbar erkennen ließ. Ich weiß es nun: Bewegtes Ruhn Ist Glück und das Leben kein Traum. Und will icWs vergessen^ 17 Von Wünschen besessen, Betracht ich den stehenden, wachsenden Baum. Es lehnte ein Greis an einem Baum, Der leuchtete im Blütenschaum Wie ein köstlich Geschmeide ; Geschlossen die Augen beide, Sah nichts der Greis Von dem holden Gegleiß Und lächelte doch dazu. Sprach ich: Hör, du, Was tust du so? Sprach er: Ich bin der Dunkelheit froh, Die mich umgibt. Die blühende Helle hob ich einst geliebt, Nun täte sie mir weh, Da mir ein Licht ward innerlich; Das ist so milde: Ob ich im Dunkeln steh, Sonne nicht, Blüten nicht seh, Seh ich doch mich Klarer als je Und immer auf Gottes Gefilde. Es ist eine Nacht, wo die Wurzeln sind, Eine Nacht, von Keimen umgeben, Da wird zum tiefer sehenden Kind Der blinde Greis; denn das Leben ist blind, Und der Tod ist das sehende Leben. GEBET ZWISCHEN BLÜHENDEN KASTANIEN Frühling, o du süßer Junge! Deine Beine sind so zärtlich Schlank und deine schmalen Lippen Feucht. 18 Wie du schreitest! Wie die Locken fliegen Und das blaue Band im blonden Haare! Wie es duftet, wo dein Mantel wehte! Frühling, süßer, saftgebenedeiter Siegerknabe mit den Mädchenbrüsten, Hauch mich an mit deinem Blumenatem, Der ich dich jetzt tiefer kenn und liebe, Deiner Brünste voller bin als ehmals. Neig dich mir, o süßer Knabe, süßres Mädchen! Ich vergehe sonst vor Sehnsucht, Dich zu fühlen. AN DIE TRAUERWEIDE Trauerweide, erster Baum, Der die grünen Wimpel schwingt, Dem zuerst die Lebenslust Frisch aus Ast und Zweige dringt, - Warum nennen sie dich so, Den die Blätterfülle biegt, Der zuerst im Frühlingswind Sich im Frühlingstanze wiegt? Schlecht verstehen sie die Kraft, Die sich spielend nieder neigt, Mit der Hand die Erde kost, Mit dem Haupt den Himmel zeigt. DIE BIRKE I. Die junge Frühlingssonne Mit zarten Strahlenfädchen Flirrt um die Jungfer Birke Mattgoldenes Filigran. 19 Wie eine Braut im Schmucke, So schämig schön, jungfräulich, Steht zwischen schwarzen Tannen Die schlanke junge Birke. Könnt ich ein Bildchen malen Mit zartgehauchten Farben, Ich malte meine Birke In junger Frühlingssonne. Der Himmel sollte sie küssen, Der heiter, helle Himmel, Und eine weiße Wolke Schwömme über sie hin. Das Gras zu ihren Füßen, Halb hoch im Halm, durchflockt ich Mit zarten Rosakelchen Und blassen Margeriten. Die sollten still wie Kinder Aufblicken mit hellen Augen Zur holden Jungfer Birke In junger Frühlingssonne. II. Birke, wie warst du schön, Als du im grünen Kleid, Zierliche Jungfrau, standst Und dir der Frühlingswind Leise durchs zage Gezweig Strich, wie des Bräutigams Hand Zärtlich der Braut durch die schimmernden Locken streicht. 20 Birke, wie bist du schön. Die du im goldnen Kleid, Schöne Matrone, stehst. Ruhig in klarer Luft Hängt nun das fahle Gezweig, Wie die Arme der Frau Lässig herab im ermüdeten Schöße ruhn. DAS HERZ IN DER LINDE Mich hat das Leben ab gerauft, O weh, Drum hob ich einen Strick gekauft, 'Juchhe! Daran will ich mich hängen In diesen Laubengängen. Pfütigott, schöne Welt, ade. Die Linde hier, die soll es sein, Juchhe! Einst schnitt ich ihr ein Herze ein, O weh! Ein Herz und einen Namen; Lebt wohl, ihr holden Damen; Pfütigott, schöne Welt, ade. Die Lindenblüten duften süß, O weh! Sie lachte, als sie mich verließ, Juchhe! Mein Herz in dieser Rinden Ist nicht mehr aufzufinden. Pfütigott, schöne Welt, ade. 21 Vernarbt mein Herz in deinem Bast, O weh! Nun nimm mich auf als deinen Gast Juchhe! Es ist der Liehe Flamme Begraben in dem Stamme. Pfütigott, schöne Welt, ade. VORFRÜHLING Sieh da: Die Weide schon im Silberpelz, Die Birken glänzen, ob auch ohne Laub, In einem Lichte, das wie Frühling ist. Der graue Himmel zeigt türkis enblau Ganz schmale Streifen, und ich weiß, das ist Des jungen Jahres erster Farbenklang, Die ferne Flöte der Beruhigung: Die Liebe hat die Flügel schon gespannt, Sie naht gelassenen Flügels himmelher, Bald wird die Erde bräutlich heiter sein. Nun Herz, sei wach und halte dich bereit Dem holden Gaste, der mit Blumen kommt Und Liebe atmet, wie die Blume Duft. Sei wach und glaube: Liebe kommt zu dir, Wenn du nur recht ergeben und getrost Dich auftust wie ein Frühlingsblumenkelch. HINTER EINER GRÜNEN WEIDE Heute sah ich, heute, o Hinter einer grünen Weide 22 Zwei sich küssen; diese beide Schienen mir des Lebens froh. Ei, wie reizend war sie, und, O, wie eifrig bei der Sache/ Manche geben flaue, flache Küsse; — ihre waren rund. Rund und voll, und, wie mir schien, Wußte er sowas zu schätzen, Und so war es ein Ergötzen Wie für sie, so auch für ihn. Selbst der grünen Weide rann Ein Entzücken durch die Zweige, Und sie sah sich mit Geneige Das Geschnäbel freundlich an. FLIEDER Stille, träumende Frühlingsnacht . . . Die Sterne am Himmel blinzelten mild, Breit stand der Mond wie ein silberner Schild, In den Zweigen rauschte es sacht. Arm in Arm und wie in Iräumen Unter duftenden Blütenbäumen Gingen wir durch die Frühlingsnacht. Der Flieder duftet berauschend weich; Ich küsse den Mund dir liebeheiß, Dicht überhäuften uns blau und weiß Schimmern die Blüten reich. Blüten brachst du uns zum Strauße, Langsam gingen wir nach Hause, Der Flieder duftete liebeweich . . . 23 DAS GRÜNE WUNDER Mein Birkenhain stand weiß und kahl. Die dünnen Stämmchen fror, Da kam April und zauberte Das Leben grün hervor. Mit einem Schleier angetan Steht nun mein Birkenhain; Das grüne Wunder ist geschehn, Nun laßt uns gläubig sein. Nun laßt uns glauben wiederum, Daß Leben Schönheit heißt: Mein Birkicht ist ein Zauberwald, In dem das Wunder kreißt. DAS WUNDER AM BAUME Ein Wunder sich begeben hat: Aus schwarzem Holz ist grün ein Blatt Vergangne Nacht gedrungen. Ein Vogel dann vom schwarzen Stamm Zum grünen Zweig gottlobesam Das Wunder hat besungen. FARBEN Auf dem Moose mein Kopf, In den Himmel mein Blick, In die Himmelsbläue durch Blättergrün, In die klare, stille, unendliche Welt Der leuchtenden Luft. 24 Wie im Märchen, gebannt Zu schweigendem Schlaf, Starr stehen die Bäume. Kein Wipfel rauscht, Es schaukelt kein Blatt, Kein Vogel hüpft Von Zweig zu Zweig, Von keinem Zweige Klingt Vogelgesang. Dem schönheitsoffenen Auge allein Gehört diese stumme, lebendige Welt. Des Himmels Blau, Der Blätter Grün, Der Stämme und Aste Schwarz-Grau-Braun: Sie leuchten ein Lied in den lauschenden Blick, Wohl lautlos, still, doch voll Harmonie Und lebenden Glückes voll, das fest Im Herzen haftet, wie ein Gesang, Der leise später aus Herzensgrund Erinnerungsmelodien herauf In flatterndem Schwellen erklingen läßt. Du sinnst und fragst: Wo kamen sie her? Wo klangen sie einst sich Ins Herz mir ein? Und lauschst dem Lied aus der eigenen Brust, Und tauchst hinab in des Glückes Tiefen, Aus denen geh eimnis dämmerweich Der süßen Töne Erinnerung quillt . . . Wo klang so voll und zart in Eins Das Himmelsblau, Das Blättergrün, Von wechselndem Grau dumpf untertönt? Die stumme, leuchtende Melodie Drängt tief ins Herz: 25 Ich fühle, einst Klingt sie herauf In farbenleerer, dunkler Zeit. Mein Auge, trinke, trinke die tönende, leuch- tende Flut, Sauge, sauge sie ein, o Herz, Waflne, rüste mit Schönheit dich Gegen die Finsternis! SONNENBLICKE Leises Blätterrauschen rings, Traumhaft, wie im Märchenwalde . . . Vogelsingen von den Zweigen, Schmelzend bald in langgezogenen, Schluchzenden Tönen, bald in lautem, Hoch auf schmetterndem Jubelruf. — Leise der Wind. Es schwanken die Düfte Ferner Blumen im bebenden Winde. Schweigend kreisen Blüten und Blätter Langsam nieder — frühgewelkte ; Milde blickt mit tausend blauen Augen durchs Geäst der Himmel . . . Blaue, milde, schöne Augen, Feucht erglänzend in fraulicher Güte, Haben mir tief in die Seele geleuchtet — Sonnenblicke, Sonnenblicke . . . Trüb und dumpf, von Qual und Zweifel Aufgestachelt und niedergedrückt, Schwankte mein Herz in öder Leere. Sehnsucht, Sehnsucht breitete aus, Schloß und breitete wiederum Ihre dürren Arme aus . . . 26 Träume, nur Träume kamen und schauerten Holde Bilder in meine Seele, Schönheitsvolle glückselige Bilder, Buntgestaltige, schön in Liebe, — Aber mit rauhem Griffe zerriß Grausam kalt der unerbittliche, Grelle Tag die märchenschimmernden, Und mein tränenloses Auge Sah in die Welt werktägig klar. Aber drinnen, im leeren Innern, Schlief in leerer Nacht die Seele Kalt und schweigend, Einsam, Dumpf. Milde glanzvoll, feucht erschimmernd, Sonnenstrahlenklar und wärmend Drang in dieses stumme Dunkel Zweier Augen seliges Licht. Helle wards. Und heiter weitete Sich das Herz im freundlichen Schimmer Dieser Menschen-Sonnenblicke, Und es keimte, schwellte, wuchs, Drangvoll, frühlings gläubig, selig In dem milden, warmen Lichte Hoch empor die Blüte der Liebe. 27 STATUEN DER PFINGSTJUNKER Den Maien führ ich an meiner Handy Den Degen an der Seiten, Pfingstjunker bin ich zubenannt Und will in das gelobte Land Auf einem Schimmel reiten. Auf einem Schimmel blührieselweiß Mit seidenen Schabracken. Der Mai ihn wohl zu führen weiß Mit einem Apfelblütenreis Stolz trägt er seinen Nacken. Doch nicht allein ich reiten mag. Mag nicht alleine reiten, Mich soll durch Tag und Nacht und Tag, Mich soll durch Feld und Wald und Hag Ein Mädel jung begleiten. Ein Mädel jung, das soll mit mir Auf meinem Schimmel schacken. Hui du, du helle Maienzier / 28 Durchs Grüne galoppieren wir, Der Wind bläht die Schabracken. Nun gehe, Mai, und klopfe an, Wo liebe Mädel hausen, Und sag, ich bin ein rischer Mann, Der seinen Schimmel reiten kann Und im Galoppe sausen. Führ her zu mir an deiner Hand, Die lieb mich will begleiten. Der Schimmel scharrt schon in dem Sand, Ich muß in das gelobte Land Mit einer Holden reiten. SANKT JÖRG Ich bin Sankt Jörg, Steh auf dem Berg, Steh auf der Wache. Schlug ich auch tot Den Wurm der Not: Der alte Drache Ließ junge Brut, Die nimmer ruht; Sie schleicht im Tale. Ich bin bereit Und führ den Streit Zum andern Male. DER FLÖTENDE FAUN In Stahl gehüllt, Auf weißem Roß, Reitet ein Ritter Durch dämmernden Wald. 2Q Von der verscheidenden Sonne läuft Goldig mattes Abschiedsleuchten Zärtlich Durch die ruhenden Blätter. Sinnenversunken Reitet der Ritter. Klingende Klage, Fragende Freude Tönt ihm im Herzen: Träume tragen Auf Flötenwellen Weit hinüber ins Land der Sehnsucht, Weit ins Land der Erinnerung tragen Träume den Ritter. Sieh: da wird aus dem Traume des Ritters Sieh: da wird aus der sinkenden Sonne, Sieh: da wird aus dem Schatten der Bäume Ein Faun. Horch: er bläst. Seinen ruhenden Hirschen Bläst auf seinem schilfenen Rohre Zärtlich süß der Traumgewordene Leise Lieder. Ach, das Menschenherz, klagt, Ach, die Sonne verglüht, Ach, die Nacht wirft aus ihr schwarzes Netz. Weh, was raschelt im Laub, Weh, was schauert durchs Moos, Weh, die Nacht umschlingt ein Menschenherz. Ruhig reitet Der träumende Ritter Klangbenommen in schwarze Nacht. 30 MICHEL MIT DER LANZE Michel mit der Lanze Reitet durch den lichten Hain. Michel, was träumst du? „Freitraud im Rosenkranze Tanzt ganz allein. Freitraud hat goldene Haare So, so, so fein. Freitraud hat Augen klare, Wie Sonnenschein; Ich möchte Freitraud küssen, Und 'j kann nicht sein." Michel mit der Lanze Reitet durch den dunkeln Tann. Michel was träumst du? „Kann ich nicht sein heim Tanze, Was tu ich dann? Ich such mir einen Drachen, Den geh ich an. Will ihm den Garaus machen, Recht als ein Mann. Will zeigen, daß ich fechten Und siegen kann." LIEBE UND TOD Zwischen Rosenranken steht der kleine Gott, Nackt im Fleische seiner süßen Lust Vor dem Haus, dem er sein Glück beschert. Kommt die Todesgöttin, grünlich weiß Üb er schieiert, lakeneingehüllt, Hebt den Arm zum Tor und will hinein. 31 „Ach, in meine Rosen schreite nicht/" Wehrt der Gott, „ich rankte sie ums Haus, Denn es heimt jungheiße Liebe drin." Doch die Göttin mit gesenktem Haupt Hebt den starken Arm . . . Die Türe kreischt, Und die Rosen, eben aufgeblüht, Fallen ab vom Stamm. Die Stille klagt. In die nackten Rosenranken weint der Gott. FAUNSMONOLOG Bin ein alter Faun mit langem, weißem Bocks- bart, Lobe Pan und blase meine grüne Bündelflöte, Die so süß singt wie der Maienwind im Schilfe. Sah schon viele, viele hohe Säulen fallen, Schöne, schlanke Säulen, buntbekapitälte, Zwischen denen Wein und rote Rosen rankten. Unter Weingerank und roten Schlingerosen Liegen nun die glatten, weißen Steinbaum- stämme; Menschenhand erhob sie, Menschenhand zer- schlug sie. Sinne nach, ich alter Faun im braunen Wasser, Sinne nach, wozu dies wirre Metischgewimmel Immerfort beklebt, befleckt die bunte Erde, Immerfort bewegt mit Armen, Beinen, Mäulern Ewig baut und bildet, schreit und zankt, — und wütig Niederreißt Gebautes und Geschaffenes. Besser Dünkt es mir, die leise Flöte blasen, träumen, Aus dem grünen Gras zum blauen Himmel blicken. 32 Aber keine Ruhe mehr auf dieser Erde, V her -überallhin dringt ihr wüstes Schrein. Wäre nicht die laute Menschenarbeitsherde, War es wonnevoll , ein alter Faun zu sein. RA BEN FLUG Mattheller Wintertag. Wie goldene Bronze Liegt auf dem Schnee der Sonne schwacher Schein. Das Leben schläft in träumender Agonie. War Frühling einst? In dieser grauen Luft Hat farbiges Falterschwingenspiel geweht Und Blumendüften? Wo das kalte Weiß Starr liegt und eben, wogte Maiengrün, Von buntem Blumensternenschmelz durch- flockt? Wie ist es still geworden, todesahnungsstill . . Der Park ist offen. Niemand trat durchs Tor. So einsam ists, als wärs die Toteninsel. Die Marmorgötter auf den hohen Sockeln, Von Schnee behaubt, stehn da wie Gräbermale ; Die Tannallee, schnurgrad hinausgezogen Vom weißen Schloß bis an die Mauertürme, Ist eine schwarze, steife Leichengarde, In Reih und Glied zum Trauern kommandiert. Von jedem Schritte knistert, wie in Schmerz, der Schnee, Mein Hauch dampft aus in grauen Nebel- wölkchen; Bin ich allein das Leben in dem Tod? Mein warmes Herz, du nimmer müder Quell Voll roten, heißen Lebensweines, ströme Die Purpurwogen voller Liebe aus, 33 Gieß aus durch meinen Leib die Flut der Liebe, Denn leben will ich, heiß in Liebe leben! Wo ist die Bank, da die Syringentrauben Geschämig blau aus dunklem Laube winkten? Im hellen Lindgezweig, das drüber dachte, Barg sich ein Finkenpaar im kleinen Nest, Ein Marmorfaun auf rotem Porphyrsitze Ließ sich die Liebe einer kleinen Nymphe, Die eng sich schmiegte seinem feisten Leib, Mit Grinsen wohltun . . . Suchend geh ich schneller Und finde meine Laube. — Armer Faun! Die kalte Flockenmütze sitzt ihm schief, Sein armes Nymphchen ist ihm schier verdeckt, Ihr Schmiegen sieht mir gar nicht mehr wie Liebe, Ach sieht nur noch wie bittres Frieren aus. Das Finkenpaar? Ein alter Rabe sitzt Im krummen Knorrgeäst der kahlen Linde Und preßt die Flügel an den kalten Balg. Du schwarzer Leichenbitter, kannst du sagen, Wo jetzt die Liebe weilt? Er hebt die Flügel, Und krächzend, schwanken Fluges, fliegt er fort Und fliegt zur Stadt. — Schnell bin ich nachgegangen Der Richtung seines Flugs. Und sollt mans glauben? Ich fand auf dieses alten Raben Weg Ein kleines Haus, darin die Liebe wohnt. DER SCHWARZE RITTER Im Tale unten die blaue Tiefe, Grau am Himmel jagende Wolken; 34 Langsam reitet, Die Lanze im Arm, Auf braunem Rosse ein schwarzer Ritter; Rote Ebereschentrauben Leuchten aus dunklem Grün heraus Wie offene Wunden . . . CHRISTOPH, RUPRECHT, NIKOLAUS Ich kenn drei gute, deutsche Geselln Mit großen Händen und Beinen schnelln; Mit dicken Säcken auf breitem Buckel Stampfen sie eilig durchs Land mit Gehuckel; Haben Eis im Bart Und grimmige Art, Aber Augen gar milde; Führn Äpfel und Nüsse und Kuchen im Schilde Und schleppen und schleppen im Huckepack Himmeltausendschöne Sachen im Sack. All drei sind früher Heiden gewesen. Der erst heißt Christoph: Auserlesen Hat er in einer eisgrimmigen Nacht Das Christkindel übers Wildwasser gebracht. Ruprecht der zweite ist genannt: Der fuhr vor eins ten übers Land Tief nachten in Gespenstergraus Als Heidengott. Den Nikolaus, Als wie der dritte ist geheißen, Tat man als einen Bischof preisen. Das ist nun all Legend und Mär. Ich übernehme nicht Gewähr, 35 Daß just genau es so gewesen. Habs nicht gesehn, habs nur gelesen. Auf Schildereien jedermann Die dreie freilich sehen kann. Da ist der Rufrecht dick beschneet Und derb gestiefelt für der geht. Drei Äpfel trägt der Nikolaus, Sieht väterlich und ernsthaft aus. Und Christophor im langen Bart Ist heidenmäßig dick behaart, Hat einen roten Mantel an Und ist ansonst ein nackter Mann. Die dreie nun, daß ihr es wißt, Verehre ich als Mensch und Christ. Sie sind so lieb und ungeschlacht Und ganz aus deutschem Mark gemacht. Mildherzig rauh, kratzhaarig lind, Des deutschen Gottes Ingesind. Die guten Knechte, reichen Herrn! Sie dienen gern und schenken gern, Wolln keinen Dank, wolln keinen Lohn, Sind in sich selbst bedanklohnt schon. Grüß Gott ihr dreie miteinand Im lieben weiten deutschen Land! Christoph, Ruprecht, Nikolaus! Schüttet eure Säcke aus, Schüttet sie mit Lachen, Blickt mit hellen Augen drein Und laßt wohl gesegnet sein Eure Siebensachen. 36 GOTT ZEIGT ADAM DAS PARADIES Führt der gütestille Herr der Welten, Ewig jung in seinem blonden Barte, Vor das Blüheland der jungen Erde Adam hin, den nackten braunen Knaben. Zeigt ihm all die moosblühbunten Steine, All die schönen Vögel, stillen Tiere, All die weiten saftiggrünen Wiesen, Berg und Tal und Busch und Baum und Wasser. Alles liegt in frischer, keuscher Reine Unterm silbergrauen hohen Himmel. Und er spricht mit leisen Deuteworten, Wie der Vater spricht zum kleinen Kinde, Und er legt den Vaterarm um Adam. Angstlich vor dem Reichtum steht der Knabe, Halbgebeugt vor dieser schönen Erde. Hielt ihn nicht der Gottesarm, der linde, Sank er nieder auf den Schoß der Keime. Ahnung senkte ihm ins Herz der Vater. FA UNSFL 0 TENLIED Ich glaube an den großen Pan, Den heiter heiligen Werdegeist; Sein Herzschlag ist der Weltentakt, In dem die Sonnenfülle kreist. 37 Es wird und stirbt und stirbt und wird; Kein Ende und kein Anbeginn. Sing, Flöte, dein Gebet der Lust! Das ist des Lebens heiliger Sinn. INNOCENTIA Der klare Blick gradaus, weit in Welt, Und eine Welt in diesem klaren Blicke: Da ruht die Liebe und der Schmerz im Traum, Und Schönheit schlägt die Wogen drüber her Wie Frühlingswind. Der schlanke Lilienstengel In weißer Hand ragt unbewegt und heilig. Die Augen schloß ich, und dasselbe Bild Sah meine Seele, ganz denselben Blick, So voller Reinheit, Schöne und voll Liebe, Doch statt des Lilienstengels ruht im Arm Ein schlafendes Bambino. Mutterunschuld. ! Die Welt schien mir an diesem Tage schön. PULCHRA UT SOL, CLARA UT LUX In einer Kirche sah ich goldne Statuen Von Engeln, die auf ihrer Schultern Macht und Pracht Das Chorgezvölbe trugen. Wie aus Griechen- land, Mit klarem Antlitz, rosenkranzgeschmückt, Goldlockig, edel standen sie und lächelten. 38 Vier Engel warens, und von goldnen Lettern schien Aus dämmerigem Dunkel leuchtend dieser Satz,: Pulchra ut sol, clara ut lux. Ich träumte oft Von diesen Engeln, und voll Andacht war mein Herz, Wenn ich die Augen schloß und mir das holde Bild In seiner strengen Schönheit hell aufsteigen ließ Und ganz, umfaßte. Aber niemals wagt ich es, An sie zu glauben, ja, ein großes Trauern war In meiner Seele, daß aus Gold nur oder Stein Der Künstler solche Schönheit selig bilden kann, Indes Natur sie ewig strenge uns versagt. Jetzt ist es anders. Heiter, aller Gnaden voll Geh ich umher und bin ein selig Wissender, Und, schließe ich die Augen, denk ich jetzt nicht mehr An jene goldnen Vier in Kirchendämmerung. DIE STRASSBURGER MÜNSTER- ENGELCHEN Gib dir weiter keine Mühe, mein Sohn, ohe, Die kleinen törichten Engelchen Am Münster Zu Straßburg Sind viel gescheiter, als du. Sie rennen nicht Und reden nicht Und sitzen auf keinen Stühlen nicht 39 Und schreiben nicht Und dichten nicht Und wissen von Haß und Liebe nicht — .* Stehn bloß so da, aus Stein gehaun, Und tun den seligen Himmel anschaun Und loben Gott in guter Ruh Und machen ein lieb dumm Gesicht dazu Mit ihren süßen Schnäbeln; — o, Was sind die törichten Engelchen froh, Aus Steine, So kleine. Gib dir weiter keine Mühe, mein Sohn, ohe, Die kleinen törichten Engelchen Am Münster Zu Straßburg Sind viel gescheiter, als du. KNAPPE AUF SEIN SCHWERT GESTÜTZT Das ist mein schlankes, blankes, Mein gutes grades Schwert, Das halt ich lieb wie eine Braut Und über alles wert. Das soll mir dich gewinnen, Du Garten dieser Welt, In dem die rote Blume Glück Den Kelch mir offen hält. Das soll mir dich gewinnen, Die ganz im Glänze steht, Du Blanke, Schlanke, Schöne, der Mein Stolz entgegengeht. 40 GEBET DES GESCHIENTEN RITTERS IM FELDE Herr Gott im Himmel, hör mich an! Sitzend muß ich beten, weil ich nicht knieen kann. Und auch die Hände falten, Das kann ich nicht; Ich muß die Lanze halten "Lur Brust mir dicht. Nun höre, was ich bete, Lieber Gott und Herr: Zu Bette liegt die Grete, Der machs nit schwer; Sie will ein Kind mir bringen^ Mägdlein oder Sohn: Das laß du wohl gelingen, König auf deinem Thron! Sonst hab ich nichts zu beten, Ich muß im Felde stehn, — Nur das mit Greten Laß wohl geschehn. PANS FLUCHT Grün umbuscht und bunt umblüht, Mittagssonnenüber glüht, Inselheckensicher sitzt Pan und schnitzt. Schnitzt aus Fliederholze sich Eine Flöte meisterlich; Und er setzt sie an den Bart Fliederzart. 41 Zierlich, sacht, Und er lacht: Blas ich damit auf dem See In der Nacht, Wird den wackern Dichtern weh In der Nacht. Blas ich damit süß am Tage, Ach! Weck ich ihnen Dichterklage, Ach! Wehe, weh mir armem Pan, Was ich tu ist mißgetan, Denn, dieweil ich schlief, indessen Haben sie es ganz vergessen, Wie sichs lacht. Leise flötet er. Das klingt, Wie wenn zwischen frischem Moose, Über Kiesel, glatte große, Eine helle Quelle springt. Wie des blauen Flieders Duft Schwebt dies Tönen durch die Luft, Voll und lind. Und die Flöte hört ein Kind, Das im Busche Blumen brach. Und es geht dem Klange nach, Herzgeschwind. Dachte hier sich ganz allein, Und nun flötet einer, Wer mag dieser Flöter sein? So wie der kanns keiner, Keiner, den sie je gehört; Ach, sie ist ganz tonbetört, Und ihr Herz schlägt schnelle. 42 Sicher, gar ein schöner Mann Ist, der also flöten kann, Und ein junger Geselle. Und sie schürzt sich hoch den Rock, Folgt dem Klange immerzu, Busch durch über Stein und Stock; Nein doch, hu!: Der da flötet ist ein Bock! Himmel, ach, wie sieht der aus! Braune Haare, dick und kraus, Um und um; Und die Nase, und die Beine, Die sind krumm! Hat ein Wackelschwänzchen gar Und zwei Hörner, wunderbar! Aber Kleider keine. Und sie lacht und lacht und lacht Bis ihr Tränen rinnen. Pan ist aus dem Lied erwacht, Und er flieht von hinnen. Flieht in tiefste Einsamkeit, Menschensicher, menschenweit. SOMMERGLÜCKSMUSIK 0 Mond der Ernte des goldenen Korns! O Sichelrauschen durch reife Frucht! O Segensang des Sensenschwungs! Sonne spielt in schweren, satten Farben ein Strahlenlied der Macht, 43 Goldk orngarbenüberdach t Sitzt der große Pan im Schatten. Gelb ist des Liedes lief ton; breit Flutet es unter dem Klanggewelle ; Fanfaren in Rot; das Blau schalmeit; Ein lustiges Grün schwillt flötenhelle. Mit dem Haupt dem hörnerschweren, Nickt den Takt der große Pan: Langsam kommt die Zeit herant Da die Götter wiederkehren. O Mond der Ernte des goldenen Korns. t O Sichelrauschen durch reife Frucht/ O Segensang des Sensenschwungs/ 44 5^^*^^ VILLA GEMMA DIE SEHNSUCHT SINGT I. O du mein Stern und süßer Trost, Du Schein von ferne, tiefer Klang Aus Weiten, wo das Glück mir wohnt, — O Mädchen, das ich nie gesehn! 0 du mein Traum und mein Begehr, Du meine holde Zuversicht, Noch Name nicht und doch schon Glück, — O Mädchen, das ich nie gesehn/ O du mein Leben und mein Herz, Du meine Sonne in der Nacht Der allertiefsten Einsamkeit, — O Mädchen, das ich nie gesehn! IL Alte Lieder hört ich heute! Ave rosa sine spiris, — Deine Stimme hört ich, Mädchen, Die ich niemals noch gehört. Und ich hörte neue Lieder Hinter über jenen alten, Meine Stimme, deine Stimme, Die ich niemals noch gehört. 45 Rüste dich, mein Herz, und bebe Nicht so sehr: es wird geschehen, Daß ich ihre Nähe fühle, Und mein Auge wird sie sehen. Wird sie sein, wie ich sie träume? Wird mein Höfen jäh vergehen? Rüste dich, mein Herz, mit Stärke, Denn mein Auge wird sie sehen. KÜHLE Alles das ist nur ein Träumen, Und ich sollte nie erwachen: Das war schön. Denn der Tag hat kalte Farben, Und die Wahrheit geht in Wolle, Rauh und grau. Wirklichkeit, die alte Vettel, Zückt schon ihre Klapperschere Und sie grinst: Weg die bunten Seidenbänder, Weg die langen Ringellocken, Weg den Tand! Und ein kurzer Krampf im Herzen Und das alte böse Lachen: Siehst du wohl? KÄLTE Meine armen Veilchen sind erfroren, Liegen nun im Schnee vorm Fenster draußen, 46 Naß und duftlos. Meine holde Hoffnung Ist gestorben. Einsam weiter durch das leere Leben Mit erfrornen Herzen einsam weiter! Irgendwo in einem tiefen Walde Sink ich nieder. NACHT Mitternacht. In weißen Kutten graben Sich Trappisten ihre letzte Ruhestatt. „Ave rosa sine spiris" singen Ihre Herzen, aber ihre Lippen Singen nicht. „Sei gegrüßt, du rote dornenlose Rose, reinste aller Rosen, große Weltenrose, Jungfrau, sei gegrüßt! Dornen haben, ach, uns wundgestochen, Doch der Herzenswunde bittres Pochen Hat dein Duften selig übersüßt!11 Lassen Schwunges schaufeln sie die Erde, Bis sie Raum gewonnen ihren Leibern, Und sie legen sich zum Sterben nieder, Einmal noch die schmalen Lippen öffnend: „Sei gegrüßt!1' ERSTES BEBEN Im finstern Walde springt ein Reh Scheu auf . . . Ach, du mein holdes Kind, In meiner Seele ist ein schreckhaft Weh, Dem viele Jäger auf der Fährte sind. 47 Es war das Feld ganz still, Da hob sich auf ein Wind; Nun ist ein Wogelauf In seinen Halmen jäh, Die voller Beben sind. O welch ein Sturm steht mir im Herzen auf. HOFFNUNG Das will ich dir, mein Herz, gestehn, Ich freue mich der Welt nicht sehr Und würde gerne weiter gehn, Wenn nicht ein Trost von ferne war. Das ist so: Eine Wiese steht Ganz öde, gras- und blumenleer, Ganz arm und fahl, ganz abgemäht, Doch kommt ein Duften zu ihr her, Fern, fern, weit her. Es muß wohl wo Ein blumenvoller Garten sein. Die Augen schließ ich gläubig, — so Saug ich den Duft des Gartens ein, Des Gartens in der Ferne wo, Des Gartens, den ich niemals sah, Und mehr bin ich des Gartens froh, Als aller dieser Dinge da, Die nahe sind. O Garten du, Sanftrosiger der Zuversicht, In deinem Rauschen meine Ruh, In deiner Schattennacht mein Licht. 48 SCHERZO LAMENTOSO Heut, mein Fräulein, in der Morgenstunde, Als der Tag mit Amselschlag begunnte Und mit vielem, ach so vielem Sonnenschein, Fiel mir dies und das: Wie Ihre Augenbrauen Schön sind und wie hold sie anzuschauen, Und wie elend ich bin, fiel mir ein. Und mir war, als wenn mich etwas stieße, Und mir war, das beste war, ich ließe Mich vom Fenster fallen nieder auf den Stein Vor der Türe. — In der Morgenstunde, Als der Tag mit Amselschlag begunnte, Fielen Sie mir, Fräulein, und das ein. DER BEGOSSENE PUDEL Schön sind Sie, mein Fräulein, und ich könnte Stundenlang in Ihre Augen schauen, Drüber sich die schönsten Brauen bauen, Wenns das böse Schicksal mir vergönnte. Aber ach, aus Amors Gnaden bin ich Längst gefallen; seine holden Gaben Gönnt er jungen tanzbeflissenen Knaben, Und im Winkel Trübsalsverse spinn ich. Ihre schönen Augen wolln nicht sehen, Wie ich Armer mich um Sie verzehre, — Wenn ich jung noch und ein Schwätzer wäre, Würde wohl die Sache besser gehen. O, das ist betrüblich zu erfahren, Daß man nicht mehr wie in jungen Tagen 49 Bloß sein Sprüchlein frech braucht herzu- sagen — Weh, die Liebe rechnet nach den Jahren. Und so will ich denn zur Seite treten Und mich herzhaft auf die Lippen beißen. Klirre nicht, verworfnes altes Eisen! Höre auf zu lieben, lerne beten! VERZAGT Soll ich wieder schwärmen, ich, Der ich müd bin und verdrossen, Seh icksalslaugenüb er gössen, Traurig, trüb und jämmerlich? Soll ich? Nein, ich drücke mich. Meine Schwärmer sind verschossen, Und das Schicksal hats beschlossen: Keine Wonnen mehr für dich. Aber deine Augen, Kind, Sind bestimmt, das Glück zu schauen, Das im schönsten Bogen geht: Ruhe, Klarheit, Majestät, Davon deine Augenbrauen Aller schönstes Abbild sind. GETROST Nein, mein Herz, so sollst du dich nicht plagen, Sei getrost und sieh die Schöne an, SO Wie sie kinderfröhlich lachen kann, Und sie hat wohl auch ein Leid zu tragen. Doch sie ist zu stolz und stark zu klagen. Nur ein Blick verkündet dann und wann, Daß sie weiß, was Leid ist. Doch in Bann Läßt sie sich von Kümmernis nicht schlagen. Willst du, Herz, dich liebend zu ihr wenden, Sollst du heiter sein, wie sie es ist, Klar und lauter, stolz und stark. Erhebe Dich ins Reine zu der Reinen: lebe, Lebe auf, daß du ihr würdig bist, Und es wird die Zeit des Jammers enden. DAS LIED VOM BISSCHEN SONNENSCHEIN Es ist ein bißchen Sonnenschein, Auf meinen Weg gefallen, Da hört ich gleich des Glücks Schalmein Aus allen Himmeln hallen Und glaubte gleich, Das Himmelreich Das Himmelreich sei mein. Der Sonnenschein ist weggeglänzt, Er galt nicht meinem Wege, Ich habe mich zu früh bekränzt, Nun kreischt des Grames Säge: Der Winter naht, Der Potentat, Es hat sich ausgelenzt. 51 TROST IM WINKEL Laß es gehn, Herz, laß dich treiben, Alles hat hier seine Bahn, Wenig gilt hier: Mitgetan, Alles gilt: Im Strome bleiben. Ist es dir bestimmt zu wohnen, Wo die Schönheit Ruhe gibt, Wirst du, wie du bist, geliebt, — Liebe schenkt sich, ist kein Lohnen. Laß es gehn, Herz, laß dich treiben, Spare dir des Zweifels Qual, Und du findest doch einmal Einen Herd, beglückt zu bleiben. SEI GETROST Das ist die Sünde, die du fliehen sollst: Der Hader mit dem Schicksal. Sei getrost! Es führt dich gut, geht es auch dunklen Weg. Folg nur ergebnen Herzens, wie ein Kind, Das an der Mutter Hand im tiefen Wald Nach Hause strebt und innig sicher ist: Die Mutter, o die Mutter kennt den Weg. ADORATION Ich strecke meine Hände aus nach dir, Wie Beterhände sich zum Antlitz strecken Der gnadenreichen Mutter, die im Arm Das liebevolle ernste Kind umfängt. 52 So, o Madonna, möcht ich, daß mein Herz, Umfangen war von deinem Herzen; so, So, o Madonna, möcht ich, daß dein Blich Der heitere mich überstrahlte. Sieh, Madonna, sieh, wie ich voll Glaubens hin Versunken ganz in deine Güte, ganz, Ganz fromm und selig, wie ein armes Herz, Das schon gestorben war in Graus und Gram Und zur Madonna seine Zuflucht nahm Und stark in Liebe ward, neu lebend, frei, Daß es vor Glücke zuckt und bebt und bangt Und nichts mehr, nichts von dieser Welt verlangt, Als daß es stets im Glanz Mariens sei. DEVOTIONALE Schöne du, Erbarmerin, Weil mir deine Augen lachen: Nimm mein Lied in Gnaden hin, — Schöne du, Erbarmerin. Nimm mein Herz in deine Hand, Wieg mein Leid in Trost und Träume, Schöne, himmelhergesandt, Nimm mein Herz in deine Hand. Alles wird dann ruhig sein, Denn die Heimat ist gefunden, Kehrt mein Herz in deinem ein, Alles wird dann ruhig sein. 53 GLÜCK Ich bin so voll von Liebe, Wie die Traube ist voll von Süße, Mein Herz ist wie im Sommer Der volle Apfelbaum. Ich gehe stille Wege Mit ruhigem Gemüte, Der hohe blaue Himmel Ist mir kein leerer Raum. Ich bin mit allem Leben Verwurzelt und verwachsen, Die Sonne ist meine Mutter, Gott ist mein schönster Traum. ZUVERSICHT Dich zu lieben, das wird Ruhe sein, Hand in Hand, getrost und ohne Bangen; Kein Verzagen — : Glauben; kein Ver- langen — .• Frucht und Friede, Freiheit und Verein. Aber Lust wird in der Ruhe sein Sommerlust, ein Schauen und Genießen, Jene Lust der windbewegten Wiesen, Die voll Blumen sind und still gedeihn. DU, MEIN GLÜCK Meine Seele, eine Taube, Lang verflogen und verirrt, 54 Regt nun zwischen lauter Blüten Auf dem schönsten Frühlingsbaume Ihre Flügel leis vor Glück. Du mein Baum voll lauter Blüten! Du mein Glück! Du meine Ruh! Meiner Sehnsucht weiße Taube Regt die Flügel, regt die Flügel Dir im Schöße. Süße! Süße! Welch ein Wunder: Ich und du! DIE HAUPTSACHE Wir sind, wer weiß es von wem, auf die Welt, Wer weiß es woher, wozu gestellt; Es ist ein Gewirre. Der eine geht seinen Weg gradaus, Der andre findet nie nach Haus, Jeder geht einmal irre. Ich — weiß nicht viel Von End und Ziel, Geh meine Straße wie im Spiel Und denke frei: Was es auch sei, — Ich bin auf der Welt und du bist dabei. LIEBE Es ist ein Glück zu wissen, daß du bist, Von dir zu träumen hohe Wonne ist, Nach dir sich sehnen macht zum Traum die Zeit, Bei dir zu sein, ist ganze Seligkeit. 55 BERUHIGUNG Alle meine Schmerzen Sind in deinem Herzen, Wie in einer Wiegen Stille Kinder liegen, Die im Traum in Himmelsvaters Armen sind. Und du selber, Gute, Bist in meinem Blute, Darum bin ich heiter wie ein stilles Kind. ENTZÜCKUNG Hier mein Herz, Welt, hier mein ganzes Leben Dich umfass ich, Gott; was du gegeben, Ström ich wieder in Entzückung her. Hat mein Herz der Leiden viel getragen, Darf es wieder nun in Wonnen schlagen, Und von Müdigkeit weiß es nichts mehr. Nehmt es hin! Wie selig ist das Schenken! Liebe ist mein Fühlen und mein Denken, Und mein innerlichstes Glück ist Kraft. Nehmet hin und freut euch! Seht, mein Leben Will ich freudig an die Freude geben. Süß ist diese Frucht und voller Saft. LIEBESLIED IM HERBSTE Ach, mein Herz ist bange, Bange nach meiner Geliebten. 56 Sehnsucht hält die Schatten- Flügel über mir. Wolken fliehn im Winde; In vergilbenden Wipfeln Stöhnt es: meine Seele Singt und stöhnt nach ihr. Du und unsre Liebe, Du und dein Herz, voller Güte! O mein Glück, mein Leben: Einsam bin ich hier. Doch ich will nicht klagen. Über die grauen Weiten Spannt sich ein Liebesbogen Hoch von mir zu dir. Was die Liebe bindet, Trennen nicht Berg und Meere. Schließe die Augen: siehe! — : Sieh, ich bin bei dir. ZWEI LIEBESBRIEFE I. Über die Ferne hin, Täler hin, Berge hin, Durch alle Tage und Nächte hin, Sing ich zu dir, o Geliebte. Hörst du mich? Lausche dem Rauschen der Bäume im Regen, Lausche dem Winde, der über die Halme 57 Mit dem zärtlichen Fittiche hinstreift, Lausche dem hohlen Munde der Nacht; Lausche in dich. Lausche geschlossenen Auges, höre, Höre dein Herz,, das rauschende, höre, Höre dein Blut: es trägt meine Stimme, Trägt meine Liebe durch all dein Leben. Zu dir, um dich Tönt mein Rufen, Tönt meine sehnsuchtsvolle Seele, Die dich sucht. Über die Ferne hin, Berge hin, Täler hin, Durch alle Tage und Nächte hin Sing ich zu dir, o Geliebte Singt meine Seele zu dir. II. Wenn mein Herz auch müde ist, Müde von zu vielen Schmerzen, Ist dies müdeste der Herzen Doch zu dir in Glut entbrannt. Ach, daß du mir ferne bist. Doch mein Herz ist deiner Güte, Wie dem Himmelslicht die Blüte, Sonnenstrahlenzugewandt. Und so wird durch deine Strahlen Aller Schmerzen, aller Qualen Bald mein Herz entladen sein, Denn der Liebe Licht heilt schnelle. Sende, spende deine Helle, Du mein lieber Sonnenschein. 58 FRÖHLICHE STILLE Ich will nun willig warten, Es kommt jetzt doch die Zeity Da hlühn in meinem Garten Die Blumen hold gereiht, Und geht in ihrer Mitte Die schönste Gärtnerin Mit leisem Pflegeschritte, Gelaßnem Schritte hin, Und blüht im Licht der Sonnen Ein neues Licht mich an, Macht mich in leisen Wonnen Zum fröhlich stillen Mann. DAS GRÜNE BLATT Vor meinem Fenster weht Ein Blatt; — der grüne Schein Soll meine Zuversicht Und liehe Ruhe sein. Vor meinem Fenster weht Ein Blatt. Wir leben so Im leisen Auf und Ab Und sind des Schwebens froh. Vor meinem Fenster weht Ein Blatt. Mir ist so gut. Komm an mein Herz, du Grün, Das solche Wunder tut. 59 RUHE Das Leben ist ein Glück. Wie tut das Atmen gut. Wie schlägt mein Herz getrost, Wie ruhig rollt mein Blut. In meinem Auge wohnt Die Welt, ein Blumenstrauß. Sie war wohl sehr verwirrt, Nun ruht sie sicher aus. GUTE STUNDE Gebt mir ein Blatt Papier. Die Feder läuft geschwind. Ich weiß, daß jetzt um mich Huldreiche Geister sind. Ihr Wort geht in mich ein, Ihr Wort geht aus mir aus, Drum schimmert mein Gedicht Gleich einem Blumenstrauß. AUSSICHT IN DEN GARTEN Liegt ein Buch am Fensterbrette, Aber keiner liest darin, Denn es locken Blumenbeete Frei ins Freie Blick und Sinn. Anfangs ging ich brav und weise Seitenzeilen hin und her, Daß ich nach Gebot und Fleiße Recht ein Weisheitswandrer war, 60 Aber, ach, die Blumen standen Allzu nahe nebenbei. Und die leichten Blicke fanden, Daß es draußen schöner sei, Wo die weiten Wiesen wogen, Wo die schwanken Büsche stehn, Wo in himmelhohen Bogen Leichte weiße Wolken gehnt Wo der Bäume Wipfel leise Sich im Winde neigen. — Nein. Heute mag ein andrer weise Und ein Bücherleser sein. Wenn es regnet, wenn es schauert, Bin, o Buch, ich wieder da, Doch solang schön Wetter dauert. Lockt mich keine Kabbala. Bleibe nur am Fensterbrette/ Weisheit, lüfte dich heut aus! Ich geh in die Blumenbeete, Hol noch einen Blumenstrauß. MEINE FRAU UNTERM ÖL- BAUM Der Ölbaum: ein zarter Strauß, . . . Wie aus grauen Seidenspitzen, . . . Wie Silberschmiedarbeit sieht er aus, Auf der schwarzblaue Edelsteine blitzen. Stehst du darunter in dem Blumenkleide Aus Indiens buddhabunter Seide, Dann ist der ganze Garten ein Geschmeide. 61 Und, träume ich denn, was ich da seh? Wen seh ich dort in Signor Bardis Haus Vor seiner Staffelei im Türgevierte sitzen ? — Frate Giovanni da Fiesole! Der weißen Kutte weite Ärmel sind Den mageren Arm hinaufgeschlagen, Und seine frommen braunen Augen fragen Just seine Farbentiegel, ob für dich, mein Kind, Sie auch genug der reinen Farben tragen. Steh still, steh still! Und blicke klar und froh, Grad aus, mich an! Aus deinen Augen lesen Soll ferne Zeit noch, wie du gut und klar, Wie schön und lauter du, wie treu und wahr Dein starkes, liebevolles Herz gewesen! Drum malt dich Fra Angelico. (Fiesole igo4. Im Garten der Villa Bardi.) MONOLOGSATZ : GERICHTET AN DAS BILDNIS EINER RO- KOKOFÜRSTIN IN FULDA O schöne Dame, deren Asche nun Wer weiß wie lang im Kupfer sarge ruht, (Groß ist gewiß die Trauerweide schon, Die drüber ihre Zweige fallen läßt, Schmalblättrige : wie ihre Hände schmal Und ebenso graziös im Hin und Her), — O schöne Dame, deren Brünnlein einst So lebhaft plapperte, wie — nun, wie jetzt Der schönen Damen Brünnlein plappern, und 62 Die doch so stolz war, wie wir Heutigen Nur selten Stolz wahrnehmen bei der Frau (Weil, ach, so selten heute Adel ist), — O schöne Dame, deren Namen wohl Ins Grab versank, wie dieser Lippen Rot Und dieser Augenbrauen seidnes Schwarz: Du hattest mehr als einen Dichter einst, Gewiß ein Dutzend wohl, und Dutzende Von schwärmenden Verehrern voller Geist: Doch keinen, der dich jemals so verliebt Anschaute wie jetzt ich, denn, sieh, mir ist, Als sah ich meine Dame jetzt in dir, Von der ich nun seit Tagen ferne bin, Und der ich immer huldige, wo nur Mich edle Schönheit, stolze Güte grüßt. (Aus einem Reisebriefe von 1903.) 63 IM PARK PANDORA Als ich heute früh im schönen Parke, Der voll lauter Birken steht, spazierte, Sah ich (nun, ihr brauchts ja nicht zu glauben) Eine nackte Dame auf mich zugehn. — Sag, wer bist du, sprach ich, nackte Dame? Reizend scheinst du mir und liebenswürdig, Eine auserlesne Augenweide. Selten sah ich noch so schöne Beine Und so wohlgefügte volle Brüste, Selten noch so schöne Haut: atlassen Glänzend und vom Blut des frohsten Lebens So von innen her erwärmt, durchleuchtet. O wie schön (laß mich dich nah betrachten!), O wie schön sind deiner weißen Brüste Blasse Rosen, holder Frühlings garten. Ach, und welch Entzücken darf ich fühlen, Sieht mein Aug den Glanz der blonden Haare, Wie sie von der Stirn im schönsten Bogen, Aber wellig, hintenüber fallen Und hinab den Rücken fließen bis zum 64 Wohlich rundlichen Geschwisterpaare Zweier ganz vollkommnen Hemigloben. Diese Grübchenhände/ Diese Füßchen! Jedes Glied ein tadellos Gebilde, Jedes Nägelchen ein Schild der Schönheit, Und der Mund: des Eros goldner Bogen. Denn aus Gold sind deine Lippen, — seltsam, Bernsteingoldig deine Augen, — seltsam, Und dein Nabel eine weiße Perle. Ei, was trägst du da in deinen Händen? Solch ein kostbar Kästchen sah ich niemals: Mattes Gold, durchsetzt mit Glutrubinen, Die, ein Rosenkranz von Licht und Farbe, Ringsherum wie trunkne Augen leuchten. Also sprach ich und sank in die Knie, Küßte ihrer Füße Lilienblätter Und ließ meine Lippen an den Füßen, Wünschend, daß ich ewig liegen dürfte In so selig klarer, voller Andacht. Da umflossen mich die gelben Haare Wie ein Strom von allen Wohlgerüchen: Rosen, Veilchen, Lilien und Narzissen, Alle eins geworden, alle Düfte Frühlings und des Sommers eins geworden: Höchsten Lebens Atem, stark und lieblich. Und die Schöne sprach zu meinen Häupten: Weil du gläubig bist und immer wieder Deine Hände, Adorant der Schönheit, Betend, hoffend hebst ins Licht der Sonne, Unbeirrt ein Jünger der Bejahung Und der Künste allertreuster Diener, Bin ich Nackte vor dich hingetreten, 65 Ich: Pandora, des Hephaistos Bildwerk. Ich entstamme nicht der Kraft der Lenden, Mich erschuf die Kunst des Feuergottes; Nicht geboren ward ich: ward gedichtet. Darum sind von Golde meine Lippen Und von Bernstein meine großen Augen, Und es leuchtet mir an Nabels Stelle Eine Perle wie ein blindes Auge. Andern heiße ich nur Schein des Lebens, Spuk und Blendwerk, Spiel verzückter Sinne, Doch dem Künstler bin ich höchstes Leben. Ihm allein bin ich die Allbegabte, Ihm allein gehören die Geschenke Meines goldenen, verkleinodierten Schreines, der des Daseins holdste Gaben Alle in sich birgt. Willst du sie nehmen? Bebend griff ich nach dem goldnen Kästchen, Das mir nun die Wunderbare reichte, Und ich sprach, mit Schleiern vor den Blicken: Gib! Ich weiß, die Gaben der Pandora Heißen Übel, und die Weisen fliehn sie, Murmelnd, daß sie Gift und Wahnsinn seien, Nebelgüter, die das Licht der Wahrheit, Scheinbar hold, doch trügerisch verhängen. Ach, die Weisen mit den blinden Augen! Ach, die Weisen mit den Tranlat er neben! Mögen sie die graue Wahrheit suchen Und die Schönheit als ein Trugbild schelten: Ich will lieber deiner Hände Gaben Fromm empfangen, ob sie auch vergehen Und nur schöne Formen sind und Farben. Seiens Gifte, nebelnde Gespinste: Ich will lieber alle Gaben missen, Die die andern wahre Güter nennen, Und in ihrem Netze selig sterben. 66 Sprach die Göttin: Schilt mir nicht die Weisen.' Irre sind sie auf gewundnen Wegen, Wunderlich Beseßne, doch sie suchen Mich auf ihre Art. Der Götter Träume Sind unendlich vielge statt; die Weisen Sind der Götterträume Nebelbilder, Und sie selber träumen Nebelhaftes. Denn ein jeder träumt nur, was er selber In der Götter Traum ist: Blumen — Blumen, Sterne — Sterne, Menschen — Menschen, und die Dichter Sind, weil sie wie Götter schaffend träumen, In der Götter Traum die hellsten Träume, Denn sie wissen einzig, daß sie Traum sind. Freue dich! Es gibt nicht höhre Gabe. Selig, wer es fühlt, daß er geträumt wird, Selig, wer ein guter, stiller Traum ist, Selig, wer so stark ist, so zu träumen, Daß Gestalten wie im Traum der Götter Aus ihm gehen: tiefsten Lebens Zeugnis. — Willst du, daß ich nun des Kästchen öffne? Es ist leer, dein Herz ist viel, viel reicher. Nur ein Klang ist in ihm. Lausche, Lieber, Und laß nie aus Ohr und Herz dir schwinden Dieses Klanges tiefe Offenbarung. Lauschend legte ich mein Ohr ans Kästchen, Und es schwoll wie von entfernten Harfen Ein Gesang ins Herz mir: diese Worte: Liebe ist des Traums der ewigen Götter Einziger Sinn, wer Liebe träumt, den lieben Sie als ihren schönsten Traum. O träume Liebe, Dichter, sei kein Alp der Götter/ 67 Leis verklang das Singen in dem Kästchen, Brausen regte sich im Birkenwäldchen, Lautlos schwand die Herrliche. Ich sah sie Eine Kußhand noch herübersenden Und ein Lächeln mit dem goldnen Munde. Weiße Wölkchen stiegen aus den Birken Und zerwehten schnell wie seidne Flocken Zart am blaßblau klaren Morgenhimmel. Harfen haben mich nach Haus begleitet, Harfen klingen durch mein ganzes Leben, Seit Pandoren ich gesehn. Die goldnen Lippen meiner Lieben Frau vom Traume Leuchten mir durch alle meine Tage. EINE BEGEGNUNG MIT HERRN ICH oder DIE STINKTIERE Als ich heut nacht beim schönsten Sonnenschein In meinem großen Traumpark promenierte, Den Lindenweg entlang, vorbei dem Haus, In dem ich Audienz zu geben pflege, Wenn meine Freundin mir, die Kaiserin Von Lubidinien, Ambassade schickt, Sah ich inmitten der Ranunkelwiese (Der grün und gelbe Glanz ist wunderbar) Gemächlich schreitend meinen Freund Herrn Ich. Durchaus, in Weiß gekleidet — um den Bauch Den breiten schwarzen Seidengürtel — kam Mein alter Freund, wies seine Art so ist, Sehr langsam und zuweilen stehen bleibend, 68 Grad auf mich zu, durchaus sich nicht beeilend. Sein breiter Strohsombrero fächelte Mit schwanken Krempen dem verehrten Haupt, Das für die Hitze nicht geschaffen ward, Erwünschte Kühlung um die vollen Backen. Doch trotzdem hielt mein alter Kamerad Noch einen roten seidnen Sonnenschirm (Türkisch gemustert, riesigsten Formats) Mit seiner Linken sorgsam über sich, Indes die Rechte den gewohnten Kodak, Den stets verzeichnenden, behutsam trug. Da ich bei Tage nie dem Freund begegne, Freu ich mich stets, ihn nachts im Park zu sehn, In dem zuweilen Sonn und Mond zugleich scheint, Sommer und Winter ist an einem Tag, Und Zukunft und Vergangenheit sich eint, Zu einem Heute von besonderem Glanz. Wir sprechen uns dann miteinander aus, Wie Freunde tun, die sonst entfernt sich sind (Doch immer nahe im Gefühl), und stets Erfahr ich Neues von ihm, das mich wundert. So ging ich denn mit schnellen Schritten ihm Die Hand ausstreckend, seine zu ergreifen, Entgegen, als, pfui Kuckuck, ein Gestank Höchst penetranter Art mich stehen hieß. Die Nase klemmend rief ich : „Lieber Freund, Was für ein scheußlicher Gestank ist das ? Riechst du ihn nicht ? Dann bist du arg verschnupft I Schindanger duften lieblicher; es scheint Von faulen Eiern und verwestem Fleisch Ein fürchterlich Gemisch. Bist du vielleicht 6Q In was getreten, das von Übel ist ?" Da lachte schallend auf mein Freund, wie kaum Ein andrer lachen kann, denn darin hat Er Übung. Und er rief: „Du irrst, du irrst! Dies süße Düften hob ich mir gekauft Für schweres Geld in einer Menasch'rie. Zwei holde Musteliden kauft ich mir, Stinktiere heißt der Laie sie, jedoch Der Zoologe Chinqua oder Skunk. Ich führe eben zur Dressur sie aus, Daß auf Kommando sie zu stinken lernen. Verzeih, ich sah dich nicht, sonst hätte ich Nicht eben grade jetzt: Stinkt! kommandiert. Denn, wenn ein guter Freund mir naht, solln sie Natürlich' nicht die After drüsen öffnen. Dies soll (und wird! verlaß dich drauf!) nur dann Mit Präzision geschehn, begegnet mir Ein Exemplar der bösen Spezies Homo calumnians, so ein Stück Vieh, Das aus dem ewig lügenfeuchten Maul Verleumdung stinkt, erlogne Schändlichkeit Ausdünstet und den guten Namen mir Mit niederträchtgem Klatsch besudelt, oder Ein falscher Freund, der, weil es ihm behagt, Als Alleswisser interessant zu sein, Freundschaftlich ihm Vertrautes ausstreut und Zugleich verhöhnt, in seinem flachen Sinn Gekitzelt, wenn der Hörer nur geruht, Beifall zu lächeln. Stinken solln sie auch, Wenn Neidische in meiner Nähe sind, Von deren bloßem Atem rings umher Die Luft morastig mufft, V erkleinerer 70 Und darum Lügner, immerfort bereit. Mit Wenns und Abers leiser Andeutung Verdacht zu säen. Kurz: Die Niedertracht Will ich vom Leib mir halten durch Gestank." So sprach mein Freund und dünkte sich sehr klug. Ach Gott, so klug ! — Der Gute tat mir leid. Und, weil ich nahe ihm verbunden bin Und es nicht gerne sehe, haut er so Mit voller Armauslage in die Leere (Wobei man, wie ein jeder Fechter weiß, Das Gleichgewicht sehr leicht verlieren kann Und auf die Nase fallen), sagte ich: „O welch ein Erzkamel du bist, mein Freund! Du legst dein Geld an, wie ein Idiot. Viel besser, wahrlich, hättest du getan, Hättst statt des Stinktierduos du ein Paar — Was weiß ich, Metzgerhunde dir gekauft. Weißt du denn nicht, daß eben der Gestank Das Lebenselement der Schufte ist, die du Damit nur anziehst, wie der Baldrian Die Katzen anzieht ? Ist denn das Vernunft, Sich mit den Stänkern durch Gestank gemein 2,u machen, sei es auch nicht eigenem ?" Da schämte sich mein Freund und ging davon, Den Sonnenschirm geschultert. Seine Skunks Verwandelten sich in zwei Collies, die Mit edlem Anstand ihn begleiteten. 71 NACHTSC HA TTEN GEBET Liebe Nacht! Auf Berg und Wiese Ruhst du, stille Trösterin. An dem Saume deines Mantels Leg ich all mein Wünschen hin. Liebe Nacht! An deinen Brüsten, Mutter aller Frömmigkeit, Ruhe meine Unrast, schlafe All mein Sehnen und mein Leid. Liebe Nacht! O wiege, wiege, Dieses Herzens Drängen ein! Laß mich still wie du, gelassen, Und umfassend laß mich sein! ZWISCHEN ABEND UND NACHT Da zieht der Fluß und trägt das Abendgold, Da stehn die Wolken wie ein Goldgebirg: Der Abend gibt uns seine goldne Hand. 72 Wohl, wohl! Der Schlaf und was schön träu- men macht Zieht leis die Flore über unsre Welt, Und viele sind jetzt glücklich, denn sie ruhn. An manchem Bette sitzt die Liebe jetzt Mit Wiegenliedern, und manch müdes Haupt Hat seinen Schoß nun, daß es ruhen kann. Da liegt wohl eine weiche, weiße Hand Recht leicht und zärtlich, hütend, auf der Stirn Des Schlafenden, und seiden streicht das Haar Der guten Hegerin die Wangen ihm, Der seine Ruhe in der Liebe hat. Wies in den Nestern still wird! Ab und an Zirpt so ein Meislein, das wohl träumen mag. Die Zeit der Nachtigallen ist vorbei. Einst hob ich halbe Nächte lang gelauscht, Wie unsrer Wälder vollste Kehle sang, Und mich ergriff der kleinen Kreatur Aufschluchzend Lied im Allerinnersten. Ich wußte wohl: auch mir ist seelenvoll So heiße Liebe schluchzend zugewandt, Und dankbar trat ich leise an ein Bett Und suchte eine kleine warme Hand Und küßte sie. — Da hatte ich mein Glück. Das ist vorbei. Es kam ein böser Wind Und riß mir meine Rose weg vom Stock Und trug sie in die Stadt. Da liegt sie nun Entblättert in der Gosse. Sah ich sie, Ich könnte sie nicht mehr erkennen. — O, So herben Schmerz hast du mir angetan, Einstmals Geliebte, daß mein Herz steinhart Von Narben wurde. Eher höbe ich 73 Den Kot der Gosse, als die Rose auf. Der Fluß verlor sein Gold. Er geht in Grau. Grau stehn die Wolken wie ein Bleigebirg. Es winkt die Nacht mit ihrer grauen Hand. TRAUM SOMMERNACHT Sommernacht, Traumsommernacht . . . Die Brunnen rauschen leise, Die Trauerweide wiegt sich sacht; Nun steigt der Mond in voller Pracht Empor zur Wolkenreise. Traum und Frieden . . . Was hienieden Unruhvoll das Herz verstört, Senkt sich in des Traumes Tiefen. Und der Ruhe Geigentöne, Die in Tages Lärme schwiegen, In der heißen Helle schliefen, Seelentiefe, seelenschöne, Kommen nun heraufgestiegen, Werden nun gehört. Sommernacht, Traumsommernacht . . . Ein Rauschen lieb und leise, Die Seele wiegt sich süß und sacht Nach ihrer Geigenweise: Traum und Frieden . . . Hingeschieden Alles, was uns traurig macht. 74 Sterne glimmen, Wolken schwimmen, Und das Märchen ist erwacht. GROTESKE Ich sah im Traume eine Abendröte, Die war wie wellendes, dampfendes Blut, Tief dunkel. Faul, breit, quoll sie molkig, Schwappend am leeren Horizonte lang gedehnt. Schwer lag sie: leuchtender Schlamm. War das die Sonne, die da hinten sank? Mir schien, und ich glaubt es im Traum, Glaubt es mit krampfendem Lachen: ein himmlischer Riese, Irgend einer der Wandler da oben, Die sich Wolkenfetzen um die Schenkel schlagen, Warf eine faulige Blutorange ins Meer; Die klatscht Stinkend auseinander. Bravo, haariger Lümmel.' Aber da!? . . . Ein goldiges Zittern zuckt durch die Röte, Zerfasert die molkige Masse in Helle. Phosphorleuchten, perlmutterig Blinken, Jagende, tanzende, stechende Lichter. 75 Himmel, Himmel.' Die Sonne, die Sonne/ Die Sonne ist verrückt geworden, Sie speit ihr Sternengedärm in die Nacht . . . Eine riesige Faust Droht und greift Mit knolligen Fingern Nach dem zappelnden Ball. Da ward es dunkel, und wie silberne Fische Schwammen Millionen Kometen durch das Nachtmeer. BAROCKE BILDER I Die Sonne ging unter, der Mond steigt auf, Sonngoldenes Rot Westwolken berändert, Drüben in geisterleisem Lauf Mondsilberhuschestrahl schlendert. Sterbeverzuckendes, rieselndes Rot; Sonne, das Heldenherz bricht im Tod, Das flammende Leben versinkt. Schau, wie die wimmernde Nacht, die kalte, Eifersüchtige Alte, Das dampfende Herzblut trinkt. II Die goldene Wärme schwand in die Nacht, Nun ist der kalte Spott erwacht, Der sich ins tiefste Erdenloch Vor der schenkenden Güte verkroch. Es glitzert frech, 76 Ein Schild von Blech, Der leere Mond über des Tages Leiche. Seine Strahlen sind Seelen vom Schattenreiche. III Der Mond wirft seinen Silberspeer Nach dem Herzen der Erde, Daß sie wie er Ein spukender Leichenstern werde. Seit Jahrmillionen ohn Unterlaß Will er sie töten, Aber sein Haß Muß fliehn, Sieht er am Himmel ziehn Das Purfurlebensmeer der Morgenröten. Noch schlägt das Herz der Erde heiß In Lieben und Gebären, Noch dreht der alte Wandelkreis: Samen, Blüten, Ähren — Zeugen, Geburt und Tod, Wann wird es stille? Wo glüht das Ur gebot. Wo wacht der Wille? DIE NACHT Nun will es Abend werden; Der rote Himmelsstrich, Den Eros mit dem Pfeilgefieder Gemalt zu haben schien, verblich. Es überbräunt sich leis der Wald; Die zarten Birkenstämmchen blinken 77 Nur graulich silbern noch; es ließ Der Tag die goldene Krone sinken. Schnell hebt die neidische Nacht sie auf ; Doch ihre kalten Hände eisen Das Gold zu Silber; durch das Schwarz Endlosen Raums hebts an, zu gleißen. Da rauscht sie feuchteschwer heran. Von schwarzem Riesenschwange spann Wird durch das Luftmeer sie getragen. Sie lehnt in breitem Muschelwagen. Erst hält sie, still, am Horizont, Der purpurglüh sich ausgesonnt. Dann breitet seinen Fittich weit Der schwarze Schwan, schwimmflugbereit. Und ihre Arme hebt die Nacht . . . Das All ist dunkelüberdacht. Nur noch das Schwanenfittichwehn, Das Brüste auf undnie der gehn Der stummen Riesin hört die Welt, Die müdebang den Atem hält. 78 LICHT IN DER NACHT Ringsum dunkle Nacht Hüllt in Schwarz mich ein. Zage flimmert gelb Ferneher ein Schein. Ist als wie ein Trost, Eine Stimme still, Die dein Herz aufruft, Das verzagen will. Kleines, gelbes Licht, Bist mir wie der Stern Überm Hause einst Jesuchrists des Herrn. Und da löscht es aus. Und die Nacht wird schwer. Schlafe, Herz, du hörst Keine Stimme mehr. GEGEN ABEND Nun hängt nur noch am Kirchturmknopf Der letzte Sonnenschein; Bald werden auch die Höhen Ganz ohne Sonne sein. Und Silber glänz dann überall; Des Mondes blasses Licht Umschüttet unsre Laube, Umleuchtet dein Gesicht. Der Mond, das Licht der Küsse, Das alles zaubrisch macht: Komm, Nacht, mit deinen Gnaden, Du liebereiche Nacht! ABENDLIED Die Nacht ist nieder gangen, Die schwarzen Schleier hangen 79 Nun über Busch und Haus. Leis rauscht es in den Buchen, Die letzten Winde suchen Die vollsten Wipfel sich zum Neste aus. Noch einmal leis ein Wehen, Dann bleib der Atem stehen Der müden, müden Welt. Nur noch ein zages Beben Fühl durch die Nacht ich schweben, Auf die der Friede seine Hände hält. AN DIE NACHT Düfte schwüle, feuchteschwere, Rauschende, raunende, sterneleere, Schwarze, samtene Sommernacht! Mein Herz lauscht an deines bange, Nimm von mir, was mich so lange Müde hat gemacht. Sieh, ich flüchte mich in deine Arme, siehe Nacht, ich weine, Und ich kenne dich nicht mehr. Stille Mutter, heilige, große, Sieh mein Häuft in deinem Schöße, Banger Wehen schwer. Nimm mich ein in deine Güte, Hürde mich ein dein Gehüte, Das der Müden Hafen ist: Küsse mild mich ins Vergehen, Die du aller Lebenswehen Linde Löserin bist. 80 IN EINER DUNKLEN NACHT Wenn dieser Körper einst zerfallen ist, Seele, du meine Seele, Träumst du dir einen andern Leib? Lebst du auf einem andern Stern? Treibst du aus deinem Drange, der die Schönheit will, Blumen, Bäume? 0 meine Seele, wenn du nicht vergehst, Dann bleib bei ihr, die mir das Leben lieber macht Als alle Schönheit.. Umblüht sie, Umhüte sie, Laß alle Sterne, alle Seligkeit Und bleibe bei ihr. Und wenn auch sie dann, wachgeküßt vom Tod, Sich selbst in ihrer tiefsten Reinheit lebt, Dann geh in sie und gib dich selber hin, Sei eins mit ihr. Das ist die Seligkeit, die ich dir hoffe, Meine Seele. ABEND UND NJCHT Die Sonne schickt den goldenen Scheidegruß, Des Lichtmeers letzten, leisen Wogenwurf Der müden Welt. Ein Schattenschleier schwebt Engmaschig über alles Leben her; Aus seinen Falten schüttelt er den Schlaf, Den Sorgenloser, der Vergessen gibt. 81 Langsam versinkt in stummes Glück die Welt. Die Vögel zirpen letztes Nestgeschwätz, Vom fernen Hofe bellt ein lauter Hund, Ein letzter Wind rauscht durch das hohe Gras. Dann alles still . . . Den Atem hält die Welt. Nun über graut den Himmel dichter Flor, Nun deckt sich alle Farbe müde zu, Nun weichen alle Formen in die Nacht. Und alles leer und schwarz, und alles hohl und kalt, Und endlos alles Raum, und alles, alles Flucht, In unermeßnes Nichts ein Schweben ohne Laut. Der Tod stellt seinen schwarzen Spiegel auf, Des Bilder keines Lebenden Auge schaut. Doch wenn dein letzter Atem dir entfloh, Stellt eine dürre kalte Hand dich leis Vor seinen Plan. Und siehe: du erkennst Zum ersten Male dich . . . Drum bebt dein Herz, Wenn sich in schwarze Nacht dein Blick verliert. BANGER ABEND Nacht neigt sich auf die Gassen; Ich fühl mich so verlassen, Bin nirgendwo zu Haus. Die Zimmer werden helle; Mir winkt hier keine Schwelle, Ich geh zum kleinen Flusse, der zwischen Wiesen fließt, hinaus. 82 Sein Fließen ist so leise; Im weiten Wiesenkreise Liegt graue Stummheit schwer. Ich seh mein Leben -fließen: Flach zwischen fahlen Wiesen Verrinnt es ohne Klingen müd in ein tiefes graues Meer. DUNKLE, SCHÖNE NACHT Nicht Mond noch Stern, die Nacht steht stumm In schwerem Schwarze da. Ein stilles Glück geht lautlos um, Ist jedem Herzen nah. In jedem Herzen süß und sacht Die heilige Stille blüht: Das ist die tiefe Weihenacht, In der der Glaube glüht. LIED IN DER NACHT Straßen hin und Straßen her Wandr ich in der Nacht; Bin aus Träumen dumpf und schwer Schluchzend aufgewacht. Tränen, Sehnen, Lust und Schmerz, — Ach, wohin treibt mich mein Herz? Ach, wohin treibt mich mein Herz? 83 Steht ein Haus in Grün gebaut Draußen vor der Stadt, Wo der Fluß mit leisem Laut Sein Geströme bat. Blüten Hüten Dicht es ein: Dort möcht ich zu Gaste sein, Dort möcht ich zu Gaste sein. AUS DER FERNE IN DER NACHT Wenn im braunen Hafen Alle Schiffe schlafen, Wach ich auf zu dir. Stille in der Runde, Heilig diese Stunde, Denn sie bringt dich, atemhaltend, mir. Stehst in Mondenhelle Wartend an der Schwelle, Und ich fühle dich; Komm, daß ich dich halte, Deine Seele walte Über meinen Träumen mütterlich. DAS WINKENDE AUGE Diese Nacht mit dir, Morgen Nacht allein, Übermorgen wird Feierabend sein. 84 Lachemund verblaßt, Blaues Auge wird stier, Morgen Nacht allein, Diese Nacht mit dir. Alle Lust verweht, Alles Leid versinkt, Und der Abend kommt, Und das Auge winkt. Sieh! Sieh dort! Am Sims/ Milde ist sein Schein. Diese Nacht mit dir, Morgen Nacht allein. Diese Nacht mit dir, Morgen Nacht allein. Übermorgen wird Feierabend sein. ALP So bebebange . . . Die schwarze Nacht Hat mit hohem Gewölbe die Welt überdacht. Willst schlafen und träumen? Es geht nicht an. Dich knebelt und knechtet ein dumpfer Bann. Lieg stille und lausche Im schweigenden Raum, Dich umschleiert kein Schlaf, dich tröstet kein Traum. 85 Gedulde und warte: Es wird schon Licht, Und es hebt sich das schwere, das schwarze Gewicht. TIEFE STUNDE Die Sonne ist gegangen, Ein letzter roter Schein Liegt auf den höchsten Gipfeln, Die glühen wie von Wein. Die Luft ist voller Bangen. Auf leicht bewegten Wipfeln Schlafen die Vögel ein, Die eben noch aus voller Kehle sangen. Wie tief ist diese Stunde! Aus unsichtbarem Munde Trift mich ein seltsam Wort: Gegeben und genommen, Gegangen und gekommen, Wo ist dein Hier, dein Dort? Ein Schweben in der Runde — Dein Leben geht zugrunde Und lebt doch fort und fort. Nun in den Wipfeln — Ruhe Auf allen Gipfeln — Dunkelheit, Auftut sich schwarz und weit Die ungeheure Truhe: Nacht und Vergessenheit. 86 MYTHOLOGIE Schwand der Frühlingstag, der frische Tummel- junge, Floh zum grauen Meer hin über die blauen Berge; Hei, wie flatterten ihm die grünen Raschel- kränze Hell im Haar, wie wehten die lichten Locken! Schau, da schwindet der Saum, der rote, ge- wirkt mit Golde, Den seine kräftige Hand hob im brausenden Lauf. Kommt die milde Magd, der bleiche Früh- lingsabend, Kommt mit leisen Schritten über die Maien- wiese, Hat das Köpfchen weich links Überschulter geneigt. Aschblond ist ihr Haar, wie überstäubt von Flocken Junger Frühlingsblüten, er fließt ihr über den Rücken Bis zur Beuge des Knies, schmiegeweich wellt es hinab. Ihre Augen suchen, ihre grauen Augen, Die so furchtsam blicken wie der Rehkuh Lichter, Auf der Maienwiese die Spur des flüchtigen Tages. Suchen, suchen, suchen, die milden, grauen Augen, Aber Dunkel webt, wohin die Arme schreitet 87 Längst verschwand der golddurchwirkte sonnen- rote Saum des Frühlingstags am überflorten Himmel. Und es blinkt der erste blasse Stern am Himmel, Blinzelt mitleidgütig auf die Suchebange. Immer dunkler wirds, es kommen tausend Sterne. Alles still. Kein Wind. Kein Atemwehen. Alles tot. Die Sterne blicken kalt. Tief ins Dunkel getaucht der Nacht, der stummen Gebietrin, Schwand die suchende Magd. Silbern erhebt sich der Mond. 88 TANZWIESE PAN AN DIE STERNE Heut in der Nacht riß der Sturm ein Loch, ein großes zackenzinkiges Loch in den Himmel. Schwefelgelb zoars und grell geädert mit ultramarinblauen Streifen. Ich sah wie hinter einem Netzgeflechte direkt in den endlos gurgelnden Raum der Welt. Was sah ich? Nun: Sämtliche Sterne rollten im Polkatakt, hotteltitteltei / hotteltitteltei! immer im Kreise 'rum, immer im Kreise *rum mit viel Ge- fühl und soviel Temperament, daß es mir schien, sie hätten zuviel vom süßen Welten- weine gesoffen. Aber in der Mitte saß auf aller Sonnen Sonne der große Pan gemächlich. Auf seinen kreuzweis unterschlagenen, haarigen, sehr haarigen Bocksbeinen saß er und summte im Hotteltitteltakte ein Lied: 89 Rundherum, rundherum, Nur nicht stillgestanden! Dieses ist das Regellied Den Sonnen und Trabanten. Bleibt im Takte, bleibt im Takt, Gräßlich tuts mir wehe, Wenn ich einen Stolperstern Im Gewoge sehe. Immer um mein Zentrum 'rum Im gebotenen Kreise! Urgesetz ist Harmonie Wohlgefügter Gleise. Alles könnt ihr, was ihr wollt, Lieben und gebären, Aber haltet meinen Takt Innerlichst in Ehren. Denn der Rhythmus ist die Welt, Stille st ehn ist Sterben, Wer im Takte nicht mehr tanzt, Splittert hin in Scherben. Rundherum, rundherum, Nur nicht stillgestanden! Dieses ist das Regellied Den Sonnen und Trabanten. FROMMER TANZ (Mai-Fest) Kinder, laßt uns fröhlich sein Und auf diesen Wiesen springen! Hier stehn Rosen, dort Syringen, Und ein Waldhorn hör ich klingen, Das soll unsre Flöte sein! 00 Trio - lio - larum - lei, Walzer, Polka, Ringelreih; Mädel, darum ist es Mai, Daß wir wie die Böcklein springen. Andre sagen, es sei dumm, Dieses Tanzen und Sich-drehen; Weise sei es, still zu stehen, Sauer vor sich hin zu sehen — Ach du dummes Publikum! Trio - lio - larum - lei, Wer von uns der Weise sei, Ist uns gänzlich einerlei, Wenn im Wind die Röcke wehen. Himmel, deine Augen, Kind! Wie sie leuchten, wie sie lachen! Soll ich mir Gedanken machen, Wo so allerliebste Sachen Um mich her lebendig sind?! Trio - lio - larum - lei, Alle graue Grübelei Ist vergessen, ist vorbei; Gott im Himmel, sieh uns lachen! Wie die Rosen lachen wir, Rot vor Lust und lauter Leben; Hör uns jauchzen, sieh uns schweben, Deinen Segen mußt du geben, Denn wir Frommen tanzen dir! Trio - lio - larum - lei, Das ist unsre Litanei: Walzer, Polka, Ringelreih Rund und bunt durchs ganze Leben. 91 PFINGSTEN Zwischen Tulpenflammen und Narzissen Springen unter schweren Fliederbüschen Kleine Mädchen losen Haars im Garten. Lerne, Herz! Die kleinen Mädchen wissen Mehr vom Glück, als du; mit ihrem Springen Loben sie den heiligen Geist der Pfingsten Zwischen Tulpenflammen und Narzissen. Denn der heilige Geist ist ausgegossen In den glutenbunten Tulpenflammen, Und er heißt: Seid fröhlich, Menschenkinder! Jede Blume, glorienumflossen, Ist, dem Haupt Mariens gleich, ein Abbild Milder, tiefer, süßer Gottesliebe . . . Denn der heilige Geist ist ausgegossen. AUSZÄHLVERS FÜR VER- LIEBTE Rumpeldipum, Prinz Amor geht um, Vorm Aug eine Binden, Kann doch jede finden. Hat die Rosenbecken Geplündert und Stecken Aus Rosenzweigen gemacht mit Spitzen, Die nun in den Herzen der Mädchen sitzen. Rum . . pum . . pum. TANZLIED Es ist ein Reihen geschlungen, Ein Reihen auf dem grünen Plan, 92 Und ist ein Lied gesungen, Das hebt mit Sehnen an, Mit Sehnen, also süße, Daß Weinen sich mit Lachen -paart: Hebt, hebt im Tanz die Füße Auf lenzeliche Art. MAIENTANZ Blütenblätter jagt der Wind Von den jungen Zweigen, Die sich nun im ersten Sturm, Frühlings stürme neigen. Rosarote Apfelblüh Tanzt mit schneeig weißen Kirschenblüten Ringelreih Hell in Wirbelkreisen. Junge Birken beugen sich Jungferngrün im Winde, Leise wisperts, froh erstaunt, In der alten Linde. Heia, erster Frühlingssturm, Blütenblätterfeger, Sei gegrüßt, Lenzjunker Wind, Allerliebster Jäger! Nicht zum Morde ruft dein Hörn, Ruft zu Tanz und Leben, Über deinen Hussa-Zug Schmetterlinge schweben. Letztes Winterwehtum treibt Dein Halli von hinnen, 93 Hüte hoch und juhuhul Maitanz soll beginnen! Wie der Blütenblätter schnee Wolln wir Wirbel drehen, Wies der alte Maienbaum Nimmer noch gesehen. Flöte kichert, Geige singt, Und der Baß brummt bieder, Doch der Lenz/wind über uns Hat die schönsten Lieder. Hat die große Melodei, Helle Sturmlustweise ; Nach des Lenzen Pfeife tanzt, Tanzt die frohen Kreise! GAVOTTE DES VERLIEBTEN Wie ging ich durch mein Leben hin? An einem roten Bande; Dran führte mich meine Königin Durch lauter selige Lande. Bald auf, bald ab, bald quer, bald krumm, Mal rechtsherum, mal linksherum, Doch stets am Liebesbande. So war ich Knecht mein Leben lang? Der Knecht am roten Bande? O nein: es war ein Königsgang Durch unterworfene Lande; Ein Königs gang, ein Königstanz, In freier Kraft durch Glück und Glanz Am roten Liebesbande. 94 MENUETT Ach, wie wird mir wohl und weh, Süße Dame, süße Dame, Wenn ich Ihre Augen seh, Die der reine Zunder sind, Und den Busen, weiß wie Schnee. Und die kleinen Füße — o! Süße Dame, süße Dame, Seh ich sie, so wird mir so — Ach, ich weiß nicht, wie mir wird: Halb und halb, halb bang, halb froh. Und die Wädchen und das Knie, Süße Dame, süße Dame, Hände, Locken, Lippen . . . nie Sah ich, was mich so entzückt, — Ach mein Gott: ich liebe Sie! Was so um Sie fliegt und weht, Süße Dame, süße Dame, Tanzt und auf und nieder geht: Spitzen, Schleifen, Seide, Samt, Ach, es macht mich ganz verdreht. Dürft ich nur der Höschen Rand, Süße Dame, süße Dame, Küssen und das Sammetband Streicheln über ihrem Knie, Selig wäre Mund und Hand. Oder sind Sie grausam? Nein! Süße Dame, süße Dame, Schönheit kann nicht grausam sein, Wenn sie Liebe leiden sieht: Phillis läßt den Schäfer ein. 95 TANZ AUF DER TENNE (Skt. Heinrich) Es kreiste die Sense mit scharfem Schwung, Es fielen die Halme, es sank das Gras Und die Sonne lachte der Ernte. Der Himmel war blau, und die Luft war heiß, Und die Schnitterin schnitt und lachte dazu: O, du Sonne, du Sonne, du gute! Nun ist es gesammelt, das goldene Korn, Und das duftige Heu liegt wolkenschwer Im Haus, unterm Dach : Nun sind wir dich los, Frau Sorge i Nun klingen die Glocken zum Erntefest, Nun wollen wir tanzen zwischen dem Heu, Wo unsere Schlegel dem Körnertanz Laut schlugen den Takt: Auf der Tenne. Nun Schnitterin komm und reich mir die Hand, Nun will ich mal sehn, du fröhliche Dirn, Ob deine Beine so lustig sind, So voll Kraft und voll Schwung, Wie die Arme. Und die Geige singt, Und der Brummbaß brummt, Und die Pfeifen kichern und kullern wie toll, Und wir drehen uns wild Rundum, rundum Zwischen duftendem Heu auf der Tenne. 96 Warm fühl ich mir nah deine Frühlingsbrust Du flinkes Mädel; ich halte dich fest, Ich seh in dein Auge, es jauchzt mein Herz : O, du Sonne, du Sonne, du gute/ KINDERLIED Ich und du und du und du, Zwei mal zwei ist viere, Tragen Kränze auf dem Kopf, Kränze aus Papiere; Rechts herum und links herum, Rock und Zöpfe fliegen, Wenn wir alle schwindlig sind, Falln wir um und liegen, Purzelpatsch, wir liegen da, Patschelpurz, im Grase: Wer die längste Nase hat, Der fällt auf die Nase. DIE JULI-HEXEN ,Der Mond trinkt an der Erde, Komm heraus in die helle Nacht/1 „Wohin wollen wir gehen?" ,Auf die Waldwiese/ Auf die Waldwiese/' „Was wollen wir denn dort machen ?" ,Tanzen/ Tanzen/' „Mit wem denn?" ,Mit uns selber! Mit uns selber/' „Wenn aber der Waldteufel kommt?" ,Soll er mit tanzen! Soll er mit tanzen?- 97 „Aber wenn er nicht will?" ,Muß müssen/ Muß müssen !' „Kennt ihr ihn denn?" ,Freilich! Freilich/' „Wie sieht er denn aus?" ,Ganz voller Haare/ Ganz voller Haare/' „Und weiter nichts?" ,0 ja: Bocksbeine/ Und eine krumme Na — ase!' „Hu/ Wird er euch nicht beißen?" ,Fallt ihm net ein! Fallt ihm net ein! Hat die kleinen Mädel so gerne und s fielt Auf der Flöte/' „Was denn?" ,Lauter schöne Lieder zum Lachen !' „Und singt er auch?" ,Ja, wenn er heiße Augen hat.' „Was denn?" ,Das dürfen wir nicht sagen! 0 nein! 0 nein!' „Lst es denn schlimm?" ,0 nein! 0 nein! Aber zu schön zum sagen. So . . . so . . . so . . . schön . . .!' „Was kichert ihr denn!" ,Weil du dumm bist, weil du dumm bist, Weil du dumm bist und denkst, Wir sagen dir, was der Waldteufel singt.' „Werd ich mirs selber hören!" ,Du? Du? Du mit deinem Barte? Dir singt er nicht, Dich frißt er!' „Ich kirr ihn mir schon!" ,Hörst du ihn? Höre, höre, hör wie der Waldteufel lacht! 98 Wir kommen! Wir kommen! In schlohweißen Hemden. Wir ko — o — mmen!1 „Langsamer! Langsamer! Springt nicht so schnelle! Wo seid ihr! Wo seid ihr!" ,Kleb du im Bette! Wir tanzen schon /* DER BEKEHRTE PLINIUS Plinius der jüngere spricht: Wenn die Narren tanzen wollen, Hindert sie der Weise nicht, Doch entflieht er ihrem Tollen In ein abgelegnes Haus, Zieht sich seine Toga aus Und verfertigt ein Gedicht, Das von jenen Pfaden handelt, Drauf der stille Denker wandelt, Hell umstrahlt vom eignen Licht. Ganz so unrecht hat er nicht, Dieser jüngre Plinius. Manchmal ist es kein Genuß, Dort zu sein, Wo das Bein Tanzt, bloß weil es tanzen muß. Zum Beispiel, wo der Leutenant Zum Regimentsmusikgetöse Die Taille der Frau Kommandöse Mit pflichtergebnem Arm umspannt ; Oder wo, 99 Bloß so so, Der Staatsanwaltschaf tssubstiiut Fröhlich tut, Weil der Anstand es erfordert, Da zum Tanzen er beordert, Und die saure Lippe man Dabei nicht verwenden kann; Oder auch, Wo der Bauch Des beleibten Handelsmanns Sich im Tanz Widerwillig dreht und schwenkt, Weil ihn die Erwägung lenkt, Daß von eines Kunden Gnaden Er zum Hausball ist geladen. Bei solcherlei Gelegenheit Bleibt der Weise lieber weit^ Weg vom Schuß nach Plinii Junior is Theorie; Denn beim Zeus, Es ist scheuß- lich und übel anzusehn, Wo sich so Mal d-propos Tänzersohlen, Die befohlen, Auf dem Pflichtparkette drehn. Mühsal mahlt im Mühlentakte, Klipp und klapp, Das vertrackte Pensum ab; Selbst des Walzers holde Töne Werden schleppend zum Gestöhne, Das zum Himmel schluchzt und schreit Welche Niederträchtigkeit ! wo Aber nun, o Plinius, Hör, was ich dir sagen muß: Steig aus deiner Toga Falten, Schmücke dich mit Lack und Claque, Laß dich (Mut, Mann/) mißgestalten Durch den zwie geschwänzten Frack! Triste scheint zwar die Montur, Doch das ist von außen nur. Und nun komm, ich will dich leiten, Wie den Dante einst Virgil, Aber nicht in Höllenbreiten, Sondern mitten ins Gewühl Ausgelaßner Lustbarkeiten, Wo das Leben sich im Spiel Tanzend einmal wirklich regt, Wie das Herz den Takt ihm schlägt. Denn gewöhnlich sind wir heute So in Ernst getunkte Leute, Daß des Lebens heitres Ziel Unser m düstren Blick entfiel. Aber ganz ists nicht versunken, Manchmal lassen wir der Unken Dumpf Geläute Überschrein Von des Frohsinns Melodein. Und wir tanzen wie besessen Ins verlorne alte Land, Das wir beinah schon vergessen, Wie die Kinder Hand in Hand, Und im Aneinanderpr essen Fühlen wir: gottlob, der Brand, Der schon im Verglimmen schien, Kann noch helle Flammen schlagen, Wenn der Freude Melodien Sturm in unsre Seelen tragen. Sieh, wie reg die Brüste gehn 101 Unsrer Mädchen, unsrer Frauen, Sieh, wie ihre Augen glühen, Wie die schwarzen, braunen, blauen Helle, heiße Blitze s frühen! Hast du Schönres je gesehn ? Gerne möchte was entgegnen Dieser alte Klassiker, Doch da springt mit höchst verwegnen Sprüngen eine Tänzrin her ; Lange braune Ringelhaare Schweben ihr ums Angesicht, Dem zwei liebe braune klare Augen Leben sind und Licht; Rot und golden ist das Mieder, Rot und golden sind die Schuh, Aber um die schlanken Glieder Knistert gelbe Seide nieder Allerfeinsten Knöcheln zu, Wo Juponvolantgefieder Rüschenüppig raunt frou-frou. Und es faßt Herrn Plinium Diese holde Tänzrin um. Zwar er sagt: „Ich kann nicht tanzen". Doch sie sagt: „Es wird schon gehnu, Und schon seh des Röckchens Fransen Ich um seine Schöße wehn. Marmelsteinern, Elfenbeinern Sieht man bald von Ferne her, Seiner Glatze Kugel leuchten, Wie des Seehunds runden feuchten Schädel aus bewegtem Meer. Und sie regt sich Und bewegt sich, Und sie rötet sich im Tanz. 102 'Jetzo hier und jetzo dorten, Wirft sie holde allerorten Ihren roten Vollmondglanz. Mittendrin im Walzerschwall, Plinius ist überall; Hier jetzt, da jetzt, Fern jetzt, nah jetzt, Schöße hoch und Beine reg, Plinius macht seinen Weg; Schleifer, Dreher, Hopser, Steher, Welche Schikanen Auf Walzerbahnen Je man ersann, Kann dieser Mann. fast wird mir schwindlig bei dem Gedreh „Heda, he, Plinie/ Tun dir nicht endlich die Beine weh ? Halte doch an!" — „Kerne Idee! Noch eine Runde rum! Links herum, rechts herum!" — Schon ist er fern! Hat man seine Not mit den Klassikern ! Endlich ist der Tanz vorbei, Und es setzen sich die zwei. Aber so : Der Domino Auf den Schoß dem Plinio. Und der alte Römer spricht: Wenn die Frohen tanzen wollen, Hält sich auch der Weise nicht Fern von ihrem schönen Tollen, 103 Sondern geht mit in das Haus, Wo in Trubel und Gebraus Leben selbst wird zum Gedicht, Das von jenen Pfaden handelt, Drauf sich Lust in Weisheit wandelt Und die Düsternis in Licht. MAESTRO TOD Auf einem Tanze war ich diese Nacht; Die Röcke flogen, und die Luft war heiß, Die Brüste wogten, und es flackerten Die Augen wie das Feuer im Kamin, Wenn durch den Schornstein niederfährt der Wind. „O du, o du, dich will ich! Tanz mit mir! Horch wie der Walzer weht! ! Wie Südwind weht!! Horch, was die Geige heiße Worte singt! Wie Flammen fliegen ihre Töne hell, So heiß, so heiß! O, wie der Walzer brennt! Komm! In die Flammen tanzen wir hinein!'' Da schwieg die Geige. Vom Orchester fiel, So wie ein Stein in sumpfig Wasser fällt, Daß träge Ringe wellenflach zergehn, Fiel dumpf ein Ton, wie eine Wolke grau, Ein Ton, wir wußten nicht, von wem er kam, Breit, langsam, schwer in unser Tanzgewühl. Das gelbe Gaslicht löschte zitternd aus. Ein nasser Eiswind fegte durch den Saal. 104 Wir blickten auf: In Phosphorlichte stand Der nackte Tod. am Dirigentenpult. Er stand verschränkten Arms und lächelte. Dann brach behutsam eine Rippe er Aus seinem Brustkorb, klopfte leise auf Und dirigierte, hingegeben ganz, Den Tönen, die nur er vernahm, entzückt. In seinen Hüftenknochen wiegte er sich Und nahm das Tempo langsam bald, bald schnell, Rief bald die unsichtbaren Bläser an, Bald winkte er den Geigern. Hob und senkte sich Auf seinen Knochenbeinen, zierlich, ganz Musik. Wir alle standen aufgewandten Kopfs, Vor Schrecken starr, und sahn nur ihn, nur ihn. Denn um uns her war aller Nächte Schwarz. Dann aber fuhr in uns des Walzers Geist, Des unhörbaren, und wir wirbelten Im Tanze durch den kalten, finstern Saal Und wiegten uns und drehten uns verzückt, Und drückten Brust an Brust uns, flüsterten Von Sehnsucht und von Liebe, lächelten Und küßten uns im Tanz. Maestro Tod, Im Phosphorlicht am Dirigentenpult, Schwang seine Rippe. Tonlos tanzten wir. Es war ein Tanz so schön, wie nie vordem Wir einen noch getanzt. Wir kosteten Die Seligkeit des Blattes, das vom Baum In schwanken Kreisen herbstlich niederweht. 105 VOLläRE ABSCHIED Das Leben ist voll Gier und Streit, — Hüte dich, kleines Vöglein! — Viel große Schnäbel stehen weit Und böse offen und heiß bereit, Dich zu zerreißen. Dein Herzchen schwillt, dein Kehlchen klingt, — Hüte dich, kleines Vöglein! — Der Geier kommt, der dich verschlingt; Du, so beseelt und bunt beschwingt, Zuckst in den Fängen. Mir ist so bitterbang zumut, — Hüte dich, kleines Vöglein! — Ich weiß nun bald, wie Sterben tut, Und laß mich tragen von der Flut, Die alles fortschwemmt. MÄDCHENLIED Auf einem jungen Rosenblatt Mein Liebster mir geblasen hat Wohl eine Melodei. 106 Es gab mir viele Dinge kund. Das Rosenblatt am roten Mund, Und war kein Wort dabei. Und als das Blatt zerblasen war, Da gab ich meinen Mund ihm dar Und küßt an ihm mich satt. Und viel mehr Dinge tat noch kund Der rote Mund am roten Mund, Selbst als das Rosenblatt. DER JUNGEN HEXE LIED Als nachts ich überm Gebirge ritt, Rack, schack, schacke mein Pferdchen, Da ritt ein seltsam Klingeln mit, Kling, ling, klingelalei. Es war ein schmeichlerisch bittend Getön, Es war wie Kinder stimmen schön. Mir wars, ich streichelt ein lindes Haar, Mir war so weh und wunderbar. Da schwand das Klingeln mit einemmal, Ich sah hinunter ins tiefe Tal. Da sah ich Licht in meinem Haus, Rack, schack, schacke mein Pferdchen, Mein Bübchen sah nach der Mutter aus, Kling, ling, klingelalei. ioy LIED DES SCHIFFERMÄDELS Auf der Jemen See ein Segel steht, Mein Schatz ist auf der See; Der Wind mir an die Beine weht, Der Wind, der Wind von der See. Blas ihn her zu mir, blas ihn schnell zu mir her, Du Wind, du Wind auf der See; Mein Herz ist so tief, so tief wie das Meer Und so stark wie der Wind auf der See. MÄDCHEN GEFLÜSTER Geflüster aus Mädchenmunde In sommernächtiger Stunde, Das ist wie Märchengesumm; Drin raunt das Werden der Zeiten, Viel Lachen und viel Leiden, Und wie beim Wiegenliede der Mutter steh ich stumm. Sie wissen nicht, was sie fragen, Sie wissen nicht, was sie sagen, Und ihrer Worte Klang Ist doch ein tiefes Künden Aus allen Lebens Gründen; Wie wird es mir beim Klange der Glocken am Ostern bang. Aus scheuen Dämmerungen Wispern des Lebens Zungen; Das ewige Rätsel lallt. 10S Da wird es den Mädchen bange Vor ihrem eigenen Klange, Aus dem das Wellenversinken der Welten widerhallt. ROSEN Als ich im kurzen Röckchen ging, Da wüßt ich gerne jedes Ding Und ließ der Mutter keine Ruh: Warum? Weshalb? Wieso? Wozu? Schwer war es, Antwort sagen Auf soviel schwere Fragen: Du Mama, sag, Mama, Wozu sind denn die Rosen da? Sprach Mama: Eisasa! Rosen sind zum Brechen da. Nun trag ich schon ein langes Kleid Und bin selbst fürchterlich gescheit Und darf nicht jeden stellen: Du, Warum? Weshalb? Wieso? Wozu? Und hob doch viel zu fragen. Was würde die wohl sagen, Früg ich: Du, sag, Mama: Wozu sind denn wir Mädchen da? Sprach Mama: Eisasa! Mädchen sind zum Küssen da. IOQ RIEKE IM MANÖVER SINGT Ulanen, das ist leichte War, Heut hier und morgen dort, Kaum haben sie sich satt geküßt, Da reiten sie schon fort. Ade mein Schatz, trara, ade, Und wenn ich dich nicht wieder seh, Es ist doch schön gewesen. Die schweren Reiter, stramm und lang, Sind alle grade so, Heut tun sie hier wie mordsverliebt Und morgen irgendwo. :j: Ade mein Schatz . . . :/: Dragoner und Husaren gar, Die sind gleich wie der Wind, Schnell reiten haben sie gelernt Und küssen auch geschwind. :/: Ade mein Schatz . . . :/: Die Infantristen machens grad So wie die Reiterei; Vorm Zapfenstreich noch schnell ein Kuß, Und morgen ists vorbei. :l: Ade mein Schatz . . . :j: Sogar die schwere Artillerie Nimmts mit der Treu nicht schwer, Mit Küssen und Kanonen zieht Im Lande sie umher. :j: Ade mein Schatz . . . :j: Kurz alles, was im bunten Rock Läuft, reitet oder fährt, HO Von wegen ihrer Treue sind Sie keinen Heller wert. :\: Ade mein Schatz . . . :j: Und trotzdem ist doch nichts so schön Als wie das Militär, Ich wollte, daß das ganze Jahr Nichts als Manöver war. Ade mein Schatz, trara, ade, Und wenn ich dich nicht wie der seh, Es ist doch schön gewesen. DAS MÄDCHEN AM TEICHE SINGT Fische, Fische feine Schwimmen in meinem Teiche; Über dem Wasser im Sonnenscheine Hängt eine grüne Weide. Leise, leise, leise Runden sich Wellenkreise, Wenn ein Fischlein sprang. Bald ist mir lustig, bald ist mir bang. Ein Ringlein laß ich sinken Tief auf den Grund. Tut aus der Tiefe blinken Ringlein rot und rund. Wie wenn ein Fischlein sprang, Gehn von dem Ring die Kreise; Ach Gott, wie ist mir bang. in DAS MÄDCHEN OHNE BRÄUTIGAM Wenn ich Braut bin, wenn ich Braut bin, Will ich haben kein weißes Kleid, Kein weißes Kleid; Aus schwarzer Seide, so soll es sein, Aber viele, viele weiße Rosen drein, Große, weiße Rosen gestickt. So will ich gehen, so will ich gehen, Ganz, langsam, langsam an den Altar. Aber rote Rosen, ganz dunkelrote Rosen Im Haar. Und mein Brauthemd ? Mein Brauthemd? Wie soll das sein? Vom allerfeinsten Linnen Und schneeweiß soll es sein. Bloß oben am Halse von Spitzen ein Rand Und unter den Spitzen ein blaßblaues Band. So soll mein weißes Brauthemd sein. Und dein Bräutigam, Mädel, wie soll der sein ? Schön und stark soll mein Bräutigam sein, Nicht gar so baumlang, aber auch nicht klein, Und nicht schniegelbügelglatt ; Mit den Augen soll er lachen, Wenn er im Arme mich hat. Kennst du so einen? Gott, bist du dumm! Ich kenne keinen. Wenn ich einen kennte und hätt ihn lieb, Mir keine Zeit zum Ausmalen blieb. Nahm ihn, wie er wäre, ob groß oder klein ; Auch das Brautkleid sollte mir einerlei seih. Würde nach seinem Auge mich kleiden 112 In schwarze oder weiße Seiden. Weiß doch, daß mir alles steht. So ist dir gar nicht ernst, was du sagst? Nein bist du dumm, wie so ernst du fragst/ Bloß, daß die Zeit vorübergeht, Bis er kommt, den ich und der mich mag, Vermal ich bunt mir so den Tag. Ach, dann, wenn er da ist, dann, ach, dann, Mal ich mir weder Kleid noch Mann. Dann tu ich . . . Was denn? Hasche mich, du! Na, so komme doch, lauf doch, greif doch zu/ Gott, bist du langsam/ Wenn ihr alle so seid, Brauch ich niemals ein Hochzeitskleid. in WILDE BLUMEN ERNSTE MAHNUNG Deine lachenden Augen ruhen auf mir Sonnenscheinwarm und trösten mein Herz; Dein kleines Grübchen der rechten Wange Macht lustig mein Herz, denk ich bloß seiner; Dein rascher Schritt belebt mein Auge Und spendet Flügel meinen Gedanken; Dein Schelmenkinn dünkt mich so witzig, Wie zehn französische Komödien Und dreißigtausend ur germanische ; Deiner Lippen geschwungener Liebesbogen Jagt Kußwild auf in meinem Herzen (Ich denke du findest das Bildchen zierlich!) Und wenn du sprichst, schwillt auf mein Fühlen; Dann bin ich selig ganz, ganz selig, Die Engel im Himmel dann hör ich ja singen! Aber nur eins, mein Mauserl, bitte, Eins vermeide — es macht nervös mich — , Sprich mir nicht das Hauptwort „Heiratu. Dieses Hauptwort klingt so ledern, Wie ein ganzer Leitartikel, Und ich hasse sehr dergleichen. 114 FUND Was das doch war? In einem alten Notizbuch windig hingekritzelt fand ich Dies schnurrige Versvolk: „Im gelben Schlafrock mit roten Quasten Kommt mir entgegen die Kleine mit Würde. Und sie klappert mit blauen Pantöffelchen, Die mit Silber und Golde gestickt sind. Aber trotz dieser höchst kostspieligen Ausstattung und trotz meines schäbigen Exterieurs fallt mir um den Hals gleich Diese seidene Schönheitskönigin." Die Verse sind so verzweifelt schlecht. Daß es mir scheint: das Ding ist echt. Was es nur war . . .? ALTER GLÜCKSZETTEL Zwischen Hetzen und Hasten, In Lärmen und Lasten, Von Zeit zu Zeit Mag gerne ich rasten In Nachdenklichkeit. Fliege, fliege, mein Denken, zurück, Suche, suche: in heimlichen Ecken Dämmerbrauner Vergangenheit Mag wohl von verklungenem Glück Blinkend ein Blättchen stecken. Und ich suche in meinem Andenkenkasten. Zwischen Bändern und Briefen, Die lange schliefen, Aus trockenen Blumen und blassen Schleifen Will ich mir was Liebes greifen. t!5 Da fand, einen Zettel ich, bleistiftbe- schrieben, Der hat mir die Wärme ins Herz getrieben. Was stand denn da? Von meiner Hand: I mag Di gern leidn; Du: Magst Du mi aa?, In schmächtigen Zügen darunter stand: 7«- In Lärm und Last, In zager Zeit War mir ein Gast Aus Glückseligkeit Dies kleine Ja der Vergangenheit. ICH FREUE MICH AUF MORGEN Gell ja, also morgen? . . . — „Ja freili, wenn S' aufstebn." » Aber natürlich werd ich aufstehn! Punkt sechs wirds klopfen: „I geh . . ./" Und. heraus aus dem Bette Mit einem Gewaltsprung, Und hinein in die Kleider Mit heftiger Begeisterung, Und hinaus und hinunter Ans Tor zu dem Mädel, Und fort, fort, forty In den Tag hinein, 116 In den blühenden Tag, Zu zwein, zu zwein! Ich jreue mich auf morgen. Was eigentlich die Kleine will, Das mag der Teufel wissen/ Bald guckt sie mich gar glühend an, Als war sie hingerissen. Wovon? Wozu? Ich ahn es nicht; Der Teufel mag es wissen. Dann aber wieder macht sie mir Ein Lärvchen, furchtbar sauer, Daß mirs durchs ganze Rückenmark Hinfährt wie kalter Schauer. Weshalb ? Warum? Ich weiß es nicht, Bin immer gleich beflissen. Was eigentlich die Kleine will: Der Teufel mag es wissen. WARTELOHN Morgenjunge Herrlichkeit, Hell die Welt und frisch der Wind, Wartend klopft mein Herz geschwind — .• Eine Minute schon über der Zeit! Ach, wie oft schon sagt ichs, Kind: Pünktlichkeit! Und ich spähe augenweit, Und ich schaue fast mich blind, Ist das Mädel nicht gescheit? 1*7 Zehn Minuten schon über der Zeit! Soll ich eine Ewigkeit Warten und, sehnen!? — Langsam rinnt Der Minuten Folge, breit Wie ein Teer ström. — Zeit, o Zeit! Deine Minuten wie Stunden sind! . . . Sieh, da flattert ihr blaues Kleid, Flattert im Wind! Alles Warten ist verwunden, Hat sich Mund auf Mund gefunden, Blick in Blick sich eingesenkt. Dehnten jetzt sich die Sekunden Aus zu langen Dämmerstunden, Wärs kein Umstand, der uns kränkt, Da der Wind mit leisem Neigen Ein Panier aus Frühlingszweigen Über unsren Küssen schwenkt. TRAB Gern wohl möchte mich die Braune. Doch ich soll erst karessieren, Redebutterbröte schmieren; Dazu hob ich keine Laune. Komm und küß und sei vernünftig, Spiel nicht lange erst die Spröde! Schönste Schmeichelbutterbröte Und noch mehr bekommst du künftig. KETZERKÜSSE Grün deine Federn am Hut, mein Kind, Blau deine Augen im Kopfe sind! 118 Wie kannst du so was wagen! ? Grün faßt nicht zu blau, Wird dir -prompt und genau Ein jeder Professor sagen. Was? Dir ist das ganz, einerlei! Du sagst, daß es dir — schnuppe sei, Was Professoren sagen? Mein Kind, mein Kind, dein Sinn ist schlimm Ich aber will ad interim Es dennoch mit dir wagen. Verwegen zwar, ich fühl es, ist Mein Tun, doch wenn du gnädig bist, Wird mirs zum Heil ausschlagen. Komm, gib mir deinen roten Mund Und laß uns küssen und lachen und Kein Mensch darum fragen. SANKT HEINRICH Hinter Wipfelgrün am See Liegt das Dorf des heiligen Heinrich; Zwischen Wiese, Wald und Feldern Ruht es mollig eingebettet; Leise geht des Lebens Atem Hinter Wipfelgrün am See. Hinter Wipfelgrün am See, In dem weißen Wallfahrtskirchlein, Liegt der heilige Heinrich selber Mit dem knorrigen Eichenknüppel. Ruht sich aus von seinen Tugenden Hinter Wipfelgrün am See. 119 Hinter Wipfelgrün am See, Wo Henricus mit dem Knüppel Schläft den Schlaf gerechter Seelen, Schaft ein allerliebstes Mädel, Tugendhaft wie Sankt Henricus, Hinter Wipfelgrün am See. Hinter Wipfelgrün am See, In der kleinen Wirtshausstube, Zwischen weißen Ahorntischen, Zwischen dunklen Efeuranken Weht Mariens weiße Schürze, Hinter Wipfelgrün am See. Hinter Wipfelgrün am See Hab ich um den heiligen Heinrich Und des heiligen Heinrichs Tugenden Mich höchst wenig nur gekümmert, Aber selig war ich dennoch Hinter Wipfelgrün am See. Hinter Wipfelgrün am See War höchst selig mir zumute, Sah ich in das Aug Marien, Drückte ich die Hand Marien, Küßte ich den Mund Marien, Hinter Wipfelgrün am See. Hinter Wipfelgrün am See, Wo des Lebens Atem leise Weht und Sankt Henricus schlummert, Träumt ich mir ein Friedensmärchen, Sonnt ich mich in Märchenaugen, Hinter Wipfelgrün am See. Hinter Wipfelgrün am See Liegt das Land, das herzverheißene, 120 Voller Blumen, voller Düfte, Voller Lieder, voller Träume, Meines Herzens Kanaan, Hinter Wipfelgrün am See. Hinter Wipfelgrün am See . . . Aus dem Paradies getrieben Bin ich nun mit meinen Träumen. Eichenknüppelheiliger Heinrich, Dich heneid ich und dein Schlummern Hinter Wipfelgrün am See. DER ALTE ORGELMANN SINGT Einst in meinen Jugendjahren Hab ich Liebe viel erfahren, In der Beletage sowohl Wie Sout'rain und Entresol. Bin ein frecher Fuchs gewesen, Machte nicht viel Federlesen, Rupfte hier und rupfte da, Lina, Laura, Lucia. Als Student hat man es leichte, Denn es heißt selbst in der Beichte: Studiosus fecit id? Macht ein Rosenkränzlein quitt. Und so lebt man wie die Finken, Drückt auf rauh und glatte Klinken, Führn sie nur zum Kämmerlein, Wo die lieben Mädchen sein. 121 Jetzo bin ich alt geworden Und im grauen Katerorden Aller ältster Senior; Komm mir selber putzig vor. Von dem ganzen Lie-la-lieben Ist kaum ein Gedicht geblieben, Das erbärmlich klagt und klingt Und Erinnerungen singt. Traurig dreh ich meine Walze, Die, belaugt vom Tränensalze, Förmlich um Erbarmen fleht, Weil es mir so übel geht. Laß ich meine Walze rasten, Dreht da drüben ihren Kasten Laura, einst die schönste Maid, Jetzt ein Weib im Lumpenkleid. Sie auch hat es toll getrieben Mit dem gottverfluchten Lieben, Darum, hör es, Publikum, Dreht sie das Harmonium. O ihr netten, jungen Leute, Liebt mit Maßen und gescheite, Bis ihr, tadellos gesund, Schließet einen Ehebund. Denn die aller schlimmste Ehe Tut noch immer nicht so wehe, Wie das Leierkastenspiel, Denn dies ist kein Lebensziel. 122 Kinderzeugen dahingegen Macht Vergnügen und bringt Segen, Wenns geschieht im Ehebett Standesamtlich und honett. DJS LIED DES VERLASSENEN LEHMANN Ich hob ein schönes Mädchen Gehabt; Das hat mich mit viel Liebe Gelabt. Ach Gott, wie war sie niedlich, O Gott, wie war sie nett! Ich kaufte ihr aus Rosenholz Ein Himmelbett. Ich kaufte ihr auch Kleider Und Schuh; Die Unterröckchen machten Frou-frou. Sie war, beim Himmel, sauber Und reizend anzusehn, Es konnte mit ihr jeder Prinz Zu Tanze gehn. Da machte mich die Liebe Verdreht; Ich ging mit ihr zum Pfarrer, O bete! Sie hat mirs nie verziehen, Daß ich sie so verkannt: Ist mit dem ersten besten Kerl Davon gerannt. 123 Das ist doch niederträchtig, Nicht wahr? Ich raufe mir den Bart und Das Haar. Die Röckchen, Höschen, Schühchen Und auch das Himmelbett Hat nun der miserable Schuft, O Schwerebrett! Und alles das von wegen Dem Ring, Den sie von mir beim Pfarrer Empfing. O, welch ein großer Esel War ich und Pavian! Die Legitimität hat mir Das angetan. Und darf ich sie denn schelten? O nein. Es mußte ganz natürlich So sein. Sie hatte für die Ehe Nun einmal kein Talent; Das Variete der Liebe war Ihr Element. Mag sie zum Teufel tanzen, Ade! Mir tun davon die Beine Nicht weh. Ich sitze im Parkette Vergnügt voll Spannung da: Sie hat den fünften Partner schon Halleluja! 124 JOSEPHINE I Ihr Kleidchen ist von larlatan, Ihr Herzchen ist von Golde; Ich bete, ich bete das Mädel an, Ihre Guckaugen haben mirs angetan, Josephine, Sephine, du Holde/ II Wenn sie lacht, wenn sie lacht, Ist der Himmel erwacht, Gottvater singt selbst ihr zum Lobe Ein Lied, das er selber gemacht: Seffi, Ach stelle mich nicht auf die Probe. Sonst werd ich frivol, Daß der Teufel mich hol, Und mache mich, dir zum Preise, Wie Zeus auf die Lumpenreise. Gottvater singts im tiefsten Baß, Ihm werden beide Backen naß Vor lauter Liebestränen. Sie aber streicht die Backen mir, Sie aber kraut den Nacken mir Und tut sieh an mich lehnen. Seffi/ III Der Himmel ist blau, das Wetter ist schön, Madame, wir wollen spazieren gehn! Da ist sie dabei! In den blühenden Mai Aussegeln wie Frühlingsfregatten wir zwei. 12$ Wie Blütenschnee ihr Kleid so klar, Ein Blumengarten ihr Strohhut war, Ein moosgrün Band vom Hute hing, Wie Wimpelwurf im Winde ging. Recht wie ein schwarzer Würdebär Ging neben der Fee mein Leibrock her. Wie wunderbar Der Maitag war! So frisch, so hell, so kühn, so jung, Wie Kinderglückserinnerung, Und so voll Liebe und Heiligkeit; Ach, kranke Welt, wie bist du weit, Weit von uns fern mit deiner Gier, Mit deinem Haß, mit deinem Streit, - Wir seligen, seligen Kinder wir! IV Und es senkt sich die Nacht. Kühle Winde, blasse Sterne. „Du, hast du mich gerne?" Und sie küßt mich und lacht. Und wir gehen nach Haus. Alle Menschen schon schlafen. Die Fregatten im Hafen . . . Und die Lampe löscht aus. KOMM HER UND LASS DICH KÜSSEN Die Luft ist wie voll Geigen, Von allen Blütenzweigen Das weiße Wunder schneit; T2Ö Der Frühling tobt im Blute, Zu allem Übermute Ist jetzt die allerbeste Zeit. Komm her und laß dich küssen! Du wirst es dulden müssen, Daß dich mein Arm umschlingt. Es geht durch alles Leben Ein Pochen und ein Beben: Das rote Blut, es singt, es singt. JEANETTE I Was ist mein Schatz? — Eine Plättmamsell. Wo wohnt sie? — Unten am Gries. Wo die Isar rauscht, wo die Brücke steht. Wo die Wiese von flatternden Hemden weht: Da liegt mein Paradies. Im allerkleinsten Hause drin, Mit den Fensterläden grün, Da steht mein Schatz am Bügelbrett; Hoiho, wie sie hurtig den Bügelstahl dreht, Gott, wie die Backen glühn. Im weißen Röckchen steht sie da, Ihre Bluse ist blumig bunt; Kein Mieder schnürt, was drunter sich regt, Sich wellenwohlig weich bewegt, Der Brüste knospendes Rund II IM ALTEN TON Der Frühling kam, die Knospen sprangen, Da bin ich auf die Wiese, 127 Ja Wiese, Alleine hinausgegangen. Ich ging allein Und kam zu zwein: Mit einem holden Kinde; Das hab ich geküßt auf den roten Mund Wohl unter der grünenden Linde, Dem hab ich den Blick in die Augen gesenkt, Das hat mir seine Liebe geschenkt Und hat mir gelacht Zum Lohn bei der Nacht, Zur Seite geschmiegt mir im Bette: Ein Waschermadl ist mein Schatz, Mein brauner, mein wilder, mein lustiger Schatz, Und heißt Jeanette! III IN ENGER KAMMER Ein Bett, ein Stuhl, ein Tisch, ein Schrank, Und mittendrin ein Mädel schlank, Meine lustige, liebe Jeanette. Braune Augen hat sie, wunderbar, In wilden Ringeln hellbraunes Haar, Kirschroter Lippen ein schwellend Paar, — Jeanette! Jeanette! Am Fensterbrett ein Efeu steht, Durchs grüne Geranke die Liebe späht, Meine lustige, liebe Jeanette. Türe auf: da liegt mir am Hals das Kind. Alleine wir beiden, es singt der Wind Das Lied von zweien, die selig sind, — Jeanette! Jeanette! 128 WALDVÖGEL Ein wohlbestelltes Mieder, Die Backen rot gesund, Den Schnabel voller Lieder Und vorn und hinten rund. Zwei Augen glutend blaue Und eine kleine Hand, Wohl mir, waldwilde Fraue, Daß ich dich einsten fand. Es war im tiefen Walde Und Sommers war die Zeit, In einem Wipfel balde Nesthockten wir zu zweit. Und niemand hat gesehen Das sondre Vogelpaar, Das hoch im Windewehen Vor Glücke schwindlig war. JUCHZER Bauernmädel rundes, Bauernmädel gesundes, Bauernmädel schenkelstramm Haut die ganze Welt zusamm, Juhu! IM WIRBEL FORT Moosgrün aus Samt ein Band im blonden Haar, Ein Färblein Rosarot dazwischen war, 12g Das ganze Kind war ganze sechzehn Jahr, Und es war Mai. So kams, daß uns mit Strahlen flitterfein Umfädelte der sanfte Sonnenschein; Die Knospe sprang, ach Gott, es war im Main, Die Knospe sprang. Ich hätte gern in Treuen sie gehegt, Ich hätte gern sie mir ans Herz gelegt, Da hat ein Wind sie wirbelnd weggefegt. Wem blüht sie nun? 130 FREMDE BLUMEN DIE TANZGILDE (Nach Arne Garborg) Oihoh du! Ahei! Die Geige fängt an! Komm, her, Mädel, komm, zum Tanze tritt an, Zum Tanze mit mir, o du Meine! Der Fiedelbogen springt, Die Geige singt; Hör, hör, wie das klingt! Es ist wie Gelach und Geweine. Wir gingen vier Wochen ein jeds für sich Und dachten so lange Und achten so bange, Jetzt aber im Arm fest halt ich dich, Und warm im Arm dir fühl ich mich, Jetzt gehn wir nicht mehr alleine! Und rundumadum Mit Jodelgejuchz Zu Baßgesebrumm Und Geigenge schluchz! Fest sie im Arm, Dreht er sie warm, Der Bursche sein Mädel im Tanze. Sie stürmen im Braus Mit Sprung und Schwung, Es dröhnt das Haus, Und der Bursche jung Fängt an zu flebn, Sie soll mit ihm gehn, Das Mädel mit ihm — nach dem Tanze. Sie aber, bedacht, Sagt ihm Bescheid, Und alles lacht Und johlt und schreit; Und Rausch und Wut, Und es brennt das Blut, Und es jauchzen die Geigen zum Tanze. Das Hügelweibchen, im Winkel allein, Das murmelt und lächelt leise Und sieht mit gespenstischen Augen hinein In die tummeltanztob enden Kreise. O, was da all fliegt Und kraucht und kriecht, Was für Tierzeug im Tanz in der Stube sich wiegt! Jedjedes von ihnen sein Seeltier hat, Das folgt ihm im Rücken getreulich, Von allerlei Farbe und jeder Gestalt, Aber alle sind sie abscheulich. O, könnten sie sie schaun! Es würde sie graun; Und würden nicht fürder des Teufels Korn baun. Schopf - Ola vom Hügel, gestriegelt und glatt, Der dort, mit der Taille, der schmalen, Einen dürren Gockel zum Folgevieh hat Mit Sporen und Schwanzfederprahlen ; Der Dös-Peter Waaf, Der hat ein Schaf, Aber der schlaue John Sanftland ein Füchs- lein brav. 132 Der faule Knut Waldkamm, der „laß man"- Knut, Der hat eine Sau zum Geleite, Dem Andree Hochland, dem Mädchenvogt, Springt jaffend ein Bock zur Seite. Und dem freundlichen Grein, Der sich dreht so fein, Folgt der graue Wolf auf dürrem Gebein. Den Lüder Jahn -John stupst ein hungriger Gaul, Der nicht Wasser noch Heu kriegt zu schauen, Ein Bär sperrt hinter Lars Kraftarm das Maul, Jakob Schlüpfrigen hörst du miauen; Und, guck mal an: Der grimme Christian, Der hat ein Häslein zum Kumpan. Klatsch-Guri eine Zicke hat, Mit Bommeln an der Kehle, Die dicke Malli ein Ferkel glatt, Zank-Berit eine Töle. Eine Elster dort Hinter Mari Nord; Rackel Langschenkel läuft vor 'ner Stute fort. Die Maren, die Mette, die Lisabet, Auch Stine und Stockbrücks Oline, Die haben nur jede 'ne Leghenne fett, Desgleichen Bergklumps Jorine. Aber die Reiche von Koos, Die mit Silber hinterm Schloss, Die den Hof kriegt: die hat eine Gans riesen- groß. So geht es tummelrundum im Tanz, Zweibeinig und auf vieren; Das schwingt den Arm, das wirft den Schwanz, 133 Es zittern Balken und Spieren. Da trampelt es draus, Und herein mit Gebraus Volks mehr noch . . . daß Gott! Berstvoll ist das Haus! Kobold und Zwerg Aus Hügel und Berg, Geister Ertrunkener, Meernachtversunkener, Popanz und Borstentroll, Waldweib und Hügelweib, Dicker Leib, dünner Leib; Alles hinein übern Haujen wie toll. Rappelt die Flügel und plustert sich auf, Schüttelt das Fell, Und mit Geschnober, Geschnujel, Geschnauf, Kletter spechtschnell, Läuft es an Kisten und Kanten hinauf. Stiebend wie Federflaum Macht es sich mitten in Braus und Gelärm, Mitten im Tanzgestampf, Staub und Ge- schwärm Leiseleicht Raum. Tanzt in den Ecken, Keiner kanns sehn, Zinken und Becken Spielen Verstecken, Zauberwunderschön. Klirr und kling, Tingelingeling! Leise, ganz leise, Geisterliche Weise, Keiner kanns hören, Keiner kanns sehn: Wassertropf engluck, Quellgeriesel tief, Windgewein von West, Wellenwurf von Nord. 134 Winkelflüstern leis, ungesprochen Wort, Raschellaub vom Baum, das im Falle rief . . . Trippelt nun, trappelt nun, Graumänner chen, Grauweih er chen, Tippelt nun, tappelt nun, Die Sonne die schläft fest. Humpelt nun, hampelt nun, Herr Grauschopf und Frau Grauschopfin, Zumpelt nun, zampelt nun, Hei, Weihnachtsfest! Bummel, Bammel, Spinneräderrockentanz,, Rockentanzgeschrammel. Dunkel nah und ferne. Bammel, Bummel, Rücken-Rücken-Reihetanz,, Rückentanzgetummel. Dunkel Mond und Sterne. Und wild und wilder, hei, so recht! Zur Ecke schwing! Zur Decke spring! Mannshoch, hopp! so! Hei, bück dich, Knecht! Jetzt geht es ohne Maßen. Noch nie sahst du ein Tanzen so, So Lust und Lärm, So Schwung und Geschwärm, Es braust in die Nacht, in die Ferne, o, Es ist im Rausch ein Rasen. Jüchen, Jachen, Tummeltanz und Krachen, Krachen im Bärenpelze. Hier ist ein rechter Kerl, ahei! Durch Felsen gekommen, 135 Durchs Feuer geschwommen ; Willst du mich haben? Da hast du mich! Ei! Ich winke nur: Komm! Und ich kriege. Her mit dem Mund! Ich küß ihn, ho, So einen wie mich, Wünscht jede sich! Und rittst du bis Rom, findst keinen so, Der wie ich im Tanze sich wiege, Zieber, Zaber, Flacker tanzgew ab er, Schön ist die dunkle Weihnacht. Das Hügelweibchen sitzt und starrt, Schwer geht die Brust: in Flammen Zur Hölle rast die tolle Fahrt, Gespenster und Menschen zusammen. Das Licht wird matt; o, mehr und mehr Umringelt sie das Dunkel; Kobolde kommen ein ganzes Heer — Hui, glüht Springtanzgefunkel: Schatzeinziger mein, Komm, willst du mich frein, Spieltraudel mir sein Im Dudeli-dudelidei? Du, du nur allein, O, warte du mein, Und dein will ich sein Im Dudelidei. Um mich ists geschehn, Deinen Weg muß ich gehn, Zu Diensten dir stehn Im Häusela-Häusela-hei. Mußt zu mir nun auch stehn, Mit mir nun auch gehn, Dein Spinnrädel drehn Im Häusela-hei. 136 Flachs sollst du spinnen, Zwirn sollst du zwirnen, Strumpf sollst du stricken, Surelilei. Ich will dich tragen, Wiegen und wagen, Hegen und pfle- gelileia. Lein wolln wir weben, Den Wehebaum heben, Wacholder soll brennen, Surelilei. Die Wiege wird knacken, Renntier wird schmecken, Brot wolln wir bak- kelibeia. Schatzeinziger mein, Ja, willst du mich frein, Spieltraudel mir sein, Im Dudeli-dudelidei! ? Du, du nur allein, Ja, du warte mein, Dein, dein will ich sein Im Dudelidei! Die Harfe singt; Wie Weinen klingt Ihr Lied, gelind Wie Sommerwind. Wiegt sich so weich, Hebt sich so reich, Fällt in Traum, wird still und stiller. Nun, wieder erwacht, Schwillt es mit Macht, Brandet herauf 137 Wie Wogengetrauf: Tief aus dem Traum, Schaukelnder Schaum, Ringt sich ein schluchzender Triller. Ein blauer Kobold, reich und schön, Im Strähnhaar goldene Spangen, Tanzt her mit buhlendem Getön, Das Hügelzveibchen zu fangen: O du Zauberschön, Du sollst mit mir gehn, Dein silbernes Spinnrad im Blauhügel drehn. Bei Tage, da bin ich der braune Bär Und trolle im Walde, dem weiten, Bade tief im Waldsee mein Zottelfell schwer Und muß durchs Wildwasser schreiten. Spiel am Ufer hinan, Bin der Herr vom Tann, Soweit dein Auge ihn sehen kann. Doch, wenn die Zeit gen Mitternacht neigt Und der Tag in den Hügel gegangen, O, wie es dann glöckelt, o, wie es dann geigt! Dann bin ich in Tönen gefangen. Und schleiche mich ein, Zu dir mich hinein Und schlafe in deinen warm Armen ein. Meine Braut im Blauhügel sollst du sein, Sollst Silber und Seide tragen, Und eitel Glück soll um dich sein In allen deinen Tagen. O du Zauberschön, 138 Du sollst mit mir gehn, Dein silbernes Spinnrad im Blauhügel drehn. Aus streckt er die blasse, die blaue Hand, Ihr ist, sie müsse vergehen. Doch wie sie zum Kusse dem Mann sich ge- wandt, Hat ein Rattenmaul spitz sie gesehen. Ach Jesus! O Gott! O Gott! O Not! Sie fällt von der Bank und liegt wie tot. LTNG-LUN (Nach dem Flämischen des Pol de Mont) Durch Li-yo-ing, wo aus morastiger Erde Der Riesenbambus aufschießt wie ein Wald, Ging, in Gedanken ganz verstrickt, der Weise, Der Dichter Lyng-Lun. Kümmerlich sein Leib; Doch seine Seele, die war gottesstark. In breiten Stößen, osther, rauschten an Die Winde voller Kraft und bliesen laut Durch dieses Röhrichts palmenhohe Stämme; Und wundersame Weisen weckten sie Aus ihnen, daß es wie vom Menschen klang. Ein Singen, Jauchzen und ein Klagen wars. Bis zu des Weisen Füßen beugten sich Die schlanken Schäfte, seinen Wangen längs Schwebten wie Schmeichelhände ihre Blätter, Die langen, schmalen. Und es hielt Lyng-Lun In Schweigen sinnend einen Stamm zurück. Und zwischen zweien Knorren schnitt er sich, 139 Genau inmitten schnitt ein Stück er sich Heraus, und sieh: Da seinen Atem er Dem Rohre einblies, schwoll ihm sanft ein Klang Sehr tief und voll aus diesem Rohr entgegen, Ein Klang, lebendig wie die eigne Stimme. Und wunderbar : als hätte rings um ihn In Luft und Erden alles nur geschwiegen, Bis daß ihm Stimme gab sein Menschenmund, Ward nun mit eins die ganze Welt Gesang. Der Hoangho, der seinen grünen Strom Wie eine Flut von Schlangen vor ihm wälzte, Er wieherte wie ein gepanzert Roß, Wenn es "zum erstenmal im Lärm der Schlacht Auf Schild und Brünne Schwerter klirren hört. Der Fung-hoan, der rote Zaubervogel, Schwang sich mit seinem Weibchen auf den Ast, Und seiner Liebe süße Sehnsucht klang Wie lebend Gold. Da rief Lyng-Lun, der Weise, Begeistert laut: Ah, huldreiche Natur, Ich höre deine Stimme. Brülle, Strom! Sing, singe, roter Vogel! Winde, braust Und rauscht Akkorde durch das schwanke Rohr, Daß ich erlausche deiner Stimme Klang Und in mich berge, denn es wird fortan Mitklingen und mitsingen die Natur, Wo seiner Seele Tiefgefühl der Mensch, Der leidende, ausklagt, ausjauchzt, aussingt. Und sorgsam lauschend schnitt er Rohr auf Rohr Sich aus dem großen, schwanken Bambuswald Und stimmte sie genau: sechs nach dem Rauschen 140 Des Stroms, des Röhrichts und der wilden Bäume, Sechs andre aber nach der Vögel Sang Und dem Insektensummen; band sie alle Andächtig aneinand und brachte sie Voll hellen Jubels dem, der unterm Himmel Als Sohn der Sonne diese Welt regiert, Und niederknie end sprach er: Nimm dies, ha! In diesen Rohren lebt des Weltalls Seele. MOND IN DER KAMMER Nach Li-tai-po Hell liegt der Mondenschein vor meinem Bette, Als wenn die Erde weiß mit Schnee bedeckt sich hätte. Ich hebe mein Haupt empor: der Mond steht klar und rein. Mein Haupt ich senke Und dein gedenke Ich, Dorf, du kleine Heimat mein. DER PATRIOTISCHE HOL- LÄNDER (Eine fast unglaubliche Geschichte Herrn Franc-Nohain nacherzählt) Man hatte sich mit allen guten Dingen So vollgestopft, wie man es muß, Wenn die Ernährung soll gelingen ; Voll war man, voll bis zum Zerspringen, Nach Atem sah man schon die Kinder ringen, 141 Da rief der Hausherr: „Nun der Magen- schluß! Die Resi soll den Käse bringen!" Die Resi kam. Wie war sie blaß. Die Hausfrau rief: „Was ist denn das? Reicht man den Käse ohne Glocke ? !" — „Ach gnädige Frau!" rief Resi, „ach! Es. tat auf einmal einen Krach, Da war sie ..." — „Ungeschickte Docke!" Erwiderte die Hausfrau drauf, „So geh und kauf ''ne andre, aber, bitte, eine, Die nicht von selber sf ringt!" — Die Beine Nimmt Resi untern Arm und rennt. War die Geschichte fetzt am End, So war es keine. Doch, denken Sie! Nach einer Stunde Erscheint mit schreckenschiefem Munde Besagte Resi. Ihr Geschrei Verkündet: „Gnädige Frau! Entzwei Ist auch die zweite Glocke! Ich bin gewiß nicht schuld daran!" Die Gnädige sieht sie flammend an Und heißt sie mehr als eine Docke. „Du tust das, scheint mir, zum Pläsier! Schweig! sag ich . . . Und das sag ich dir: Paß auf! Sonst! ... 0/ Ist es zu sagen?! An einem Tage zwei zerschlagen! Hol eine andre!" — Ihre Beine Nimmt Resi untern Arm und rennt. War die Geschichte hier am End, So war es immer noch wohl keine. 142 Das Abendessen ist serviert, Wie lieblich lockt die kalte Platte, Mit Petersilie schön garniert, Die schon dasselbe Amt beim Mittagsbraten hatte. Nur eines fehlt: der Käse ist nicht da. „Ich sagte doch, Veronika," Bemerkt der Hausherr mit Verdruß, „Es soll und muß Stets Käse auf dem Tische sein! Muß man denn jeden Tag dasselbe sagen?" Die Gnädige klingelt, Resi wankt herein; Man sieht ihr an, wie ihre Pulse schlagen. Der Käse ist schon wieder glockenbar ! Da sträubt der Gnädigen sich selbst das fälsche Haar, Und ihr beredter Mund hat keine Worte. „Wie ! ? !" ruft sie endlich, „tust du mirs zum Torte?! O die Verworfne! Drei an einem Tag! Das halte aus, wers kann und mag! Ich kann es nicht! Bei Gott, ich kann es nicht!" Und will der Unglückseligen ins Gesicht, So scheint es, höchst persönlich springen. Da hebt ein wunderliches Klingen Sich wie von Aolsharfen durch die Lüfte, Und unter süß diskretem Rahmgedüfte Der rot geschminkte Edamkäse spricht : „Entschuld! gen Sie, wenn ich das Wort ergreife, Das meiner Art sonst nicht gegeben ist. Ich bin ein Käse von vollkommner Reife, 143 Daher der Ruhe hold und feind dem Zwist, Ein Sohn des Landes, wo aus Ton die Pfeife Und jeder Mensch ein tadelloser Christ? Weshalb es mir unmöglich ist, zu schweigen, Wo Unschuld soll das Haupt der Strafe neigen. Drum, kurz und gut, Madam, ich war es, ich, Der die drei Glocken leider hat zerschlagen, Und zur Entschuldigung kann ich nur sagen, Ich tats als Patriot, nicht lästerlich. Loyalität war schuld, daß ich das Glas zerstieß : Ich sfrang vor Freude auf, zertrümmernd mein Verließ; Der Patriot in mir wars, ders zu tun mich hieß. Ich war nicht wert, daß diese Lampe mich heschiene, Sprang ich nicht heute hoch als echter Patriot" (Hier sprang er wiederum, gleich einer Ballerine, Was einen wirklich schönen Anblick bot; Bewundernd klirrten Maßkrug und Terrine), „Heut ist vor Freude meine Rinde rot: Heut ist der Hochzeitstag von ,unsrer Wilhelmine'!" FATALES ABENTEUER EINER DAME, DIE EINEN NEUEN HUT AUFHATTE nach Franc Nohain Eine schöne Dame ging, Trippeltripp, Spazieren. 144 Ach, was für ein schöner Hut Tat das Haupt ihr zieren! War aus Nichts der Hut gemacht, War erdichtet, war erdacht, Ein seliger Traum, eine reine Idee. Aber ein jeder mußte sich sagen: O glücklich, die den Hut darf tragen; Er stammt aus einem guten Atelier! Sie möchten wissen, woraus er bestand, Und denken sicher an allerhand: Spitzen, Blumen, Samt, Mull, Stroh Oder so, Seide, Pelzwerk, Filz, Plüsch, Band, Und was immer sonst für Tand Künstlergeist und Künstlerhand ■ Hold erfand, — Aber no: Dieser ganze Hut bestand Aus dem Vogel Tütrüo, Der im fernen Inderland Irgendwo Sich von süßen Früchten nährte, Bis das Glück es ihm bescherte, Daß auf einer Prachtfrisur Nicht mehr bloße Kreatur, Nein: zur reinen Kunst er werde, Blüte edelster Kultur. Seiner früheren Natur Wurde insoferne nur Etwas Rechnung noch getragen, Als vier Weinbeerin vor ihm lagen. Es wird Sie wohl nicht wundernehmen, 145 Daß unsre Dame zufrieden war Mit diesem ebensowohl bequemen Wie geschmackvollen Schmuck auf ihrem Haar. Sie konnte sich selbst nicht satt dran sehen Und blieb, wo nur ein Spiegel war, Mit heitrem Antlitz selig stehen Und fand ihn wieder und immer wieder, Vorm Juwelier wie vorm Konditer, Einfach süß und wunderbar. Der schöne Vogel Tütrüo War aber nicht vollkommen so Wie seine Dame des Daseins froh: Er fand es vielmehr blöde Und öde, Ganz ohne Unterlage von Stroh Allein mit seinem Flügelf aar Einen Hut zu bilden auf bloßem Haar, Und zwar (Was ihm besonders peinlich war) Gratis und ohne Honorar. Drum nahm er die Gelegenheit wahr, Als seine Dame mit einem Herren konver- sierte, Der auf einem stattlichen Rotfuchs saß, Und fraß Eine der Weinbeerin, die ihn schon lange intrigierte; Wobei es ihn im mindesten nicht genierte, Daß sie aus Wachs war oder Glas. Im Gegenteil, sie schmeckte ihm sehr gut, (Vielleicht in seiner Eigenschaft als Hut) Und so fraß er auch die zweite, die dritte, die vierte. Und, wie die Dame weiter kokettierte, 146 Tat er, was jeder Vogel tut, Der sich an Früchten delektierte, (Glas oder Wachs geht ebenso ins Blut) Das heißt: er lud Ein grünlich-weißes Häufchen ab und sang Kwitü — trüof Kwitü — trüo! (Daher der Name Tütrüo/) Und schwang Sich in die heitre Bläue Ganz ohne Scheu und Treue Und Reue. O himmlische Gnade/ O gütiger Gott! Die Dame war nun ohne Capott. Hutlos, Mutlos, Schwere Not, Stand sie auf der Straße, Und, weil es November war, Fuhr der Wind ihr durch das Haar Wütend mit Geblase. Und das Haar war rot. Wie der Rotfuchs das erblickte, Drauf der Reiter saß, Blicke der Wehmut gen Himmel er schickte, Tränen er sechse im Auge zerdrückte, Aber das Haar er fraß. Denn sein Sohnesherz erkannte: Derer, die er Mutter nannte, Roter Schweif war dies, Eh der Menschen Eigennutz und Tücke, Kalt der andren Gottgeschöpfe Glücke, Unbarmherzig hin sie morden ließ, Daß des stolzen Schweifes Röte 147 Als Perücke Jener Dame Hauptschmuck böte. Ja, er fraß es ganz und gar, Pietätvoll, wie er war, Dieses schöne rote Haar. Die Dame aber bekam einen Katarrh. Denn der November ist nicht zart Mit denen, welche unbehaart Und unbehutet sind. Da schadet schon der kleinste Wind. Sie fühlt sich auch heute noch gar nicht wohl, Trotz Antikatarrhin und Sozojodol. WINTERLANDSCHAFT BEI GNESEN nach Franc Nohain V ierundzwanzig Tage Hat es schon geschneit. Das ist eine Plage! Ach: du liebe Zeit, Wohin ich seh, Überall Schnee, Schnee weit und breit. Aber besonders in der Näh Von Gnesen. Gleich großen gespenstischen Besen Recken sich Pappeln In die graue, leere Atmosphäre, Drauf sitzen elf kohlpechrabenschwarze Raben. Die haben 148 Jeder zwei Flügel, mit denen sie rappeln. 0/ weh! Schwarze Raben im weißen Schnee! Wären sie Menschen, sagten sie oh! und ah! Aber es sind Raben, drum sagen sie kräh! Das heißt bei ihnen sowohl ja, Als auch nein. Im übrigen kann es uns einerlei sein, Denn wir sind keine Raben. Aus einem kleinen Walde von links kommen acht Knaben Im Gänsemarsche durch den Schnee. Die haben Ihre Nasen erfroren, Desgleichen die Ohren, Und alle Heiterkeit verloren, Denn auch die Beine tun ihnen weh. Doch kann man es ihrem Sprechen anhören, Wie das bedauerlich häufig ist in diesen Landen. Außerdem ist ein Wolf vorhanden. Nach einer Weile fliegen die Raben Fort, Und auch die acht Knaben Sind nicht mehr hier, sondern dort. (Ich meine: an einem anderen Ort). Der Schnee schmilzt, und der Wolf krepiert. Ich frage mich bloß, was das Sie interessiert. 14g KAPELLE SEHNSUCHT Wie eine leise Glocke klingt Die Sehnsucht in mir an; Weiß nicht, woher, wohin sie singt, Weil ich nicht lauschen kann. Es treibt das Leben mich wild um, Dröhnt um mich mit Gebraus, Und mählich wird die Glocke stumm, Und leise klingt sie aus. Sie ist nur für den Feiertag Gemacht und viel zu fein, Als daß ihr bebebanger Schlag Dräng in die Lärmluft ein. Sie ist ein Ton von dorten her, Wo alles Feier ist; Ich wollte, daß ich dorten war, Wo man den Lärm vergißt. 150 DER VOGEL Ein Vogel singt gottlobesam, Ein Vogel tief in meiner Brust; Der Vogel ist die Liebe, Die Liebe. Leis ist die Stimme, die er hat, Und seine Weise ist ganz schlicht, Doch fröhlich ist sein Singen, Sein Singen. Gottlob esames leises Lied, Du fröhlich Lied in meiner Brust, Du bist mir Trost und Glaube, Und Glaube. SONNTAG Sonntagsfriede liegt Heilig über der Stadt; Ach, wie ist mein Herz Seiner Wochen satt. Quälen, Keuchen, Kampf Um ein kärglich Brot, — Ach, wann machst du frei, Lebenssonntag, — Tod. DAS WUNDER KOMMT Schwarz ist die Nacht; es kracht das Eis; Die ganze Welt ist eingeschneit; 151 Es steht kein Stern am Himmel, Am Himmel. Da sieh: es blitzt ein zitternd Licht. Ein Stern blitzt aus dem Schwarz heraus, Ein roter Stern von Golde, Von Golde. So hat dereinst der Stern geblitzt, Nach dem die heiligen Drei gereist Mit Weihrauch und mit Myrrhen, Mit Myrrhen. Den Heiland hat der Stern gebracht; In dieser Nacht zerbrach das Eis; Das Wunder kommt: Der Frühling. Der Frühling. SOMMER Singe, meine liebe Seele, Denn der Sommer lacht. Alle Farben sind voll Feuer, Alle Welt ist eine Scheuer, Alle Frucht ist aufgewacht. Singe, meine liebe Seele, Denn das Glück ist da. Zwischen Ähren, welch ein Schreiten! Flimmernd tanzen alle Weiten, Gott singt selbst Hallelujah. I52 NEUJJHRS-CHORAL Das ist des Weges Wende! Nun hebt voll Dank die Hände: Heil uns, wir stehn am Tor! Dahinter ist es helle, Es leuchtet auf der Schwelle Das junge Licht hervor. Was werden wir nun sehen, Wenn sich die Flügel drehen? Die immer gleiche Bahn. Heil uns: das Ziel gewonnen! Heil uns: aufs neu begonnen! Der Gang hebt wieder an. Es geht von Tor zu Toren, Und kein Schritt ist verloren, Geht nur die Liebe mit. Wohl dem, den sie begleitet! Glück ist, wohin er schreitet, Und fröhlich jeder Schritt. Und mag in Nacht und Tagen Uns böses Schicksal schlagen, Wir bleiben doch getrost: Uns ist zu jeder Stunde, Uns ist für jede Wunde Ein Balsam zugelost. Die Liebe läßt auf Erden Nicht müd und irre werden Und keinen einsam stehn. Auf, Jahr mit Lust und Schmerzen! Wir wolln mit reinen Herzen Durch deine Bf orte gehn! 153 DER STERN VON BETHLEHEM Es stand ein Stern ob einem Dach, Dem reisten Weise und Könige nach; Und war kein Schloß und kein Palast Dem seligen Sterne Lust und Rast: War nur ein Hüttlein und ein Stall. Und ging doch von ihm aus ein Schwall Von Licht und allerhellstem Schein. Denn in ihm lag ein Kindlein klein, Des Herz war aller Liebe Samen, Darum die Weisen und Könige kamen. Die Weisen und Könige boten dar, Was ihre Weisheit und Reichtum war; Die Weisen und Könige knieten hin Und fühlten des Lebens geheiligten Sinn; Die Weisen und Könige hatten das Glück Gesehn und gewonnen und reisten zurück. Das ist vor grauer Zeit geschehn. Kein Stern blieb seither stille stehn, Und Weise und Könige sind zumeist Anderen Sternen nachgereist. Doch immer, wenn das rollende Jahr Zum Tag kommt, da es geschehen war, Daß zu Bethlehem der heilige Christ Der wirren Welt geboren ist, Entzünden wir kleiner Sterne Schein Und kehren in uns selber ein, Und fühlen, daß sehr weise gewesen Die Wanderer aus Morgenland, Die sich dem Sterne zugewandt, Von dem wir in den Büchern lesen. 154 WEIHNJCHTSLIED Maria lag in großer Not, Mit Lumpen angetan, In einem Stall zu Bethlehem Und sah die Stunde nahn, Da sie ein Kindlein haben sollt. Der Himmel stand in lauter Gold; Da huh ein Singen an: „Süße Maria, sei getrost, Das um dich ist kein Stall. Blick um dich, allerholdste Frau, Und sieh die Gäste all, Die von weither gekommen sind, Dich zu begrüßen und dein Kind Mit Flöt und G eigens ch all. ," Und wie Maria ihr Häuft erhob, O Wunder, was sie sah! Es knieten auf der schlechten Streu Drei goldne Könige da, Und, wie wenns ihr Gefolge war, Ein Heer von Engeln stand umher Und sang Hallelufa. Es war ein Licht und war ein Glanz, Wie sie es nie gesehn, Und vor den Tum und Fenstern war Ein Auf- und Niedergehn, Als ging die ganze Welt vorbei; Da hört sie einen leisen Schrei: Da war das Glück gescheht. Maria strahlte wie ein Stern Und hob das Kind empor; Das war so hold und engelschön 155 Wie nie ein Kind zuvor, Die Wände sanken, und die Welt, Die weite Welt war rings erhellt, Und alles sang im Chor: „O seht die Blume, die da blüht, Die Blume weiß und rot! Der Kelch ist von der Lilie, Ein Herz darinnen loht. Nun ist die ganze Erde licht, Wir fürchten Schmerz und Trauern nicht Und fürchten nicht den Tod. Die Blüte leuchtet uns den Tag, Und es versank die Nacht, Und aus der Blüte wird die Frucht, Die alle fröhlich macht; Die Frucht, die allen Nahrung gibt, Der Mensch, der alle Menschen liebt, Die Liebe ist erwacht.11 Der Chor verklang. Es sank der Stall In braune Dunkelheit. Maria gab dem Kind die Brust. Still ward es weit und breit. Da ward Marien im Herzen bang, Sie küßt ihr liebes Kindlein lang, Ihr tat ihr Kindlein leid. DER ARMEN KINDER WEIH- NACHTSLIED Hört, schöne Herren und Frauen, Die ihr im Lichte seid: 156 Wir kommen aus dem Grauen, Dem Lande Not und Leid; Weh tun uns unsre Füße Und unsre Herzen weh, Doch kam uns eine süße Botschaft aus Eis und Schnee. Es ist ein Licht erglommen, Und uns auch gilt sein Schein. Wir habens wohl vernommen: Das Christkind ist gekommen Und soll auch uns gekommen sein. Drum gehn wir zu den Orten, Die hell erleuchtet sind, Und klopfen an die Pforten: Ist hier das Christuskind ? Es hat wohl nicht gefunden Den Weg in unsre Nacht, Drum haben wir mit wunden Füßen uns aufgemacht, Daß wir ihm unsre frommen Herzen und Bitten weihn. Wir habens wohl vernommen: Das Christkind ist gekommen Und soll auch uns gekommen sein. So laßt es uns erschauen, Die ihr im Lichte seid! Wir kommen aus dem Grauen, Dem Lande Not und Leid; Wir kommen mit wund'' Füßen, Doch sind wir trostgemut: Wenn wir. das Christkind grüßen, Wird alles, alles gut. Der Stern, der heut erglommen, Gibt allen seinen Schein: 157 Das Christkind ist gekommen! — Die ihr es aufgenommen, O, laßt auch uns zu Gaste sein! OFT IN DER STILLEN NACHT Oft in der stillen Nacht, Wenn zag der Atem geht Und sichelblank der Mond Am schwarzen Himmel steht, Wenn alles ruhig ist Und kein Begehren schreit, Führt meine Seele mich In Kindeslande weit. Dann seh ich, wie ich schritt Unfest mit Füßen klein, Und seh mein Kindesaug Und seh die Hände mein, Und höre meinen Mund, Wie lauter klar er sprach, Und senke meinen Kopf Und denk mein Leben nach: Bist du, bist du allweg Gegangen also rein, Wie du gegangen bist Auf Kindes Füßen klein? Hast du, hast du allweg Gesprochen also klar, Wie einsten deines Munds Lautleise Stimme war? iß Sahst du, sahst du allweg So klar ins Angesicht Der Sonne, wie dereinst Der Kindesaugen Licht? Ich blicke, Sichel, auf Zu deiner weißen Pracht; Tief, tief bin ich betrübt Oft in der stillen Nacht. DER TOD KRÖNT DIE UN- SCHULD Kind, ich schenke dir den Reif der Reine, Kind, ich kröne dich mit goldenem Scheine, Kind, ich nehme dich in meinen Schoß. Deine Mutter muß dich mir verlassen, Meine Fittiche wollen dich umfassen, Meine Fittiche sind weich und groß. Ruhst darin wie unterm Mutterherzen Schlaf umfangen, ledig aller Schmerzen; Deine Seele bleibt vom Leben rein. Linde bin ich, eine gute Amme, Tränke dich mit Träumen, — kleine Flamme, Schlafe, schlaf auf meinem Schöße ein. GESICHT Ich sah das Kreuz, daran der Heiland hing; Nacht wars und Mondenschein; doch bleiern fahl War dieses Licht; ein Riesenschmetterling Saß auf des blutumronnenen Hauptes Qual. 159 Der Falter rührte seine schwarzen Schwingen leis, Als wie von Seide waren sie starr und kalt; Nicht eine Stimme klang im weiten Kreis; Es ward mein Herz von diesem Anblick alt. Mir wars, als hinge ich selber am Marter- pfahl, Und Todesfrost durchkröche meinen Leib; Da kam herauf aus einem Frühlingstal Zum Berg der Nacht ein jugendliches Weib. Weiß war ihr Kleid, doch ihre Wangen rot. Hell war ihr Auge, adelig ihr Gang; Der Schmetterling flog auf, von Gold umloht Gleißte der Stamm, als ihn das Weib um- schlang. Doch nur ein Augenblick wars. Schwarz und kalt Fiel Finsternis auf Kreuz und Weib und Land, Und grüne Schlangen kamen tausendfalt, Die hornigen Schädel auf das Kreuz gewandt. DIE NONNE In einer Nacht, schwülheiß, da ich schlief, Da meine Seele nach Liebe rief In Träumen, Da ist einer gekommen; Hat mich bei der Hand genommen Und ist fort mit mir gangen: Zwischen schwarzen Bäumen Tief In einen Wald voller Rauschen und Bangen. 160 Ich sah ihn nicht an Den fremden Mann, Mußte an ihm hangen, Als wie im Bann Und mit ihm gehn. Er war ganz stumm. Aber Flüstern ringsum Und in den Büschen ein schaurig Wehn Und Stimmengesumm. Unter einer Linden im Walde tiefinnen, Da blieb er stehn und ließ mich los. Da sah ich zwei Tränen groß Ihm aus den Augen rinnen. Und sah, wie sein Antlitz war. Das war wie der Tag so klar, Aber voll Trauern. Und es kam ein Erschauern Über mich kalt, Und in mir eine Gewalt Zwang mich in die Kniee Vor dem stummen Mann: „Herr, Herr, siehe. Siehe mich an, — / Was ist dein Webe?" Da fühl ich seine Hand Und sehe, Indessen ER verschwand, Leuchten die heiligen Wunden. 161 Und habe IHN erkannt, Und habe mich heimgefunden Aus Wald und Welt, Darinnen Begehren rief, In einen Frieden tief, Von IHM erhellt. AUS DER HERRGOTTS- PERSPEKTIVE Jüngst trieb michs auf eine Kirchturm-platte, Weil ich genug des Winkelwerks hatte Da unten in den staubigen Straßen. Genug für Aug und Ohr und Nasen. Ich wollte mirs mal von oben besehn, Wo frei und rein die Winde wehn. Auch heißt es, man sei dort oben näher Dem Herrgott, dem stummen Herunter späh er, Und wunderlich blicke sichs in die Tiefe Aus der himmlischen Herrgottsperspektive. So macht ich mich ans Steigen keck, Hub wacker die stadtmüden Füße vom Fleck, Und stieg und stieg. Nicht eben lang: Es mündete der Wendelgang In ein Gemach, so nett und rein, Als heimte drin ein Mädel fein, Des zarte Patschhand froh und frisch Gern regt den Federflederwisch. Blank lisch und Diele, weiß das Bett, Ein Efeustock am Fensterbrett; Von dem kroch friedsam das Gerank Um einen Wanduhr kästen schlank, Aus dem es feierlich ticktackte. 162 Auf der Kommode die gezackte Schneeweiße Decke sonder Tadel Verriet die fleißige Häkelnadel. Auch Vasen viel und bunte Gläser. Darinnen graue Raschelgräser Aus Feldblumsträußen, längst verdorrten; Nippsächelchen von allen Sorten, In einem Glasschrank schön plaziert; Ein Bücherbrettchen, braun poliert; Die Bücher drauf in Goldschnitt fein; — Mocht wohl „Die deutsche Jungfrau" sein, Kochbücher auch und auch Traktätchen. Sag eins: was wohnt hier für ein Mädchen ? Ich sah mich um: Kam niemand her, War, wie wenns ausgestorben war Und war doch jemand in der Nähe. Und wie ich durch die Türe spähe, Die in ein Nebenstübchen führt, Werd ich von hinten angerührt; Und bis zum Tod vergeß ich nicht Des alten Jüngferchens Gesicht, Das plötzlich in der Stube stund. Ein wenig schmerzlich schien der Mund, So säuerlich und lippenschmal; Stand drauf geschrieben manche Qual, Doch Liebe auch und Gütigkeit. Zur Nase wars ein wenig weit, Schien mirs, von diesem Lippenbogen. Streng war und länglich sie gezogen Von einer Stirne groß und klar. Still, wie ein graues Taubenpaar, Die Augen unter dünnen Brauen. Sie träumten in gelassenem Schauen, Als sähen sie nichts um sich her. 163 Als sähen weiter sie und mehr — .* Ein reiches Land voll Friedensglanz. Vom Scheitel fiel, ein loser Kranz, Aschblondes Haar zur Schulter weich. Die Kleidung war nicht arm, nicht reich. Aus keiner Mode kam sie her, Wie wenn aus keiner Zeit sie war. Ganz wunderlich! Antik beinah, Wie eine Gürteltunika, Doch ärmellang und gar zu glatt. Von Farbe war sie bläulich matt, Wie ausgewaschen. Wortelos Stand ich und schaute, schaute bloß. Gewöhnlich alles, ganz und gar, Und doch im Tiefsten — Wunder war. Ein zarter Glanz, ein dünner Duft Lag wie vibrierend in der Luft, Und aus dem leeren Weben höre Aus alter Zeit ich leise Chöre, Uralt, urfern und urvertraut . . . Da hat sie groß mich angeschaut, Als fragte sie: Was willtu hier, Du Mensch von unten, im Revier Der hohen Stille . .? . . Doch ihr Mund Tat Frage nicht und Deutung kund. Als war er stumm. — Mir wurde bang. Da, plötzlich, von den Lippen klang Es lind: „Der Vater kommt.11 Und, weiß Von Haar und Bart, stand still ein Greis Im Türgevierte. — Wundersam: Mich wieder Staunen überkam. 164 Mir wars, als kennt ich lange ihn, Als hätt ich einst auf seinen Knien Gesessen in der Kindheit Jahren, Gezaust ihn in den weißen Haaren, Indes er tiefe Worte sprach. Die klangen lang im Herzen nach, Bis Gassenlärm sie draus vertrieb; O, Worte heimlich, heilig, lieb ...'.. Kannt ich den Türmer? Wie ich sann, Kam näher her, gebückt, der Mann Und fragte mich, was mein Begehr Und meines Kommens Ursach war. „Von oben sah ich gern die Stadt, Der ich in innrer Seele satt.111 Sprach ich. Da lächelte er eigen: „Ich will dir alles, alles zeigen. Doch bist du auch von Schwindel frei?" „Meint nicht, daß gar so hoch ich sei,li Erwidert ich. „Nun eben g'nung; Es hüben schnell dich Beine jung. Ich brauchte viele tausend Jahr, Bis ich hier angekommen war. Altherr gottsruh heißt dieser Turm, Hoch steht er über Staub und Sturm, Hoch steht er steinern aufgericht, Die Menschen sehn den Türmer nicht. Sie haben hier zu guter Letzt Hübsch hoch und weit mich weggesetzt, Dieweil sie meiner überdrüssig; Auch war ich wirklich überflüssig; Und schließlich, grad wie du, mein Sohn, Recht satt hau ich den Trubel schon, Von oben läßt sichs noch besehn, Muß man nicht mitten drinnen stebn.11 165 Da faßte mich ein Ahnen an: „Wer bist du denn, du alter Mann?" „Ich? O, nichts, das der Frage wert, Ein weißes Haupt, höchst ungeehrt. Wie sagt Ihr doch . . .? ... Na . . . ein Rentier Mit Sorgenstuhl und Kanapee Und einer alten Wärterin, (Er strich dem Jüngferchen das Kinn) Im Austragsstüberl recht gemütlich, Und tu mir an Erinnrung gütlich. Still, meine gute Gabriele, Du liebe, letztgetreue Seele ..." Das alte Mädchen nickte leis Und beugte tief ihr Haupt dem Greis, Der seine Hände auf sie legte. Mir wars, als ob sichs sachte regte An ihrer Schulter zitterzart Wie Flügelschlag verborgener Art. Dann sah er scharf mir ins Gesicht: „Du, höre Sohn, verrat mich nicht! Daß sie mich nicht noch einmal stören, Mit Opferdünsten, Bittechören In ihrer neuen Qual und Not: Ich bin unauferstehlich tot!" Jetzt war sein Auge sturmesgrau, Und seine Worte klangen rauh, Und ich erschrak im Herzen tief, Und wußte, wer die Worte rief, Und wollte gehn und wandte mich; Da klang es wieder sänftiglich: „Bleib nur, mein Sohn, und sieh die Stadt, 166 An der dein junges Herz schon satt; Bleib nur bei mir ganz ohne Scheu. Ich bin euch Deutschen heut noch treu, Wenn ihr auch derb mir zugesetzt Und furchtbar gründlich mich gehetzt Durch eure graue Philosophie. Die wilde Jagd vergeß ich nie!il Er schob mich sanft zur Tür hinaus. Still war und hell die Luft da drauß. Hoch über uns die schwarze Leere, Zu Füßen tiefst die Sternenheere. „Wo ist der Turm denn festgesetzt ?" „Mein Seel! Der Deutsche fragt noch jetzt! Könnt ihr denn nie das Fragen lassen? Du wirst den ganzen Blick verfassen. Paß auf, schau dort: im rechten Eck, Siehst du den gelben Flammefleck?" Er deutet aus. Ich folge: „Wohl!" „Siehst du! Lateinisch heißt ihrs Sol; Die Sonne das. Es spritzt herum Wie Bienenschwarm mit Bienensumm Bunt eine Funkenglitzerherde ; Das weiße Glitzchen nennt ihr Erde. Du sollst sie dir genau besehn, Wir wollen etwas näher gebn." Und wie im Fahrstuhl sanken wir Gemächlich durch das Weltrevier, Von Surresumm allwegs begleitet, Bis unten sich die Erde breitet. Die Erde? Meine Blicke spähten i6y Und sahen einen Fetzen Tuch, Den bunte Flicken übersäten. Und spöttisch sprach der Alte: „Such, Such deine Stadt, an der du satt, Was sie für eine Farbe hat In dieser bunten Narrenjacke. Denn wisse: Eine reine Schlacke Ist jeder Stern; der Menschen Hand Wirft über sie das Buntgewand Und meint, sie mache damit Staat Im großen Weltenhohenrat. Koketterie und Mummenschanz, Ist dieser ganze Tummeltanz. Mir wenigstens wills also scheinen, Wenn ich einmal herunter seh Auf dieses bunte Zeug von meinem Blaßblaugeblümten Kanapee.u Er lachte, stieß mich in die Seite: „Was meinst du von dem Erdenkleide, Mein Staunekindchen? Schau nur, schau: Hier schwarz, hier grün, hier rot, hier grau, Hier weiß, hier gelb, hier blau, hier braun; Ist das nicht lustig anzuschaun? Nur bitt ich: Schau mir nicht hinein, Sonst fliegt davon der schöne Schein, Und eine Wahrheit liegt am Grund, Die für euch Menschen nicht gesund/1 Ich hörte nicht des Alten Spruch. Ich sah aufs bunte Erdentuch. O blutig Rot, wie Flammenwut! 0 giftig gelbe Giereglut/ O kaltes Weiß! O Gramesgrau! O Schwarz, wie steiniger Acker rauh! 168 Das Blau verblaßt, das Grün verdrängt, Von bösen Farben eingeengt . . . Da ward mein Blick mir müd und matt. Der Alte nur gelächelt hat Und schob mir unter seinen Arm Und jührte mich in die Stube warm Und sah mir ernsthaft ins Gesicht: „Du höre, Sohn, verrat mich nicht! Ich sah dem Ding zu lange zu, Nun will ich endlich meine Ruh. Doch du, wenn du heruntersteigst, Daß du mir nun nicht Wehmut geigst, Weil du gesehn die Narrenjacke: Nein, Junge, hoch das Herz und -packe Die Flinte fest und gehe kühn Ins Zeug fürs arme Blau und Grün; Und geht dirs bös in diesem Kampfe, So denke still im Pulverdampfe An Herrgottsruh und den Rentier Im blaugeblümten Kanapee." GOLGATHA Eine Schneefläche unabsehbar weit; Der graue Nebel darüber wie eine Last Von dumpfem Haß. Ists Tag? Ists Abend? Ich sehe kein Gestirn. Ob die Sonne noch lebt? 16g Über die eisige Fläche schleppt sich müde mein Schritt. Mir ist, als söge der giftige Nebel aus allen meinen Poren Das Leben und zöge mich fort In ein langsames Sterben. Seine Finger sind naß, schlaff, kalt. O, ihr rosig sonnendurchglühten Finger Des Frühlingsmorgens, die ihr ins Leben weckt, Wo seid ihr? Und ein hüpfender Wind der Erinnerung Geht durch mein Herz hin wie ein leiser Tanz Voll seidenem Rauschen. Da Eine Stimme hinter mir. Hart wie frostberstendes Eis. „Du da!" Wie in den Boden gerammt, steh ich er- schrocken. „Was erschrickst du! Ich bin nicht der Tod. Ich bin nicht der Tod . . . Ach!" Eine Wolke umballt meine Sinne. In kalte Leichenkammern entflieht meine Seele. Dann taucht sie heraus In eine große Helligkeit, Und neben einem greisen Manne schreit ich Durch ein sonnenheißes Land. 170 Grellweiße Felsen und dürres Gelb Sterbender Reife rechts und links. „Hebe dein Haupt/ Sieh! Da ist Golgatha/1' Christus/ Im glühenden Sonnenbrand, Tief niedergesunken das Haupt, Am Kreuz. Ich sehe in seinem blonden Haar Den Dornenkranz, die Schmerzensgloriole . Sein Leib ist dürr und voller Bluirunst. 0, Christus/ „Komm/" O, laß mich beten am heiligen Marterstamm/ Hier laß mich beten lernen! „Komm/ Siehe die Leute an, die beten." Er führt mich fort. Und wieder flieht meine Seele. Durch wetternden Sturm flieht sie und W äff engeklirr Und Feuersbrunst Und Sterbeklagen. Und in ein mittleres Licht taucht sie auf. Auf glattem Asphalte schreiten wir Durch eine große Stadt, iyi ,,Hebe dein Haupt! Sieh, da ist Golgatha/" Gott! Gott! Entsetzlich, da — .• Mitten im schiebenden Gewirre der Stadt, Da, Mitten auf großem Platz, Zwischen Theatern und Kirchen und Parla- menten: Das Kreuz! Christus daran, Blutend, Gesenkten Hauptes, Und keiner achtet sein. Regimentsmusik, Wagengerassel, Gedröhn, Lachen und Schreien. Christus! Christus! Blutender Heiland! Christus! — Er hebt das Haupt, öffnet die Lippen: „Mich dürstet!" Keiner achtet sein. Ihm sinkt das Haupt. „Komm!" Und es wird still. Ich höre Vogelsingen. Die Luft ist lau. Im Korne geht die Sense. Friede ! Fr iede ! IJ2 Ein unermeßliches Feld, Ein segenschweres Meer von windbezuegten gol- denen Halmen 'Tausend Sichler mähen im Schwung. „Hebe dein Haupt/ Sieh, da ist Golgatha/11 Mitten aus goldenem Garbenberg das Kreuz. Ein stumpffinsterer Mann, Eine Peitsche in Händen, Daran gelehnt. Sein Blick Mustert über die gebückten Rücken der Mäher. Und über ihm der gepeinigte Leib der Liebe. Christus/ Da seh ich sein Auge, Schmerzdurch stiert, Dunkelbraun, Weit offen, Hoffnungsleer. Und seine Lippen öffnen sich. Schwarzes Blut entquillt dem Munde und ein Wort: Haß/ „Willst du noch beten?" Schnee knirscht wieder unter meinem Schritt, Und wieder saugt mein Leben der Nebel. „Willst du noch beten ? Viele Beter Sahst du!" 173 Wer bist du, alter Mann? Und, langsam ferner werdend, nebelverschluckt, Wehen die Worte zu mir: „Vor meiner Türe sank er unterm Kreuz. Ich hob ihn nicht. Wer hebt Verbrecher auf? Ich betete Dank, daß meine Seele nicht so frech, wie seine. Da hob in seinem Herzen sich die Wahrheit: Der Haß von Mensch zu Mensch. So starb er. Mir aber fluchte seine bittere Erkenntnis, Daß ich sein Erbe sei und endelos erkenne: Golgatha überall und Hammerschlag am Kreuz! Sein Tod ist ewig, Seine Liebe ist tot. Ich lebe und lerne den Haß. Könnt ich ihn lehren!" Golgatha überall und Hammerschlag am Kreuz . . . VISION DES GEISSLERS Mit Singen und mit Beten Hin zum Altar getreten Qualfreudige Asketen. Wir stehn vor Grabestoren, Wir sind dem Tod geboren, Das Leben ist verloren. 174 Hört, wie die Heiden singen! Wie ihre Becken klingen! Seht, wie die Nackten springen! Sie tanzen in der Sonnen Um einen grünen Bronnen, Draus kommt rot Wein geronnen. Der rote Wein vergossen. Die rote Lust genossen, Mit Stöhnen wild beschlossen. Blut strömt am Himmelsrande, Sie liegen tot im Sande, Ihr Leichentuch die Schande. Wir schreiten auf den Leichen, Wir Seligen, wir Reichen, Blut strömt von unsern Streichen. DIE HEILIGEN DREI KÖNIGE DES ELENDS Über einem Häusel, ganz weiß beschneet, Golden ein flimmernder Funk eis tern steht. Weiß alle Wege, die Bäume alle weiß, Milde des goldenen Sternes Gegleiß. Gelb aus dem Fenster ein Lichtschein schräg Über das Gärtchen, über den Weg. Sieh, da über den Feldweg quer Stakt ein steingrauer Alter her; 175 Ganz in Lumpen und Flicken getan, Und hält vor dem Hause an. Haucht in die Hände und sieht sich um, Blickt zum Sterne und wartet stumm. Kommt von der andern Seite an Wie dir ein alter zerlumpter Mann. Geben sich beide stumm die Hand, Starren zum Sterne unverwandt. Kommt ein dritter und grüßt die zwei, Raunen und tuscheln und deuten die drei. Blicken zum Sterne, blicken zur Tür; Tritt ein bärtiger Mann herfür: „Kamt in Mühen und Sehnen weit; Geht nach Hause! Es ist nicht die Zeit . . ." Senken die Köpfe leis und gehn Müde fort. Es hebt sich ein Wehn, Hebt sich ein Stürmen, Wirbeln, Gebraus, Und der goldene Stern löscht aus. DAS KREUZ Jüngst war ich auf einem Trödelmarkt Und sah, was das Leben zusammenharkt Auf dem großen Gerümpelhaufen: Lumpen und Plunder, Geraffel und Tand, In Schmutz und Scherben allerhand; Wer Geld hat, kann sichs kaufen. Da, unter altem Gerüst und Gerät, Hab ich ein hölzernes Kreuz, erspäht. Zwei Hände lang wars, aus Fichtenholz schlicht; Ich machte mir gleich ein rührsam Gedicht, An welcher Andachtsstätte Es einst gehangen hätte. Dacht eine Bauernstube mir, In ders die dürftige fromme Zier Vielleicht gewesen wäre; Hing in der Eck an der weißen Wand, Und manche harte Bauernhand Schlug vor ihm ihre schwere Bekreuzung über Brust und Gesicht. So dacht ich, aber 's war so nicht. Denn sieh, als schärfer hin ich sah: Am Querholz war ein Einschnitt da, Und, als ich leicht darauf gedrückt, Hat sich ein Dolch heraus gezückt. Erschrocken schier sah ich das Eisen Des Kreuzes in der Sonne gleißen. War eine Blutrinn eingeschnitten, Und dieses las ich ihr inmitten: Kreutz und Messer Aines worden In der Messer kr eutzer Orden. Schlecht bin ich leider nur beschlagen In Wissenschaft aus alten Tagen, Auch konnte, wie ich um mich tat, Mir keiner sichere Kunde sagen, Was für ein Orden es gewesen, Der Kreuz und Messer sich erlesen Als Waffe und als Namen hat. 177 Doch hob das Kreuz ich mitgenommen Und geh es, wenn sie zu mir kommen, Als Rätsel gerne denen auf, So da gehören zu den Frommen. Mir scheints, als obs ein Sinnbild wäre Für jenen wundersamen Lauf, Den des Erlösers milde Lehre Von Golgatha bis heut genommen. DIE SCHWARZE LAUTE Aus dem Rosenstocke Vom Grabe des Christ Eine schwarze Laute Gebauet ist; Der wurden grüne Reben Zw Saiten Gegeben. O wehe du, wie selig sang, So erossüß, so jesusbang, Die schwarze Rosenlaute. Ich hörte sie singen In mailichter Nacht, Da bin ich zur Liebe In Schmerzen erwacht, Da wurde meinem Leben Die Sehnsucht Gegeben. O wehe du, wie selig sang, So jesussüß, so erosbang, Die schwarze Rosenlaute. 178 DIE HERBERGE Du kaltes Haus voll müder Dunkelheit . . . Spinnwebenüber schieiert schläft in dir die Zeit; Auf weichen Socken schleicht in dir der Tod; Stets um dich Dämmerung; das Morgenrot Trifft deine Schindeln nicht, die bleich wie Blei; In weiten Kreisen bangt das Leben dir vorbei. Ich aber ging hinein und saß in dir zu Gast . . . O wie du mich so lieb und lind umfangen hast! Ich lehnte meinen Kopf an deine graue Wand, Mir streichelte das Kinn des Hausherrn harte Hand. Sein Auge lud mich ein zu weißer Lagerstatt, Da sank ich federntief, von weichem Wehe matt. Der Krankenwärter Tod sang in den Schlaf mich ein, Da ward das stille Glück, das . . . stille . . . Glück wardmein. Es hauchte um mich her ein Atem moderbang, Und eine Stimme dumpf aus Weltenweiten sang: „Hinüber Seele nun, spann deine Flügel weit, Schwimm schwanenfittichstill in blaue Ewig- keit. Hörst du den leisen Ton ? Das ist der letzte Schlag Vom Turm der Erdennacht, nun goldet dir der Tag, Der nie sein Blut vergießt ins Abendröten- meer . . ." Da hob ich mich in Angst von meinem Pfühle schwer. 179 Fort! Fort! Von hier hinaus! Hinaus ins helle Licht! Noch einmal sah ich in des Hausherrn bleich Gesicht. Das lächelte. Mir war: Dies Lächeln legte sich Ins Herz, mir wie ein Wort, kalt: Unab- änderlich! Ich schritt auf schwankem Fuß, ich taumelte hinaus, Ich wandte meinen Blick: Versunken war das Haus. Und eine Grube lag an seiner Stelle, tief . . . Mir wars, als obs aus ihr leis meinen Namen rief. 180 TEMPEL SEHNSÜCHTIGE MELODIE Roseninsel, schwanumschwommen, Roseninsel im grünen Meere, Roseninsel, düfteschwere, Sonnenheiße, Felsenweiße, Heckenheimliche Roseninsel . . . Rote Rosen, rankenwilde, Rote Rosen, herzensheiße, Rote Rosen auf Säulenweiße, Stengelhohe, Schönheitsfrohe, Glutensammelnde rote Rosen . . . Tempelhallen, marmorhelle, Tempelhallen in heiligem Schweigen, Tempelhallen von Lorbeerzweigen Eingeschlossene, Sonnübergossene, Lautlose, leuchtende Tempelhallen . . . 181 Weiße Leiber, heiße, nackte, Weiße Leiber, rosenumrötet, Weiße Leiber, tanzumflötet, Schlanke, hohe, Schönheitsfrohe, Glutenh auch ende weiße Leiber . . . EKSTASE Gott, deine Himmel sind mir aufgetan, Und deine Wunder liegen vor mir da Wie Maienwiesen, drauf die Sonne scheint. Du bist die Sonne, Gott, ich bin von dir, Ich seh mich selber in den Himmel gehn, Es braust das Licht in mir wie ein Choral. Da breit ich Wandrer meine Arme aus, Und in das Licht verweh ich wie die Nacht, Die in die Morgenrötenblust vergeht. ROSEN, GOETHE, MOZART Was will ich mehr ? Auf meinem Tische stehn In schönem Glase dunkelrote Rosen, Der weiße Marmor-Goethe sieht mich an, Und eben hört ich Mozarts Figaro. Ich litt einst Schmerz,? Ich war einst mild und krank? Ich log mir Glück und dichtete ein Wunder Von Weib, das nichts als gute Maske war ? — Die Rosen glühen; Alles war ein Traum, 182 Der weiße Goethe leuchtet Heiterkeit, Und in mir singt Susanne, Cherubin. Wie aber: Hab ich denn nicht Kummers viel? Verliebten Zweifel und des Schaffens Angst ? — Die roten Rosen glühen: Sieh uns an, Der weiße Goethe lächelt: Denk an mich, Und Mozart singt mich süß und heiter ein. Ich frevelte, wollt ich nicht glücklich sein. NACHTS AN DIE NACH- TIGALL O du Nachtigall mit süßem Sang, Liebesruferin in dunkler Nacht, Kleine Brust, von Seligkeiten bang, Seele, die in Sehnsucht schluchzend lacht, Flöterin aus dunkeltiefem Grund, Warum macht dein Lied das Herz mir schwer? Ach, ich fühls, noch immer ist es wund, Dieses Herz, und duldet viel zu sehr. Schlägt noch nicht im eigenen Genuß, Liegt noch immer in der Sklaverei, Daß es allem Leide fronden muß, Bebend lauschen jedem Weheschrei. Wärs wie du und fühlte nur die Lust Und die Schönheit dieses Lebensdrangs, Seiner Sehnsucht stürmisch nur bewußt Und der Fülle eigenen Gesangs. 183 Wärs wie du, o süße Nachtigall, Glücklich war dies Herz, und all sein Schlag Wäre wie Gebet und Glockenschall Zu der Sonne und dem lichten Tag. ANRUFUNG VON FERNE Du mit deinem goldenen Haare Schönes Mädchen, Wunderbare: Da du mir gewogen bist Und mir deine Sonnen scheinen, Darf ich, und ich will es, meinen, Daß dies Leiden und mein Weinen Nur ein Traum gewesen ist. Nur ein Traum, und jetzt ist Leben, Und ich darf es mir vergeben, Daß so häßlich ich geträumt. Alles wird im Lichte helle, Das Verdrießlichste geht schnelle, Trittst du über meine Schwelle, Hat der Grimm das Feld geräumt. Deine Schöne, deine Güte, Daß sie lange mich behüte! Weiter wünscht mein Herz nichts mehr. Mir den Abend zu bereiten, Mich durch tiefste Seligkeiten Ins Vergessen zu begleiten, Kamst du mir vom Himmel her. 184 PATRONA NA VIS Nun darf ichs sagen, daß ich viele Jahre Verworfen war und schlimm umhergetrieben In 'Tiefen, die voll Schlamm und Grauen sind. "Jetzt geht mein Weg ins hingebreitet Klare, Und kaum Erinnrung ist mir mehr geblieben An jene Jahre wüst und leer und blind. Glück heißt das Schiff, auf dem ich selig fahre, Dein Name ist ihm golden aufgeschrieben, Und alle Segel sind voll gutem Wind. ROSENOPFER Kind, das Bette ist bereit, Lege dich nun nieder Und tu ab dein schwarzes Kleid, Rock und Hemd und Mieder. Eva, Eva, Evalein, Lasse dich beschauen! Ist das wirklich alles mein? Darf ich michs getrauen? Pst! Sie spielt die Schläferin. Leise und verstohlen Schleich ich mich zur Vase hin, Rosen herzuholen. Und ich überschütte sie, Brust und Leib und Lenden, Und ich sinke in die Knie Mit erhobnen Händen. I85 Der noch nie ich am Altar Eines Gottes kniete, Meine Rosen bring ich dar Dir, o Aphrodite. Gottlos lief ich kreuz und quer Mit beschwerten Sinnen Hinter leeren Schatten her, „Wahrheit" zu gewinnen. Nichts gewann ich und verlor Meine besten Tage, Denn sie raunten mir ins Ohr Immer neue Frage. O die Schatten! Hin und her! Die verwünschten Spinnen: Doch ich folge nun nicht mehr Diesen Fragerinnen. Dir, die keine Fragen weiß, Die nur lacht: ich gebe! Dir strömt meine Andacht heiß: Schönheit, sieh, ich lebe! Liebliche, o nimm mich hin,. Daß ich neu erwarme; Aphrodite, Schenkerin, Nimm mich in die Arme. Und mein süßes Mädchen lacht R osendüftetru nken. In der schönsten Brüste Pracht Bin ich hingesunken. 186 SUB ROSA VENERIS 1 Die Sonne liegt auf goldenem Kies: Der Weg da führt ins Paradies. Rund, bunt, ein Pfauenrad, das Tor: Zwei nackte Evas stehn davor. Leg Schuh und Kleider in den Sand: Geh nackt in das gelobte Land. Nun lastet kein Gesetz, dir schwer: Du warst ein Christ, jetzt bist du mehr. Vier Arme winken dir, geh ein: Ein Gott und Heide wirst du sein. II Heimlich, auf Diebes-Sohlen, Bist du, ein Sklave, geschlichen, Der Lust Brosamen zu stehlen; Pfui, du hast dich gefürchtet. Nun gehst du nackt in der Sonne Und nimmst dir die Lust als dein eigen, Den runden, goldenen Apfel vom Paradieses- baume. Wo ist der Engel mit dem Flammenschwerte ? Küsse die saftige Frucht andächtig, vor du sie issest, Küß deine Hand, die sie nahm, und die den Engel vertrieb. III Bist du lange blind gewesen, Darfst du nun die Schönheit sehn, 187 Ganz und gar bist du genesen, — Denn du lerntest, nackt zu gehn. Keine Hüllen, Fesseln, Binden, Und zur Sonne hast du Mut, Was dich lüstet, wirst du finden; Denn du bist dir selber gut. Bist ein Beter du gewesen, Wirst du Gott nun selber sein, Ganz und gar bist du genesen: Denn du bist nicht mehr gemein. IV Wenn der Frühling kam, kam dich die Sehn- sucht an; Du genössest ihn nicht, du erschauertest ihm. Nun bist du Blühens ein Teil. Nun ist dir die glänzende Knospe verwandt Und der triefende Saft und das schwangere Glück: Nun kennst du die Sehnsucht nicht mehr. V In meinem heimlichen Schlosse gehn Zwei Mädchen nackt treppauf, treppab, Umarmen sich und küssen sich Und sind verliebt in sich und mich Und lachen. In meinem heimlichen Garten gehn Zwei Mädchen nackt durch Busch und Beet; Die Sonne ist den Nackten hold, Gießt über ihre Schönheit Gold; Sie leuchten. 188 In meiner heimlichen Kammer ruhn Zwei Mädchen nackt auf einem Pfühl. Der Sommerwind ist um sie her. Die Sommernacht ist schwül und schwer; Sie träumen. In meinem heimlichen Saale stehn Zwei Mädchen nackt und sehn sich an. Und vor einander in die Knie Mit einem Seufzer sinken sie Und weinen. VI Das ist des Lebens innigster Verstand: Bescheiden sein im guten Augenblick, Das Nahe voll umfassen, alles rings Durchfühlen und genießen — aber nicht allein. Was will ein Herz, allein? Es schlägt und schlägt Und müdet sich ins Leere. Sehnsucht ist Sein Los, und Sehnsucht fühlen, heißt: in sich Dem Leben fern sein. O Geliebte, komm. Ich will dich fühlen und lebendig sein. Was brauch ich Himmel, Ewigkeit und Gott? Ich habe dich. Der Augenblick mit dir Ist Ewigkeit in Gott. Wenn meine Hand Die runde Fülle deines Busens fühlt, Fühl ich, daß Leben haben Gott sein ist. Denn du bist schön. Und Schönheit ist der Sinn Der Welt. — Schönheit genießen, heißt die Welt Verstehn. 18g VOM MENSCHEN Zwei Menschen fanden sich Im dichten Garten des Lebens, Wie sich zwei Blätter im Wirbelwinde finden; Und sie zeugten mich. Dann haben sie mich gehütet und genährt, Gehalten und geführt, Bis ich stark ward, allein zu gehen In den großen, dichten Garten. Ich bin aufs Geratewohl gegangen, Dahin, dorthin, Hatte kein Ziel. Irgend ein Ding in mir Trieb mich, Bald sachte drängend wie aus dunklen Tiefen, Bald mit Stößen, die waren, Als ob sie aus grellen Hellen kämen. Manchmal stand ich still Und lauschte: Ob ich nicht einen Ruf vernähme, daß ich wüßte: Wohin? Kein Ruf. Wanderte weiter in die Welt Ohn Ahnen, wohin. Aber das Ding in mir, Das wußte wohl, wohin Micks triebe, igo Hat mich über Berge geführt, Abgründen vorüber, Hat mich durch schwüle Ebenen gedrängt, Mitten durch Fieberdünste, Warf mich aufs Meer und lehrte mich schwimmen. Manchen Stoß erhielt ich in der Welt, Wunden empfing ich, Die Narben wurden, Schmerzen wühlten sich Wohnungen in mir Und kalkten sich ein; Ich müßte mich selber zerreißen, Wollte ich sie aus mir austreiben. Ich vergaß sie, wenn sie nicht tobten, Und, wenn sie tobten, schrie ich mit, Bis sie stille waren. Hetzte auch einen Schmerz auf den andern, Daß sie sich fraßen, Und ich lachte, wenn ich sah, Wie sie im Übereinanderherfallen Stücke aus mir rissen. Dann kamen weiche Hände und streichelten mich ; Wie ein schwarzer Baum, der grüne Knospen Der Sonne auftut, fühlte ich die Wollust Im Sein zu werden. Alles, das war, War nur für mich, Alle die Welt War mein Geschwister. Ich wuchs in die Welt, wie in der Blume Der starke Samenstengel sich hebt, igi Und mir war: Ich wäre der Sinn der Welt. Wunderbar schwoll meine Seele aus, Über mich weg in die Ahnungen des Seins; Götter gebar ich aus mir Und spielte mit ihnen Spiele der Seligkeiten und Spiele der Angst, Und schlug meine Götter tot. Da ich ihrer müde wurde. Nun ward ich still Und spielte nicht mehr. Ich sah mich selber an und erschrak, Daß ich allein sei. Endlos Leben an Leben um mich, Ich aber allein, Und nichts über mir. Da bückte ich mich in mich selbst Und verbarg mich in mir Und träumte. Was ich geträumt, war wirr und wild. Aber als ich erwachte, War ich heiter und wußte Den Sinn meines Lebens. Der ist: Still mich treiben lassen von dem, Das in mir ist und nicht fragen: Wohin ? Dunkel sind die Ziele, Dunkel sind die Götter, Dunkel ist die Welt. Aber eine warme Flamme leuchtet in mir Und läßt mich wachsen. ig2 Weiter weiß ich nichts als diese Flamme, Aber in ihr ahne ich alles. Ich laufe nicht mehr quer hin durch den Garten Und stoße mich an keinen Stein mehr. Ich wachse wie ein Baum empor Und fühle unendlich und immer die Wollust Im Sein zu werden. 193 KÜRBISLAUBE MIT SCHREIBTISCH FRÜHLING SEPISTEL Die Mücken spielen und die Bienen schwärmen, Der Himmel ist atlassen blau und klar; Das, dächt ich, ist kein Wetter, sich zu härmen, Vertrauter Freund! Denn es ist offenbar: Bald werden auch die muntren Stare lärmen, Und schließlich kommen N achtigallen gar. Wirf weg den dummen Kram: den faulen Gram, Der wie der Spatz von unsres Staren Haus Besitz von deinem warmen Herzen nahm — Wirf ihn hinaus! Wirf ihn hinaus und greife frisch zum Besen! Zeig, lieber Freund, daß du noch immer bist Der tapfre Feger, der du stets gewesen, Wenn irgendwo sich häufte dicker Mist. Hinaus mit allem ohne Federlesen, Was muffig, ungesund und klebrig ist! 194 Dein altes Herz muß wieder hell und grün, Von jedem Reste schweren Sinns befreit, Und zum Empfange wohlgerüstet sein Der Frühlingszeit. Der Frühlingszeit, die dir das alte Lachen, Den alten Glauben und den alten Schwung Bescheren wird mit ihren Siebensachen, Die selbst die alte Eiche wieder jung Vor deinem Haus und übermütig machen In frischen Knospentriebs Beseligung. Was red ich viel! Hier hast du meine Hand. Kein Wort! Ich weiß: du wirst den Druck verstehn, Und nächstens wolln wir beide über Land Lustwandeln gehn. FREUNDESBRIEF AN EINEN MELANCHOLISCHEN Du klagst, mein Freund, und jammerst sehr, Wie elend dieses Leben war; Es sei nicht auszuhalten. — Was klagst du denn ? Es ist dein Recht, Bist du ein müd und fauler Knecht, Dich gänzlich auszuschalten. Kauf dir, o Freund, ein Pistolet Und schieß dich tot, — hurra, juchhe! Dann bist du gleich gestorben. Doch macht des Pulvers Knallgetös Dich, weil nervös du bist, nervös, Brauchst du nicht zu verzagen. 195 Ich weiß ein Mittel ohne Knall, Geräuschlos, -prompt ; für jeden Fall Will ich dirs hiermit sagen : O speise, Freundchen, Strychenin! Das wird dich in den Himmel ziehn. Dort geigst du mit den Engeln. Falls aber, weil du heikel bist, Strychnin dir unsympathisch ist, (Es schmeckt ein bißchen fade) So brauchst du nicht gleich bös zu sein; Mir fällt schon etwas andres ein: Geh auf die Promenade Und hänge dich an einen Ast. Sobald du ausgezappelt hast, Hängst du für ewig stille. Wie P Kitzlich bist du an dem Hals P Wohl, mein Geliebter/ Diesesfalls Guts anderes Gebaren: Spring in den Fluß, stürz dich vom Turm, Laß dich gleich einem Regenwurm Elektrisch überfahren. Auch ist ein ziemlich sichrer Tod Der durch komplette Atemnot Infolge Ofengasen. Du schüttelst immer noch den Kopf P Ei, du verruchter Sauer topf, Geh hin, dich zu purgieren! Mach dir Bewegung, fauler Bauch, So wird die liebe Seele auch Vergnügt im Sein spazieren. Ein wackres Wort heißt: resolut! Hast du zum Sterben nicht den Mut, So lebe mit Courage! ig6 GEBURTSTAGSBRIEF AN LILIENCRON ZUM 60. GEBURTSTAG Lieber Detlev, erinnerst du dich noch: Wie wir im Münchner Ratskeller saßen Und miteinander Porter und Ale tranken? Wovon sprachen wir da? Vielleicht Von den neun Musen und ihren Cousinen? Oder von Peregrinus, Syntax, Und seinen dreimalhunderttausend Deutschen Reimwörtern? Oder gar Von den P. P. Rezensenten (Die in jenen Zeiten auch dir noch Etwas dicht im Pelze saßen) . . .? Wir sprachen (Apollo, hülle dein Haupt In Sacklinnen und wende dich weg!) Von der Kathi und der Seffi, Von der Gretel und Marei. Angenehme Tage, Detlev, Und vergnügte Abende warens. Denkst du noch an Ammerland? An die öd und an Sankt Heinrich? An die äußere Isarstraße, Wo das Wehr mir in die Fenster Rauschte und von den Bergen erzählte, Während ganz, ganz in der Nähe Unten am Grieß die Wäschermädel Deinen blauen Nordseeaugen Angenehme Weide waren? Manchmal ists uns damals freilich Selbst für lyrische Verhältnisse 197 Aus der Maßen schlecht gegangen, Und wir hatten zum Addieren Selten nur Veranlassung. Dein Menü war recht eintönig In der Königinnenstraße, Lieber Detlev, das muß wahr sein. Es erstreckte dein Kredit sich, Wenn ich recht mich noch erinnere, Nur auf Brot und Eierspeisen, Aber Rum und heißes Wasser Fehlten selten, Trost und Labsal Auf dem schwach bestellten Tische, Und der Grog versetzte uns In dein stilles Jagdschloß Poggfred. Wo Bertuch, der Wohlerzogene, Schnallenschuhe an den Füßen, Weiß be strumpf t und glatt rasiert, Uns zu köstlichen Fasanen Älteste Burgundermarken Und Chäteau Lafitte servierte. Manchmal traten wir ans Fenster, Um den roten Aldebaran Mit Ergebenheit zu grüßen, Deinen Leib- und Lieblings stern. Und du wußtest viel zu melden, Was du alles dort erlebt hast: Wundervolle, farbenvolle, Ganz in Glut getauchte Verse, Rollende und schwellende. Da wir so mit schönen Dingen: Mädchen, Sternen, Grog und Versen, Hinlänglich beschäftigt waren, Haben niemals wir zusammen Den beliebten Sport getrieben, 198 Gute Freunde durchzuhecheln, Und ich glaube, davon kams, Daß wir immer fröhlich blieben. Denn das Schmälen und das Schmähen Macht die reinsten Seelen sauer Und die Herzen dumpf und trüb. Davon wollten wir nichts wissen. Kurz, so dachten wir, ist unsre Lebensreise, darum war es Unsinn, sie uns zu vernebeln. Nein, wir wollen Sonne haben, Wenn nicht draußen, in uns selber, Mögen alte Weiber zanken, Wen der Neid beißt, der mag kreischen, Unser Mund ist nicht zum Belfern Und zum Stechen unsre Zunge Nicht gemacht. — Mein lieber Detlev, Sehr gescheit sind wir gewesen! Sprachen wir vielleicht vom Ruhme? Gott behüte und bewahre! Dieses Thema lag uns fern. Doch von deinen Leutnantstagen Hast du immer gern gesprochen Und den Adjutantenritten Anno siebzig — einundsiebzig. Sprachst du davon, schnarrtest du, Wie ein richtger Leutnant. Sagt ich dann: „Du bist ein Dichter, Detlev, und so mußt du ,flöteniU, Schnarrtest du: „Zum Donnerwetter, Eher will ich gleich dem jüngsten Fähnrich beim Kommando krähen! — Ach, daß ich noch Fähnrich wäre! Doch ich bin für meine Sünden i99 In der schönen Leutnantszeit Nun schon bei lebendigen Tagen Transformiert zu einer Mumie, Und es ist auf meine Stirne Tätowiert ein blaues Blümlein, Drunter steht: Dies ist ein teutscher Tic hier, und in seinem Busen Wallen ohne Unterlaß Paarweis eng verschlungne Verse — Hol der Teufel das Gewalle! Muß grad mich der Satan reiten, Daß ich tam-ta, tam-ta, tam-ta Ewig Verse klopfen muß?" So, o Detlev, sprachst du schnöde, Wenn du von den Musen sprachst. Unvergeßlich bleibt mir ewig Dein vergebliches Bemühen, Oberbayerisch zu reden. Dazu bist du nicht begabt. Um so sichrer des Erfolges Warst du immer, wenn du plattdeutsch Irgend eine Kathi, Zenzi, Mali oder Burgl ansprachst: „Reden S' net amerikanisch/" Replizierte einmal eine, Und du lachtest dich halb schief. Weißt du noch: Die Frühlingsstraße? . . . Einmal schritten wir einander Jeder wen im Arme führend, ( — „Himmel, ist das nicht/ . . . Natürlich / — „Welch ein ganz verrückter Zufall/") Ohne Gruß und Blick vorüber; Nur ein Zucken um die Lippen 200 Ließ sich doch nicht ganz vermeiden. — Was bedeutete das Zucken P Als am nächsten Tag „beim Heck" wir Uns zum Mittagessen trafen, Lachten wir so laut und schallend, Daß zwei wirkliche Geheime Staatsschuldentilgungssekretäre In die Nudelsuppe fielen. Ganz unglücklich warst du, weiß ich, Einmal eine ganze Woche. Melancholische Trauerränder Zogen sich um deine Augen, Deine Haltung, sonst soldatisch, Machte einen Trübsinnswinkel, Schleppend war dein Gang, die Stimme Hatte das Metall verloren. Kam ich zu dir, saßest du, Ach, ein Bild beklommenen Jammers, Wie ein Mann, auf dessen Schultern Eine Last von Blei gelegt ist. Hilflos, trostlos, ratlos, lustlos, Ganz und gar unliliencronisch Vor dem offnen Tintenfaß. Und du fluchtest, und du stöhntest, Und du riefst mich an zum Zeugen, Daß du aus Fortunas Gnaden In den Abgrund allen Unheils, Bis zum Bodensatz des Elends Jämmerlich gefallen seist. Was, ihr Heiligen, war geschehn? Hatte man dir aufgegeben, „Blüht" auf „sieht" zu reimen? (Solche Zumutung war Tod für dich.') Hatte man dich roh verurteilt, Künftighin die kurzgeschorenen 201 Harne lang als Dichterlocken Auf die Schultern „niederwallend" Und mit öl gesalbt zu tragen ? Oder hatte man dir etwa Aller deutschen Liedertafeln Ehrenmitgliedschaft verliehen, Und du mußtest nun zum Danke In die hehre Leier greifen P Als ich so dich lachend fragte: Riefst du aus: Das alles wäre Freilich schrecklich, doch mein Schicksal, Ottju, ist noch schrecklicher! Denke dir, der gute Dobert Ist in seiner großen Güte, Mir zu helfen stets beflissen, Auf die scheußlichste Idee, Die nur je in Redaktionen Ausgebrütet ward, verfallen: Ich soll, ich, es ist entsetzlich, Ich soll, ist es denn zu glauben, Ich ein „Feuilleton" verfassen! Sage mir um Gottes willen: Wie in aller Welt denn macht man So ein Ding? — Ich habe zwanzig Bogen Reichsformats bereits mit Unerhörten Blödsinns Fladen Ganz und gar besudelt, aber Immer sagt zur rechten Zeit mir Noch mein guter Genius: Reiß entzwei den schauderhaften Unsinn! Wirf ihn vor die Ratten! — Nein, ich kann es nicht, es geht nicht! Eher will ich Steine klopfen, Flöh dressieren, Katzen scheren, Affen, Bären tanzen lassen, 202 Selber auf dem Seile springen, Mich als Eskimo vermieten Und lebendge Fische fressen, — Aber nur kein „Feuilleton" Schließlich ist es doch gegangen, Und du maltest mit entsetzten Überlebensgroßen, krampfhaft Aufgereckten Buchstaben Dein Elaborat ins reine. In Majuskeln stand darunter: Einmal, Dobert, und nicht wieder! Diesen Schwur hast du gehalten, Und so groß war deine Reue Über diesen Sündenfall, Daß den Sündenlohn auf einem Sitz wir an Babettens Tische Noch am Abend, da er ankam, Flugs in Rotwein und Champagner Ganz und gar verwandelten. Daß ich dir es nicht verhehle: Manche gute Leute gab es, Die darüber sich empörten. Wie, so sagten sie und zogen Hoch die ernsten Augenbrauen, Wie denn will auf einen grünen Zweig der Unbesonnene "Jemals kommen? Beinah fünfzig Ist er nun und treibts noch immer Wie der jüngste Leutenant! Ach, die guten Leute wußten Wenig nur Bescheid im Haushalt Deiner ewig jungen Seele. 203 Deren Spannkraft weiß des Lebens Schwersten Druck und schlimmste Lasten Lange, ruhig und gelassen, Nicht um eines Haares Breite Weichend aus der festen Fügung, Auszuhalten, aber wenn sie Einmal frei wird, muß empor sie Übermütig, leicht und heiter, Ohne viel sich zu besinnen, In die lichte Höhe schnellen, Kräftig federnd und im Federn Neue Kraft und Lust gewinnend. Andre mögen anders hausen; Deines Wesens Art ist diese, Und du folgst dem Gott getreulich, Der in deiner Seele wohnt. Denn du bist von jenen Seltnen, Die sich nicht beirren lassen. Das ist deine beste Gabe. Sie erhält dich jung und heiter, Und vom Alter gibt sie dir Nur die größre, süßre Milde. Du kannst niemals sauer werden, Niemals ungebärdig, niemals Muffig, müde und verdrossen. Darum ist es, daß sich heute So viel lausende mit Liebe Zu dir drängen, wie vor fünfzehn Jahren einzelne zu dir Traten und die Hand dir gaben. Denn es ist ein großes Ding, Einen unter uns zu wissen, Der ein ungebrochner ganzer 204 Kerl und das ein Staatskerl ist. Doch ich wollte dich nicht „feiern". Das wird wohl in diesen Tagen Ohnehin ein bißchen reichlich An der Tagesordnung sein, Und du wirst am Ende manchmal Denken: Nein doch, das Gebrause! Bin ich denn ein Wildschweinskopf, Daß sie mich mit Lorbeerblättern Rings und über rings bestecken ? Welch ein H alleluj asingen, Weil ich aus der Art geschlagen Und anstatt ein General Bloß ein Dichter bin geworden! Lieber Detlev! — : Siehe oben! Siehst du wohl? Das kommt davon! Keiner hat so ungebührlich Von der deutschen Dichterei Als von einem ganz verruchten, Wenig ästimierten Handwerk, Halbironisch, aber doch Halb im Ernste auch, gesprochen. Und nun wird es dir am eignen Leibe unbarmherzig deutlich Demonstriert: es ist nicht so. Ja, du bist ein Jubilare, Ja, du bist (und kriegst es schriftlich Und gedruckt in jeder Technik), Bist ein Festobjekt, man feiert Mit Gesang und Tanz und Reden Dich im ganzen Vaterlande, Und man fach dich ein in Lorbeer, 205 Daß du kaum die Nasenspitze Frei bekommst, willst du dich schneuzen. Und warum, du Ungeheuer, Das so oft den deutschen Dichter Als ein Spottgebild verhöhnte? Bloß, weil du ein Dichter bist! Wahrlich, wahrlich, du verdientest, Daß man dir an diesem Tage Den Professortitel gibt! Irgend etwas, furcht ich, dieser Vaterländisch approbierten Art wird dir ja wohl passieren; Nur vor einem bist du sicher. Denk ich: vorm Kommerzienrat. Nun, mags kommen, wie es wolle, Dieses ist gewiß, du gehst ins Siebte Zehent deiner Jahre Aufrecht und auf Tänzersohlen, Jubilar von Gottes Gnaden Nicht bloß, weil man dich grad feiert. Und wenn du gleich hundert Jahre Alt wirst (woran ich nicht zweifle) Immer bleibst du, der du bist: Hauptmann unserer deutschen Dichtkunst, Grandseigneur in den Gebreiten Jener Schönheit, die als Erster Du uns wieder hast verkündet: Die im Mutterboden wurzelt, Dieser, unsrer deutschen Erde, Und die ganze Welt des Fühlens, Innerlichen Sehns und Südens Kräftig, klar und liebend einschließt. Hab ich dich nun doch „gefeiert"? Nimm es mir nicht krumm, mein Alter, 206 Ewig Junger, denn bedenke: Wem das Herz von Danke voll ist, Dessen geht die Zunge über. EPISTEL AUS WÜRZBURG (In willkürlichster Betonung) AN DETLEV V. LILIENCRON Juni igo4 Bei deiner guten Konstitution, mein lieber Detlev, Darf ich vermuten, daß du die Anstrengungen Deines sechzigsten Geburtstages nun über- standen hast Und munter wie immer mit deinem spani- schen Rohre (Ich weiß, wer es dir geschenkt hat!) über die Felder gehst, Die schöne Redewendung erwägend: Rutscht, Bitte, den Buckel mir runter, aber rhythmisch! Indessen spazier ich hier mit meiner Frau Und zwei höchst liebenswürdigen Schwestern Ein bißchen im achtzehnten Säkulo. Der Krummstab, wie du weißt, hat hier Lange als Zepter auch weltlich regiert, und nirgends Bog seine Rankenendungen er so üppig, Schnörkelüppig er aus, wie hierzulande, Wo das lustige Rokoko bestimmt war, Fürstbischöfliches Regiment galant, Musisch amön durch Amüsement zu mildern. 207 Als ich am ersten Abend allein Durch Würzburgs krumme Gassen wanderte, Die vom Maine hinauf in die Stadt (Oft durch massige dunkle Bogen, Höfe hindurch, winkelverwegen) führen, Fielen mir viele rote Laternen auf, Rote Laternen — ganz wie in Hamburg, Und ich mußte zu meiner lieben Seele Wahrlich oftmals Shockingl sagen, Denn es dünkten mich allzuviele zu sein. Allzu viele, auch wenn ich erwog, Daß hier an der Wissenschaft Brüsten Junger Studenten an zweitausend saugen. Glücklicherweise stellte sich bald heraus, Daß sotane rote Laternen nicht, Wie ich, allzu schnell bösen Gedanken geneigt, Ob auch vorwurfsvoll, vermutet hatte, Jener Venus Licht bedeuten, die Scherr die „Venus Allgemein" genannt hat, sondern Himmlischer Liebe — nach dem alten Spruch : Zu Würzburg fast in jedem Haus Sieht ein Marienbild heraus. So könnt ich denn beruhigt weitergehn, Von frommen Lichtern überall begleitet Und häufigem Glockenklang in sommermilder Nacht. Vom andern Ufer des Maines grüßte mich Die alte Feste Marienberg, an der Die wilden Bauern sich die trotzigen Schädel Eingerannt haben, als sie, Martini Lehre von der Freiheit des Christenmenschen Allzu wörtlich begreifend, dachten, Ihnen auch stund es nun frei, wirklich ganz frei zu sein. 20$ Fürstbischöfliche Gnaden dachten darüber anders Und trieben ihnen mit dem Hirtenstabe Die Freiheitsphantasieen kräftig aus; als aber Im Jahre achtzehnhundertsechsundsechzig Die Ketzerei Granatenargumente Aus preußischen Arsenalen benutzte, da Fand es die alte Bischofsburg geratner, Klein beizugeben, und sie ward von nun A.D. Ist es nicht wunderlich, wie schnell, seitdem Der Dampf auf Eisenschienen Wagen treibt, Frau Klio Geschichte schreibt? Beim Zeus! Sie steno- graphiert! Preußen als Feinde vor Würzburg! Welche Legende! Das ist gewiß: in der Fixigkeit Sind wir den werten Vorvorvätern über. Aber, Aber ich glaube, wir haben sie ziemlich Teuer bezahlt: Mit der Schönheit. Schmähe mir keiner das Rokoko! Moralisch, Das ist gewiß, haben wirs weiter gebracht, Und der Herr Oberkonsistoriair at Lehmann Denkt ganz sicher über den Umgang mit Damen Strenger, als Adam Friedrich Graf von Seins- heim dachte Und die übrigen Fürstbischöfe von Würzburg, Denen die Bischofsmütze auf kunstvoll ge- locktem Und gepudertem Rokokotoupet saß. 20g (Denke dir, Detlev, im fürstbischöflichen Schlosse Gabs ein fürstbischöfliches Kinderzimmer! — Schleunigst Mach ich diese böse Parenthese zu.) Was indessen vielleicht ihnen an Sittlichkeit Abging, hatten die Herren dafür Um so reichlicher an Geschmack. Schreitet man durch die Zimmerfluchten des Schlosses, Das aus Balthasar Neumanns formenträchtigem Geist entstand Als ein entzückend gegliedertes Raumgedicht, Während Giovanni Battista Tiepolo ihm Farben des heiteren Südens gab und Prunk Üppigster Schildereien, — ach, dann fühlt man, Daß wir vieles zwar zugelernt, doch leider Auch recht vieles vergessen haben, das gut ist. Ist es nicht gut, ein bißchen — frivol zu sein? (Sag es nicht weiter, Detlev, du bringst mich sonst Um den Rest von Reputation, wenn mir Noch ein Restchen davon geblieben ist.) Ist es nicht gut, mit der Tänzersohle Heiteren Leichtsinns graziös über die Blöcke weg Ewiger Fragen und schweren Ernstes In das Rosengebüsch spielender Einbildung Lachend zu springen und zwischen Rosen Hand in Hand mit freundlichen Schönen Leichten, doch wohlbemessenen Rhythmen Kunstgehorsam, doch munter zu folgen? Höchst verlogen und leer, Oberfläche nur, 210 Leichtgekräuselt von üppigen Launen War, so habe auch ichs gelernt, Jene Zeit der Schäferkomödien. Nun, mir ist es recht, und ich erkühne mich Keinesfalls, die Zeit Casanovas Gleichzustellen an Würde und Sittenwert Mit der höchst vortrefflichen Gegenwart, Die statt Nymphen und Schäferinnen Diebische Waschfrauen uns auf dem Theater zeigt Und den schlimmen Effekt, den der Schnaps- genuß Leider zeitigt, wenn man nicht mäßig ist. Aber, höre ich Mozarts Lied: „Daß ich mit Rosen kränze dein Haupt" Oder geh ich zwischen den Wänden Streng geschorener Zopfalleen Alten Barockfiguren vorüber, Denen zwar nicht der Glanz von Hellas, Doch ein Schimmer zu eigen ist Sichersten Sinns, aus dem Wechsel der Tage, Immer wieder Schönheit zu schöpfen Mit dem goldenen Becher der Kunst, Dann, mein Detlev, schlag ich an meine Brust, Und ich sage im stillen zu mir: Wahrlich, ich wäre lieber mit jenen Heiter graziös ein Sünder gewesen, Als ein Zeitgenosse der Heiligen, Die aus unseren Tagen ein graues, Dichtes Gemasche von Trübsal machen. Freilich, was hilfts! In die Hosenröhren Dieser Cheviot-Zeit geboren, Die kein seidenes Rauschen kennt, Frommt keine rückwärts gewandte Sehnsucht, 211 Und es steht uns hesser an, Denen die Kunst des tanzenden Wortes Wenigstens ward aus dem Erbe der Vor- zeit, Glanz und Tanz in Versen zu zeigen Und das nüchterne tote Grau Unserer Tage bunt zu bekränzen, Bunt und bedeutend mit den Girlanden Sinnvoller, lustvoller, kraftvoller Schönheit. So, vielleicht, Spielleute des großen, Drilliggrauen Heeres der Menschheit, Das sich mühsam vorwärts schuftet, Zweimal zwei ist vier als Losung, Können wir es doch verführen, Sich auf Abwege zu begeben: Querfeldein zu den Gärten der Grazien, — Dann und wann. Solch ein Garten ist Veitshöchheim. Willst du ihn betreten, Detlev, Mußt du mit gebognem Kniee Einer Sphinx die Pranken küssen, Die ihn würdevoll bewacht. Würdevoll, jedoch mit witziger Und scharmanter Würde, — nicht so Furchtbar feierlich ägyptisch, Wie man Sphinxe sonst gewöhnt ist. Hinten ist zwar sie auch Löwin, Aber Rosen ranken sich Angenehm um ihren Wedel, Und, was menschenweiblich an ihr Vorne ist, ist Rokoko. Sie hat eine Coifüre Mit Locken und Federstutz, Ein üppig Kor settge schnüre 212 Ist ihrer Brüste Putz, Selbst über den Löwenkrallen Schmiegt sich den Armen fein Ein Armband aus Korallen Und geschnittenem Edelstein. Die Rätsel dieser Sphinx, ich glaub es gern, Sind keine Gedichte Dehmels und halten sich In Abgrundtiefen sicherlich nicht auf, — vielleicht Sinds Rätsel beim Pfänderspiele und zwischen Gardinen Von Himmelbetten, aus Mull gebauscht, — jedoch, Mich dünkt: auch solche Rätsel darf ein Weiser Zu lösen sich nicht schämen, tut ers nur Mit Geist und guter Form. Im Madrigal etwa, Dem Reimversteckspiel, Verseblindekuh, Und anderen Spielen, deren Kunst es war, Das üppige Wortekleid in schönen Falten Gerafft zu heben jetzt und nun, Frou-Frou, Es zierlich falln zu lassen, bald den muntern Sinn Des leichten Lieds aufdeckend, wie den Busen Der schönen Schäferin, bald ihn verhüllend. Nun, dazu haben wir heute „keine Zeit", Und dazu sind wir heute zu seriös; Vielleicht auch zu „bedeutend": frage nur, — jedoch Ich will nicht Namen nennen, die ich selbst verehre, Obwohl ich manchmal lächeln muß bei ihrem Klang, 213 Seitdem er so, ich weiß nicht recht, so tempel- tubenhaft, So aus dem alten Testament heraus prophezelnd, So babylonomystagogisch klingt, Daß Habakuk und Jesus Sirach mir Verwandter deuchen. — Doch das ist nun so: Dem deutschen Geiste, hat er sich satt gesehn Am Sonnenlicht und all der bunten Welt, Die uns umgibt, kommt es ihn gerne an, Tjum eigenen Nabel nieder seinen Blick Geheimnisvoll zu lenken und der Welt Abbild und Sinnbild in der Höhlung dort, In Ehrfurcht tief erschauernd vor sich selbst, Ein deuterischer Seher zu erschaun. Wir minder Tiefen stehn als Publikum Im Kreise um den Nabelseher rum, Und hörn mit Staunen, was er alles spricht, — Doppelt erstaunt, verstehen wir ihn nicht. Was mich betrifft, ich hör nicht lange zu, Wo aus der Tiefe mir nicht Klarheit klingt. Ich schlage mich respektvoll in die Büsche Und setze mich, wie hier, ins blumige Gras TLu Füßen irgend einer Schönheit hin, Und sei sie auch aus Stein unklassisch ganz Gehaun von Meißeln, die die Laune trieb Und nicht die Strenge. Wer mit Liebe sieht, Der sieht auch hier sich Glücks und Sinns genug Und geht, steht satt er auf, bereichert fort, Lebendiges im Herzen, froh gemacht Und tüchtiger zum Nahkampf mit der Welt, Die für den Sinn der Laune zoenig Neigung hat. Wer zwischen schönen Resten der Vergangen- heit 214 Gern ■promeniert, kommt leicht in den Verdacht, Dem Müßiggang zu huldigen, unfruchtbar Und ohne frischen Lebenstrieb, ein Sybarit, Genüßling, impotent — was weiß ich noch! — zu sein. Wie wunderlich! Ich lebe resolut Die Tage, deren Folge mir bestimmt ist. Und jedes Glück, das mich von jenen her, Die längst vergangen sind, begrüßt, ist nur Ein Glanz mehr meines Heute und besamt Die Lust in mir, das Glück des Heuteseins Noch kräftiger zu kosten, voll und reich Und fest gemacht durch innigsten Verband Mit allem, drauf es ruht. — In diesem Sinn Spazier ich in Veitshöchheim, mit der Welt Des Heute angenehm verbunden durch die drei Begleiterinnen, die wie ich sich gern Mit Sandsteindamen und -Herrn des Rokoko, Sind sie auch mangelhaft bekleidet, unterhalten. Wie vielmal ward es Frühling schon um die! Wie viele hundert Male hat der kleine Gott, Der auch bei Erzbischofs zu Hause ist, Mit angehört, was ihm zu Füßen sich Die Paare Süßes sagten, ob sie nun Im Reifrock schritten, Schnallenschuhen, Es- karpins, Das Haar toupiert, gepudert oder schlicht, Im Krinolinenbauschrock ä la Eugenie, Im Bratenrocke des Herrn Kandidaten, Im Arbeitskittel und im Sonntags fähnchen Des Stubenmädchens; — was auch immer sie Die Mode hieß, um sich zu tun: es war Das alte, ewig neue Lied: Io ti amo! Schatz, ich liebe dich! 215 Zuweilen, Detlev, krieg ichs mit der Angst, Denk ich an diese ewige Wiederkehr Des immer Gleichen, und ich frage mich: Wie lange noch, und es ist ganz verbraucht Mehl, Zucker und Rosinen und was sonst Zu diesem Liebeskuchen nötig ist. Gespenstig scheint mir dann das Rokoko, Die moosbepuderten Göttinnen sehn grün Wie Leichen aus, und ich erinnere mich An allerhand Spukgeschichten jener Zeit: Von weißen Damen, die den lächelnden Geschminkten Kopf mit angemalten Lippen Und hoher Schwalbennestfigur behutsam Durch lange hallende Galerien nachts Nicht auf der Schulter trugen, sondern unterm Arm. Mich fröstelt. Auf dem nächtigen Maine zieht Im Mondschein still ein Floß. Ein gelbes Licht Brennt hinter dem Verschlage, wo ein Mann Auf einer niedren Truhe sitzt und raucht. Ein stämmiges Weib regiert den Steuer- balken, Ein junger Bursche stemmt den „Wuchte- boom" Ins gurgelnde Gestrudel, — plötzlich schießt Das stammverklammerte Fahrzeug durch die Brücke, Wer weiß, wohin. — So fahren wohl auch wir Durch dunkle Brücken, nächtlich im Gestrudel Von Elementen, die uns feindlich sind, Zwei Fuß breit kaum getrennt von einer liefe, Die gurgelnd auf uns lauert. — Wunderbar, Daß wir auf Truhen (oder Kanapees) 216 Zuweilen so behaglich sitzen und Der Pfeife (oder einer Henry Clay) Wolken verschwebenden Rauchs entsaugen, dem Das schwanke, schwebende Leben, das wir führen, So ähnlich ist. — Wer ist es, der uns — raucht? Sind wir den Göttern petum o-ptimum Oder Importen? — Doch ich merke nun, Daß höchste Zeit es ist, den Brief zu enden, Der plötzlich, was mir sehr zuwider ist, Ins Melancholische sich wendete. Warum das kam? Madame Sphinx hat mich, So furcht ich, in Veitshöchheim gar verhext. Es ist nicht gut, mit Damen umzugehen, Die hinten löwisch sind. — Gehab dich wohl! ^^mt 2iy KANNEGIESSER- KEGELSCHUB VOM RUSSISCH-JAPANISCHEN KRIEGSSCHAUPLATZ Eines ist bei diesem Streite Anders als es sonsten ist: Diesmal haut nicht Christ auf Christ, Denn der eine ist ein „Heide". Und so wissen alle beide, Wie der Christ, so der Buddhist: Unser lieber Gott, du bist Ganz, bestimmt auf unsrer Seite. Dieser Umstand ist bequem, Denn es ist nicht angenehm Und es schafft Verlegenheiten, Sich auch noch um Gott zu streiten. Schneller fällt der erste Schuß, Wenn man nicht erst beten muß. 218 LEIER UND RAD Da es nun wieder Frühling geworden ist, Ziemts dem Poeten, die werte Leier, Die, gelehnt an das ungeölte Zweirad, gänzlich verstaubt hinter dem Kleiderschrank Lange mit Mißmut ruhte, hervorzuziehn. Wahrlich ! (so ruft er und schlägt mit Macht, Pingtütüping, in die schnarrenden Saiten) Wahrlich ! Diesmal verlohnt es sich, Frühlingslieder zu rupfen voll Inbrunst. Siehe, es schlagen nicht bloß die Bäume aus, Sondern auch Russen sowohl wie Japaner, und Möglichenfalls, ehe es Sommer wird, Gibts auch auf dem biederen Balkan Die mit Recht so beliebte Metzelsuppe. Ja, die Welt wird schöner mit jedem lag! Einige Primeln schon fand ich an Waldes Rand, Und die Amsel mit gelbem Schnabel singt Angenehm im Birnbaumzweigicht. Frischer Schnittlauch, siehe, spitzt auch hervor, Und mir ahnt es, über ein kleines, bald, Bald entzupf ich dem lockeren Erdreich Schamhaft errötende Frühradieschen, Bis dann endlich der dreimal gepriesene Tag des andachtsvollen, ersten Spargelstechens ambrosisch herannaht. Wird, bis dies sich begibt, die Knute Oder der Bambusprügel den Sieg Im mandschurischen Schnee gewonnen haben ? 21g Diese Frage (das merkt jeder Erfahrene) Ist rhetorisch gemeint, und niemand Wartet auf Antwort darauf. — Der Dichter Stellt das Leiergestell behutsam Wieder hinter den Kleiderschrank. Aber mit prüfendem Ohre schiebt er (Weh, wie wimmerts und ffeifts in den Lagern /) Langsam das Zweirad hervor und läßt ihm Kundigen Sinns am entsprechenden Orte Sanft einschlüpfenden Öls genug In die vertrockneten Lager träufeln. Dies getan, ergreift er mit hurtiger Hand die zum Lenken bestimmte Stange, Setzt mit Mut und Anstand die linke Sohle auf den gekerbten Stift am Hinterrade und hupft mit dem rechten Beine gewaltig ein-, zwei-, dreimal, Bis er, gelobt sei der Geist der Balance, Sicheren Schwunges sich hebt in den Sattel Und mit dem Rhythmus, der Dichtern eigen, Ruhig hinauspeda.lt in die Landschaft. ZWEI KÜNSTLERINNEN Die heilige Cäcilie versteht sich, wie man weiß, Sehr wohl auf das Harmonium Und spielt dem lieben Gott zum Preis Sehr schön darauf herum. Doch ist sie mehr des Zarten froh Und liebt das Pianissimo Und schmelzende Andante, 220 Weil sie, wie jede Künstlerin, Mit feinem und erfahrnem Sinn Erkannte : Dies enchantiert mein Publikum, Engel und Anverwandte. Bellona hörte lange schon Der Hymnen und Choräle Ton Mit vielem Mißbehagen. Darum begann Sie dann und wann Die Pauke schon zu schlagen. Bald war sie dort, bald war sie da Mit ihrer groben Musika. Seis auf den Philippinen, Seis in Südafrika, Wo sie mit frohen Mienen Schon viele Hörer sah. Jedoch, das Rechte ward es nie. Bellona zog die Stirne kraus Und murmelte verdrießlich : So eine kleine Sinfonie Kann schließlich Auch Doktor Richard Strauß. Ich brauch noch viel mehr Blech und Krach, Bei dem Gewimmer wird mir schwach; O hätt ich Massen, Massen, Mein ganzes Seelenungestüm In einem Fugenungetüm Gewaltig loszulassen. Indessen zog Cäcilia Mit Inbrunst die Harmonika Und fand (bei ausverkauftem Haus) Auf Himmel und Erden viel Applaus, Wobei der Zar 221 Der allerbe geistertste Klatscher war. Das wurmte Bellonen, Es ist nicht zu sagen, Wie sehr. Sie schleppte Kanonen Und Pulverwagen Daher. Und prüfte die Zünder Und putzte die Schlünder Und fand: Es war das Orchester Der Monstreballester Im trefflichsten Stand Und blies dem Zaren ins Ohr: Du Tor! Was sitzst du im Parkette Und lauschst den Säuselein Von Geigen und Schalmein Der himmlischen Motette! Dabei schläfst du noch ein, Und konntst doch selbst der Geister Lebendigster Töne Meister: Der W elt- Kapellenmeister sein. Das ist das Amt des Zaren! Die ehmals der Tartaren Blutge Bezwinger waren, Sind deine Ahnen, Zar! Du sollst, wie sie, dich strecken, Ostwärts die Pranken recken, Ganz Asien soll bedecken Mit seinem Flügelpaar Moskowiens Doppelaar. Es ist bei den Mongolen 222 Noch viel für dich zu holen; Doch wird es dir gestohlen, Greifst du nicht hurtig zu, Von gelben Hundehorden, Die schon zu frech geworden, Weil du in Mollakkorden Versinkst zu fauler Ruh. Auf, auf! Es gilt ä tout. Zar Nikolaus der Gute, Der hörte das nicht gern, Es wurde weh zumute Dem zartgemuten Herrn; Er dachte an den stillen Haag, Wo man mit delikaten Reden, von ihm geladen, Der Frage des ewigen Friedens pflag. Indessen, wenn er auch privat Dem Ideale huldigt, Es weiß der Zar, was er dem Staat Als Landesvater schuldigt. Man kann nicht immer, wie man mag. Sein Herz blieb freilich in dem Haag (Und wird dort ewig, ewig bleiben), Doch sein Verstand, Der hat erkannt, Wo jetzt der Hase im Pfeffer lag, Und daß durchaus es nötig sei, (Hauptsächlich von wegen der Mandschurei) Die gelben Hunde zu Paaren zu treiben. Und lehnte mit gesenktem Schädel Den schönen Friedenspalmenwedel In eine stille Ecke, wo Baronin Suttner täglich ihn 223 Einstäubt mit echtem Zacherlin In einem Futterale von dickem Kaliko. Bellona aber, toll vor Freude, fuhr Auf einem feurig roten Wolkenballen Zum Fluß Amur, Nahm einen Tannbaum in die Greifenkrallen, Taucht ihn in Blei und schrieb damit (in Dur Zumeist, wie sich versteht) auf eine Riesen- fläche Von Schnee die neue große Partitur Der Sinfonie des Massenmords. Die Bleche Sind nicht darin gespart, und auch das Schlag- werk nicht. Kanonisch baut sich auf das furchtbare Gedicht In Tönen, die den Erdball beben machen Und selbst des Himmels Donner überkrachen, Geschweige denn Cäciliens Litanein. Die stellt das Spielen jetzt wohl eine Weile ein. SEESCHLACHT MIT MOND- SCHEIN Baßtief brüllen die Kanonen, Fistelnd zischen Torpedonen Durch des Meers bewegte Flut; Zu Bellonas Orgelweisen Muß ins harte Seegras beißen Manch ein Krieger hochgemut. Stahlgußbomben, Stahlgußplatten Sieht man tödlich sich begatten; 224 (Was mit vielem Lärm geschieht. Weil bei diesem Kopulieren Als Trauzeugen assistieren Dynamit und Melinit.) Kessel platzen, Schiffe sinken, Niederträchtge Gase stinken, Pulverdampf bedeckt das Meer, Abgerißne Arm und Beine Schwimmen still im Mondenscheine Auf der salzgen Flut umher. Und der biedre Vollmond zwinkert, Daß es auf den Wellen blinken, Und er spricht: „Das ist gewiß: In der hohen Kunst zu morden, Sind geschickter sie geworden Seit der Schlacht bei Salamis. Seit in seinen Mußestunden Jener Mönch die Kraft erfunden, Die den Tod von weitem speit, Brachten sies, das muß man sagen, In der Kunst, sich totzuschlagen, Wirklich ganz erstaunlich weit. Selbst die Mongolomalaien Haben das Verderbenspeien Den Europäern abgeguckt, — Was gewiß durchaus kein kleines, Nein vielmehr ein ungemeines Zivilisationsprodukt. Sollte mans für möglich halten ? Die in nichts für Meister galten, Als der Kunst geschliffenen Lacks, 225 Machten schon, wie ungeschliffen! Aus armierten Russenschiffen Völlig desarmierte Wracks. Und sie schleudern Zuckerhüte Von nicht mindrer Kraft und Güte, Als der Russe schleudert; ja Im Torpedomanövrieren Scheinen sie zu exzellieren, Wie ich selbst es noch nicht sah. Intressant, muß ich gestehen, Ist es mir, das anzusehen, Der ich doch sonst sehr blasiert: Schließlich siegen die Japaner, Und das Reich der Wuttkianer Wird von Osten kultiviert. Welche hohe, weite, tiefe Wundersame Perspek tive : Der Mikado schenkt am End Jenen knutenfrommen, biedern Und bescheidenen Moskowitern Das erträumte Parlament. Also sprach der Mond. Da krachte, Bum, ein Schuß, und sachte, sachte Kroch er in den Wolkensack. Brummelte nur noch verdrießlich : „Komms, wies kommen mag; denn schließlich Ist mir wurscht das ganze Pack. Ob der Weiße, ob der Gelbe Siegt: es bleibt ja doch dasselbe, Wie es war und wie es ist : 226 Daß, bei noch so schönen Reden, Von den Menschen jeder jeden, Wenn er Appetit hat, frißt. Wünsch gesegnete Verdauung Und heroische Erbauung, Wie es üblich, als Dessert!" — Donnern, Heulen, Zischen, Krachen, Rot von riesigen Blutbreilachen Wird das aufgerührte Meer. MONOLOG DES MARS (nach dem großen Gefechte am Jalu) Beim Achseldufte meiner lieben Frau (Ich meine: seiner, die die meine ist!), Bei ihren Löckchen hier und dort und da! Bei ihren Augen, wenn sie übergehn Vor ihrer, meiner, unsrer Seligkeit! Bei ihrer Brust, für die den Göttern selbst Das Wort fehlt, würdig ihrer reifen Pracht! Bei ihrem Mund! Bei ihrer Haut! Bei ihrem Hals! Bei ihrem Lächeln, das die Lust gebiert, Den Mut, die Kraft und jeden Überschwang! Bei allem, das von ihrer Schönheit Gnaden ist, In ihr und an ihr und von ihr ausgeht Als frohe Botschaft über alle Welt: Freut euch der Schönheit, lebt in Lust, genießt Der wonnevollen Kraft, die gibt und nimmt! — ; Bei Aphrodite! Dieses ist mein Wort: Die kleinen Kerlchen mit dem Sonnenball Im Wappen machen ihre Sachen gut. 22J Wie liger springen sie den Gegner an, Doch wohl bemessenen Sprungs und voller List, Wie sichs gebührt, wo Tod die Losung ist. Ich bin zufrieden mit dem gelben Volk. Gleich einem Körper ist es anzusehn, Gewaltig eins in Willen und in Tat, Und macht den Krieg zur meisterlichen Kunst, Daß jeder Kenner im Parkett gesteht, Dies Schauspiel ist vortrefflich angelegt, Von starkem Baue, gut gegliedert und Bei aller Folgerichtigkeit doch reich An Überraschungen voll Geist und Kraft. Noch haperts leider bei den Russen, doch Ich hoffe: Sie auch spielen sich bald ein. Ich hielt von jeher viel auf ihr Talent Und bin etwas enttäuscht, ich leugn es nicht, Indes, wer weiß, vielleicht ist wohl bedacht Die zaudernd zähe Exposition, Und plötzlich bricht, was auch sehr wirk- sam ist, Die Peripetie mit Doppelschlag herein. Mit seinem Urteil muß man nicht voreilig sein. ZWISCHEN DEN SCHLACHTEN (Eine schleppv er s füßige Betrachtung) Das Geschäft in Bomben und Torpedos geht Augenblicklich in Ostasien ziemlich stille. Seitdem die japanische Flotte nach Wladiwostok Für zweimalhunderttausend Rubel Stahlzylin- der geschmissen hat Ohne beträchtlichen Schaden anzurichten und, 22S Infolgedessen, ohne der Weltgeschichte Ein neues Kapitel einzuverleiben, ist So gut wie noch weniger -passiert, es sei denn, Daß ich die Äußerung jenes Adjutanten Des Generals Kuropatkin erwähne, der Sich heute schon einen alten Hut voll freut, indem er Sich vorstellt, wie er mit den übrigen Helden Des heiligen Rußland eine Spritztour durch 'Japan Macht und die niedlichen Geishas aus nächster Nähe Kennen lernt und statt Wuttki Sake säuft. Aus diesem Grunde scheint es angebracht, Betrachtungen Ganz allgemeiner Natur darüber anzustelln, Wohin sich nun wohl eigentlich unsre Sympathien zu wenden haben; denn Das Vergnügen an einem auswärtigen Kriege ist nur halb, Wenn man nicht ganz genau und sicher zveiß: Welcher der beiden ist meiner Teilnahme würdig ? Nun könnte man freilich sagen: „Dummes "Zeug, sie sind Mir alle beide gleichermaßen pipe," — aber Dann ist die Sache eben ohne jeden Reiz. — Nein: Ich möchte wirklich wissen: Wünsche ich Väterchen den Sieg oder dem Mikado? Väterchen ist mir wohlbekannt ; er ist Mit dem Großherzoge von Hessen verwandt, und 22Q Jedes Jahr wohnt er ein paar Wochen in Darmstadt. Dort geht er spazieren wie ein gewöhnlicher Mensch, Hat ein kleines, weiches Hütchen auf und interessiert sich Für Professor Olbrichs Dreieckornamente . Manchmal unterhält er sich mit Ernst Ludwig Über die verflossene Künstlerkolonie und Über das Wetter: Daß es veränderlich ist. Wie Fürstenlaunen, und manchmal läßt er Eine Bemerkung darüber fallen, daß Seinem Geschmacke Darm- Athen besser behagt, als Berlin an der Spree, obwohl oder weil in dieser Stadt . . . jedoch Das führt zu weit. — Vom japanischen Mikado weiß Ich weniger. Das Bild, das Sullivan Von ihm in Walzertakten entworfen hat, Scheint stark geschmeichelt zu sein; es heißt, Er sei nicht halb so amüsant in Wirklich- keit; doch Soll er einen Garten voll Chrysanthemen be- sitzen, in dem So viele Arten dieser Blume wachsen, wie Ein Europäer es sich durchaus nicht vor- stellen kann. Demnach stünde der Zar mir zweifellos näher, und Ich habe auch wirklich einige Neigung, ihm Den Sieg zu wünschen, aber ich sage mir Dennoch manchmal: ein paar Hiebe Könnten den Russen auch nicht schaden, denn 230 Schießt die Knute (das Bild ist kühn) zu sehr ins Kraut, Langt sie am Ende zu uns herüber, und Eigentlich haben wir selber schon genug Knutoide Einrichtungen im Deutschen Reiche. Wendet sich aber mein Sinn sympathisch dann Hin zum Reiche der aufgehenden Sonne, so Wird mir doch gleich bange, denn schließlich: Was in aller Welt geht mich denn Japan an r Kawakami zwar hat in Erstaunen mich, Muß ich gestehen, heftiger gesetzt, als selbst Josef Kainz, denn sein Harakiri War eine angenehme Leistung, und seine reizende Frau, Sadda — Takko, ist ein süßes Ding, das Nur mit immer neuer Rührung ich Lachen und weinen als Kesah sah. Aber, Selbst wenn ich Hokusai und Utamaro und Noch ein Dutzend schwer merkbarer Namen mir Ins Gedächtnis rufe und mit Dankbarkeit An Lackschatullen denke und Räuchergefäßc Und seidene Kockemonos und die Dichterin seiSchonagon, — ich Kann mir nicht helfen, mir wird nicht warm dabei; Die gelben Affchen bleiben mir ewig Hose . wie Jacke. Was also tu ich mit meiner Sympathie? Zähl ich die Knöpfe an meinem Überrock ab, oder Rupf ich die Blättchen einem Chrysanthe- mümchen aus: Mikado — Väterchen, Mikado — Väter- chen ? Oder 231 Wart ichs ergeben ab, was Bernhard Bülozo in seiner Eigenschaft AlsKanzler des Deutschen Reiches für richtig finden wird? Oder gedulde ich mich so lange, bis der männermordende Gott der Schlachten mit sich ins reine ge- kommen ist, wem Von den beiden er seine Sympathie schenken soll? Nein, nichts von alledem gedenke ich zu tun : ich Lege mein nächstes Honorar (und wärens gleich zwanzig Mark) In Japan- oder Russen-Papieren an, je nachdem Mein Leibbankier die Konjunktur beurteilt, — und Von diesem Augenblicke an weiß ich be- stimmt, wohin Die Nadel meiner Sympathie sich wenden muß. EUROPA AN JAPAN Sei mir gegrüßt, o Japan, sei willkommen Im Ehrenkreise zvestlicher Kultur! Ich hab dich einst nicht ganz für voll genommen, Als ich von dir bloß Freundliches erfuhr: Schönheit und Grazie, bunte Pracht in frommen Werken der Kunst voll Stil und voll Natur . Hök'sai, Toyokuni etcaetera, — Alles ganz gut und schön, gewiß — na ja. 232 Du weißt erstaunlich kunstvoll zu lackieren, Dein Porzellan ist aller Ehren wert, An deinen Bronzewerken delektieren Sich alle Kenner, ja du hast belehrt Selbst meine Künstler in der Kunst, zu zieren, — Kurz, was aus Japan kam, war sehr begehrt; Jedoch im Grund erschienst du mir, pardon, Wirklich verwendbar nur beim Kotillon, — Ich meine: für die netten Nebensachen, Zum Beispiel Dichtung, Kunst, Philosophie, Die wohl auch mir manchmal Vergnügen machen (Doch nie soviel etwa wie ArtilVrie); Du schienst mir putzig, schienst ein Ding zum Lachen, Doch ernst, o Japan, ernst nahm ich dich nie. Im Grunde fand ich doch, das Ganze sei Heidnisch lackierte gelbe Barbarei. Jetzt aber, Japan, muß ich frei bekennen: Ich habe dich beträchtlich unterschätzt; Ich muß dich Freund, ich muß dich Bruder nennen, Komm an mein Herz, ich habe dich verletzt; Bewundrung fühle ich in mir entbrennen Und ebenbürtig heiße ich dich jetzt. Wer so wie du en gros mit Blut lackiert, Der ist Europen gleich zivilisiert. Es ist erreicht! darfst du mit Recht nun sagen, Es ist erreicht! Du darfst den Schnurrbart nun, Ein Held der Bildung, auf gezwirbelt tragen, Und fürder nicht mehr mit Mongolenschuhn, 233 Nein mit Schaftstiefeln und im Stechschritt schlagen Darfst du das Erdreich, wie die Meinen tun. Und dann: zieh Hosen an! Dies fehlt dir nur Zum Zeichen ganz vollkommener Kultur. Zieh Hosen an und laß dich auch bekleiden (Es geht in einem) mit der Religion Der Liebe, die die Wollust sucht im Leiden (Hab keine Angst : das Leiden gibt sich schon), Denn schlecht steht, glaub mir, Japan, einem Heiden Des Westens holde Zivilisation. (Zu glauben brauchst du schließlich nicht daran; Es sieht sich nur die Sache besser an.) Dann aber, in des Westens Hosenröhren Gesteckt und in das Taufbuch registriert, Tritt in mein Exerzierhaus ein! Mit Chören Und Ehrensalven wirst du hoch feuert; Daß zueinander wir von jetzt gehören, Steht außer Frage, seit du konstatiert, Daß du im regelrechten Massenmord Ruhmreich geschlagen jeglichen Rekord. AFRIKANISCHE DISTICHEN „Wir auch wollen11, so sprach der pudel- begleitete Kanzler, „An der Sonne den Platz, der uns Deutschen gebührt." Schön. Wir nahmen ihn ein. Es steckten die Assessoren, 234 Steckten die Leutenants ihn ab mit schnei- diger Hand. Schwarz im Gehrock und schwarz in der hoch- geschloßnen Soutane Folgten des Christentums Boten der Staats- gewalt. Streng in zwei Lager geteilt, Konkurrenten auf Tod und Leben, Aber im übrigen ganz himmlischer Liebes- brunst voll. Ordnung herrschte fortan, Disziplin, Polizei und Gesittung, Wo der Wilde bisher Greuel auf Greuel gehäuft. Lieblich am Palmenstamm hing die kühn stili- sierte Verordnung, Jede Giraffe erhielt Halsband und Marke und Korb. Aktenregale, vom Holze der Urwaldbäume gezimmert, Bogen sich bald von der Last emsig beschrieb- en Papiers, Und es fungierte genau das löbliche Steuer- kataster, Jeder Knopf ward gebucht, der einer Hose entsprang. Denn (das versteht sich von selbst) es wurde die ruchlose Blöße Jedes Wüdn fortan von der Regierung behost, Und mit keuschem Kattun ward verhüllt, was das südliche Klima Leider den Weibern dort allzu üppig beschert. Emsig kauerte nun vorm Tintenfasse die Jugend, 235 Lernte das Abc, lernte die Wacht am Rhein, Heil dir im Siegerkranz, Vater unser, du sollst nicht hegehren Deines Nächsten Weih, kurz, was den Menschen erhebt. Aber, au] daß nicht bloß die Seele vom Guten erfüllt sei, Sondern der Körper auch wisse, was sich gehört, Drillte der Herr Sergeant mit vaterländischen Flüchen, Tritten in das Gesäß, oder wo andershin, Streng nach dem Reglement die waffenfähige Menge In der adligen Kunst disziplinarischen Mords. Also geschah, was der Geist der Kultur wünscht, daß es geschehe, Wurde des Alkohols auch mit nickten gespart, Ebensowenig wie der trefflichen Nilpferd- peitsche, Die die Arbeit versüßt, wenn sie sonst sauer schmeckt. Kurz, es entwickelte sich die aller schönste Idylle, Tränen weinte der Lust Neger und Negerin, Tränen der Rührung aber benetzten die Brillengläser Manchem Geheimen Rat, der in Berlin residiert. Wie ? Und jetzt ? Was ist das ? Das klingt ja wie Schüsse? Herr Lehmann, Riechen Sie nichts? Das riecht brenzlich, wie mich bedünkt? 236 Aufruhr? Was ist denn los? Warum denn? Wieso denn ? Weshalb denn ? Wie? Ein Leutenant hat seinen Schwarzen gepfählt ? Ja, und die Schufte schießen mit unseren Mausergewehren Jetzt auf uns. Ach ja! Das ist der Lauf der Welt. Undank! Haben wir drum sie im Christentum unterwiesen, Daß sie als Christen tun, was sie ab Heiden getan? Sehen Sie, das ist der Lohn! Wir haben zu gut sie behandelt. — Aber das Pfählen ? — Ach Gott, daran sind sie gewöhnt. Nein, das Pfählen ists nicht, auch die Peitsche nicht. Recht hat Herr Lehmann; Daran sind sie gewöhnt: Aber das Standesamt, Aber die Hosen, der Drill, die Verordnungen und die Gebete, Das macht sich so rabiat: -preußisch wolln sie nicht sein. Was im Sande der Mark Assessorengenera- tionen Langsam nur fertig gebracht, geht doch in Afrika Nicht in einem "Jahrzehnt; die schwarzen Halunken haben Allzu lange sich nackt frei wie die Teufel gefühlt. 237 Und nun sollen sie flugs vor jedem Amts- schimmel Ehrfurcht Haben, wie Piefke sie hat? Nein, Herr Assessor, das ist So unmöglich, als wie, daß Sie von heute auf morgen Lernten die Kunst, ein Mensch ohne Polizei zu sein. Eines schickt sich, sagt Goethe, für alle nicht. Bester Assessor, Entassessoren Sie sich, wenn Sie in Afrika sind, Bloß ein ganz klein wenig, und denken Sie dran, daß Neger Keine Piefkes sind. Dann wird es besser gehn. Unsern Platz an der Sonne, gewiß, den wollen wir suchen, Aber verdüstert ihn, bitte, nicht gleich mit euch. 238 PI ER ROTS MAR 10- N ET TEN- THEATER PIERROT PROLOGISIERT Hier, werte Fraun und Mädchen, An einem rosa Fädchen Ist alles aufgereiht Mit himmelblauen Säumen, Was mir von bunten Träumen Herblieb aus alter Zeit. Ihr könnt behaglich lesen, Was ich ein Träumer gewesen Und, ach, wie voll mein Herz; • Es schwoll, daß Gott erbarme, Vor lauter Lust und Harme Und schwebte himmelwärts Als eine bunte Blase, Gebläht von reiner Ekstase, — Doch als es stand am höchsten, 7,erplatzte es vor Schmerz. Und schaukelnd fiel hernieder, Was von ihm übrig blieb: Eine Handvoll schwärmender Lieder Die ich, ein Träumer, schrieb. 239 ER BRINGT IHR EIN STÄND- CHEN AUF DER MAULTROM- MEL Hätt ich Geld, ich wüßte wohl, Was ich tat, genau: Hätt ich Geld, ich nähme dich Augenblicks zur Frau, Nähme dich und schleppte dich In den Liebesbau, Den ich baute, — hätt ich Geld. Hätt ich Geld, ach, hätt ich Geld, Wärst du meine Frau. Hätt ich Geld, ich wärmte dir Wohl ein Nesterl aus, Hätt ich Geld: bums in der Falle Säße meine Maus, Nimmer ließ ich, nimmer sie, Nimmer sie heraus Aus der Falle, — hätt ich Geld, Hätt ich Geld, ach, hätt ich Geld, Meine liebe Maus. Hab kein Geld. Was ist denn das, So ein Kassenschein? Hab kein Geld. Ja Phantasie, Phantasie ist mein. Güter hob ich au] dem Mond Und im Herzen dein. Leise brumm ich: hätt ich Geld, Hätt ich Geld, ach, hätt ich Geld, War das Mädel mein. 240 ER BRINGT SIE NACH HAUSE Im Heidenlärm der Tanzmusik, Im Tabaksqualme, schwer und dick, Warf zu das Glück mir einen Blick, Einen goldenen Blick aus zwei heißen Sonnen. Du warst an meiner Seite. Der laute Lärm verschwamm, verrann, Nun hüben erst ihr Leuchten an Die Sonnen, da die Nacht begann, Die himmlischen Sonnen deiner Braunaugen. Du warst an meiner Seite. Heil uns: die Nacht, die finstre Nacht. Nun schnell uns auf den Weg gemacht! Ich habe dich nach Haus gebracht Durch dunkle Gassen mit hundert Küssen. Warm nah du mir zur Seite. Leis klirrend schlug dein Haustor zu. Am Fenster Licht. Dann Nacht und Ruh. Bald lagst in Schlaf und Träumen du, Ich aber ging weiter durch nächtige Felder, Die Liebe ging mir zur Seite. ER FÜHLT SICH DEN ALTEN RÖMERN ZU DANKE VERBUN- DEN A la bonne heure! Strategischen Blick Hatten die Römer und viel Geschick, Muß ich sagen, im Schanzenbauen. Hoch steh ich oben in eifrigem Schauen 241 Durch den schönen Septembertag, Ob sie nicht endlich kommen mag. Unten der See liegt unbewegt, Oben im Walde kein Wipfel sich regt, Ringsum auf Feldern mit Sensen und Sicheln Wimmelts von Hansen und Franzen und Micheln; Feierlich brummt es vom Klosterturm sechse, Hurra, da kommt meine braune Hexe! „Schneller, schneller, ich warte dein/" Holla, da rennt sie querfeldein, Fliegt an die Brust mir mit einem Sprunge, Stürmisch heb ich sie hoch im Schwünge, Kuß und Umarmung, eins, zwei, drei, Und im Grase liegen wir zwei, Rollen die Böschung hinunter weich, Rollen direkt ins Himmelreich. Keiner stört uns. Schanzenumschützt Haben wir römische Kriegskunst genützt. Was vor vielen hundert Jahren Schutz gewesen den Legionaren Gegen Attacke und Überfall Ward uns zum bergenden Liebeswall. Lieb ich auch sonst nicht die harte Stadt, Die eine Wölfin im Wappen hat, Heute sing ich ihr Preis und Lob, Daß sie die schützende Schanze uns hob, Die uns ein Liebesbette bot Bis ins erlöschende Abendrot. UND NOCHMALS Frau Roma hat uns das Bett gemacht, Die goldene Sonne hat drüber gewacht, 242 Ei jo! Vom blauesten Himmel zvars überdacht. Das hohe Gras war flaumfederweich, Ein Cäsar machte den Boden uns gleich, Ei jo! Wer hat ein Bett so rar und reich? ER DRÜCKT DIES ETWAS SCHWÄRMERISCHER JUS Laue Sommernacht; am Himmel Stand kein Stern; im weiten Walde Suchten wir uns tief im Dunkel, Und wir fanden uns. Fanden uns im weiten Walde In der Nacht, der Sternenlosen, Hielten staunend uns im Arme In der dunkeln Nacht. War nicht unser ganzes Leben So ein Tapfen, so ein Suchen? Da: In seine Finsternisse, Liebe, fiel dein Licht. DANN WIEDER MEHR DEN TATSACHEN ENTSPRECHEND Wohl in der hellen Sonnen Hab ich das Feld gewonnen, Heiß war der Erntetag; 243 Es brannten alle Farben. Da zzvischen zweien Garben Das Glück mir in den Armen lag. NUN NIMMT ER SIE FEST Ich nehme dich und küsse dich Und lasse dich nicht von mir, Ein blinder Bettler wäre ich., War nicht mein Herz bei dir. Seele, Sinne, alles Meine, Es ist deine Je der stund; Laß mich küssen, laß mich küssen Deine Hände, deine Stirne, Deine Augen und den Mund. ER SPRINGT MIT IHR IN DIE EHE Es geht ein Wind durchs weite Land, Drängt Mund an Mund, weht Hand in Hand Und ist als wie ein Singen. Hat dich und mich zusammgeweht; Und wenn er auch mal stille steht: Wir beide wollen springen. 244 ER FÜHLT SICH LUSTIGER EHEMANN Ringelringelrosenkranz, Ich tanz mit meiner Frau, Wir tanzen um den Rosenbusch, Klingklanggloribusch, Ich dreh mich wie ein Pfau. Zwar hob ich kein so schönes Rad Doch bin ich sehr verliebt Und springe wie ein Firlefink, Dieweil es gar kein lieber Ding Als wie die Meine gibt. Die Welt, die ist da draußen wo, Mag auf dem Kopf sie stehn! Sie intressieri uns gar nicht sehr, Und wenn sie nicht vorhanden war Würds auch noch weiter gehn; Ringelringelrosenkranz, Ich tanz mit meiner Frau, Wir tanzen um den Rosenbusch, Klingklanggloribusch, Ich dreh mich wie ein Pfau. ER FÜHLT SICH GEBORGEN Draußen, draußen, Draußen auf der Straße Ist der Krieg. Raufend liegen wild sich In frisierten Haaren 245 Wohlerzogene Gentlemen- Räuber und -Korsaren, Glatte Amazonen Mit geschminkten Backen Knieen augenfunkelnd Auf besiegten Nacken, Und der Beutebeutel ist der Sieg. Innen, innen, Innen in der Stube, Da ists still, Zwischen meinen Wänden, Meinen bunten vieren, Geh ich mit dem Glücke Arm in Arm spazieren, Nehme auch zuweilen Auf den Schoß die Dame, Während ich in alten Raschelsträußen krame; Komm herein zu mir, wer Frieden will, SIE SINGEN Er: Du und ich, wir zwei beiden, Wir wissen, was leiden, Wir wissen, was lieben und leiden heißt, Wir habens erfahren: Mit Haut und mit Haaren Hätte gern uns die Liebe der andern verspeis, Sie: Nun wir uns gerettet, Nun wir uns gebettet 246 In Ruhe weitab vom Gelärme der Welt, Nun wollen wir warten Den blühenden Garten, Den Lieben und Lachen in Früchten erhält. ER SINGT Das Glück weht zwei zusammen, Der weiche, warme Wind, Daß wie des Herdes Flammen Sie gluteneinig sind. Die Stürme heulen im Schlote; Laß heulen den gieren Braus/ Herdfeuer glimmt, das rote, Und nimmer löscht es aus. ER ERINNERT SIE AN FRÜHERE ZEITEN Weißt du noch: das kleine Haus Zwischen Wald und See und Feld? Eine alte Eiche hält Wacht davor. Weißt du noch: das Zimmer chen? Wie ein Käfig war es klein, Nur ein Tisch, ein Stuhl und ein Kanapee. Weißt du noch: die Dämmerung? Glockenklang vom Kloster her . . .; 247 „Nun laß ich dich nimmermehr /" Weißt du noch? SELBST IHRE SCHLECHTE LAUNE MACHT IHM SPASS Es ist kein Wind von holdrer Art, Als der um ihren Kleidsaum weht, Wenn meine Frau im Tanze Durchs Zimmer geht. Und gar kein schöner Tönen ist, Als das aus ihrem Munde klingt. Wenn meine Frau zur Zitfrer Ein Liedel singt. Und ist auch gar kein schöner Licht, Als das aus ihren Augen braun, Wenn sie aus Herzenstiefen Hellfröhlich schaun. Hu! Aber wenns gewittert! Hu! Der Donner grollt, der Sturm rasaunt! Flieht männiglich! Frau Sonne Ist schlecht gelaunt ER HÄLT SIE OFFENBAR FÜR EINE PERLE Perlen glitten durch meine Hand — .* Das war Wasser, das verschwand; Gold kam über mich hergelaufen — .* 248 Wolkenberge, Wolkenhaufen; Nichts ist mehr in meiner Hand, Und ich kann mir gar nichts kaufen. Und mir blieb nur, was ich fand: Ein Herz für mich, ein Glück für mich, Zwei Augen, die leuchten: Ich liebe dich, Und eine Wärme innerlich: Du, du und ich . . . ER DENKT AN SPÄTER Wenn wir alt sein werden, Wenn der Ruhe Dämmerung Leis in immer gleichem Atemzuge uns im Her- zen haucht, Wenn das Auge matt und milde blickt, Kältre Farben sieht und flockigen Umriß, Wenn der Hände Drücke, Alter sf altenweich, Immer abschiednehmender, zag sich fühlen, Wenn das Hirn, Von Erkenntnis starr, immer kälter wird, Und der Hoffnung warmer Taubenflügelschlag Nicht mehr linde Glücksgedankenwellen schlägt, Wenn an Rosen-Statt Herbstzeitlose blaßt Sonne, Sonne! Du auch wirst mir dann verbleichen, Die ich kindlich und anbetend liebe. Eine Wärme nur, Eine Liebe nur, Nur einen Glauben dann Werd ich mir wahren: 249 Dich Du 1 raumvergangene, Heilige. ER GLAUBT NUR NOCH EINEN LETZTEN WUNSCH ZU HABEN Daß deine Hand auf meiner Stirne liegt, Wenn mich das Sterben in die Wiege wiegt, Die leis hinüber ins Vergessen schaukelt, Von schwarzen Schmetterlingen schwer um- gaukelt. Ein letzter Blick in deine braunen Sonnen: Vorüber strömen alle unsre Wonnen In einer bitter-süßen Letztsekunde ; Ein letzter Kuß von deinem warmen Munde, Ein letztes Wort von dir, so liebeweich: Dann hob ich, eh ich tot, das Himmelreich, Und tauche selig in den großen Frieden: Der Erde Holdestes war mir beschieden. ER HAT EINEN BÖSEN TRAUM, WIRD ABER ERWACHEND GE- TRÖSTET Heut sagte ich die ganze Nacht Im Traum: Ich wollt, ich wäre tot. Doch als ich morgens aufgewacht, Begrüßten mich zwei Lippen rot. Frau Güte hat mich angelacht 250 Und flüsterte: Es hat nicht not, Beiseite ist das Gift gebracht, Da, nimm und iß des Lebens Brot! Den ganzen Tag hob ich gelacht: Herr Meister Tod, gut Nacht, gut Nacht! Es ist nicht not! Es ist nicht not! ER REVANCHIERT SICH MIT EINEM STÄNDCHEN Ich blase meine Flöte Im Glanz der Morgenröte, Der Garten liegt voll Tau Die Morgenwolken blühen Am Himmel auf und glühen Dir ihren Gruß ins weiße Bett% Vielliebe, liebe Frau! Hör aus der Morgenkühle, Was ich im Herzen fühle, Was meine Sehnsucht singt. Du sollst noch nicht erwachen, Dir soll im Traume lachen, Was in der Morgenröte Glanz Aus meiner Seele klingt. Ich blase meine Flöte Im Glanz der Morgenröte Und bin voll Morgenrot. Die Bäume und Blumen im Garten, Ich und die Vögel warten Bescher dich uns, o Herrin, gib Uns unser täglich Brot! 251 ER MERKT ETWAS — : „Ich hob dich lieb" . . . Ich hör das so. Könnt ich es glauben, War ich wohl froh. — : „Ich hob dich lieb11 . . . Welch holder Ton! Wie Geig und Flöte . . . Ich hörte ihn schon. — .* „Ich hob dich liebu . . . Sags immer, Kind! Ich weiß, daß Lügen Geschenke sind. ER VERREIST UND DENKT AN SIE Schönes Kind, ich denk an dich. Weil die Geigen klingen Und im Herzen wunderlich Stille Stimmen singen. Schönes Kind, die Geige weiß. Wie ich dich ersehne, Darum klingt so schluchzend heiß Ihre Kantilene. Schönes Kind, mir bebt das Herz. O, wie starrt das Leben. Und die Liebe ist der Schmerz 252 ER KOMMT NACH HAUSE UND MACHT EINE ENTDECKUNG (Auf eine altenglische Melodie zur Zupfgeige zu singen) Ach, mein Schatz ist durchgegangen, Laridahl Erst wollt ich ihn wiederfangen, Laridahl Doch dann hob ich mich besonnen: Laridah! Manch Verloren ist Gewonnen. Laridah! Zwar es war ein süßes Mädchen, Laridah ! Und wir hatten manches Beetchen, Laridah! Nicht bloß Veilchen, Tulpen, Rosen, Laridah! Auch zwei Stämmchen Aprikosen. Laridah! Und wir wohnten ganz alleine, Laridah! Hatten Nachbarinnen keine, Laridah! Unser Nest war zungensicher, Laridah! Vor Gekeife und Gekicher. Laridah! Ach, nun sing ich all das Holde, Laridah ! 253 Was ich doch vergessen wollte. Laridah! Nein, das heißt nicht klug gesungen. Laridah! Denn der Hase ist entsprungen. Laridah! Treue war nicht seine Sache, Laridah! Drum ists besser, daß ich lache: Laridah! Wärs nicht gestern mir geschehen, Laridah! Müßt ichs morgen mich versehen. Laridah! Also, Herze, sei zufrieden, Laridah! Viele Hasen gibts hienieden, Laridah! Ist der eine dir entlaufen, Laridah! Kannst du einen andern kaufen. Laridah ! Einen schönen, weichen, weißen, Laridah! Mucki-Nucki soll er heißen, Laridah! Ach, wie schlägt das Herz mir schnelle Laridah ! Springt er über meine Schwelle, Laridah! *54 ER KOMMT NICHT SO SCHNELL DARÜBER HINWEG UND KLAGT DAS SCHICKSAL AN Daß doch dein Stolz nicht eingestehen will: Ich irrte mich, was Gold mir schien, war Blech . . . Nein, lieber wütest du das Schicksal an Und schmähst: dein böser Hauch hat Grün- span mir Auf meines Goldes reinen Glanz gelegt. Weißt du denn nicht : Gold und ein treues Herz Behalten immer ihren tiefen Glanz? ER KOMMT ZUR VERNUNFT Noch immer spricht s in mir: Es kann nicht sein, Es ist ein wüster, widerlicher Traum; Ich muß mich schämen, daß ich so geträumt. Und hin zu ihr und ihr die Hand geküßt: Vergib mir, du, ich sah im Traum dich schlecht, Mein Traum hat dich beleidigt; ich bin krank, Daß ich so frevelhaften Wahnsinn spann. Und dann erwach ich in die Wirklichkeit Und seh mich um und sehe mich allein Und weiß und sag es laut zur leeren Wand: Bonjour madame, ich habe mich geirrt, Es war kein Traum, jedoch ein Träumer ich. Bonjour madame, et bon plaisir, die Welt Ist höchst verwunderlich und ein Roman. 255 Man muß sie nehmen, wie sie ist, Madam. Man muß nicht meinen, sie sei so und so, Und muß aus Träumen sich kein Goldgespinst Um Stirn und Auge legen, nein, Madam, Mit klarem Auge, lächelnd und moquant, Muß man sie ansehn wie ein Kavalier Zur sehr gescheiten Zeit des Rokoko, Das Stielglas vor der Nase und, ahü, Ein wenig hüsteln, wenn man etwa merkt, Sie sei nur eine Dirne, keine Fee. ES HILFT IHM EINE NEUE EINBILDUNG In ekle Mißgestalt verstellt, Als schäbiger Schacher schlich sich feig Das böse Schicksal in mein Haus Und stahl mit kalter krummer Hand Scheeläugig, hinterlistig mir Der Seele goldnes Heiligtum. Da war ich viele Wochen lang Vor Schrecken stumm und war so leer, Daß es mir schien, es sei mein Herz, Von dieses Unholds dürrer Hand Mir aus lebendgem Leib geraubt. Jetzt aber fühl ichs wieder heiß Und Schlag für Schlag und Klang für Klang; Und Reime reihen sich im Tanz Des Lebens, das von innen quillt; Und alles ist so gut, so gut, Als war ich reicher, wie zuvor. Wer hat dies Wunder mir getan? 256 Wer schloß die Wunde mir so zu, Daß keine heiße Narbe glüht ? Die Hand, die dies tat, weiß es nicht, Das Wesen, das mich so erhob, Tat seine Gnade unbewußt, Wie Gott wohl sein Erbarmen übt, Wenn irgend wer in Leiden liegt. Läßt seine Sonne drüber gehn, Umschließt die Welt und macht gesund. ER HÄLT SICH ABSEITS Vorspruch: Sieh, ringsum Glanz, und nur mein Haus und Garten In Wolkenbann . . . „Genieß auch das! Dem kommt das Licht, der warten Und Wolkenschatten aus der Höhe sehen kann." Wenn, stolzes Mädchen, du mich fragen würdest, Das nie mich fragen wird: Was gibst du mir. Daß ich dir meine Jugend schenken soll, Mein Mädchenleben und dies reine Herz . . . ? Was könnt ich sagen? ! Ach, ich habe nichts. Bin allzulange schon kein Knabe mehr, Nicht schön, nicht reich, kein großer Herr und Held, Doch auch kein wunderlicher, feiner Narr; Trag keinen Orden, hob kein hohes Amt, Und kam nicht unbeschmutzt aus diesem Kampf, Der mein Geschick war, und in dem mein Herz Hart ward und grimmig als ein Kriegerherz. Auch bin ich müde und kein Tänzer mehr, Ein Lächler ward ich, der ein Lacher war, 257 Und manchmal ist mein Lächeln gar nicht gut Ja, stolzes Kind, für eine Königin, Wie du es bist, bin ich ein armer Troff; Im Hofstaat deiner Schönheit war mein Platz, Im finstern Winkel, wo die Bettler stehn, Die ihre welke, abgehärmte Hand Vergeblich strecken, daß von all dem Glanz Ein Schimmer darauf falle. Bettelarm, Nimm dieses Wort mit aller Schandenlast, War ich bei dir, — drum will ich ferne sein. Denn sieh: Ich hab ein Reich, drin bin ich Herr; Ein Reich und Glück, das ist so voller Glanz, Daß deine Schönheit selbst davor verbleicht. Dies Reich ist mein, weil ich sein Schöpfer bin, Ein Himmelreich mit mir als seinem Gott; Du selber bist darin nur Kreatur. In grader Säule steigt der Opferrauch Von meinem Betherd, der der Schönheit dampft, Und, steh ich hier, ein Priester und ein Herr, Sehn meine Augen bis zum tiefsten Grund Des großen Meeres, das ihr Leben heißt. Dich, Königin, erkenn ich und das Kind, Das bleiche, das im Gassenkot verkommt, Das große Weltrund und den Primelnkelch, Und mir ist alles gleich verwandt und hold. Umfassung ist mein Glück in diesem Reich, Die ganze Welt zieh ich an meine Brust, In die ein Gott mir eine Sonne gab, Um die sich alles selig drehen muß. Du lächelst, wie ihr Mädchen lächeln könnt, Die grausam wie das liebe Leben sind, Und denen gern Verachtung stolz und fein 258 Die schönen Lippen schürzt. — Ich seh auch das Und nehm auch diese Schönheit in mein Reich Und stehe vor mir selbst in deinem Spott Und lächle still, lächle gottväterlich. Könnt ich so lächeln, wäre ich dir nah? ER ENTSAGT Fahl zieht der Strom in letzter Abendhelle, Bald wird es Nacht und alles Schweigen sein. Nun kommt die Zeit, daß ich mein Glück bestelle, Dies schwarze Ährenfeld, dies Dein und Mein. Das ist viel stiller, als das tiefste Schweigen Und ist viel schwärzer als die tiefste Nacht; Die hohen Halme beugen sich und neigen Ehrfürchtig ihrer schweren Ähren Pracht. Denn du bist dort. In deinem weißen Kleide, Von dem ein Leuchten wie von Sternen weht, Und ein Gesang vom Rauschen deiner Seide, Wenn leis dein Fuß durch diese Ähren geht. ER HAT EINE VISION Sie tragen eine Leiche Aus meinem Hause; Helle Haare hangen Ihr über die Stirne; Über den weißen Brüsten Klafft eine Wunde. 259 Aber ein leises Lächeln liegt, Lockt, als träumte es Liebe, süß, Schmachtend auf den wunderschönen Lippen. Warum erdolchte ich die Königliche, Die mir im Tod noch lächelt . . .? Warum erfaßt ich nicht das mädchenstolze Glück An dieser wunderweißen, wunder schlanken Hand? Warum so blöd ein Frevler, feig und kalt? Der Zug biegt in den Wald, das große Schwarz, Das voll von grauen, stummen Vögeln ist, Die mit den krummen Schnäbeln eintönig An braunen Stämmen hämmern, wo das Moos Grau ist wie Tannenflechte, und das Wild Blind. Warum schlag ich die Hände vors Gesicht Und stehe hier und stürze mich nicht tot Vom höchsten Felsen der Verzwei feiung? Mir quillt ein trübes Lied im Sinn: Hast du dein Glück erschlagen, Sollst du dein Leben tragen Zu leeren, grauen Tagen, Ein greiser Büßer, hin. ER SLNGT DEN SCHLUSS Ach, daß mein Herz noch einmal beben könnte In dieser ungestümen Seligkeit, Daß ich das Glück noch einmal leben könnte Der unbedachten Hingegebenheit. 260 Als ich mein Leben auf zwei Augen setzte, In denen ich die Himmel leuchten sah, Als ich Verstand wie einen Strohwisch schätzte, Wie war ich Narr, wie war ich König da. Heut weiß ich viel und bin so voll Verstände, Daß W ahn und Glück mir gleich verboten sind; Mein Leben rinnt kalt und bedacht im Sande, Und meine Augen sind den Himmeln blind. Ich gäbe viel um jene Torennächte, Da in die Kissen ich geweint, gestöhnt; Gebenedeit, wer mir es wiederbrächte, Dies Tränenglück, das mein Verstand verhöhnt. Da sitz ich nun und bastele Figuren, Und mir heißt Glück, daß ich ein Meister bin; Mein Meisterstück : Zwei gräßliche Lemuren Verscharren eine blonde Königin. 261 MOHN UND ASPHO- DELOS SEGENSCHWERER TRAUM Mein Acker wogt, mein Weizen blüht . . . Die Sonne scheint mir ins Gemüt . . . In Ballen flieht der Sorgen Qualm. . . Gedichte sprießen Halm an Halm . . . Es wellt der Hoffnung Wiesengrün . . . Der Liebe Sphinxenaugen glühn . . . Ein schmerzlich Glück, duftwolkenschwer, Drängt dunkeis amtenhlau sich her Und droht mir schwülend ins Gemüt . . . Mein Acker wogt, mein Weizen blüht . . , ALLEGORIE Schwarze Blumen blühen mir im Traume, Kronenschwere, die sich nicht bewegen, Ob der Wind auch über ihnen wandert. Ihre sommerlichen Düfte stiegen Wie der Wärme Wellen auf zum Himmel, Aber Winter war es um die Blumen. 262 Und es kam von ungefähr ein Mädchen, Flora kam, die mit dem Blumenhorne, Und sie nahm die Blumen an die Brüste. Sieh: da wurden bunt die schwarzen Blumen, Rot und gelb und blau, violenfarben, Da sie starben an des Mädchens Brüsten. Ich erkannte nicht des Traums Bedeuten. Aber, als ich wach ward, sah ich leuchten Brauner Augen zwei, in deren Scheine Meine Selbstsucht starb und Liebe wurde. DIE SPINNE Meine Augen waren nachten auf getan, Starr im tiefen Traume, einem Riesen-plan. Eine Ebene war es, unermeßlich weit, Und mein Auge sähe die Unendlichkeit. War wie Blei so grau, war wie Blei so schwer, Eine Riesenspinne lief darüber her. Schwarze Klebefäden wob sie her und hin, Blind, so schien mir, war die graue Weberin. In der Spinnewebe Maschen eingenetzt Hingen Menschenherzen blutig und zerfetzt. DER VÖGEL VORGESICHT Auf einem Baume, träumt ich, saßen drei Ganz kleine Vögel, rot und grau und grün, Mit schwarzen Schnäbeln, und sie zwitscherten. 263 Ich stand am Stamm des Baums und hörte zu, Und ich verstand genau den Sinn des Sangs. Und in mir blieb der Sinn. Der Rote sang: Katüh! Katüh! Es blaßt der Sommer schon: Ich seh ein flammig rotes, grelles Licht; Und alle schönen Vögel fliegen fort. Katüh! O weh! Katüh! Der Graue sang: Tjo — it! Tjo — it! Die Flamme sinkt ; esraucht; Und unterm Rauche rasselts laut im Takt; Nichts Buntes seh ich, und es klingt kein Lied. Tjo—it! O weh! Tjo—it! Der Grüne sang: Tjütoh! Tjütoh! Die Luft ist wieder klar. Aus grünen Ackern steigt das freie Lied; Und voller Blumen steht das ganze Land. Tjütoh! Tjütoh! Tjütoh! Und alle drei Vereinten sich im Gleichsang, und es klang, Als kam von Zukunftschören dieses Lied: Aus Blut und Rauch und leerem Lärm Hebt sich im Glanz ein neuer Tag, Und mit dem reinen Morgen kommt Von allen Seiten bunt geschwärmt Der schönen Vögel lichtes Volk. Wie wenn ihr Lied sie in den Himmel höbe, So flogen die drei kleinen Vögel auf. 264 Hoch, immer höher, flogen sie, bis schwarz, Die Nacht sich über meinem Scheitel wölbte. Die kleinen Vögel aber, rot und grau und grün, Als Sterne standen sie und leuchteten. ZWEI TRÄUME I Ich hört ein himmlisch Lachen Heute nacht im Traum: Das ließ mich froh erwachen. Wie schlug mein Herz geschwinde! Kamst du mir nicht her? — : Der Vorhang ging im Winde. Ich neigte seinem Saume Nahe meinen Mund, — ; . Und ich bin noch im Traume. II Ach, was sah ich im Traum: Du hast die Hand mir gegeben, Und stumm sprach mir dein Mund: Ja, ich fühle wie du. Tief im Walde geschah s: Es sangen um uns die Vögel, Sonne küßte das Moos Und deinen seidenen Schuh. Nahe warst du mir so, Daß deinen Atem ich fühlte. Und ich sah dir ins Aug, Und ich weinte vor Glück. 265 Mädchen, was mir der Tag An Kümmernissen mag bringen: Lächelnd denk ich des Traums, Selig denk ich an dich. TRAUM-EXEGESE Mir träumte, daß ich Adam wärt Adam im Paradiese, Ich grübelte so für mich her Auf einer bunten Wiese. Da unter einem Apfelbaum, Sah meine Frau ich liegen; Sie schlief, und über ihrem Traum Tat sich die Schlange wiegen. Die sprach, mit Schrecken hör ichs: Iß! Iß doch vom Apfelbaume! Drauf: Wenn michs lüstet, ei gewiß/ Sprach meine Frau im Traume. Die Schlange, lauernd: Aber Er, Er hat es euch verboten . . Und meine Frau: Verboten? Wer? Mach, hol mir einen roten/ Die Schlange wand sich schnell hinauf, Warf einen roten runter. Da tat mein Lieb die Augen auf, Biß in den Apfel munter. Um Gott/ rief ich, nun ist es aus, Wir werden ausgewiesen/ 266 Und sah auch schon im schnellsten Braus Herab den Engel schießen. Er stand in großer Gloria Wie ein Kürisserposten Vor meiner Frau; wie die ihn sah, Lacht sie: Du, willst du kosten? Nein, sprach der Engel Gabriel, Ich bin nicht da zum Essen; O liebe Frau, du leichte Seel! Hast du denn ganz vergessen? . . . Und wieder lachend meine Frau: Mein guter Gottesbote, Nur keine Angst! Ich weiß genau Die göttlichen Verbote. „Und dennoch?! Was soll ich ihm Von soviel Trotze sagen, Um den die tausend Seraphim Die goldnen Flügel schlagen?!" ,Sag unserm strengeguten Herrn, Ich tat ihn herzlich lieben Und war im Paradiese gern, Von Herzen gern geblieben. Doch dürfte nichts verboten sein. Das war ein grausam Spielen, Sollt ewig ich tagaus tagein Nach Gottes Äpfeln schielen. Hab lieber drum gegessen schnell Und warte des Gerichtes? Abflog der Engel Gabriel Mißmutigen Gesichtes. 267 Kaum, daß ich: Aber Frau! gebarmt, Kam er in sanftem Schweben Zurück, hat flügelnd sie umarmt, Ihr einen Kuß gegeben. Und hoch vom Himmel sang es hell, Gar lieblich anzuhören, Zu Flöte, Geig und Violoncell In heitren Engelschören: Weil du so gut das Paradies Und Gottes Herz verstanden, Geschahs, daß er dich küssen ließ Durch seinen Abgesandten. Ich aber ward mit manchem Hieb Getrieben vor die Pforte, Darüber flammenzügig schrieb Herr Gabriel die Worte: Wer immer möcht und nimmer wagt, Schnell herzhaft zu genießen, Sei feierlich davon gejagt Aus Gottes Paradiesen. HIMMLISCHES ABENTEUER Heut nacht war ich ein Reiter Und ritt Galopp, hussa, Tausend Meilen und noch weite" Als ich ein Wunder sah. Was sah ich? Eine Leiter, Die stand im freien Felde da Und ging bis in den Himmel. 268 Vom Pferd her ab geschwungen Und Spross auf Sprosse hinauf. Vom Himmel hats gesungen: Komm schnell, komm, komm! Herauf/ Da hob ich übersprungen Viel Sprossen schnell im heißen Lauf Und stieg bis in den Himmel. Da, auf der höchsten Sprossen, Im blauen Blumenkleid, Von lauter Licht umgössen, Ein Engel stand bereit. Den hab ich unverdrossen Geküßt die halbe Ewigkeit. Es küßt sich gut im Himmel. Da kam ein plötzlich Lachen Von meines Engels Mund: „O, o, was heiße Sachen/ Er treibt es mir zu bunt/11 Es tat die Leiter krachen, Und ich saß unten auf dem Grund Und war nicht mehr im Himmel. Doch neben mir zur Seite Der liebe Engel stand Im blauen Blumenkleide Und gab mir seine Hand. O süße Augenweide: Da hab ich sie erkannt Und war erst recht im Himmel. Von Engeln ein Gewimmel Hat hell mich ausgelacht, Gekicher und Gebimmel — Ihr Engel, gute Nacht. 269 Wir ha'm auf einem Schimmel, Kuß, hussa, Kuß, uns aufgemacht Direkt in unsern Himmel. 270 DAME GLÜCK Nackt mit offenen Armen stand Einen Augenblick das Glück Dicht vor mir. Ei, was eine schöne Brust, Weiche Brust, volle Brust Hat die Dame Glück, es sind Rosenknospen zweie drauf: Wunderschön/ Und wie küßt die Dame Glück/ Heißer Kuß, drängender Kuß, Und man macht die Augen zu, Küßt das Glück. Auf die Schultern legte sie mir Ihrer Arme süße Last, Weiche Last, warme Last, Während sie mich küßte lind. Ach, was bist du wunderhold, Dame Glück. Und ich tat die Augen auf, Wollte tief ihr einmal sehn In das sonnige Augenpaar, — Ach, ach, ach — ; Ausgeloschen war das Licht, Leere Höhlen grinsten mich an, Eine dürre Vettel stand. Dicht vor mir. Rippenhart die runzlige Brust, Lippenlos ein geifernder Mund, Spitz der Arm und knöcherig. Pfui, Madame! Ist das ein Scherz, Ist er nicht nach meinem Geschmack. Als V erwandlungskünstlerin Haben Sie vielleicht Erfolg Im Theätre-Variete, Nicht bei mir. Und die Dame drehte sich Langsam um und ging hinaus, Durch die andre Türe kam Meine Frau herein. — Ich Tor! Mir geschieht ganz recht: Warum Gab ich mich mit Weibern ab. Künftig will ich treuer sein! ZUM ZIELE Nun laßt uns fahren über Land! Die Pferde sind schon angespannt Und scharren mit den Hufen. Schön ist die Welt, und die Welt ist mein, Ick höre eine Stimme rein Fern meinen Namen rufen. Fahr Kutscher, fahr in den dunkeln Tann! Ich fahre. Fahr Kutscher, fahr mich den Berg hinan! Ich fahre. 271 Und dann hinunter ins Gartenland, Da steht ein Haus: Zum Glück genannt. Ich fahre. Es traben die Pferde, es knirscht der Sand, Es geht durch lachendes, blühendes Land. Da steht der Tann im Schweigen. Wir fahren langsam in ihn ein, Grün wird der goldene Sonnenschein, Nun, Rappen, gehts ans Steigen. Hörst du die Stimme aus dem Grund? Ich höre. Sie widerhallt von Schlund zu Schlund. Ich höre. Es schwebt um uns der leise Schall, Die Stimme ist allüberall. Ich höre. Der Gipfel da. Die Stimme schweigt. Der Kutscher in den Abgrund zeigt. Blau dehnt sichs ohne Ende. Dort unten ist kein Blühen mehr, Dort unten ist es kalt und leer! O wende die Rappen, wende! Wo hast du mich, Trauriger, hingebracht? Zum Ziele. Wohin fällt diese schwebende Nacht? Zum Ziele. Ich aber, ich will nicht, ich will zurück, Ich will zum Hause, genannt: Zum Glück! Zum Ziele. Da wurde mir ruhig und wurde mir klar, Da wüßt ich, wohin ich gefahren war, 2J2 Und wars zufrieden. Der Kutscher fuhr rückwärts, ich gab ihm die Hand, Und sprach: o grüß mir das blühende Land, Aus dem ich geschieden. Und aus der Leere klangs hell und lind: Komm schnelle. Müd ward ich wie im Spielen ein Kind. Komm schnelle. Ich lief in den Abgrund, ins schwebende Meer Und fühlte von mir kein Fühlen mehr. Komm schnelle. ICH WOLLTE WOHL, DOCH LEIDER . . . Ich sah zwei Schiffe fahren Im Flusse Seit an Seit, An ihren Rahen waren Viel Wim-pel aufgereiht. Auf ihrem Decke gingen Gestalten bunt und viel, Und war ein silbern Klingen Um ihren schlanken Kiel. Frühling an beiden Seiten Des schnellen Flusses war, In allen Höhn und Weiten Der Himmel wolkenklar. Da rief an seinem Rade Der junge Steuermann: Was stehst du am Gestade? Komm mit! Wir halten an. 273 Ach Gott, ich käme gerne, Doch sagt mir nur zuvor: Wohin!? — : In alle Ferne! Komm! Frage nicht, du Tor! Wer mit will, darf nicht fragen, Wer fragt, der ist nicht wert, Daß ihn die Wellen tragen, Daß er ins Ferne fährt. Ich wollte wohl, doch leider Sann ich erst nach genau. Die Schiffe fuhren weiter, Der Himmel wurde grau. EIN TRAUM Kommt her und seht, was in der Nacht ich sahf Kommt und erlebt, was mir im Traum geschah : Ich stand an einem weiten, grauen See; Feucht war die Luft und blaß des Himmels Blau, Wie flüssig Blei das Wasser. Und ein Kahn Lag unbewegt am Ufer, das ganz leer, Wie eine Wüste war. Kein Busch, kein Baum, Kein Schilf, kein Gras, nur knirschend grauer Sand. Da, leise, ging aus mir ich selber fort. Ich sah mich aus mir selber gehn. Leb wohl! Rief ich mir zu, ich, der ich schauend stand, Leb wohl, rief ich mir zu, ich, der ich ging. Der Schreiter, ich, das war ein junger Mann, Er wiegte in den Hüften sich und warf 274 Die Arme rüstig hin und her, sein Gang Sprach: Leben! Leben! Doch der Bleibende, Ich, der am Ufer stand, war matt und alt. Und auf den Boden sank er, ich, und starb. Nun war ich risch im Kahn und ruderte Und schnitt die Wellen mit dem schwarzen Kiel Und schoß durchs Grau des unbewegten Sees. Voran! Voran! denn ich bin jung und stark, Ich fühle meine Kraft, ich freue mich Der Muskeln, wie sie mir gehorsam sind, Wie alles fest mir in den Händen ruht, Wie meiner Lungen Gleichmaß saugt und stößt, Wie meine Blicke in die Weite gehn. Doch nichts als Grau um mich und über mir. Der Himmel auch hat sich in Grau getan, Und grauer Hauch weht von mir in die Luft. Da werd ich mählich matt und willenlos. Die Ruder laß ich, lautlos sinken sie Rechts, links ins Wasser, und lege mich, Wie eine Leiche lege ich mich lang, Als ob ein Sarg er wäre, in den Kahn. Wer bin ich denn? Bin ich der lote nun, Der dorten in den Sand sank, bin ich nicht Der junge Schreiter mehr? Es treibt der Kahn Lautlos, doch schnell, ich fühls. Ich wage nicht Die Augen aufzutun. Ich bin wohl tot. Da, durch die Lider rötets mir: um Gott! Ein zischender Eisenklumpen auf grauem Amboß, ruht 275 Die Sonne auf Wolkenballen in dunkelroter Glut. Langsam, von Riesenfäusten gehalten, einHam- mer droht, Eine Krone aus ihr zu schmieden, eine Krone blutglührot. Eine Krone . . . und ich hebe hoch mich auf Und greife in den Himmel, und herab Hol ich die Krone mir und setze sie Aufs Haupt mir. Hei, ein Strahlenzucken fährt Von meinem Haupt ringsum, und alles ist, Was mich umgibt, erhellt und feierlich. Und vorn am Buge meines Kaiserschiffs Steh ich und fahre ein ins Himmelreich. Das liegt vor mir in lauter Schönheit da, So weit gedehnt, wie nie mein Blick vordem Etwas gesehn. Doch still und leer und tot Ist dieses Land, und wie mein Silber kiel Auf seines Hafens goldne Kiesel knirscht, Ist tiefe, schauerkalte Nacht um mich. Nur ferne blinzt ein zages Zitterlicht, Und ferne klingt ein zager Glockenton, Und ferne, dort, weiß ich, ists warm und gut. Ich geh zum Licht, ich geh zum Ton, ich geh Dahin, wo mein ein Herd, wo mein ein Herz Warm wartet. Ach, wie meilen-, meilenweit Ist Licht und Ton und Herz und Herd! Ich geh Viel viele Jahre lang, und stets in Nacht. Da endlich lichtet sichs, so wie im Mai Es morgenrötet über jungem Grün, Und zwischen Fliederbüschen wirbelt blau Herdrauch aus rotem Schornstein, und ein Haus, 276 Ein kleines Bauernbaus mit moosigem Dach Seh ich, und an der Tür: . . . Du, du, o du! Ein altes Weiblein in schlohweißem Haar Kommt auf mich zu mit leisen Schrittelchen Und legt mir an die Brust das alte Häuft Und blickt zu mir mit braunem Auge auf. O tiefes Glück: das ist der alte Blick, Der Kinderblick, der aus dem Herzen kommt, Und, o, das ist die liebe Stimme auch, Die glockenleise : Komm, du, komm, du, komm; So lange, lange fort! . . . Da seh ich erst Im blauen Wasserspiegel, daß mir weiß So Haar und Bart. Und zweisam, Arm in Arm, Gehn wir ins kleine Haus. Die Türe fällt Leis "zu . . . SCHWERER TRAUM Ich lag an einem Birkenstamm Und sah durchs grüne Schleierlicht, Wie eine weiße Wolke schwamm Im hohen Blau. Und ein Gedicht Ward in mir. Leise sang michs ein; Ich schlief und lebte einen Traum! Mir wars, ich war ein Kind, und klein Stand neben mir der Birkenbaum. So schmächtig zart; ich griff ein Blatt Und blies darauf, da führte mich Ein Sturm in eine große Stadt Voll Lärm und Stöhnen fürchterlich. 277 Ein glühend Ungeheuer stand Auf weitem Markt, und Dampf und Rauch Spie aus sein Mund, und seine Hand Riß alles her und riß mich auch. Fraß alles Leben in sich ein, Und alles Lehen drängte sich Zu ihm mit Jammer gellem Schrein; So starb mit allem Leben ich. Das war, den ich geträumt, der Traum. Die weiße Wolke war nicht mehr, Und über meinem Birkenbaum Kroch wolkengrau ein Wetter her. FIEBERLIED Dieses Lebens Jammertal Steht voll schwarzer Schmerzensrosen, Die an grauem Dornenstrauche, Zwischen scharf gezackten dunkel- Grünen Blättern blühn. Große, schwarze Schmerzensrosen Nicken über meinem Haupte Und entschütten ihrem Schöße Giftig gelben Samenstaub. Dicker, dumpfer Duft umschwillt mich Sichtbariich in sammetblauer Schwüler, feuchter Wetterwolke, Und von ferne hör ich Geigen. Geigen hör ich ein wildes Lied. Schmerzensschrill und voller Wollust, Voller Gier und greller Helle, Und im Takte meines Herzschlags, Stoßweis wechselnd, klingt das Lied. 278 Lullt mich ein zu Schlaf und schreckt mich In ein atemloses Wachen, Drückt die Lider mir wie Bleilast, Reißt mein rot entzündet Auge Auf in eine blutige Sonne Und die schwarzen Schmerzensrosen Nicken über mir . . . ERNTE Sonnengießen durch den Tag, Wellenhoch im fröhlichen Schlag Geht mein Herz, es schaukelt leise Eine Wiener Walzerweise. Sensenschwung und Sichelschnitt, Grün und gelb fällt Gras und Ähre, Meine Freude erntet mit: Segenschwere! Segenschwere! Unter einem Lindenbaum, Auf des weißen Kirchleins Hügel, Ruht ich aus; da hub mein Traum Surrend die Libellenflügel: Steht ein Feld im Korne schwer, Schwankt in goldnem Überschwange, Früchtefroh und reifebange, Trocken rauschend hin und her. An des Segens goldnem Rand, Wo des Himmels Blau sich breitet, Eine Sense in der Hand, Eine Bauerndirne schreitet. Weit aus, wuchtig ist ihr Schritt, Überhäuften ihr der Stahl 279 Lacht in huschig hellem Glitzert; Schnell im Schwung mit einemmal Seh ichs durch die Bläue blitzen, Und die Magd beginnt den Schnitt. Bogenhalb dreht sich ihr Leib, Bogenweit greift aus das Eisen, Näher, näher kommt das Weib Hinter breitem Messerkreisen. Langsam rührt mit steter Kraft Sie der schweren Sense Schaft. Brach schon dehnt sich Stoppelleere. Wo rauschgolden sich die Ähre In des Windes Wehn gewiegt, Sterbe starr das Leben liegt. Naher, näher kommt sie her, Auf die Seele fällt mirs schwer. Augen zu. Ich hör den Schnitt, Und ein Klagen hör ich mit Von Millionen Sterbequalen. Stille dann. Scheu schau ich hin: Ruhend steht die Schnitterin Unter Abendsonnenstrahlen. Von des vollen Goldes Rot Einen Augenschein umloht, Dann im letzten, hellen Licht, Umrißschwarz... Bist du der Tod!? Klar blickt sie mir ins Gesicht, Gütig, groß und mütterlich, Wendet in die Helle sich; Geht. Sie überwächst den Schein, Dunkel bricht von ihr herein. Wo rauschgolden sich die Ähre In des Windes Wehn gewiegt, 280 Sterbestarr das Leben liegt. Allhin dehnt sich Stoppelleere. NACHTWJNDEL ZUM GLÜCK Schwül war die Frühlingsnacht, es sang Die Sehnsucht aus der Nachtigall; Des Mondes Scheibe, groß und gelb, Stand über dem Kastanienbusch Und sog der Erde Atem auf; Im Wildbach kollerte vom Berg Gekiesel, unterm Wasser klangs Wie Glockenläuten. Sonst wars still. Ich weiß nicht, ob ich schlief; mir war, Da draußen winkte eine Hand: Steh leise auf und komm heraus, Verlaß die Enge, die dich hält, Geh frisch den hellen Weg der Nacht, Geh grade aus: es gilt dein Glück. Es drängte dich schon lange, sieh: Jetzt zieht es dich. Du mußt.' Du mußt.' Mit offenen Armen steht es da. So . ..' Leise . . . leise . . . komm . . . komm .. . so! Das Gartentor ist aufgeklinkt . . . Nun geh! . . . Und ich ging durch Wies und Wald, Lief ins Ungefähre ; Sah ein Schloß ich liegen bald Hinter Mauernwehre. War die Türe leider zu; Ließ ich michs erfrechen, 281 In des alten Gartens Ruh Kletternd einzubrechen. Standen schwarze Tannen rings, Alte Paladine, Treffenhoch lag eine Sfhinx Mit verdrossener Miene. War verdrossen, weil ihr Bug, Ungewöhnt, zu tragen, Einen frechen Reiter trug, Herrisch und verschlagen: Amor wars; er zauste sie Keck am linken Ohre. Es vertragen Sfhinxe nie Solcherlei Humore. Und mir schien, der Knabe Gott Sei hier nicht am Platze. Hüte dich! Dein nackter Sfott Sfürt die Löwentatze ! Hüte dich! In diesem Haus Ist kein Ort zum Necken. Schweres Leiden schläft hier aus; Hüte dich, 's zu wecken! So dem kleinen Gotte sehr Ins Gewissen redend, Ging ich würdevoll umher, Langsam näher tretend. Dachte mir: Sfrang ich einmal Über Tür und Mauer, Seh ich auch in Flur und Saal Mich noch um genauer. 282 Stieg die Treppe drum hinan, Wagte mich zum Tore; War ein Löwenkopf daran; Nahm ich den am Ohre. Klopfte. Bum, bum, bum, bum, hum. Hört es innen hallen. Horch: Geschlürfe und Gebrumm, Dumpfes Türenfallen. Kommt wer?... Nein. Rief da nicht wer? Wie? „Die Tür ist offen/11 Wie? „Bloß drücken/'1 Danke sehr/ Und ich steh betroffen: War ein langer, dunkler Gang, Gobelinverhangen ; War mir auch ein wenig bang, Bin ich doch gegangen. Rechts und links in Blau und Teppicheingewoben, Rittersmann und Ritters fr au; An der Decke oben Braun Gebälke tief und schwer; Nirgends eine Türe; Niemand da, all-alles leer; Niemand, der mich führe. Ist das ein Gespensterhaus ? Ward mir ängstlich enge. Ungemütlich! Schnell hinaus! Hebt sich das Gehänge: Eine Türe tut sich auf Wie von Geisterhänden, 283 Eine Treffe führt hinauf Zwischen bunten Wänden. Rot und grün und gelb und blau, Alle Farben sangen; Rittersmann und Rittersfrau Reigenketten schwangen. Eine Falkenjagd dabei; Vom Dekamerone Manche gute Märe frei; Amor auf dem Throne. Neben ihm ein junges Kind In der Schönheit Kleide; Gott sei Dank, ich bin nicht blind Solcher Augenweide. Nacktheit ist mir kein Verdruß, Danke dem Geschicke, Daß ich nicht erröten muß Vor der Schönheit Blicke. Also: An dem Throne stand Neben Amors Gnaden Nackt ein Fräulein, und das wand Einen roten Faden Linde sich wie einen Ring Um den linken kleinen Finger. Ach, das süße Ding! Ihrer Augen Scheinen Ging mir so lebendig tief In mein bestes Leben, Daß ich einen Namen rief, Der mir Glück gegeben. 284 Sieh! Da hebt ein Teppich sich, Und es kommt gegangen, Die in goldene Ketten mich Lange schon gefangen. Doch mir wärs, ich sähe sie Heut zum ersten Male; Sank verliebt vor ihr aufs Knie In dem bunten Saale. Ach, wie schön sie vor mir stand In der gelben Seide; Lange küßt ich ihre Hand, Und wir lachten beide. Sprach ich: Alles fällt von mir, Was an* mir gehangen, Seit ich heute her zu dir Wie im Traum gegangen. Komm aus einer grauen Welt Voller Spinneweben, Und nun seh ich lusterhellt In ein buntes Leben. Sprach sie: Denke nicht zurück An die grauen Tage, Küß von meinem Mund das Glück, Das ich in mir trage. Denn für dich wards mir geschenkt Von der hohen Güte, Die zu mir dich hergelenkt. Dein ist meine Blüte. Und es sank um uns die Nacht, Duftgewobene Flore, 285 Aus den alten Bildern sacht Sangen süße Chöre. Wie zwei Kinder schliefen wir In das Land der Träume, Hand in Hand durchliefen wir Alle Weltenräume. Wanderten von Stern zu Stern, Sahn in alle Weiten, Sahen selber Gott den Herrn Durch die Himmel schreiten. Wanderten von Kuß zu Kuß Mitten durchs Gebrause Allen Seins. Zum guten Schluß Waren wir zu Hause. « Wie wir morgens aufgewacht, Hand in Hand geschlungen, Hat sie hell mich angelacht Und ein Lied gesungen: „Ich weiß im tiefen Walde, ja Walde, Ein ururaltes Schloß, Dahin, da will ich reiten Auf einem weißen Roß. Komm, spring du in den Sattel, ja Sattel, Und heb mich hinter dich, Allein will ich nicht reiten, Im Walde furcht ich mich. Das Schloß ist mein und deine, ja deine, Und es ist gar nicht weit, Zwei Stunden hinter Mitternacht, Wo die Schleiereule schreit. 286 Ach Gott, wo ist der Schimmel? Ja, Schimmel? Der ist am Anger drauß. So laß den Schimmel weiden, Und wir, wir bleibn zu Haus." Und die Sonne übergoß Sie mit goldenem Schimmer, Schöner als das alte Schloß Schien mir da mein Zimmer. Ich verstand des Traumes Hand Und sein weises Führen, Daß ich, was ich hatte, fand Hinter jremden Türen. LICHT Ich lag in Trübsinns Klammer In dicht verschloßner Kammer, Nacht war es um mich her. Nur auf der Fensterschwelle Lag breit ein Streifen Helle, Als war von Lichte draußen groß eir Meer. Da sprach eine Stimme: Das Licht liegt auf der Schwelle, Da draußen ist es helle, Solls bei dir dunkel sein? Mach auf, mach auf den Laden, Und sieh, in Schwall und Schwaden Fließt dir das Licht in Aug und Seele ein. 287 Da schloß ich die Augen. Ich will das Licht nicht haben, Ich fühle mich begraben In eine tiefe Nacht; Was ich genoß im Lichte, Das ward in mir zunichte, Mir hat ein Schmerz die Seele blind gemacht. Da sprang der Laden auf. Rot drangs durch meine Lider, In alle meine Glieder Floß es wie heißer Wein. Soll ich es wirklich wagen, Die Augen aufzuschlagen? Soll ich dem Licht noch einmal gläubig sein ? Da gingen mir die Augen auf: Die mir im Herzen saßen, Trübsinn und Gram, zerblasen Wie Nebel vor dem Wind, Verwehten vor der Helle; Der Sonne sandt ich schnelle Kußhände lachend wie ein frohes Kind. 288 BAUMKANZEL NEUJAHRSPREDIGT Laßt uns, Freunde, ins neue "Jahr Eingehn wie in ein schönes, gesichertes Haus, In dem die Liebe und der Friede wohnt Und Schönheit überall heimisch ist. Und laßt uns, Freunde, heiter gelassenen Sinns, Mit keinem Haß belastet, ohne Neid, Heil, liebe Freunde, im starkenHerzen,laßt uns In dieses neue Haus einziehn, und lachend. Wir sind wohl keiner wundenlos, unversehrt, Und jeder s fürte, daß Niederträchtigkeit Sehnenkräftige Bogen und giftige Pfeile hat, Und daß der Dummheit Kartaunen nicht bloß brüllen, Sondern auch vieles zerstören können, das Mit Mühe und Kunst errichtet ward, — und, ach, Des Schlimmsten wurden wir uns wohl auch bewußt, Daß Schwachheit unser Teil ist und irgendwo 'Jeder, wie fest er gefügt sich dünke, Locker und undicht ist im Baue. 289 Das aber, Freunde, fechte uns nicht an! Wir wollen tapfer sein und, gilts Gefecht, Mit Lachen in den Feind gehn, da wir ja Als Edle kämpfen und dem Troß voran Als Wissende: Es ist die Kraft in uns, Allein zu stehn, gemeiner Art entrückt. Wenn aber Dumpfheit alles niederschlägt Und Kampf nicht lohnt und Widerwillen uns Erfassen will, so wollen wir, Freunde, nicht Mit Trübsal abziehn, sondern heiter Das Schwert der Scheide schenken und mit Gesang Den Schritt wegwenden in die Einsamkeit. Dies, liebe Freunde, ist nach meinem Sinn, Vielleicht das Beste, das das Jahr bescheren mag: Verborgenheit und Ruhe in uns selbst. Wohl dem, der dies erfährt, doch selig der (Wie selig, weiß ich, der es nun erfuhr) Der nicht allein in dieses schöne Haus Gelassener Beschaulichkeit zu gehen braucht. In Einsamkeit vereint, das ist mein Spruch, Und dies mein Wunsch, daß jeder, der es wert, Voll aus, bis auf den Grund ausfühlen möge, welch ein Glück Dies Wort umschließt: In Einsamkeit vereint. NEUJAHRS-BESUCH Kleine Hände, kleiner Mund, Große Augen, blau und rund, Weiches, langes Ringelhaar, 2Q0 Leise Stimme glockenklar — .• Also kam das neue Jahr Heute zu mir in mein Haus. Lieblich sahs und lustig aus. Daß es bleibe, wie es ist, Wünsche ich als Mensch und Christ. Mög es nie mit Wutgebärden Eine schrille Trulle werden, Die mit Zank und Zorn regiert Und das Schöne molestiert. Leise bleib es, klar und lind, Guter Gast und gutes Kind, Bring mir bald in grüner Schüssel Hohe, gelbe Himmelsschlüssel, Rosen, wenn der Sommer glüht, Wein, wenn blaß die Aster blüht, Und im Winter zünd es dann Mir die Weihnachtskerzen an. Wird es dann von hinnen müssen, Werd ich ihm die Hände küssen, Die mich so mit Glück begütet Und in Schönheit eingehütet. Willst du, Jahr? Die Kleine lacht. Hat mir einen Knicks gemacht, Hat noch einmal still genickt, Eine Kußhand mir geschickt, Und dann ist sie fortgesprungen. Springend hat sie dies gesungen: Zu Flöten und Geigen Hintanz ich im Reigen, 2gi Habe Blumen im Haar. O laßt euch bewegen, Ihr Trüben und Trägen, Im Tanze ist Segen Die Freude macht klar. Auf, wagt es, zu springen! Es muß euch gelingen, Was fröhlich ihr schafft. Das grämliche Hocken Bringt alles ins Stocken. Frei wehn meine Locken, Die Freude macht Kraft. MAI Nun aber hebt zu singen an Der Mai mit seinen Winden. Wohl dem, der suchen gehen kann Und bunte Blumen finden! Die Schönheit steigt millionenfach Empor aus schwarzer Erden; Manch eingekümmert Weh und Ach Mag nun vergessen werden. Denn dazu ist der Mai gemacht, Daß er uns lachen lehre. Die Herzen hoch! Und fortgelacht Des Grames Miserere! 292 OSTERPREDIGT IN REIMEN Verehrter Mitmensch, höre und vernimm Freundwillig mit Hulden und ohne Grimm: Dieweil es nun Ostern geworden ist. Sollst du, von welcher Art du auch bist, Ob Heide, Jude, Moslem, Christ, Durchaus vergnügt im Herzen sein, Osterwürdig und osterrein. Mit einem Birkenreise kehre Aus deiner Seele den Geist der Schwere/ Der Wenns und Abers und Achs und Os, Die hart und starr dein Herz umwindet, Daß der Geist der Leichte kaum Eingang findet, Mache dich hurtig und heiter los! Du brauchst nichts weiter dazu zu tun, Als dich im Grünen auszuruhn. Da atmet sichs sehr wonnig ein, Was dir das Herz macht frei und rein: Der jungen Blumen frischer Hauch; Und die Augen haben der Wonne auch, Denn nichts ist lieblicher anzusehn, Als wie sie da hold beisammenstehn, Blau, weiß und rosa, klar und licht, Der Erde süßestes Ostergedicht. An ihnen dir ein Beispiel zu nehmen, Sollst du, ach Mensch, dich keineswegs schämen/ Vergiß dein Gehirn eine Weile und sei Gedankenlos dem lieben Leben Blumeninnig hingegeben ; Vergiß dein Begehren, vergiß dein Streben 293 Und sei in seliger Einfalt frei Des Zwangs, der dich durchs Hirn regiert! Er hat dich freilich hoch geführt Und vieles dir zu wissen gegeben, Aber das allertiefste Leben Wird nicht gewußt, wird nur gespürt. Der Blumen zarte Wurzeln fühlen Im keimlebendigen, frühlingskühlen Erdboden mehr von ihm als du. Und bist doch auch ein Kind der Erde. Daß sie nicht sinnenfremd dir werde, Wende ihr heut die Sinne zu! Das ist der festlich tiefe Sinn Der Ostertage: Mit Entzücken Sollst du zum Mutterschoß dich bücken. Gib heut, o Mensch, dich innerst zu be- glücken, Der Mutter Erde frühlingsfromm dich hin! MAI-WUNSCH Wie lieblich hat sichs eingemait! Die Erde schwimmt in Blüten. Das ist die höchst willkommne Zeit, Die alles will begüten. Nun werden die härtesten Herzen gelinder, Wir laufen ins Grüne wie lachende Kinder, Nun werden wir töricht und werden gescheit. So geht es jedes liebe Jahr : Wird man im Winter trübe, So ists im Maimond wunderbar, 4ls ob sich alles hübe. 294 Es fliehen die Wolken der Seele in Ballen, Es will uns das Leben nun wieder gefallen. Wir fühlen, wie töricht das Trübesein war. Drum singen wir dem ersten Mai Nach altem Brauch Willkommen. Er mache alle Herzen frei Und möge allen frommen. Insonderheit soll er verliebten Leuten Auch heuer die seligsten Stunden bedeuten. Das ist unser Mai-Wunsch. Amen / Es sei! MAI-FEIER Der Mai ist voller Nucken Und hat es so an sich, Daß man einander drücken Muß ganz absonderlich ; Einander lieb zu haben, Ists die gewisse Zeit Für Mädchen und für Knaben, — Einander lieb zu haben In großer Zärtlichkeit. Die Haut ist nie so samten Den Mädchen, wie im Mai; Und wenn sie mich verdammten, Die von der Klerisei, Ich muß es frei bekennen: Ich streichle gerne sie Und fühl ein hold Entbrennen, — Ich muß es frei bekennen: Mir wird, ich weiß nicht wie. 295 Und ach, der Augen Funkeln/ Hilf, heiliger Florian! Sie leuchten selbst im Dunkeln Und zünden alles an. Die kältesten Herzen brennen Wie Zunder lichterloh: Großfeuer ists zu nennen, — Die kältesten Herzen brennen Und sind des Brennens froh. Her mit dem feuchten Strohe Der Sorgen und des Wehs! Aufprassles in der Lohe Des Mai- Autodafes! Die Liebe soll verzehren, Was uns der Schmerz beschert, Auf Nimmenvie der kehren! Die Liebe soll verzehren, Was nicht der Liebe wert. O STA RA Ostara, die gute Göttin, Die aus hellen Augen lacht, Daß von ihrem jungen Lichte Alles Schlafende erwacht, Ostara, die frühlingsfrische Jungfrau Göttin, deren Mund Duftet wie die ersten Veilchen, Mildgewürzig, herbgesund, Ostara, die Ungestüme, Liebevolle, die die Welt 2g6 Wie ein Buna, von Maienrosen An die vollen Brüste hält, Ostara, die Magd und Fürstin, Königlich und bäuerlich — .- Wie die Zeiten sich auch wandeln. Immer offenbart sie sich. Ihre Opferherde sanken. Als das Kreuz sich steil erhob, Aber jedes Frühjahr rauschen Wald und Busch ihr Dank und Lob. Die in Wäldern grün sich kränzten, Ach, die Deutschen wurden grau, Aber hell geht durch das Grüne Noch die frühlingslichte Frau, Wenn die Urständ sich erneuern, Wenn das Leben auferwacht, Denn noch immer gibt es Herzen, Die der Frühling gläubig macht, Gläubig zu den alten Göttern, Die der deutsche Wald gebar, Als er noch ein Reich von freien, Heiter kühnen Männern wary Die in Kampf und Liebe lachten, Fest aufs Eigene gestellt, Drob in Einfalt und in Treue, Bildner einer eignen Welt. Voller Märchen und voll Taten, Rätselvoll und voller Licht. 297 Diese Welt ist hingesunken, Aber ihre Schönheit nicht. Was ein Volk aus seinem Herzen Sich zum Bild schuf und zur Lust, Feiert immer wieder Urständ Selbst in schwacher Enkel Brust. Und so sei in diesen Jagen Voller Glanz uns Ostara, Die die Väter uns gedichtet, Huldreich voller Gnaden nah. Ostara, die Ungestüme, Liebevolle, die die Welt Wie ein Bund von Maienrosen An die vollen Brüste hält. ERSTE BLÜTEN, ERSTER MAI Lange schlug das Herz mir dum ff Und in faulen Schlägen, War ein tangbedeckter Sumpf Ohne Wellenregen. Bunte Blumen blühten rings, Und ich ging vorüber; Wissenschaft, die graue Sphinx, Gab mir Nasenstüber. Wissenschaft, die graue Sphinx, Mag der Teufel holen; Euch, ihr Blüheblumen rings, Sei mein Herz befohlen. 298 Sonnevoll ist mein Gemüt , Eine grüne Wiese, Drauf es singt und springt und blüht, Wie im Paradiese. Eine Geige klingt in mir, Glockenklar und leise . . . „O du allerschönste Zier! ..." Wundersame Weise. Glück und Glanz und Glorienschein Über allem Leben, Und die ganze Welt ist mein, Mir zu Lehn gegeben. Und mein Herz haucht Liebe aus, Alle Not verendet, Sorge, Sünde, Haß und Graus Sind in Glück gewendet. Dumme, holde Träumerei, Immer kehrst du wieder: Erste Blüten, erster Mai, Schwärmerische Lieder. TULPEN-PREDIGT Fenster auf! Es hat der Frühling Endlich wieder seine Zeit. Alle Blumen müssen blühen, Alle Vögel müssen singen, Alle Mädchen müssen lieben, Alle Herzen werden weit. 299 Mädchen mit den süßen Augen, Komm, setz dich auf meinen Schoß! Deine Hände muß ich küssen, Deine Augen muß ich küssen, Deine Lippen muß ich küssen, Denn die Freude ist zu groß. Sieh doch, Kind, die Tulpen haben Ihre Kelche aufgemacht: Rote, gelbe und gescheckte: Tiefe Kelche voller Gluten, Nichts als Schönheit, nichts als Liebe Eine ungeheure Pracht. Kann denn irgend einer traurig Unter diesen Flammen sein? Sieh: das kam aus schwarzer Erde! Denke: solche Flammen schlafen, Winters unter unsern Füßen! Nur die Liebe schläft nie ein. Glaube, Mädchen, an die Erde, Weil sie voller Liebe ist, Sind wir doch aus ihr geboren, Wie die Blumen aus dem Beete. Schlechtes Kind, das seiner Mutter Wunderreichen Schoß vergißt. Laß die Blinden ihre Augen In das Himmlische verdrehn. Du bewußtes Kind der Erde, Reich wie sie an Saft und Kräften, Wohlgetan, Starke, Schöne, Du sollst in die Blumen sehn. Alles, was das reiche Leben Dir bestimmt hat, Mädchen, ruht Auch in diesen Glutenkelchen, 300 Und es meints die Mutter Erde Mit den liebetreuen Kindern Immer, Mädchen, immer gut. Liehe ist das Wort der Worte, Liehe ist des Lebens Wort; Weißt du das in deinem Herzen, Weißt du das in deinen Sinnen Dann kann nichts dich überwinden, Deine Mutter hilft dir fort. Lacht mein Mädchen? Lache, lache, Liebes Mädchen, lach mich aus! Weiser ist dein klares Lachen Als mein Predigen und Dichten, Schöner ist dein liebes Lachen Als ein ganzer Tulpenstrauß. Einen Kuß! Dann in den Garten, In die Flammen gelb und rot! Dankbar treue Erdenkinder Wollen wir den Tag genießen: Lieb unser einzger Glaube, Schönheit unser täglich Brot. FRÜHSOMMERPHILOSOPHIE Die roten Tulpenflammen sind verglüht; Maiglocken wachen auf ; der Flieder blüht; Die Eiche, die so lange sich besann, Steht nun in Laub; es steckt die Kerzen an, Die grünen Kerzen, übertrieft von Saft, Der alten Fichten innerliche Kraft. Um jede Blüte ist ein Surretanz 301 Von Schwebewesen, ein lebendger Kranz Von Schillerflügeln gelb, grün, blau von Glanz, Und an den Stengeln kriecht im Drängelauf Das Käfervolk bunt, tausendfüßig auf. Die liebe Welt! Ob sie auch lange ruht, Sie machts zuletzt doch immer wieder gut. Mag sie nicht schelten. Eh eine andre uns nicht voller mißt, Glaub ichs einstweil, daß sie die beste ist Von allen Welten. SPÄT SOMMERPHILOSOPHIE Über die Wiesen septembert der Wind, Die Blätter wolln sich verfärben; Jetzt gehts erst langsam, dann geschwind Ans Sterben. Unsinn.' Jetzt wird die Welt erst bunt.' Glaub nicht an die Unken! Wir sind verliebt und frech gesund; Bald wird getrunken! Paßt auf: Das Jahr gibt guten Wein! Wie lachen die 1 rauben! Sonst mag ich kein Prophete sein; Das könnt ihr mir glauben. Und schließlich: Käme der Senserich Mit der Rippenweste Und spräche zu mir: Jetzt hol ich dich Vom schäumenden Feste. 302 Es wäre mir, ich gesteh es euch gern, Nicht eben erfreulich, Indessen, ich folgte dem kalkigen Herrn Getreulich. Ich kenne den Mann über dreißig Jahr; Es ist wohl der gleiche, Der damals so liebenswürdig war, Mich in die Reiche Des Lebens zu rufen aus weiß nicht woher. Er scheint es zu lieben, Zwischen Sein und Nichtsein uns hin und her Gemächlich zu schieben. Ein etwas unverständlicher Sport. Der Sportsman indessen Scheint mächtig. Zu mucken wider sein Wort, Das wäre vermessen. Was nützt es der Kegelkugel, die Sich sträubte zu rollen? Es gibt ein paar Punkte, da fragt man nicht, wie Wir Würmer chen wollen. Und also sag ich: Der Wein wird gut Und werde getrunken! Schief setzt ich auf Hallodrio meinen Hut Und pfeif auf die Unken. SPÄTSOMMER Wenn das Gras der grünen Wiesen Zeitig ist zur großen Mahd, 303 Wenn der Sommer seine Sense Singen läßt durch reife Saat: Dann soll deine Seele Sonne, Kraft und Frucht und Ernte sein: Schneide ruhig deine Ähren, Führe deine Garben ein! AN DEN HERBST Mit dankbarem Gemüte Hier nehm ich deine Güte, Herbsttag, du milder Gast, Der du mich reich beschenktest, Den Sinn ins klare lenktest Und mich zum Abend fröhlich ausgerüstet hast. Nun ist in mir kein Drängen Und bin doch nicht im Engen, Bin ruhevoll bewegt. Was gilt es, mehr zu wollen, Als so im Friedevollen Teilhaftig sein des Ganzen, das mütterlich uns hegt. WINTER Weg und Wiese zugedeckt, Und der Himmel selbst verhangen, Alle Berge sind versteckt, Alle Weiten eingegangen. Ist wie eine graue Nacht, Die sich vor den Tag geschoben, 304 Die der Sonne glühe Pracht Schleierdicht mit Dunst umwoben. Oder seid ihr alle tot: Sonne, Mond und lichte Sterne? Ruht das wirkende Gebot, Das euch trieb durch Näh und Ferne? Leben, lebst du noch ringsum? Sind verschüttet alle Wege? Grau und eng die Welt und stumm. Doch mein Herz schlägt seine Schläge. EISBLUMEN ZU WEIH- NACHTEN Das unfruchtbare Eis, kalt, panzerglatt, Verhärtet Leben, das dem Tode dient, Der sich, der Farblose, mit ihm umschient — ■ Das Eis, das keine Seele hat, Das unbewegte, allen Lebens Bann: Das starre Eis selbst ist nicht tot. In ihm auch wirkt gestaltendes Gebot, Der Schönheit Triebkraft ward auch ihm: Es setzt geheimnisvolle Blüten an, Und Schwingenrispen, wie dem Seraphim Gefiederüppig sie aus Schulternrund, Gekraust, geschwungen, tausendförmig und In tausend Formen eine Form, entsprießen, Siehst du im Eis nach innerstem Gesetz, Ein wunderbares Bild, zusammenschießen. Die ärmste Scherbe trägt ein Wundernetz, Und alles gleißt von Wundersilberfliesen. 305 Sieh, Mensch, mit Andacht diesem Wunder zu Und glaub ans Leben! Überall sind Triebe. Es ist kein Wahn: Im Tode selbst ist Liebe, Und neues Werden und bewegte Ruh. ZWEI DISPUTATIONEN AUF DER BAUMKANZEL I ER: Ach, die Welt ist hundetölig! Nur wer seicht ist, ist heut fröhlich, Wer da ernst ist, ist ergrimmt. ICH: So bekenn ich mich zur Seichte; Nimm dus schwer, ich nehm es leichte, Und du weißt ja: „Wie mans nimmt". : Gingst du zu den Grundsatzlosen ? Macht dich gar nichts wütend mehr? — : Freund, ich gehe zu den Rosen; Rosen, die erfreun mich sehr. : Rosen statt der Ideale??! Lüstling ohne Grund und Stand! Und der Zukunft Feuermale?! Ahnst du nicht den Weltenbrand?! — ; Rosen statt der Ideale! Schönheit, die mir sichtbar blüht! Und in mir die Feuer male! Eine Welt, die mir erglüht! 306 II Der eine spricht: Wüst ist die Welt; es rasselt rings von der Maschinen Stampf und Stoß, Das Zweimalzweiistviere ließ graugrimmig alle Teufel los; Mit Rechenfingern knöchern dürr und Augen allen Lebens leer Schwirrt Türen ein und Türen aus das lust- verlassene Larvenheer. Die Nützlichkeit sitzt auf dem. Thron, die Göttin, die Geschäfte macht, Ihr erst Gebot heißt: Raffe zu! Ihr erst Verbot: Weh dem, der lacht! Ein Wollsack ist, darauf sie sitzt, ihr Bannerstamm ein Riesenschlot, Von dem der Rauch als Fahne weht, der Rußgiftrauch der reichen Not. Das schwarze Zeichen schlingt sich fest in alles Leben drosselnd ein, Und keine Farbe siehst du mehr und nicht der Sonne lichten Schein. Der andere spricht: Ich sehe alles, was du siehst, und sehe doch : es ist nicht wahr! Laß nur den Ruß dir nicht ins Herz, so siehst du auch das Heute klar. Sie schwingt den Hammer, diese Zeit, und ihre Seele, die ist schnell, Doch hinter ihrem grauen Dunst, da liegt das Leben glüh und hell. Kriech nur nicht in der Niederung! Steig auf die Höhn und blicke weit! 307 Noch ringt sie mühsam und gebückt, doch richtet sie sich auf, die Zeit, Und sie empfindet, was ihr not, und daß sie sich vergebens quält, Wenn ihrem lauten Werkgedröhn das Weihe- licht der Schönheit fehlt. Dann wirft sie um den Wollsackthron und richtet neue Götter sich Und feiert ihre Neugeburt mit hohen Festen königlich. Sei unverzagt und glaube stark/ Glaube und schaffe/ Jede Tat Aus frohem Herzen ist ein Korn, ein gol- denes, für der Zukunft Saat. DEM TAGE Breit hängt vom Himmel die Fahne der Freude, Dunkelblau, unbewegt, sonnendurchprunkt ; Hurra, die Herzen hoch, hurra dem Heute, Was auch das mürrische Morgen uns unkt. Morgen der Tod, aber heute das Leben, Leben und Liebe zu allem, das blüht; Laßt uns die Herzen zur Sonne erheben, Die wie ein Heilandsherz gütevoll glüht. Schielt Tante Mors mit der silbernen Glatze Heute zur Nacht wieder über die Welt, Lachen wir ihr in die bleichkalte Fratze, Denen das Herz Göttin Sonne erhellt. 308 ZEITLIED Die Träumer und Propheten, Die raten und die reden Viel von der Ewigkeit. Wohlan, wers kann, der fliege! Wir steigen auf der Stiege Bescheiden, stufenweise ; so dienen wir der Zeit. Wir bleiben auf der Erden, Hier gilt es reif zu werden In Kraft und Fröhlichkeit. Das ist des Lebens Segen: Im Lichte sich zu regen; Wir messen unsre Kräfte am Kraftmaß unsrer Zeit. Sie gibt uns viel, wir geben Ihr unser ganzes Leben In Kindes dankbar keit ; Das Erbe gilts zu mehren, Daß wir mit ihr in Ehren Vor uns bestehen können, froh einer reichen Zeit. Schön soll sie sein, und Stärke Das Merkmal ihrer Werke; Der Kraft sei sie geweiht, Die Seele, Geist und Triebe Umfaßt mit gleicher Liebe, Daß wir mit Stolz bekennen: wir dienen dieser Zeit. WIND Wie wir jung gewesen sind, Haben wir laute Töne geblasen, 309 Und wir waren um steife Nasen Der wilde, ungezogene Wind. Wind, Wind . . . Wie wir jung gewesen sind, Geigten wir manchmal sehr traurige Weisen, Säuselten in ersterbenden, leisen Wimmertönen wie müder Wind. Wind, Wind . . . Wie wir jung gewesen sind. Wollten wir manche graulich machen, Und wir stöhnten entsetzliche Sachen Wie in Herbstesnächten der Wind. Wind, Wind . . . Das ist alles nun vorbei: Steife Nasen, behutsame Leute, Und die kleinen Schmerzen, — heute Ist uns das recht einerlei. Weil wir wir geworden sind, Lassen die andern den Wind wir macheny Und wir lachen, ach, wir lachen Über den fürchterlichen Wind. Wind, Wind . . . 310 BORKENHÄUSCHEN FÜR ALLERHAND BESUCHE GEFLÜSTER IM GANGE ,Wer' . . . „Still, ich; geh nicht vorbei11 . . . ,Laß mich' . . . „Mädel;11 . . . ,Laß mich frei' . . . „Du, du schreist, so sei doch still" . . . ,Laß mich, wenn ich doch nicht will' . . . „Komm, komm mit" . . . ,Nein doch, ach, nein' . . . „Wirst du wohl gleich stille sein?" . . . ,Pst, die Türe ging, wenn wer' . . . „Komm doch, Mädel, komm doch her.' Einen Kuß bloß, — o du, du! Und nun leise, aus die Schuh" . ! . ,Nein, ach' . . . „So, jetzt trag ich dich, Du mein Kätzchen Leiseschlich." Heißes Atmen, Küsse, Stille. Stets geschieht des Kleinen V/ille. 3il HOHER BESUCH Brandrot das Haar, ein violetter Hut Mit schwarzem Schleier und orangenen Rüschen, Braun das Jackett, die Boa: gelber Fuchs. Der Rock marineblaues Tuch mit Schwarz. Ich sinke in die Kniee: „Herzogin! Tritt über meinen Nacken in mein Haus! All meine Vers-Dämonen blasen Tusch, Und auf dem Tisch von Palisanderholz Harrt seiner Herrin ein Karton Marquis* Der besten parfümierten Pralines." — Schnabunkel! sagt sie, zieht das Ohr mir lang, Küßt mich (wie riecht sie frisch!) hastig und schnell Und setzt sich in das gelbe Kanapee. — Bonbons! befiehlt sie. „Hier!1* Den Schleier hoch, Und in die braune Schokolade senkt Sich weiß das allerschnseigste Gebiß. „Und was befiehlt die rote Herzogin?" — Sie wünscht geliebt zu sein. „Sofort Madam?" — Sofort und sehr. Man küsse mich enorm! „Belieben Eure Hoheit nicht erst das Jackett. . .?" Ich wünsche im Jackett geliebt zu sein. „Doch wenigstens den Schleier ab, Madam" . . .? — Genehmigt! Das Ge guter auf den Tisch. 312 Wir küssen uns. Sie drückt mich fest an sich, Der gelbe Fuchs umkitzelt meinen Hals. — Ich bin sehr gnädig heute, findst du nicht ? „Ich finde, daß Ihr immer huldreich seid." — Ich bin zu gut für diese Welt. Sag mal: Weißt du denn, wer ich bin? „I, keine Spur!" — Und willst es auch nicht wissen? — „Pfui, wer wird, Neugierig sein, wenn er im Glücke sitzt!? Du bist mir meine rote Herzogin, Denn deine Grazie, dein Wuchs, dein Gang, Die Art, wie du die Handschuh von den Fingern streifst, Wie du den Kopf zurückbeugst, küß ich dich, Wie du Bonbons ißt, lächelst, dir den Schleier steckst, Und, ach, die Art, wie du mich küßt, Ma- dam, Ist herzoglich, — ich sagte königlich, War mir dies Wort für dich nicht zu ver- braucht. Und nun zu denken, daß dein Mann vielleicht Bankier ist, Rechtsanwalt, Professor, Arzt, Major, Regierungsrat, Großbrauer, Maler, Kurz irgend was, dem man begegnen kann, Im Trambahnwagen, auf der Straße, im Cafe — Entsetzlich! Nein, du bist die Herzogin. Dein Mann (sie lächelt seltsam) wohnt im Schloß, Ist alt und gnädig, geistreich, tolerant, Trägt Escarpins, Jabots, sagt ma cherie, Regiert ein Volk, das sehr zufrieden ist, 313 Pflegt das Ballett, liebt altes Porzellan, Bläst etwas Flöte, hüstelt in die Hand, Hat hie und da ein bißchen Podagra Und lächelt etwas schmerzlich, wenn er hört, Die Liebe sei ein göttliches Pläsier, Kurz, Serenissima ist comtne il faut Und hat nicht viel dagegen einzuwenden, Daß Serenissimus den Dichter küßt, Der schon manch Carmen ihm zu Ehren sang Und am orange-grünen Band das Kreuz Vom weißen Papageienorden trägt." — O mein Schnabunkel, welch ein Narr du bist! In deinem gelben Kanapee vergeß ich Sehr viel, — vergeß ich mich und bin ein Kind, Leichtsinnig, treulos, hingegeben, — gut. Nein, du sollst nie erfahren, wer ich bin. Wir wollen hier in diesem kleinen Haus Verstecken spielen vor uns selbst, nicht wahr, Und glücklich sein, weil wir bloß Menschen sind, Nicht der und der und die und die — bloß ich und du. Auch sei nicht Treue uns geschworen, und Kein Band geknüpft; das Heute ist uns hold, Das Morgen mög es sein; was später kommt, Das mag die Götter kümmern, die es walten; Uns wächst kein graues Haar um dies Vielleicht. Küß mich, Schnabunkel.1 Serenissima Ist küssedurstig und so sehr verliebt In diesen Herrn vom gelben Kanapee, Daß sie nichts hat, was nicht auch ihm ge- hörte. 314 Sie lebt nur hier; was draußen ist, ist Tod; Ein Vers von dir, ihr in das Herz, gehaucht, Ist Lehens mehr, als alle ihre Welt. Hier ist ihr Traum, und sie genießt ihn ganz, Sieht alles glänzend, wies im Traumland ist, Fühlt alles hundertfach, weil sie es träumt. Du bist mein Page, reizend und verrucht, Ich schlich zu dir, die Nacht war warm und feucht, Aus meinem Bette in den Pavillon, Die Sterne blinzeln, und die Nachtigall Schluchzt Liebe aus der Laube von Jasmin. Das Leben ist ein Abenteurers-piel, Gefahr gibt heiße Süße dem Genuß, Die Sünde ist ein wunderbarer Trost Im Leben, das so trostlos grade geht. Ich habe keine Kunst: was Sünde heißt, Leb ich als meine Kunst. Verstehst du mich ? „Ich sehe, daß dein Mund ein Leuchten hat Wie Rosenblätter, und dein Auge schwimmt In Wollust; alles ist so schön erregt, Daß ich empfinde, wie du glücklich bist. Und sieh, mir ist, du wärst von mir ein Lied, Das mir in heitrer Unbewußtheit kam, Ich sag mirs immer, immer wieder vor Und wundre mich beglückt: Das kam von mir P O du mein schönes Lied, geschenktes Glück, Du Leben, Traum, Gleichklang und Wieder- klang: Daß du mir kamst, zeigt mir, daß Götter sind, 315 Die Gnaden für mich haben und mich führen. Aus Ketten haben sie mich frei gemacht, Wie einen Vogel machten sie mich leicht Und gaben auch den leichten Sinn ins Herz, Der nicht bedenkt und fragt, nur nimmt und singt." Die rote Herzogin lacht wie ein Kind Und nimmt den Hut ab: — Hilf mir aus der Jacke! Aus allem helf ich ihr, was sie beengt. Ihr rotes Haar ist nun ihr einzig Kleid. Und ich erhebe sie zur Kaiserin. IM GARTEN DES HERRN Heut sieht die Welt mir lustig ausy Ein hell und bunter Blumenstrauß, Mir ist so froh zumute. Wer hat das getan ? Ein roter Mund, Zwei volle Arme und Brüste rund, An denen ich nachten ruhte. Aus Liebe hat die Welt gemacht Der liebe Gott bei Tag und Nacht In einer Wochenrunde. Drum folge deines Gottes Spur Und lieb auch du, o Kreatur, Zu jeder guten Stunde. Dann ist die Welt dir wie ein Strauß, Sieht hell und bunt und fröhlich aus Und du wirst selber blühen 316 Im Garten der Gottseligkeit, Wo in des Himmels Licht gedeiht Das Blümlein Glück-ohn-Mühen. MÜNCHNER STUDENTENLIED Ein Geschfusi muß ich haben! Alles wankt, doch das steht fest: So ein liebes, kleines Mädchen, Das sich gerne haben läßt. Ein Geschfusi muß ich haben! Denn ich bin nun so geschaffen, Daß ich Mädchen lieben muß; Nulla dies sine linea Heißt: kein Tag sei ohne Kuß; Denn ich bin nun so geschaffen. Ach, so was im Arm zu haben, Mund an Mund und Brust an Brust, Dafür laß ich alle Alten, Cäsar, Cicero, Sallust . . . Ach, so was im Arm zu haben! Zwar ich habe nur ein Zimmer, Und das Zimmer ist sehr klein, Doch es können darin zweie Ganz unbändig glücklich sein, In dem einen kleinen Zimmer. Also komm und laß nicht warten! Auf dem Tisch steht schon ein Strauß, Und das kahle, kleine Zimmer Sieht heut ganz verwegen aus. Also komm und laß nicht warten! 317 3i8 CHARLOTTE Charlotte, lotte, lotte, Heißt meine Wäscherin, Sie bringt mir selbst die Wäsche, Weil ich ihr Liebster bin. Und hat sie nichts zu bringen, So kommt sie ohne was, Kein Tag geht ohne Lotte, Auf Lotte ist Verlaß. Kommt ohne Hut und Schleier Und hat auch kein Korsett; Weil ich kein Sofa habe, So setzt sie sich aufs Bett. Ihr ahnt nicht, wie viel Schönes Die kleine Lotte hat; Ich habs schon oft gesehen Und seh mich doch nicht satt. GIGERLETTE Fräulein Gigerlette Lud mich ein zum Tee. Ihre Toilette War gestimmt auf Schnee; Ganz wie Pierrette War sie angetan. Selbst ein Mönch, ich wettes Sähe Gigerlette Wohlgefällig an. War ein rotes Zimmer, Drin sie mich empfing, Gelher Kerzenschimmer In dem Räume hing. Und sie war wie immer Leben und Esprit. Nie vergeß ichs, nimmer: Weinrot war das Zimmer, Blütenweiß war sie. Und im Trab mit Vieren Fuhren wir zu zweit In das Land spazieren, Das heißt Heiterkeit. Daß wir nicht verlieren Zügel, Ziel und Lauf, Saß bei dem Kutschieren Mit den heißen Vieren Amor hinten auf. 319 SEUFZER-ALLEE WENNS DÄMMERT Und Tag um Tag gebt still dahin, Und meine ruhigen Augen sehn, Wie alle Wünsche wunschlos still In eine blasse Dämmerung gehn. Dich lieb ich, du! O komm, sei mein! Ein grauer Nebel kommt und steht. Wo bist du?! Alles grau und leer. Und mein Begehren wankt und geht. Wohin, wohin!? Ich seh kein Licht, Ins Graue schwindet, was ich will. Laß gehn dahin und frage nicht, Laß gehn dahin und blicke still. Wunsch geht und Welt geruhig hin, Und meine ruhigen Augen sehn, Wie alle Wünsche wunschlos still In eine blasse Dämmerung gehn. 320 AM ABEND Mir haben auch die Sinne wohlgetan, Mich lachte auch das Leben süße an; Nun bin ich matt. Nun sehn ich mich nach einem stillen Schluß, Nach einem tiefen Schlafe, der kein Muß Und auch kein Wollen hat. Ich sah das Glück, die Sonne war mir lieb, Ich aß und nahm, bis nichts zu nehmen blieb; Nun will ich gehn. Mein Aug ist müd von Farbe, Licht und Glanz, Es hat zu lange in den Mückentanz Der bunten Welt gesehn. LIED DES EINSAMEN Ein banger Träumer such ich das Glück. Drum bin ich nirgends zu Haus Manchmal ein Sonnenschein, manchmal ein Blick Aus fremden Augen — o schnelles Glück, Wie schnelle löschst du aus. Verlorene Liebe kehrt nie zurück. Wie ist das Leben leer. Ein banger Träumer such ich das Glück; Ach, Glück ist selten und Liebe ist Glück, Und Einsamkeit ist schwer. 321 IM BLÄTTERFJLLEN Da nun die Blätter fallen, O weh, wie fahl, Fühl ich, wie alt ich worden bin. Das macht mir Qual. Die Sonne scheint. Ach, Sonne, Wie bist du kalt. Einst war der Herbst mir auch ein Lied. Jetzt bin ich alt. LEERE Meine Seele ist krank, ich weiß nicht, nach wem, Meiner Träume Gestalten sind Schleier und Nebel, Die Stimmen, die ich höre, sind fern und verweht. Ach, schweifende Sehnsucht ohne Ziel! Irrflug der Seele! Ich stehe einsam, seelenverlassen, arm In weiter Wüste, starre Wolken nach, Leeren Gebilden der Winde, die ich liebe, Weil sie wie meine Seele ziellos sind, Wechselgestaltige, sonnenange glühte, Hochfliegende, die immer wieder Zur Erde müssen. Und ist doch um mich rings das Leben voll Gestalten, Das blutgetriebene, blühende, voll von Früchten, 322 Und manchmal klingen Laute an mein Ohr, Und im Vorübergehen streift mich manche Hand, Und heiße Augen seh ich, rote Lippen, leuch- tendes Haar, Gewänder, die von schönen Gliedern hold be- wegt sind, — .* Muß ich denn einsam sein? Ich habe Freunde, die ich neidlos liebe; Die kahle Not entfloh aus meinem Hause; Was Große bildeten, darf ich genießen, Dankbar, nicht mäkelnd, hingegeben, ruhig; Und, wohl bewußt der Kraft, die mir ge- worden, Nicht hastig frech ins Übermäßige schwei- fend, Selbstsicher im Bereiche meiner Kunst, Füg ich fast mühelos mir zum Genuß Gebilde an Gebild. Was seh ich Wolken nach? Was schweifst du irr Ins ziellos Weite, sehnsuchtkrank, o Seele? Ich weiß es wohl, was mich so einsam macht. Dies alles, das ich habe, ist ein Tand, Nicht wert, dafür des Morgens aufzustehn Du hast die Liebe nicht. Das Wort trifft mich. Drum bin ich in des Lebens Fülle fremd, Starr, wurzellos und blicke Wolken nach, 323 Verwehenden Gebilden ohne Sinn. Die große Leere und das größte Leid: Liebloses Leben, kalte Einsamkeit. ACH VERGOSSEN, ACH VER. GESSEN Manchen Wein hob ich getrunken, Manchem schönen Kinde bin Ich verliebt ans Herz gesunken; Jetzt geht alles nüchtern hin, Abgezirkelt, abgemessen, Und das ist des Liedes Sinn: Ach, vergossen, ach, vergessen! Dunkelroter Wein im Becher Und ein weißer Busen bloß, — Ein Verliebter und ein Zecher War ich selig, war ich groß, Ritt auf Rausches roten Rossen Mitten in der Götter Schoß, — Ach, vergessen, ach, vergossen! Einsam geh ich nachts nach Hause, Und mein Keller steht mir leer, Das verworrene Gebrause, Ach, mein Herz kennt es nicht mehr; Tugend hat sich eingesessen, Exemplarisch, würdig, schwer, — Ach, vergossen, ach, vergessen! Soll mich gar nichts mehr entzücken? Soll ich ewig nüchtern sein? Wehe, lugend, deinen Tücken^ 3H Denn sie machen mir nur Pein; Sauertöpfisch und verdrossen Trag ich meinen Heiligenschein, — Ach, vergessen, ach, vergossen! KLAGE DES WEISEN Einst war ich jung; da war ich dumm. O Gott! Wie war das schön! Da hob ich in jedem Mädchen Eine Engelin gesehn. Nun bin ich alt und bin ich klug. Hilf Gott! Wie ist das trist! Jetzt seh ich an jedem Mädchen Was gar nicht engelisch ist. Bald seh ich dies, bald seh ich das. Herr Gott! Wie ist das dumm! Drum dreht sich auch kein Mädchen Nach meiner Weisheit um. MÜDE Ich schließ die Türe hinter mir, Will ohne Gäste sein; Ich hob mich selbst verlassen, Drum bin ich so allein. Ich mache alle Läden zu, Was soll mir Lag und Licht. Das Feuer ist verglommen, Die Sonne brauch ich nicht. 325 Ich fühle gar kein Leben mehr; Die Liebe ist vorbei. Ich kann nicht einmal weinen, Aus mir ringt sich kein Schrei. Ich habe keinen Gott und Freund Und bin so sinnenleer, Daß, wenn das Glück jetzt käme, Ich fühlte es nicht mehr. Ich schließ die Türe hinter mir, Bin nur für den zu Haus, Von dem es heißt, er fächelt Das letzte Flämmchen aus. DER MELANCHOLISCHE NARR Aus einer jungen Linde hob Geschnitzt ich meinen Narrenstab; Mein eigener Schädel wackelt drauf Zwischen Schellen und Bändern als bunter Knauf. Lacht er? Küß mich, küß mich, Klingelstock mein, Sei mein Lieb, und ich bin dein. Ach, ich armer Narre! Pst, pst, der Junker Lenz ist drauß, Die ganze Welt sieht blühsam aus. Du, Schellenschädel, rühr dich, sag: Lacht er uns auch, der Frühlingstag? Er schüttelt. Küß mich, küß mich, Klingelstock mein, Sei mein Lieb, und ich bin dein. 326 Ach, ich armer Narre. ' Weg! Alle Fenster dichte zu! Wir zwei alleine, ich und du, Wir wissen doch das Glück gewiß; Du, glöckle in der Finsternis Und grinse! Küß mich, küß mich, Klingelstock mein, Sei mein Lieb, und ich bin dein. Ach, ich armer Narre! DES NARREN REGENLIED Regenöde, regenöde Himmel, Land und See; Alle Lust ist Last geworden, Und das Herz tut weh. Graugesfinstig hält ein Nebel Alles Sein in Haft, Weher Mut weint in die Weiten, Krank ist jede Kraft. Die Prinzessin sitzt im Turme; Ihre Harfe klingt, Und ich hör, wie ihre Seele Müde Sehnsucht singt. Regenöde, regenöde Himmel, Land und See; Alle Lust ist Last geworden, Und das Herz tut weh. 327 DES NARREN NACHTLIED In der Nacht, in der Nacht, heidideldumdei! Sing, sing, süße Geige und lache, Schalmei/ In der Nacht gibts Wunderwerk mancherlei. Wollt ihr eins hören f O Sterne, o Stille, o mondliche Pracht! Wer hat in den tief tiefen Wald mich gebracht ? An den schwarzen See in der schaurigen Nacht? Kalt wehen die Winde. Krank bin ich und müde, und hier steh ich nackt. Zwei Arme haben mich rauh gepackt; Es hämmern die Spechte in gräßlichem Takt. Da lieg ich am Boden. Zwei Männer in Larven sind über mich her. Sie graben mich ein. Die Erde ist schwer. Des Windes Wehen hör ich nicht mehr. All-alles ist stille. DES NARREN HERBSTLIED Bunt wie mein Mantel und Kleid Wird nun die Welt, o weh, Lacht mir das Herz im Leib, Wie ich das seh. Einst war ich jung und frisch, Eija, da war ich grün, Grün wie die Weide, daran Maikätzchen blühn. 328 Dann kam die Zeit, die schnitt Falten ums Maul mir schief. Grinsen lernte ich da Und weinte tief. Trug bald ein bunt Gewand, Schuppen und Schellen daran, Wehe, es klirrt, wenn ich spring, Ich alter Mann. Holla, ein bunter Narr! Holla, ein Klimperkleid. ' Holla, die Welt wird bunt, Und ich gescheit. Laßt mich nun schlafen gehn, Legt mich ins Grab hinein! Über ein kleines, ach, Wird Frühling sein. 329 WEINLAUBE TRINKLIED Ich sitz in einem grünen Busch Und. trinke Wein, Ein Finkenpaar läßt sichs im Husch Hier gütlich sein. Ziepiept und schlägt die Flügel sein - — Jetzt ist es still . . . Ich sitz im Busch und trinke Wein, Komm, was da will! EIN HERBSTLIED zur Begleitung des Faßtrichters Nun klärt sich im Fasse der neue Wein, Doch draußen wird es trübe, Nur manchmal tut der Sonnenschein, Als ob er den Nebel hübe; Das Feld behauptet stolz allein Die brave Zuckerrübe, 330 Doch auch ihr scheint es frostig zumute zu sein : Ach, kochte man bald mich zu Zucker doch ein! Ach, wenn man doch balde mich grübe! King Thanatos sitzt auf dem Thron Und übt sich im Regieren; Mit Reichsschwert, Zepter, Reichsapfel und Krön Sieht man ihn emsig jonglieren; Sonst würd es des Winters selbsteigenen Sohn An höchstseine Hände frieren; Blitzblau sind ihm Backen und Nase schon. Jetzt ist der Trichter mein Bombardon, Und ich gehe den Neuen probieren. NEUWEINLIED Das hat Gott Vater gut gemacht, Daß er zum Herbst den Wein gebracht, Den weißen und den roten. Die Welt wird alt, der Wein ist jung, Herz bringt und Beine er in Schwung; Wir tanzen ohne Noten. Wir tanzen nach dem ältsten Takt, Nach dem im Paradiese nackt Die beiden schon sich drehten, Die unser aller Eltern sind; Wir tanzen zum Oktoberwind Wie trunkene Propheten. Daß ihr mir nicht dem Herbste glaubt, Es sei nun alles abgelaubt, 331 Und alle Keime schliefen! Seht unsern Kranz und unsern Tanz Und unsrer Augen glühen Glanz: Es wird was in den Tiefen! Wie dieser junge Wein im Faß Sich gärend regt ohn Unterlaß Bis zu der klaren Stärke, So braut in uns gesunder Sinn Durch Winternis und Starre hin Xu neuem Frühlingswerke . Die Gläser alle an den Mund! Glaubt nicht dem Herbst! Wir sind gesund Und wollens auch beweisen: Der Herrgott hoch! Hats gut gemacht, Daß er zum Herbst den Wein gebracht, Den roten und den weißen. ALTER WEIN UND JUNGES BLUT (Zu Böcklins Altrömischer Weinschenke) Alter Wein und junges Blut Tanzen durcheinander. Blumenmädchen, wirf die Rosen, Wirf die Rosen aus dem Schurze, Wirf die Rosen auf den Weg! Sieh, wir taumeln in geschienten Gliedern mit dem blauen, schweren Stahlhelm, taumeln wie am hohen Himmel die betrunkenen grauen Wolken. (Oder sind es Schläuche?) Pfui, wer wird hier stille stehn? 332 Zwar, dort in den Rhododendren Lauern niederträchtige Dornen, Und es scheint mir, hoppla, Mädchen, Hinter ihnen schnarcht der Tod. Pst! Kommt! Auf den Zehenspitzen Schlüpfen leis wir in den Keller! Wo im Sand die spitzen Krüge Mit den dicken Bäuchen stehn. Kommt, wir machen eine Kette! Erst zwei stahlheschiente Beine, Dann zwei nackte, schlanke, weiche, Und so nach der Regel weiter. Die Ovid beschrieben hat. Laßt den Tod im Busche schnarchen! Wenn die sehr betrunknen Wolken Sich auf Jovis Knieen lagern, Legen wir uns neben ihn. DREL TRUNKENE LIEDER ZUR HARFE I Tonnen stehen im dunklen Keller, Breite, braune, bauchige Tonnen, Und zwischen ihnen taumelt meine Jagd Nach einem Sonnenstrahl, Den ich im vorigen Sommer sah. Sicher, in einer dieser Tonnen steckt er: Napoli oder Caro vigno, ihr goldenen, Wer von euch hat ihn? An einem See wars vor dem großen Gebirge, 333 Und silber graue Libellen flogen im raschelnden Röhricht Des dürr-grünen Schilfes. Aus den klingenden, kleinen W 'eilen tönte silbern die Frage: „Wo lebt die eine mit dem liebegütigen Herzen, Das deiner Sehnsucht vorbestimmt ist als weiches Bett?'-'- Und ein heißer, goldener Strahl kam von der großen Sonne, Der über die Wellen fuhr wie kriegschlichtender Schwertstreich. Seid mir Liebesorakel, ihr sonneschwangeren Tonnen.' II Die Welt ist reich, wie das Auge eines schönen Mädchens. Tiefes Dunkel ist drin voll süßer und schau- riger Rätsel, Und die Seligkeit ist in ihr, die glitzernd Über die Oberfläche des feuchten Augapfels huscht. Und das Herz dieser Welt voller Keime und heißer Fluten — Wie das Herz eines verliebten Mädchens ist es, das unbewußt Sich nach Umarmung sehnt und schmerzlich seligem Gebären. Feuer strahlender Gott, der du die Wolken- vorhänge zerreißest, 334 Die Erde in ihrer Nacktheit zu schauen, Heißblickender Mann, Held Helios, gieße Deine Lehens ströme in den heiß wartenden Schoß der Erde! III Da noch Blut in meinen Adern ist Und Kraftspannen in meinen Muskeln, Will ich lieben, — lieben wie ein seliger Gott und ein gesunde sTier. Die faule Furcht der Menschheit blas ich hinweg Mit meinem Odem voll rasender Sehnsucht. Meine drängende Brust hebt sich nach den bebenden Vollen Brüsten unendlicher Hingabe. Zwingen will ich den ausweichenden Blick Sehnender Weichheit. Her zu mir alle, ihr Liebeskräftigen, Ich will euch umarmen. Wer aber liebes feige ist, der gehe hin und ersäufe sich In veilchenfarbener Tinte. Seinem Tode will ich ein Tanzlied singen. Sela. 335 GESCHNITTENE HECKEN [PARABOLISCH] DAS KLAPPERWERK Vor meinem Fenster drauß, Auf dem kahlen Pappelbaum Sitzt ein Gespenst; Das sieht scheußlich aus. Sein Auge, das droht, Ist innewendig rot, Sein Maul, das trenst. Ach, und wies redet und gestikuliert, Jedwedes Wörtel mit Salbe beschmiert; Schnappt über auch oft in Gezeter. Sei nicht so unverschämt, wertes Gespenst; Siehe, mein Pappelbaum ist kein Katheder, Und ich bin kein Schulbube, wie du mich kennst. Hab ich nicht rite hinaus dich geschmissen Aus meinem Leben, du ledernes Scheuel? Du bist mir widriger als der Tod, Und eine Fahne flammfeuerrot Will ich auf meiner Pappel hissen, Daß sie dir droht Und dich bannt, o du Greuel. Du bist die gelehrte Kümmerlichkeit, 336 Armselig weise, krüppelgescheit, Die nichts vermag, Als Nacht und 'Tag Dem Leben dekretieren, Wies blühen soll und wachsen soll Und ja nicht exzedieren. Macht einer vor Begeisterung Jach in die Lüfte einen Sprung, Gleich krähst du Miserere, Tust immer, als ob Gotteswelt Ein tristes Geometerfeld Aus graden Linien wäre; Speist alles an, was freudig ist Und bist voll eitel Hinterlist Mit Regeln und mit Fallen, Und manchen frohen Übermut Hat deine kalte Regelwut Zerdrückt in ihren Krallen. Du bist der Deutschen Erbgespenst, Und wenn du dich Professor nennst, Gleich werden zahm die Kecken, Und heißt du gar Geheimer Rat, Muß sich die beste, frohste Tat Vor deinem Spruch verstecken. Wie meinem Zorn ich genug getan Sah ich das Ding mir genauer an: Da wars ein Klapperscheuchwerk nur, Von einem Geiste keine Spur; O zornige Verblendung! Indes, mich deucht, wens nicht verdrießt, Daß er aus dieser Märe liest Wohl eine Nutzanwendung. 337 DER WEISSE MAULWURF Ein dickes Maulwurfsehepaar, Das glänzend schwarz wie Sammet war, Erfuhr Familienzuwachs. Froh Lag die Frau Maulwurf auf dem Stroh Und leckte jedes Junge Mit ihrer schmalen Zunge. 4 Da rief sie plötzlich: „Wunderlich, Mir scheint, ich weiß nicht, irr ich mich, Mich dünkts: Das eine von den drein, Das muß was ganz Besondres sein. Leck du ihm doch mal auch das Fell! Nicht wahr: Das spürt sich an wie — hell! ?" Der Gatte brummte: „Dummes Ding! Red doch nicht wie ein Engerling!" Sie aber, spitzig: „Liebes Kind, Ich bin doch wohl nicht zungenblind: Das dritte, kleinste da, ist — weiß!" „Daß ich dich in die Schaufel beiß!" Zornwatschelnd kam er aus der Ecke, Hub an ein prüfendes Gelecke, Tat „Hern" und „Hum" und knurrte dann: „Das leckt sich wirklich helle an. Ein Wunder, scheint mir, ist gescheht, Ich will Großvätern holen gehn." Nahm einen dicken Engerling, Der in der Vorratskammer hing, Fraß ihn befriedigt auf und ging. 338 Nach vielem Wühlen kreuz und quer, Bracht endlich er den Ahnen her. Der schüttelte den Rüssel sehr Und meinte, nie, so alt er wäre, Hab er vernommen solche Märe. Doch, als geleckt der Maulwurfsgreis, Sprach er: „Der Junge da ist weiß," Und schüttelte noch mehr Den Rüssel hin und her. Bald war im ganzen Land herum Das seltsame Mirakulum; Gevatter und Gevatterin Trug es geschäftig her und hin, Und schnell von Ferne und von Nah Warn wispernd Gratulanten da. Das weiße Fell ging fast entzwei Von allzuvieler Leckerei, Und Mama Maulwurf schloß das Tor, Ließ niemand mehr zum Lecken vor. Sie war ein wenig eitel schon Auf diesen weißgeborenen Sohn, Und, wie nun schon die Mütter sind, Er wurde bald ihr Hätschelkind. So wuchs bewundert er heran Vom Wunderknaben zum Wundermann, Die Augen rot, das Fell schneeweiß, Stolz war auf ihn der ganze Kreis. Er selber aber zeigte sich Recht sonderbar und wunderlich: Mocht ungern bei den andern sein, Saß träumend gern für sich allein; 339 Zumal das Wühlen schien ihm sehr Verhaßt, wie wenn er kein Maulwurf war. Denn in den engen Winkelgängen Blieb ihm gar viel am Felle hängen, Das zu dem Weiße gar nicht faßte. Es schien, daß er das Erdreich haßte. Das machte schon viel böses Blut: „Der Weiße dünkt sich wohl zu gut, Für unsrer Heimat heiligen Dreck!? Der Frevler bürstet sich ihn weg, Statt -patriotisch ihn als Zier Im Fell zu tragen, so wie wir.' Entartung ist sein weißes Fell! Er ist uns überhaupt zu hell." So hob es mit Gemurmel an, Doch ein Geknurre wurd es dann, Als stolz der Weiße widersprach. Auch warf man ihm schon Klumpen nach. Da blieb er immer mehr für sich. Gemieden und absonderlich. Und eines Tags, da fühlte er, Daß er am falschen Platze war. Heraus! Hinauf! Zu groß der Drang! Er baute einen eignen Gang. Und nicht hinab und nicht quer um, Nein: grad hinauf! Das Publikum Stand halb entsetzt, halb höhnisch da, Als es den steilen Aufstieg sah: „Wart, Bürschchen, das bekommt dir schlecht, Der Augenschmerz geschieht dir recht, Wenn oben dich die f f f Sonne beißt, Du warst zum letzten Male dreist!" 340 Vergnüglich harrten alle, Daß er herunter falle Und winsle: „Ach, das Licht tut weh, Ich steige nie mehr in die Höh/" Er aber, wie von Freude toll, Rief: „Brüder, kommt! So wundervoll, Wie nie ichs träumte, ist es hier, Kommt, kommt zum Licht, ach, kommt zu mir! Ich hah das Glück, das Glück gefunden, Und ihr lebt in der Hölle unten! Mir nach, mir nach, mir nach zum Licht! Kommt alle, kommt und zaudert nicht!" Wie das der schwarze Schwärm vernahm, Jachheiße Wut ihn überkam: „Herunter mit dem Galgenstrick! Herunter! Brecht ihm das Genick!" „Kommt, kommt zum Licht! O, kommt zu mir!" „Ja, warte nur! Wir kommen dir!" Und während er begeistert schrie, Da gruben sie und wühlten sie Viel krumme Gänge zu ihm hin Und fackten ihn und zerrten ihn — Hinab. Und haben sein Fell zerfetzt Und totgebissen ihn zuletzt. Da lag der Weiße still im Dreck, Befriedigt trollten die Schwarzen weg Und fraßen viele Engerlinge Und waren zufrieden und guter Dinge. 341 Doch, daß die Nachwelt einst erfahr, Daß mal ein weißer Maulwurf war, Und zum Beweis das Fell erseh, Bildeten sie ein Komitee: „Zu des weißen Vließes Konservierung.11 Das erfand eine praktische Balsamierung, Und des Maulwurf reiches weißer Sohn Ward beigesetzt im Pantheon. EINE PARABEL VOM MOND UND DEM RIESEN Hinter dem Berge Die tausend Zwerge Mit den großen Schädeln gescheit und frech Lassen wieder gleißen Im grellen, weißen Scheine das rund, blinkende Blech. Gespannt den Bogen! Die Sehne gezogen! Ich trefe das blitzende, glitzende Ding. Was soll das Geblecher! Zum Abendtrunkbecher Brauch ich kein zitterndes Flimmer geblink. Es saust von der Sehne Der Pfeil, seine Mähne Wirft rückwärts der Riese und wartet gespannt. Dann brüllt er: Daneben! So will ich es heben Das Ding aus der Höhe mit eigener Hand. 342 Es soll nicht dort hangen! Ich will es mir fangen, Ich will von den Zwergen nichts Glitzerndes sehn! Ich wills ihnen weisen! Ich will es zerschmeißen, Klirr soll es in tausend Kleinstücke mir gehn! Es rannte der Riese Wild über die Wiese, Über Berge und Täler, durch Sümpfe und Kot. „Fort! Fort mit dem Scheine!" Er brach sich die Beine. Der Mond hängt noch oben, der Riese ist tot. RITTER HAHN UND BAUER ENTERICH Der Haushahn, Herr von Stakelsteif, Mit rotem Kamm und grünem Schweif, Erhob ein laut Gekrähe; Zerbarst sich schier den langen Hals, Schrie, daß er statt des Düngerwalls Gern etwas Reinres sähe. „Ich trage Sporen," sprach der Hahn, „Und seht doch mein Gefieder an! Ists nicht bewundernswürdig ? Ich bin von adeligem Stamm, Mein zackig aufgeschwollener Kamm Zeigt, daß ich ritterbürtig." „Mit Eurer Gnaden Permittenz" Sprach drauf Herr Erpel Schwenkcschwenz, 343 „Ich bin zwar nur ein Bauer, Jedoch, was Euch betrifft und Mist, Weiß ich, was gut und dienlich ist, Dem Mist und Euch, genauer. Gewiß seid Ihr ein Edelmann, Der seine Sporen tragen kann Und seine Farben zeigen. Indessen: erst der Mist verleiht Euch Eure hohe Adligkeit; Vor ihm sollt Ihr Euch neigen. Nur auf dem Mist seid Ihr Baron, Und nur der Mist ist Euer Thron; Wollt Ihr den Mist verlassen, So wird Euch Heimweh nach dem Mist, Der Eurer Ahnen Hechschloß ist, Mistheimweh wird Euch fassen. Ich bitt Euch, bleibt dem Mist getreu; Ist er auch nur verdautes Heu, Ist er doch weich und w ärmlich. u Da schüttelte den grünen Schweif Der schöne Herr von Stakelsteif: „Das Pack bleibt stets erbärmlich. Ich weiß, weshalb der Bauer fleht: Er braucht mich hier als Majestät, Daß ich sein Sein beglänze. Mon dieu, mon dieu, Kikeriki! Es reibt die Aristokratie Sich auf für Schwenkeschwenze." 344 DIE PURPURSCHNECKE Wie eine Schnecke, Träge, langsam, Schleicht das „Glück" . . . Mit wartendem, Hoffendem Herzen steht Der Mensch und breitet in Qual und Angst Die Arme aus und schreit zum Himmel: „O komm, komm endlich, Löse mich, löse mich Aus Fesseln und Banden — Ein Glückeslächeln, Ein einziges nur, Es würde mein Herz Erwärmen mit lachendem Leuchten, Wie Maiensonne nach Winters Frost die starre Erde!" . . . Er wartet und fleht Lange, lange, Und müht sich ab im Geschirr des Lebens, Und keucht und keucht, Gebunden, gepeitscht, Möchte vorwärts: hinauf/ Hinauf/ wo es strahlt Und lächelt das Schöne, Ruhige, Klare, Immer Ersehnte . . . Aber das Glück, Kein stürmischer Engel, Ach, kein gütig gewährendes Weib, Aber das Glück, Die -purpurne Schnecke, 345 Rückt nur mühsam, In langen Fristen, Wenige Schritte Vor . . . und Ihre träge gedrehten Fühler Tasten kalt an eine starre, Augenleere Leiche im Grabe. Verfluchte Schnecke, o faules Glück! Indes du deinen schleimigen Weg Lautlos vorwärts schlichest: da stob, Brauste, wütete, raste mit Heulen, Gewaltig schnelle mit Sturmes Mächten Von allen Seiten die Schar der Furien Los auf den Armen. Die dürren Weiber! Hex enge stob er, grimmig jauchzendes . . . Mit ihren Geißeln schlugen sie ihn, Mit ihren Schlangen schreckten sie ihn, Mit ihren modrigen Blicken trieben sie ihn Durch bange Verzweiflung und Wahnsinns- nacht In den Tod. Ein gehetztes, verendetes Wild — Im Grab Stumm liegt er nun: Im Nichts. Im friedvollen, unbelebten Nichts Ward ihm das Glück . . . Die dunkelrote Purpurschnecke kriecht Über sein Grab, Lautlos . . . 346 DES TEUFELS NÄHFADEN Der Teufel näht in den Sack der Nacht In den grausteifleinenen weiten Sack Die Erde ein. Seht da, wie er hockt überm Kirchturmkreuz,, Daran er sein Nähwachs, den Mond, gespießt; Hui, wie er den Faden darüber zieht Mit seiner krummen Klaue, und wie er prüft, Ob er fest und geschmeidig. Wo hat der Teufel den Faden her, Den Sackleinfaden, mit dem er näht? Er hat ihn gedreht aus den Seelen der Hämischen, Aus den Seelen der lauernden Nörgler hat er Den Faden gezwirnt; Drum ist er so grau Und zäh und knotig. Blickt aber die Sonne darauf, die gütige, Reißt er in Fasern grau aus und feucht, Und auf den Morgenwinden fliegen, Angeleuchtet vom jungen Tage, Aus gedröselt die Sackleinfetzen. Und der Teufel rauft sich die starren Haare und flucht: Nichtsnutzige Seelen! Nicht mal Säcke kann man mit ihnen Dauerhaft nähen. Hol sie der Kuckuck! 347 KABINETT DER ER- INNERUNGEN [REISE-MITBRINGSEL] REISESPRUCH Bunte Dörfer, bunte Kühe, Ackerpracht und Ackermühe, Reichsten Lebens frischer Lauf. Dreht sich alles weit im Kreise; Mittendurch geht deine Reise: Tu nur Herz und Augen auf. WUNDERSAMES ABENTEUER IN EINEM OMNIBUS UND EINEM HAUSFLUR (Berlin igoo) Ach, wie schön sie ist, meine Nachbarin! Blaue Augen hat sie und ein Grübchenkinn, Blonde Haare steigen ihr vom Nacken an, Und ich bitte, seht doch, wie sie lachen kann. Ist wie eine Säule rund und Wohlgestalt, Und ich schätze höchstens sie auf neunzehn alt. 348 'ine Augenweide ist sie, ein Genuß! Neue Friedrichstraße/" Hält der Omnibus. st sie aufgestanden, will sie gehn; nanu? Virft ein Feuerrad sie mir zwei Blicke zu, lauscht an mir vorüber; ach wie schön sie geht, Jnd ein Rüchlein Rose aus dem Kleid ihr weht. Jnd ich bin gefangen, tappe hinterdrein, n die Neue Grüne Straße biegt sie ein. Vo die runde Neune überm Hause steht, lat sie sich mit Lächeln nach mir umgedreht, 'st hineingegangen, und im dunklen Flur 'ühlte ich zwei Lippen und zwei Arme nur, tand in einer Rosenwolke; die war heiß; hch es sind die Hitzen hold im Paradeis. Ja? Und wie gehts weiter? Weiter gehts nicht mehr, lehr hier zu verlangen unbescheiden war IM HAUSE THOMA Stiller Heiterkeit ein Glanz, Leisen Glückes leiser Tanz, Schaffens frohe Kraft, Heitrer Liebe stille Hut, Schalkheit auch, das Kleinod guty Und die Meisterschaft. Alles dies in einem Haus; Keiner ging noch aus ihm aus, Der das Glück nicht pries, 349 Das ihn hier in engem Raum Einen guten klaren Traum Leibhaft sehen ließ. IN THOMAS WERKSTATT (Vor dem „Kinderreigen" und dem „Jung ling mit den Märchenvögeln") Wie Kinder sich fassen An ihren unschuldigen Händen, So, meine Stunden, Wünscht ich euch eilenden, Daß ihr, zum heitersten Spiele verkettet, Tanzend euch zögt über blumige Wiesen, Klarheit über euch, Unschuld in euch, Reiner Seele voll, Junger Frische voll, Lachend. Ach, mein Himmel ist nicht so klar, Und meine Stunden sind nicht so rein; Unschuld, Kindheit, Spiel und Tanz Sind mir wie entschwebende Wolken, Denen die Arme zum Himmel auf Meine Sehnsucht weinend breitet, Wie der Jüngling am tosenden Flusse, Der den Märchenvögeln nachblickt. Daß ich einmal dem Meister gliche, Der euch malte, Kinder und dich, Betender Jüngling! Stille und Güte, Klarheit und Kraft, 350 Spielender Ernst und schaffende Treue Wohnen und walten an seinem Herde; Glück ward hier lebendige Gottheit, Weilende, heimische, dauernde: Ordnung; Glück, das fliegende, ward hier fest. Schlichter Mann im weißen Haare, Laß mich deine Hände drücken, Dank im Herzen, stummen Mundes: Segne mich mit deinen klaren, Guten Augen, schlichter Mann! „DU SOLLST ES NIEMAND SAGEN« Mir fuhr vorbei ein schönes Kind In einem schnellen Wagen; Herüber trug ein Wort der Wind: „Du sollst es niemand sagen/" „Du sollst es niemand sagen!" und Zwei Augen sah ich leuchten, Und wie auf einem frischen Mund Zwei Lippen leicht sich beugten. Vorüber wie ein Traumgesicht Das Kind, der Kuß, der Wagen, — Mein Lebelang vergeß ichs nicht: „Du sollst es niemand sagen!" 351 ZWEI PRINZESSINNEN (München) Die Prinzessin fährt zum Hochzeitsfest, Vier Schimmel am Wagen, Mit rotem Kragen Die Kutscher und silberbetreßt. Trara! Hell schmettern Trompeten und Trompetinen. Prinzesslein sitzt da mit süßen Mienen In Galatoilette und Gloria. Die Menge verneigt sich und hebt den Hut; Wie prunkt die Karosse! Wir stehn in der Gosse . . . „Ach Gott, so eine hats gut ..." Trara! Hell schmettern Trompeten und Trompetinen. Eine Kleine sagts mit sauren Mienen Und glänzt doch in Schönheit und Gloria. Die Prinzessin hob ich nicht mehr gesehn, Ich sah nur die feine, Die liebe Kleine Im wollenen Röckchen stehn. Trara! Hell schmettern Trompeten und Trompetinen, Doch alles hat golden überschienen Der armen Schönheit Gloria. HILF, HEILIGER SANKT FLORIAN! (Wien 188g) Einer roten Straußenfeder Sagt ich eben Guten Abend; 352 Heilger Florian, da dacht ich Dein und deiner roten Fahne. Dacht auch deines W asserkübels Und der großen roten Flamme, Die du löschst mit kaltem Strahle, Und ich betete bedächtig: Lösche, lösche, Floriane, Diese rote Straußenfeder/ Denn sie brennt mir schon im Herzen, Und das gibt ein Schadenfeuer/ „FRAUENHAAR" (Starnberger See i88y) „Frauenhaar" trag ich am Hute, Wie Flachs so weich, wie Seide so fein, Flirrfädelnd sfinnts im Sonnenschein, Flott flatterts in den Wind hinein, Ich trag es mit fröhlichem Mute Und denke dein, Mein Seidenhaar, Die meine Sonne, mein Sehnen war, Mein Leben im bebenden Blute, Du Weiche, du Feine, du Gute. SCHLAGENDE HERZEN (Vom Ammersee) Über Wiesen und Felder ein Knabe ging; Kling-klang schlug ihm das Herz, 353 Es glänzt ihm am Finger von Golde ein Ring, Kling-klang schlug ihm das Herz. „O Wiesen, o Felder, Wie seid ihr schön/ O Berge, o Wälder, Wie seid ihr schön! Wie bist du gut, wie bist du schön, Du goldene Sonne in Himmelsbahn!" Kling-klang schlug ihm das Herz. Schnell eilte der Knabe mit fröhlichem Schritt, Kling-klang schlug ihm das Herz. Nahm manche lachende Blume mit, Kling-klang schlug ihm das Herz. „Über Wiesen und Felder Weht Frühlingswind, Über Berge und Wälder Weht Frühlingswind. Im Herzen mir innen weht Frühlingswind, Der treibt zu dir mich leise, lind!" Kling-klang schlug ihm das Herz. Zwischen Wiesen und Feldern ein Mädel stand, Kling-klang schlug ihr das Herz, Hielt über die Augen zum Schauen die Hand, Kling-klang schlug ihr das Herz. „Über Wiesen und Felder Schnell kommt er her. Über Berge und Wälder Schnell kommt er her, Zu mir, zu mir, schnell kommt er her! O, wenn er bei mir nur, bei mir schon war!" Kling-klang schlug ihr das Herz. 354 UNSCHULD (München in der Trambahn igoo) Gib, schönes Kind, mir deine Hand Und sieh mich an, Den Reisenden aus Wehmutland Und ärmsten Mann. Schlag deine Augen nieder nicht; Sie sind so hold; Noch nicht voll Glut, doch voller Licht Und Unschuldsgold. Das hat so innig milden Schein^ 0 süßes Kind, Daß alle Kümmernisse mein Verflogen sind. SENTIMENTALE REISE I. (Paris, 15. und 16. Oktober 1900) O ja, die Liebe und ein treues Herz, Und alles, was wir Seele nennen, ist viel wert. Doch davon wollen wir nicht reden, Kind, Und wollen keine Fesseln hin und her Von Herz zu Herzen binden, und das Wort: „Auf immer" spanne seine Fäden nicht Von dir zu mir. Uns sei der Tag genug, Die stille Stunde, die uns glücklich macht. Dann wird, wenn einst auch das vergangen ist, Uns keine Lüge die Erinnerung 355 Schwarz überschatten, und wir dürfen klar Nach rückwärts schauen ohne Bitternis. Nicht traurig sein! Noch lange ist nicht Herbst, Und auch der Winter hat sein stilles Glück. Eisblumen schließen von der Welt uns ab, Und herzensinnen rauscht und klingt ein Wald Von tausend Vögeln laut: Erinnerung. II. (Paris, im singhalesischen Teegartent 15. Oktober igoo) Laß! Liege so, die Arme unterm Kopf, Daß sich im Atmen deine schöne Brust Noch runder hebe, mir entgegen, — so: Ich muß die Hand darauf tun. Das ist Glück. Sei still und schließe auch die Augen, — 0: Kein Wort, kein Blick, nur dieses stumme Spiel Des Atems, der den schönen Leib bewegt. Und als ein stummer Beter, der nicht Worte macht, Knie ich in Andacht dir zur Seite hin Und bett auf deine Brust mein Haupt. Es ist Kein schönrer Fleck, zu träumen, auf der Welt. III. (Paris, 16. Oktober 1900) Du sagst, du liebst mich. O, ich danke dir! Zwar kenn ich dieses Wort als Lüge nur, Doch klingt es süß, wie liebliche Musik, 356 Und gerne glaubt man, was so lieblich klingt. Ich will es glauben, und ich bitte dich: Nimm diesen Glauben als Entgegnung an. Mir selber will das Wort „Ich liebe dich(< Nicht mehr vom Herzen auf die Lippen gehn. Dem Boden, der von mitleidlosem Fuß Zerstampft ward, dem der Bosheit dürre Hand Salz, in die Furchen streute, wollen Rosen nicht Entblühen, — blasse Nesseln bringt er nur. So sieht mein Garten aus, — ein Nesselbeet. Willst du ihn lieben ? Wunder sind ge- schehn! Die Liebe ist die beste Gärtnerin. IV. (Paris, 18. Oktober igoo) Des Zweifels müde und von Mißtraun matt Sehn ich mich tief nach Glauben, wie der Mann, Der schwer den ganzen Tag die Arme rührte, sich Nach Ruhe sehnt. Doch soll es wohl nicht sein. Drum hab ich nur den Augenblick des Glücks, Nicht seine Dauer und Beruhigung. Und alles Holden Grund ist mir vergällt. So will ich an der Oberfläche nur Vom Quell des Schönen schöpfen. Griff ich tiefer, ach, Es käme wieder Schlamm mir in das Glas. V. (Paris, 22. Oktober igoo) Ich fuhr ins fremde, weite Land; es war Ein Fliehn vor mir, vor dir, vor allem, was 357 Mich täglich quält und treibt und freudlos macht. Ich wollte frei sein und Zuschauer sein, Die Hände auf dem Rücken fremd das Fremde sehn. Und sieh, ich sehe nur zurück und, ach! In mich hinein und quäle mich noch mehr Und bin unruhiger, als je ich war. Die bunte Welt umrauscht den Sinnenden, Der immer nur den Nebelzügen folgt, Die innen unaufhörlich hin und her, Trübselge Schatten, ziehn, wie im Gebirg Die grauen Wolken wandern. Wehe mir! In meinem Auge ist nicht mehr das Bild Der reichen Welt. Dem Maulwurf ward ich gleich, Der nur die engen Gänge sieht, die er durch- wühlt. VI. (Zwischen Macon und Pontarevant la Chapelle, 28. Oktober igoo) Was war ich, hätt ich nicht die hohe Kunst Des schön gesetzten Wortes und die Kraft, Mit einem Strom von Strophen mir den Schmerz Und alles Dumpfe aus der Brust zu schwemmen. Wieviel versäumt ich! Wieviel Früchte ließ Ich auf der Lebenstafel unberührt! Wieviel versah ich! Wieviel Böses sann Mein Herz, und wieviel sündigte die Hand! Doch einen schönen Reim zu runden war Ich nie zu träge, und ich frevelte Nie bösen Sinnes gegen dich, 0 Gut 358 Der Güter, das mir in der Wiege lag, Als ich der Mutter Wort zum erstenmal Vernahm: O deutsche Sprache, allerherr- lichste! Kein Kind wird einst von mir im Lehen stehn, Wenn ich ins Nichts zurückgegangen bin Und all mein Leben, all mein Schmerz und Lust Vorüber und verschwunden wie die Wolke ist, Die eben noch, durchglüht von Sonnengold, Wie eine ganze Welt voll Licht und Saft Am hohen Himmel stand. — Dann wird vielleicht Ein kleiner Vers von mir lebendig noch In eines deutschen Mädchens Herzen blühn, Und meine Worte werden voll und warm Von ihren Lippen wehen, wie der Duft, Der aus dem Innersten der Rose kommt. VII. (In der Provence, November igoo) Hier ritten einst die tapfern Troubadours Mit Schwert und Laute ihrer Liebe nach; Hier glühte einst das Glück der großen Kunst, Die wie die Sonne der Provence schien: Ein goldnes Siegeszeichen, ein Juwel, Der schönsten Tage schönster Schmuck. Es sprang Das Lied gleich einem schönen Pagen froh Den Frauen in den Schoß. Doch manchmal wars Wie Mistralwind und fegte durch das Land Und trieb die Wolken und zertrümmerte, 359 Was alt und morsch war. Sieg und Segen trug Des Verses Flügel, der schön glänzende, Durch diese Lüfte voller Blumenduft, Und Liebe lächelte dem Liede zu. In diesen Liedern war kein müder Ton, Und auch die Traurigkeit war stolz und stark, Denn adelig war noch die Kunst des Lieds, Und wer zu schönen Frauen sich vermaß Die Stimme zu erheben und das Herz, Der wußte, was sich ziemt. So wüßt er auch, Daß nicht für alles Worte ziemlich sind Und Schweigen eine edle Kunst der Herzen ist, Die eher brechen, als schamlos den Gram Der Schwäche zeigen. — Ach, wir reden viel Von neuen Tönen und von neuer Kunst, Und unsre Herzen sind so jämmerlich, Daß uns die Knechte jener Troubadours Verachten würden, sähen sie, wie wir Schamlos entblößen, was so ekel ist: Das Trübe, Dumpfe, Schwache, all die Qual Des machtlos Ungebändigten, den Satz Der Seele voller Krampf und Mißbegier. Wir wollen fürder nicht so üppig sein In großen Worten und Versprechungen Von neuen Weisen einer netten Kunst. Wir wollen wieder schweigen lernen, und die Zucht, Die Adelsmeisterin, angehn, daß sie Wachsam und strenge bei uns sei, wenn wir Uns unterfangen, klangvoll Wort an Wort Zum Vers zu fügen. Ehrfurcht halte uns 360 Im schönen Maße, und die edle Scham, Des Künstlers Tugend, walte über uns! VIII. (Nymphenburg, Januar igoi) Nun ist viel tot in mir. Ich weiß nun, jene Qual, Die mich ins Fremde trieb und immer rück- wärts doch Den Blick der Sehnsucht wandte, war nicht mehr Als einer Krankheit letzter Überfall. Sieh, auf dem Schnee hier steht ein Sarg, — hinein Die leere Puffe jenes faulen Grams! Lemuren, kommt, und schaufelt mir ein Grab Für diese böse Puffe, — Schnee, Schnee, Schnee, Darauf und schwere Blöcke Eis. Macht schnell! Tief, tief das Grab, in Eis und Schnee tief, tief! Ich will nicht wissen, wo der Pofanz liegt! Ah, daß ich frei bin! Wintersonne, sieh, Hier steh ich fröhlich zwischen Eis und Schnee, Und niemals wüßt ich mehr, was Frühling ist. Ich war ins Grau, ins Neblige verrannt. Ich hing am Gram wie in der Spinne Netz Die arme Fliege, und schon fuhr auf mich Die große Sfinne los, die alles frißt, Da sfrach was über meinem Leben wacht: 361 Noch nicht, noch nicht! Und wie im Märchen wars: Ich stand verwandelt und erlöst und frei Im allerschönsten Schlosse von Kristall. O schöner Winter, kalt und sonnenklar. Dein Frost hat mich gesund gemacht und hart. Mir ist, als ruhte jetzt in meiner Hand Ein wohlgehämmert Schwert. Und ich bin stark, Mir alle Wege frei damit zu haun. In Niederungen geh ich nun nicht mehr. PFINGSTOMNIBUS (Berliner Kremserpartie) Zwei dicke Isabellen, Die ziehn das Räder haus, Darinnen siehts von hellen P fingst klei dem lustig aus. Der Kutscher auf dem Bocke Sitzt zwischen Zweigen grün; Wunder! An seinem Rocke Zwei Fliederbüsche blühn. Die Peitsche läßt er wehen Wie linden Wimpelschwung, Die dicken Gelben gehen Heut wie zwei Fohlen jung. Als wenn sie heut zu Ehren Dem Frühlingsfeiertag Silberbeschlagen wären, Klingt ihrer Hufe Schlag. 362 In hellen Resonanzen Tönts wider der Asphalt, Klipp-klapp von Liebe und Tanzen Ein Lied empor mir schallt: Ein lieber Junge ist der Mai, Er sitzt mit grünem Kranze Auf einer buschigen Linde frei Und spielt uns auf zum Tanze. Hat Augen grade so wie du, Die wie zwei Sonnen scheinen, Er spielt und schwingt den Takt dazu Mit seinen nackten Beinen. Komm, Mädel, gib mir deine Hand, Wir wollen einen drehen, Wie ihn der Mai, der Musikant, Sein Lebtag nicht gesehen. Nicht nach der Überzarten Art Wolln wir im Kreise schleichen, Wir tanzen heute Himmelfahrt Und nach des Maien Geigen. Drum fassen wir uns fest und warm Und wirbeln uns verwegen, Hopp, Mädel, komm! In meinen Arm Kannst du dich ruhig legen. So hoch des Maien Geige singt, So hoch will ich dich heben: Wer tanzend in die Liebe springt, Der springt ins ewige Leben. 363 MUTTERLIED (Bahnwärtersfrau mit Kind bei Nürnberg) Will mein Junge Affel haben, Rote oder gäleP Hast du zweie, hast du dreie, Schäl, mein Junge, schäle: Schäle Schalen, lange Bänder, Leg sie um im Kreise, Iß die Affel, iß die Affel, Beiß, mein Junge, beiße! DAS HOCHZEITSREISEPAAR Die Eheringe glänzen Mit feuerigem Schein, Es ist ein einziger Kritzer dran; Sie sagt: „Mein Herz! Mein Schatz !" — Man kann Gar nicht verliebter sein. Auf seine Schulter legt sie Den Kopf mit Lindigkeit ; Ach könnte man küssen im Coupe! Indem ich aus dem Fenster seh, Schaff ich Gelegenheit. Sie essen und sie trinken; Wie füttert sie ihn zart! Wer Augen hat zu sehn, der sieht: Die Liebe stärkt den Appetit. Dann wischt sie ihm den Bart. Xu sagen hat sie ihm sehr viel, Tut höchst geheimnisvoll. 364 Sie tuschelts leise ihm ins Ohr Und hält auch noch die Hand davor, Weils niemand hören soll. Es muß nicht von fataler Art, Was sie ihm kündet, sein; Im Gegenteil, mir scheint, es tut Dem Braven wundersüße gut Und geht ihm lieblich ein. Wie Butter in der Sonne glänzt, So glänzt sein Angesicht: Kein Zweifel, er ist sehr beglückt. Mein Gott, wie er sie an sich drückt! Unmensch, zerbrich sie nicht! Im ganzen muß ich sagen: mir Scheints etwas deplaziert, Daß man mir einfach vis-a-vis So ungemeine Sympathie Ganz offen produziert. Mir scheint, es wäre angebracht^ Fürs stille Kämmerlein Zu sparen diese Zärtlichkeit. Sie gehn entschieden etwas weit! Doch will ich nicht so sein: Die Stunden wehn, die Tage gehn, Der kritzerlose Ring, Wie bald wird er zer schunden sein! Und viel vergeht mit seinem Schein, Du sehr verliebtes Ding! Denn eine Hochzeitsreise ist Die Ehe wirklich nicht. 365 Da wird der Anschluß oft verfaßt, Und manche überschwere Last Macht, daß die Achse bricht. Drum, junge Frau und junger Mann, Drückt, küßt euch ohne Zwang/ Gehs euch so gut, wie mir es geht, Bis daß der Wagen stille steht, Die ganze Ehe lang. „EIN LÖFFEL SUPPE" (Berliner Erinnerung) Um einen großen Tisch Sind wir herumgesessen Und haben ausgezeichnet Getrunken und gegessen; Geistreiche Leute waren auch dabei. Weiß Gott, da konnte man merken, Was Witz und Bosheit sei. Zu Suppe, Braten, Fisch, Kompott, Salat und süßer Speise Maultrommelte Kritik und Spott, Es reimte Teufel sich auf Gott In dieser muntern Weise. Von der Suppe bis zum Schnapse Saß ich sprachlos da, Wie getroffen vom Kollapse, Wußte nicht, wie mir geschah. Tournedos, Kaviar, Lampreten, Rindfleisch ä la Bordelaise, Stilton-, Schweizer-, Chesterkäs, Und dazwischen immer Reden! : $66 Bismarck, Harden, Sünde, Goethe, Wagner, Bungert, Dahn, Homer, Fledermaus und Zauberflöte, Ludolf Waldmann, Meyerbeer; China, Japan, Böcklin, Thumann, Thoma, Werner, Stuck und Knaus, Johann, Eduard, Richard Strauß, Kaiser Wilhelm, Robert Schumann . . . ^Mahlzeit! Mahlzeit!! Laßts mi aus!!! MEINE SONNE A. D. (München unter den Arkaden 1888) Als es Winter war, hatt ich nur einen Sonnenschein, — dich, Und du warst mir eine ferne Sonne mit seltenen Strahlen. Aber wie waren sie warm und freundlich^ Und wie war ich glücklich! Nun ist es Frühling geworden über die Erde, Und die Vögel rufen sich von schwanken Knospenzweigen, Und der Himmel ist blau wie Erfüllung aller Seligkeit. Aber wo ist denn meine Sonne? Schau da, wie schön: von chinagelber Seide Das Kleid, burgunderrot der Gürtelreif, Und alle Blumen des Frühlings auf dem weißen Hute, Geht meine Sonne dort auf Vor dem römischen Rot der Arkaden. 367 Sonnensieg! Die gelbe Seide Surrt mit fälbelndem Saum Über den roten Fließ, Und jeder ihrer Schritte ist ein Kuß der beglückten Erde. Das ist meine Sonne? Ach, wie sie doch im Winter so weich Und fraulich war und lieb. Nun ist sie stolz geworden, und wie ein Komet Zieht sie einen zitternden Schweif von Ver- ehrern nach und läßt Die dümmsten Monde in ihre Nähe, wenn sie von Silber sind. Sonne, dein Sieg gefällt mir nicht. Hallo! Ich geh auf die Sternensuche ! DÄMMERUNG (München, Englischer Garten) Dämmerung mit den milden, grauen Augen Schreitet über die Erde. Kühl weht ihr Atem, Weich und kühl, Milde wie ruhiger Atemzug Eines schlummergeküßten, Backenroten Kindes. An lauschender Ferne ruhendem Rund Ein goldenes Glänzen, matt verscheidend, Zerrinnend in zarten, grauen Duft . . . O Ruhe! Ruhe! Gabe der Seligkeit, Die du auf Flügeln der Dämmerung linde Vom Himmel niederschwebst, gelinde 368 Das Herz, mit warmem Hauche ', Sorgenscheuchend, rührst; O Ruhe, Frieden, Fülle des Seins/ Heut aus grauen Dämmer äugen Blickst du mich liebreich an und verheißend, Und mein Dank schwillt auf im Herzen, Wie im Auge der seligen Braut Warme, lachende Tränenflut, — Aber mein Herz muß an verklungene Tage höheren Glückes denken, Da ihm friedevolle Liebe Gütig fromm entgegenleuchtete Aus zwei braunen Mädchenaugen, Sonnen der Liebe. MONTE CARLO Meer und Sterne, Palmen und das Leuchten Weißen Steines hinter Lorbeerhecken, Und im Saale Klirr und Kling und Scharren Und das Rascheln bunter SeidenschUppen. Glühe Augen und erhitzte Wangen, Heiße Hände, zuckende Gebärden, Und die Brüste sprengen fast die Mieder. Ach ihr Kinder/ Ach ihr lieben Kinder/ Nein, der Glaube ist nicht ausgestorben, Und die Menschen sind doch sehr sympathisch. Selten noch könnt ich so gut sie leiden, Als, da ich sie heut am grünen Tische Spielen sah, wie Kinder spieln im Sande. (Auf der Terrasse der Spielbank, den 2g. Oktober igoo) FRÖHLICHE ZUVERSICHT (München am Gries) Nun ist die Blütenzeit vorbei, Die grüne Wiese gilbt sich schon. Vergangen ist der Mai. Im Busch ein kleiner Vogel singt Ein lautes Lied vom Glück, vom Glück, Das nun der Sommer bringt: Die Blütenfrucht, die junge Brut, Das stille Reifen überall, Des Segens schwere Flut. Vom Nachbarbusch antwortet fein Das Weibchen seinem Glücksgesang; Nun singen sie zu zwein. Zu zwein, zu zwein/ Das war im Mai, Da mir das Glück zu zwein beschert. Schnell ging das Glück vorbei. Es schwand im Blütenüberschzvang, Es hallte leise, leise aus, Wie ferner Mädchensang. In meinem Herzen lind und warm V erglimmts wie Abendsonnenschein ; Mein Herz ist ohne Harm. Mit Lachen flog mir fort das Glück, Ich aber weiß: im nächsten Mai Kehrts lachend mir zurück. 370 NACHTGANG (Berlin 1886) Wir gingen durch die dunkle, milde Nacht, Dein Arm in meinem, Dein Auge in meinem; Der Mond goß silbernes Licht Über dein Angesicht; Wie auf Goldgrund ruhte dein schönes Haupt, Und du erschienst mir wie eine Heilige: mild, Mild und groß und seelenübervoll, Gütig und rein wie die liebe Sonne. Und in die Augen Schwoll mir ein warmer Drang, Wie Tränenahnung. Fester faßt ich dich Und küßte — Küßte dich ganz leise, — meine Seele Weinte. STILLER ZWIEGESANG (Aus Landshut 1901) Er: Hinter dem Vorhang am Spiegel vorm Bett Steht meine Liebste und steckt sich die Haare, Steht meine Liebste und schmückt sich für mich. Komm doch, 0 komm doch, mein einziges Mädchen, Oder ich springe zu dir in die Kammer; Komm, 0 du Liebliche, laß mich nicht warten: 371 Mit einem Sprunge bin ich im Fenster Hinter dem Vorhang am Spiegel vorm Bett. Sie: Draußen im Winde am Baum hinterm Zaun Wartet mein Liebster mit klopfendem Herzen, Wartet mein Liebster mit Küssen auf mich. Wart noch ein Weilchen am Baum hinterm Zaune; Noch eine Rose ins Haar, eine rote, Will ich mir stecken, für dich eine Rose: Gleich dann, gleich komm ich und küß dich im Winde, Draußen im Winde am Baum hinterm Zaun. EIN TRIO (Aus einem Cafe in Wien) Der Alte: Ach Gott, ich habe Geld genung, Doch fehlt mir die Begeisterung, Schwach brennts auf meinem Herde. Das junge Leben lockt so hell: Ach schlüge doch mein Herz so schnell! ! Ich saß auf heißem Pferde. Der Junge: Ich brenn, ich brenne lichterloh/ Ich wollt, ich wollt, ich könnte so, Ich könnte, wie ich könnte. Verfluchte Habenichtserei,' 37? Ach, hätt ich Geld,! ich schwömme frei In meinem Elemente. Die Schöne: Dem Jungen sind die Lenden stark, Der Alte hat im Sack das Mark: Wenn die zwei einer wären! Was soll ich tun, ich armer Schatz.? Der eine kanns, der andre hats, Und ich muß mich verzehren. GOLDENE HOCHZEIT (Altes Ehepaar auf einer Hotelterrasse in Genua) Er: Was hat mir Frieden gebracht, Mein Leben eingebürdet? Was hat mich froh gemacht. Mein Herz unrastentbürdet? Was hat meinen Herbst, meinen harten Herbst Zu hellem Lenz gelichtet? Was hat meines Lebens keuchenden Kampf Zun' leisen Lied gedichtet? Das hat dein hold reich Herz getan Und deine süßen Augen, die Mein Leben übersonnten. Sieh, sieh mich mit den Augen an, Die solche Wunder konnten! Sie: Was hat mich stolz gemacht, Meinem Leben Stand gegeben? 373 Daß ich bei Tag und Nacht Für dich, dich durfte leben! Was hat mein Herz, mein ängstliches Herz Mit fröhlicher Kraft umschmeidet? Was hat mich alte, schwache Frau Bis heute froh begleitet? Das taten die starken Hände dein Und deine guten Augen, die Aus Liebe stumm mir dankten. Schließ mich in deine Arme ein, Die mich mit Glück umrankten/ Beide: Es kommt die Nacht, es nahet an Mit leisem Schritt der bleiche Mann, Der keinen je vergißt. Wir nehmen beid ihn an der Hand: Führ uns, o Tod, in jenes Land, Wo unsres Kindes Seele ist. DER LACHENDE (Bauernbursch als Posten vor einer Prin- zessin -präsentierend) Es stand ein Baum im Königslandf Der trug viel schöne Blumen. Die schönste Blume, die er trug, Das war des Königs Tochter. Des Bauern Sohn darunter stand, Der täte zu ihr lachen, Da winkte sie mit ihrer Hand, Er sollte sie fröhlich machen. 374 Der Bauernsohn steigt auf das Nest Mit seinem Lachen munter, Der König hält ihn am Mantel fest : Du Kecker, komm herunter. Sie ist viel höher geboren als du, Du lagst in holzener Wiegen. — Und ist sie viel höher geboren als ich, So bin ich höher gestiegen ! Heidi, heido, die zweie warn froh Hoch oben im Wipfelneste. Der König sprach hm, ei, ei, o, o, Dann lud er die Hochzeitsgäste. Die Ritter und Damen die riefen: Warum? Das sind bedenkliche Sachen! — O Ritter und Damen, was seid ihr dumm ! Der Bauer konnte lachen! BILANZ (In Berlin) So geh ich nun, Zylinder in der Stirn, Den Schnurrbart auf gestrichen, wie sichs ziemt, Und setz mein spanisch Rohr altvaterisch, Bedächtig, schrittbemessen vor mich hin. Alt wohl noch nicht, doch auch nicht mehr ganz jung, Ist man denn in der Mitte angelangt, Beim ä peu pres, und hat Gelegenheit, Vorwärts und rückwärts still sich umzusehn. 375 Kopfnicken. Stirnef alten. Hern und bunt . . . Tja: Manches hat sich nicht so eingestellt, Wies einst der stolze Gymnasiast geträumt, Und dies und das ging unerquicklich aus, Das sich erst wunderschön zu machen schien. Zieh die Bilanz, Mann im Zylinderhut/ Schlag Blatt für Blatt mit Rechnermiene um! Sieh nach, Freund Ich, was dir noch übrig bleibt! Wer stößt mich da? Um Gott! : die Adel- heid! Nanu, Madam, wo kommst denn du jetzt her? Tanzst du denn nicht bei den Ambassadeurs ? — „Ich tanze nicht." Sie sagts mit Düster- heit. — Um Gottes willen, Kind, was ist geschehn ? — „Ich bin . . .", sie streift den Handschuh sich zurück Und zeigt mir, herkle! einen Ehering. Da muß ich lachen, daß mein Seidenhut Dem Dampfschiffschlote gleich schwankt, der im Sturm Mit häuserhohen Wellen trotzig kämpft. — Du bist . . . die Welt geht unter . . . du . . . o Schreck! Dagegen ich! Sieh her! — Und frei und nackt Zeigt meine Hand sich ohne goldnen Reif. Nun geht ein Fragen nieder auf mein Haupt, Daß neben ihm ein Donnerwolkenbruch Ein Mückenniesen ist. Ich halte still Und sage nichts und werde völlig stumm, 376 Bin lang schon nicht mehr da — wo hin ich nur? — Und schließlich drück ich mich von Adel- heid. Wo war ich doch . . .? Ja so, ja: die Bilanz. Nun gut, was bleibt? Bin ich vielleicht bankrott? Bin ich solvent, wenn mich das Schicksal mahnt Und zu mir spricht, der grimme Gläubiger: Her mit dem Darlehn, mit den Zinsen her! Ist denn nicht alles, alles längst vertan? Kam irgend nur ein kleiner Posten ein? Mir scheint, mir scheint, Freund Ich, das Ding steht schlimm. Bedeppt, beklommen, ein ertappter Dieb, Steh ich gesenkten Hauptes, schuldbewußt, Und sage meinem lieben Herzen: Ach, Du dummes Herz, wie falsch hast dus ge- macht! Du schwaches Herz, nichts hast du aus- geführt! Du böses Herz, was sündigtest du so, Daß niemals Ruhe mehr dein 1 'eil kann sein! Was für ein Bursche war ich, keck und kühn, Ein unbesonnener Lacher und ein Held, Ein Greifer, Jager, ja ein Flieger fast, Und trotzig, golden trotzig, — selbst dem Glück. Hab ich nicht einst, mit diesem Herzen da, Mit dir du Ding, das mich so angeführt, Die ganze Welt umfaßt; war ich nicht einst 377 So voll von Liebe, daß ich manchmal rief: Helft! Banden her! denn mich zersprengt das Glück! . . .? Und jetzt! ? Da steh ich schwarzer Marabu, Lack an den Schuhn, den Schädel überröhrt, Den Schnurrbart hoch, Erfahrungsfalten tief, Hier, in der Menschenmenge, steh ich da Und bin so einsam, daß im Wüstensand Niemals ein Büßender so einsam war. Wo blieb mein Lachen, wo die Zuversicht In meinen Stern, wo blieb mein Tänzer schritt Und dieses Schwellen für die ganze Welt, Die Liebe wo, die große, flammende, Die mich empor trug und, die Sc henkerin, Mich rings mit Gnaden wie mit einem Wall Umfriedete, — ach Herz, Herz, sprich, wo blieb Mein Leben, meine Kraft, mein junges Glück ? Wo ... wo . . .! Und meine Blicke irren so, Als sucht ich in der Menge, was verflog. Da: Stern und Sonne, Segen, Licht und Glanz! Ein Strom von Klarheit und Beruhigung: Im Wagen sie, die blonde Königin, Die goldne Herrin und Gebieterin, Die Adelige, Reine, Einzige. Wenn sie die Hand hebt, bebt mein Herz vor Glück, Wenn sie das Haupt neigt, faßt mich Selig- keit, Ich seh sie gehn, und meine Seele singt, Und alle meine Tiefen klingen mit, 378 Sagt sie ein einzig hingeschenktes V/ort. Ein Augenblick nur, und sie ist vorbei, Ein kleiner Augenblick nur, und ich weiß: Ich habe alles, alles noch in mir, Es ist nicht not, daß ich verzweifeln muß, Reich bin ich, unermeßlich reich und stark. In die Arena! Leben, wehre dich! Ich habe Schwerter und den hellen Mut, Den heißen Mut, der in Gefahren lacht. 379 DREI SOLITÄRE FREUNDLICHE VISION Nicht im Schlafe hob ich das geträumt, Hell am Tag sah ichs schön vor mir: Eine Wiese voller Margeriten; Tief ein weißes Haus in grünen Büschen; Götterbilder leuchten aus dem Laube. Und ich geh mit einer, die mich lieb hat, Ruhigen Gemütes in die Kühle Dieses weißen Hauses, in den Frieden, Der voll Schönheit wartet, daß wir kommen. 380 SCHMIED SCHMERZ Der Schmerz ist ein Schmied. Sein Hammer ist hart; Von fliegenden Flammen Ist heiß sein Herd; Seinen Blasebalg bläht Ein stoßender Sturm Von wilden Gewalten. Er hämmert die Herzen Und schweißt sie mit schweren Und harten Hieben Zu festem Gefüge. Gut, gut schmiedet der Schmerz. Kein Sturm zerstört, Kein Frost zerfrißt, Kein Rost zerreißt, Was der Schmerz geschmiedet. TRAUM DURCH DIE DÄMME- RUNG Weite Wiesen im Dämmer grau; Die Sonne verglomm, die Sterne ziehn: Nun geh ich zu der schönsten Frau, Weit über Wiesen im Dämmergrau, Tief in den Busch von Jasmin. Durch Dämmergrau in der Liebe Land; Ich gehe nicht schnell, ich eile nicht; Mich zieht ein weiches, samtenes Band Durch Dämmer grau in der Liebe Land, In ein blaues, mildes Licht. 3Sl KLEINE BILDER- GALERIE DIE MAUER ENTLANG (Böcklin) Die Mauer entlang, Wo das Wässerchen rinnt, Wo die Rosablüte des Apfelbaums Das ernste, dunkle Baumgrün grüßt, Da stehen die schönsten Blumen. Von jeglicher Art, Vielfarbenhell, Leis duftgewiegt und schattengeschützt Lachen sie her aus grünem Gras; Ach, wollen sie sterben im Frühlings glänz? Ich breche die flammglührote. Dir, Liebe, geb ich sie, die du still Im schwarzen Kleide traurig gehst Zwischen Lautenschlag und blühender Pracht An deiner Brust aufprange sie hell, In dein Herz lohe ihr Lebensrot, Dir singe ihr Duft aus tiefem Kelch: Sieh, dir auch lacht die Au! 382 SPÄTSOMMER (Thoma) Hellster, grellster Sommertag, Sonnenglutdurchschwelte Luft, Schumier, schwerer Blumenduft, Müd verhaltener Finkenschlag. Satte Reife weit und breit, Leis schon übergilbt der Wald; Bunt in Herbst verraschelt bald So m mertraumstr osteinsamkeit. NACHT ÜBERM MEERE (Alf Bachmann) Sommermondnacht. Wie mit drängenden Brüsten Wirft das Meer sich über das dunkle Land; Nebelgrau saugt Horizont und Küsten; Lind ein Blinzellicht vom unsichtbaren Strand. Wie der Schlange Schuppen schillern die breiten Wogen; Steigen die phosphorglühen Tiefen des Meers empor ? Auf den Wogenkämmen kommt ein Glanz gezogen, Den die Sonne an die Nacht verlor. SONNENAUFGANG (Turner) Rauch über Acker und Moor; Über das ganze Land 383 Ist, aus Nebeln gerafft. Riesig ein Netz gespannt. Wird Leviathan gejagt, Da er entstiegen dem Meer? Hui, wie tobt er im Netz, Schleppt es und schleift es umher. Sieh! Da blendets im Ost: Offen der Himmel, es schießt Goldene Speere der Tag, Und der Wurm zerfließt. Hoch seinen goldenen Schild Über den Wolkenwall Hebt der siegende Tag; Licht lacht über das All. PORTRÄTSTUDIE (Willette) Listig liebe blaue Kinder äugen, Müde, müde, müd ein wenig: Ganz tief drin lustiger Trotz. Feine, bogenspitze, schmale Lippen; Dunkel kirschenrot brennt drin Küsseglut. Aber es lächelt auch In den Winkeln des zierlichen Schnörkel- schwungs Neckende Redekunst. Drunter weich, Weich und keck, Springt heraus der lebendige Samt #4 Des Grübebenkinns. Nach oben ein wenig, Ein ganz klein wenig nach oben seknubberi Lauschend ein höchst fideles Naschen. Über dem lustigen Augenpaar Schwingen sich voll, zwei goldene Bogen, Feine Brauen; sie weisen kokett Mit ihren letzten, flaumigen Spitzchen Hin auf die rosig-roten Muscheln Zweier wunderkleiner öhrchen. Aufwärts in elegantem Schwünge Von dem weichen, weißen Nacken (Nur ein braunes Fleckchen drauf) Schwingt sich wellenweich das Blondhaar, Strudelt sich oben fidel und lacht, Lustig ein wenig vornüber geneigt^ Über die kleine, klare Stirn, Der es zum Schutze Flirrender, goldener Fäden ein Rieselnetz Fröhlich überbreitet. Unter dem Ganzen Gehen sittig auf und nieder Warme, weiche, kleine Brüste . . . EINEM SCHÖNEN MÄDCHEN UNTER SEIN BILDNIS Wo sah ich das doch schon einmal? Dies zart und liebliche Oval, Die großen Augen tief und klar, Dies bogenfeine Lippenpaar Und diesen Strudel Lockenhaar ? Wo, wo ? Und plötzlich seh ichs licht : In Form und Farben ein Gedicht, ß5 Das Botticellis teure Hand Gedichtet auf die Leinewand. Stand lange in Florenz davor. Mich ganz in Schauens Lust verlor, Andächtig zu der klaren Kraft, Die uns in Schönheit Tröstung schafft. Denn aller Schönheit höchste Huld Ist Trost und Stille und Geduld. Wer recht zu sehen weiß, der spürt Sein Herz von Schwingen angerührt, Die himntelher und heilig sind. Ihr Wehen ist so lieb und lind Wie Mutteratem über der Wiegen; Du fühlst dich eingebettet liegen, Liebeingefriedet wie ein Kind. Dem Meister, der so Hohes gab, Legt Dankbarkeit den Kranz aufs Grab ; Der Schönheit, die ins Leben blüht, Naht sich mit Wünschen das Gemüt: Sei nicht bloß Schenkerin — : Beschenkte auch ! Im eignen Innern wohne dir der Hauch, Den Schönheit atmet : Friede sei dein Teil / Du lieb Gesicht, halt deine Seele heil! BILDCHEN (Böcklin) Der Frühling naht dem Sommer zu, Ein leichter Wind wiegt über dem Gras, Hell leuchten die Blüten im Busche. 386 Die Blumen im Grase nicken leis, Es klingt der kleine, klare Bach Aus schattigem Dunkel schüchtern heraus, Als kam er vom Reiche der Träume. Vom Reiche der Träume, in dem sie weilt, Das braune Mädel mit flatterndem Haar, Die junge, kräftige Bauerndirn. Zwischen Frühling und Sommer weht ihr Traum, Zwischen Blüte und Frucht, zwischen Hoffen und Glück, Und die Augen gehen ihr über. DER HAHN (Nicholson) Ich bin der Hahn, Der Muselmann, Ich habe dreißig Hennen; Im Hof und auf der Tennen Umgackert mich die bunte Schar, Ich aber singe wunderbar, Daß sies stets neu erkennen: Ich bin der Hahn, Der Muselmann. Doch bin ich nicht ein Sänger bloß: Als Ritter bin ich gleichfalls groß; Betrachtet meine Sporen ! Zwei Fahnen trag ich voller Glanz,: Eine auf dem Kopf, eine auf dem Schwanz; Der Arme ist verloren, 387 Der gegen mich zu stelzen wagt; Es sei ihm glatt vorausgesagt: Er ist dem Tod erkoren. Bereits in aller Hahnenfrüh Tu ich ein sieghaft Kikriki, Nicht ohne präludieren. Bleich flieht der Sterne feiger Häuf, Und pünktlich zieht die Sonne auf: Ich tu sie kommandieren. Bei so viel Tugend und Talent Versteht sichs, daß ein Monument Mir wird nach meinem Tode. Ich werde auf dem Kirchturm stehn Und über tausend Giebel sehn Und hunderttausend Schlote. Mit Fingern weist man auf mich hin, Weil ich dann ein Exempel bin; Der Vater spricht zum Sohne: Blick auf zum Hahn, Blick himmelan, Es wird, mein Sohn, es ist kein Wahn, Der Tugend ihre Krone. Warum ragt er so hoch empor? Er war, o spitz dein Sohnesohr, Zugleich ein Held und ein Tenor. DIE KRANKE (Edvard Munch) Ich fühle keinen Schmerz und bin doch krank ; Mir ist die Kraft genommen, ich bin leer. Ich lebe ab, so wie ein Rad abläuft, Das von der Feder, die es trieb und hielt, 388 Gelöst ward. — Ach, sie pflegen mich so lieh, Und dennoch weiß ichs, holde ists vorbei. Und bin nicht traurig. Ruhe wird mein Teil, Ich werde ruhig blühn in leichtem Wind, Wie meine Blumen, die im Garten sind. DER GEWALTIGE KATER (Gulbransson) Maikater singt die ganze Nacht: Der Frühling ist erwacht, erwacht, Der Frühling ist erwacht! Gleich einem Reif trägt er den Schwanz; Warn Blätter dran, so wärs ein Kranz; Er flötet: O holde Mimamausamei, Wer dich zu lieben wagt, der sei Getötet! Ich ganz alli-alla- allein, Nur ich darf dein Geschpusi sein, Bis daß es morgenrötet. Im Mai sind alle Blätter grün, Im Mai sind alle Kater kühn Und alle Jüngelinge. Und wer ein Herz hat, faßt sich eins, Und war sich keins faßt, hat auch keins; Singe mein Kater, singe! ANTRITTS-VISITE (Franz Naager) Welch Geglöckel, welch Gebimmel Klingelt meinen Berg heran? Kommt der brave Schellenschimmel 389 Jener guten Fee Morgan? Und, der Himmel! Nein, der Himmel! Seht doch nur den Himmel an! War er grau nicht noch soeben? Und jetzt ist er glüh und klar! Sollt es heut noch Wunder geben? Nein, das ist nicht wunderbar : Durch die schwanken jungen Reben Kommt ein junges Ehepaar. RITTER RÄT DEM KNAPPEN DIES (Schwind) Sitz im Sattel, reite, Reite auf die Freite, Freie dir die Fee der Freien, Freie sie im milden Maien; Mit Narzissen in den Händen Geh ihr nah, doch an der Lenden Schwebe dir dein Schwert. Sprich zu ihr: Madleine, Rose, Rose, reine, Willst du dich mir freundlich neigen? Willst du mir den Himmel zeigen? Und sie wird die Blicke senken, Wird dir alle Himmel schenken. Nimm sie auf dein Pferd. Sitz im Sattel, sause, Reit mit ihr nach Hause; Zwischen seidenbunten Decken 390 Sollst du dir dein Glück verstecken. Alle 'Tore zugeschlossen! Dämmergold ist ausgegossen Über euern Herd. ARIE DES SCHÄFERS (Venezianer Pastell) Traurig war ich, ach so sehr, Und viel Tränen sind geflossen, Klagen hob ich hin und her In die leere Luft gestöhnt — Ach so sehr! Nur das Echo hat gehöhnt; Niemand nahte, mich zu trösten, Und mein Herz blieb unversöhnt, Kummerschwer und freudeleer. Da kam heut ein schöner Tag, Sonne kam und trieb die Wolken, Sah mich, der ich müde lag, Mit verliebten Augen an. Schöner Tag! Und ich wurde wieder Mann, Blies auf meiner lieben Flöte, Sang mir dieses Liedchen dann, Das mein Mädchen hören mag. DES ALTEN WEIBLEINS LIED VOM SCHWAGER TOD (Bild in der ,,Jugendu) Es fährt ein Postillion durchs Land — O, der ist höflich und galant! 39J Nimmt alte Leute bei der Hand, Hilft ihnen in den Wagen. Will keinen Lohn, Fährt schnell davon; Wohin — will er nicht sagen. Die Peitsche knallt, Herr Schwager, halt, Seht her, hier steht noch eine; Heut fahr ich mit, Ob Trab, ob Schritt, Denn mild sind meine Beine. Dank, Schwager! So! Und nun fahrt zu, Blast euer Liedel trututu! Es geht zum Schlafen, geht zur Ruh, Es geht ins Endlich-gute ; Lebt wohl! Ade! Mir ist nicht weh, Nur wundermüd zumute. 392 KA L ENDERHÄUS- CHEN "Januar An Fabian und, Sebastian Geh in den Keller, dreh auf den Hahn. Februar Wenn es um Lichtmeß stürmt und tobt, Sei Grog und Punsch gleich hochgelobt. März Gute Dinge sind Märzen-Ferkel und Märzen- Fohlen, Aber die meisten Märzlieder soll der Kuckuck holen. April So lange die Dichter schweigen vor Georgi und Markustag, So lange dichten sie hernach. 393 Mai Warmer Mai: Viel Stroh und Heu; Ein faar Gedichte sind auch dabei. Juni Das erste Wetter brüllt, Die erste Rose lacht, Nun bitt ich, Menschenkind, Ein klar Gesicht gemacht! Juli Magdalene, Margarete Weinen gern allebeede. Brauchst dir nichts daraus zu machen; Andre Mädels gibts, die lachen. August Kräht der Dichter auf dem Mist, Nennt er sich feierlich Naturalist, Aber das Wetter bleibt doch, wies ist. September An Maria Geburt Fliegen die ersten Schwalben fürt, Aber am Geburtstag der lieben Frau Werden auch die ersten Trauben blau. Oktober Nach dem lag Sankt Gall Bleib die Kuh im Stall, Nach dem Tag Lukas Bleib der Mann am Faß. 394 November Sankt Martin: Feuer im Kamin; Nun singe mit Luthern: Laß fahren dahin! Dezember Eis hängt an den Weiden, So ists an der Zeit. Hat sichs ausgeschneit, Wirst du Palmen schneiden. 395 OFENBANK [BALLADISCH] IM SCHLOSSE MIRABEL Der Erzbischof von Salzburg, Ein gar ein stolzer Mann, Der liebt die schönen Jungfräulein Und sieht sie freundlich an. Er streichelt sie am Kinne, Tut ihnen gar nit weh, Es herrscht Frau Venusinne Im Schlosse Mirabel, juchhe, Im Schlosse Mirabel. Der Erzbischof von Salzburg, Ein gar ein strenger Mann, Der bindet die schnöden Ketzer An glühende Öfen an Und läßt sie weidlich schwitzen; Derweil erkühlt am See Er sich von Liebeshitzen Im Schlosse Mirabel, juchhe, Im Schlosse Mirabel. Der Erzbischof von Salzburg, O wehe, was geschah, Traktieret nicht mehr Minne, Traktiert Dogmatica. 39<> Man setzte ihn gefangen Zu seinem großen Weh. Wie gern war er gegangen Zum Schlosse Mirabel, juchhe, Zum Schlosse Mirabel. O Erzbischof von Salzburg, Dir ist ganz recht geschehn! Es soll ein großer Kleriker Nicht zu den Mädchen gehn. Die blühen für die Laien, Sogar für Ketzer, — weh! Ich selbst erfuhrs im Maien Im Schlosse Mirabel, juchhe, Im Schlosse Mirabel. DIE BALLADE VOM 'TOD UND DEM ZECHER Stell die Uhr ab, Freund Hein, Schenk zum letztenmal ein Meinen gläsernen Becher Mit tief rotem Wein! Laß dein Sensengeschwank, Setz dich her auf die Bank, Bin ein friedlicher Zecher Und trinke nicht Z,ank. Gelt, der Wein da ist gut? Burgunderisch Blut! Molk oft mir im Keller Aus dem Fasse Mut. 397 Warum trinkst du denn nicht? O du kalkig Gesicht.1 Trink aus doch, trink schneller, Langweiliger Wicht! Herrgott, bist du fad! Es ist tief jammerschad, Daß der Tod so'n langweiliger Zechkamerad! Hätt es nimmer gedacht, Daß der Tod bei der Nacht Ein Gesicht wie ein heiliger Marabu macht. Gestorben muß sein, Doch ich sehe nicht ein. Warum so steifleinene Zeremonein. Nur näher gerückt! Nur die Glatze gebückt! Sei die hell elfenbeinene Rosengeschmückt ! Na, was fehlt noch? Vielleicht, Daß ein Fiedelmann geigt? Los, Ländler und Lieder! Der Sensenmann schweigt. Wie, noch immer verstimmt? Tief scheinst du ergrimmt! Doch die Lust kommt dem wieder, Der ein Mädel sich nimmt. 39* Komm herein, Leonor, Tanz dem Tode was vor, Indessen Belinde Ihn kraue am Ohr. Und es kommen zu zwein Die Mädchen herein. Und es singen gelinde Geig und Schalmein. Ist ein lustiger Takt, Und die Mädchen sind nackt, Und den Tod hat der Zecher Am Arme gehackt. Da eist ihm das Blut, Und es schrickt ihm der Mut, Und er greift nach dem Becher, Im Becher ist Blut. Ist Blut, — aber blaß, Ein eisschaurig Naß. Trink, trink doch, du Frecher, Der Tod schenkt dir das! Will nit lumfen sich län, Auch zum Tanz tritt er an, Hat auch Fräulein zweie Geladen zum Plan. Sind auch splitternackt, Tanzen auch nach dem Takt, Und des Todes Schalmeie Die flötet vertrackt. 399 Ist ein Menschengebein, Gedrechselt fein, Ihre Tanzlieder klingen Wie Feg] euer sehr ein. Und es schrillt die Schalmei, Und es packen die zwei Und drehen und schwingen Im Tanze ihn frei. Leeräugig und kalt Und mißgestalt Sind die Tänzerinnen Und moderalt. In grinsender Ruh, Turulu, Turulu, Spielt der Sensenmann selber Den Hopser dazu, Bis der Atem vergeht, Und das Herz stille steht, Und die Seele dem Tänzer Zur Hölle weht. DIE LEGENDE VOM HADERN- BURGER WEIN Christoph Patzeber ein Bauer war, Der hat getrunken wunderbar Von ururalten Weinen; Die waren gelb wie öl und klar, Er hat getrunken über ein Jahr, Mit ihm sein Weib und die Seinen. 400 Er kam dazu, wußte selbst nicht wie, Und eure ganze Philosophie, Die wirds auch nicht erklären. Schaut nur und hört wies ihm geschah: E* g™g halt hin, und der Wein war da; So sind die alten Mären. Christoph Patzeber in einer Nacht Hat sich mal auf den Weg gemacht, Wollte nach Wälschmichel gehen. Da führte was ihn in die Quer, Nach Wälschmichel kam er nicht mehr, Denn er hat Wein gesehen. Wein! Achtzehn Faß mit Hahn und Kran Sahn ihn mit achtzehn Augen an Recht freundlich und mit Winken. Sie lagen in einem Keller tief, In den hell eine Treppe lief ; Patzeber, der tat trinken. Sakra/ das schmeckt! Doch aus der Hand Den Wein zu trinken ist Sund und Schand. Was gibts da zu besinnen! Christoph holt sich zwei Flaschen groß, Steigt wiederum in das alte G'schloß Und läßt voll Wein sie rinnen. Gemächlich will er wieder gehn, Da sieht Weißbärte drei er stehn, Die haben nichts in Händen Als eine Tafel und Kreide weiß, Es wird ihm eisig bald, bald heiß: Jesus! wie wird das enden! Hebt drum zu vaterunsern an; Da tröstet ihn der ältste Mann: 401 Wir tun dir nichts zuleide! Hol Wein dir nur, so oft du willst, Es schreibt nicht auf, wie oft du füllst Das Flaschenpaar, die Kreide. Patzebern dünkt das wunderbar, Doch angenehm. Ein ganzes Jahr Hat er mit allen Seinen Tagtäglich sich gefüllt aufs neu Die Flaschen ohne Reu und Scheu Mit Hadernburger Weinen. (Denn in der Hadernburg geschah Die seltsame Historia. Ist bei Salurn gelegen; Dietrich von Bern hielt Hochzeit drin Mit einer schönen Kurtaatscherin, Der alte Niblungdegen.) So trank er voller Freudigkeit, Bis daß ein' hohe Obrigkeit Dahinter ist gekommen. Erbarmte sich der Seele sein Und hat: woher, von wem der Wein, Ihn ins Gebet genommen. Ob er nicht gar vom Teufel war? Patzeber bracht die Flaschen her. Sie kosteten gar schnelle: Nicht aus Salurn ist dieser Wein, Drum kann er nicht gestohlen sein, Und schmeckt auch nicht nach Hölle. Patzeber! Wo fließt dieser Quell? Christoph bekannte auf der Stell, Wo er den Wein tat finden. 402 So gehe hin und hol aufs neu, Daß nochmals wir nach Pflicht und Treu Behördlich ihn ergründen! Patzeber lief. Doch sonderbar: Wo gestern Treff und Keller war, Da gähnte schwarze Leere, Und Schläge sausten hageldicht, Patzeber fiel aufs Angesicht Und fürchtete sich sehre. Dann sah er tief, tief unter sich Den lieben Keller; schauerlich Saßen darin die dreie Und murmelten in ihren Bart Und kritzelten nach Kaufmannsart Viel Ziffern Reih an Reihe. Sfrach dumff der Älteste: es stimmt! Sein Nachbar ein Stück Kreide nimmt, Durchstreicht die Zifernreihen, Daß es wie eine römsche Zehn Oder ein Andreaskreuz zu sehn, Mit dicken Strichen zweien. Dann, als dies stumm geschehen war, Zählte auf in Silbermünze bar Der dritte dreißig Taler, Drückt sie Patzebern in die Hand, Wimmert ein bißchen und verschwand. Aufdämmerte ein fahler Lichtschein, und durch die graue Luft Zog hin und her ein Moderduft; Patzebern wollt es scheinen, 403, Als ging ein Leichenzug vorbei; Mit Fackeln sah er noch die drei Und hörte leise weinen. Weiß Gott, ihm war nicht wohlgemut, Obwohl in seinem alten Hut Die dreißig Taler klangen. Er lief davon wie hundsgejagt, Mit Stottern hat er ausgesagt, Was Grauens ihm ergangen. Die Taler gingen rundherum Im hohen Ratskollegium, Ob sie nach Schwefel röchen? Nein, nein: sie waren blinkeblank Und hatten keinerlei Gestank Und klangen nicht nach Blechen. Christliche Taler! Gut und recht! Doch Christoph hatte ausgezecht, Er starb nach zehen Tagen; Das hatte wohl die römische Zehn, Die er in jener Nacht gesehn, Vorkündend wollen sagen. Nach Christoph hat in mancher Nacht Manch Bauer sich noch aufgemacht, Zu trinken alte Weine Im Keller Dieterichs von Bern; Ich selber tat es herzlich gern: Indes, es fließen keine. Die Obrigkeit ist schuld daran! Ich klage die Salurner an, Daß sie den Wein vertrieben, 404 Nun ist für jenen Malvasier Zur Strafe ein recht saurer ihr, Ihr eigner Wein verblieben. O heilige Bureaukratie, Vergiß der Märe Lehre nie: Laß ferne deine Hände Von Dingen wunderbarer Art! Sonst seng dir saurer Wein den Bart! Das ist der Märe Ende. 405 A-B-C-HÄUSCHEN A Arbeitstag, Pendelschlag, Ackermühe, Ackerglück, Furche hin, Furche "zurück: Wer das versteht, Hat sich Frieden gesät. B Baumeister sei, wer du auch bist; Der Bauherr Gott gab dirs Gerüst Und was zum Baue nötig ist. In dir und um dich liegts bereit. Hast etwa vierzig Jahre Zeit: Nun baue dich empor: Schiff und Umgang, Turm und Tor. Ich hoffe, du bist nicht so gemein, Willst mehr als Stall und Scheune sein. C Cicero, ein Biedermann, Catilinan gar nicht leiden kann; Cäsar sieht sich beide an 406 Und denkt: die kamen wie gerufen: Ich will steigen, da sind die Stufen. D Damen hob ich viel gesehn, Schöne und gescheite, Nach Frauen mußt ich auf die Suche gehn, Und oft ins Weite. E Ernstlich, ehrlich, ehrerbietig, eigen: Wer die vier E ins Schild sich setzen kann Und sie in Wort und Taten zeigen: Der ist ein Mann. F Feigheit und Neid, das schlimmste Paar, Vom Teufel eingesegnet: Laß sie nicht ein, Bleib ihrer rein, Und was dir auch begegnet! G Glück suchst du, das von außen kommt? Das ist ein Glückwunsch, der nie frommt. In dir liegt Gold! Leg nur die Ader bloß! Sei auch die Ader klein, des Findens Glück ist groß. H Hurra rufen, ist das Tapferkeit? Ist der der kühnste, der am lautsten schreit? Wer fest die Zähne aufeinanderbeißt Und drum nicht schreien kann, 407 Das ist der Mann, Der Fe indes Jahnen sicher an sich reißt. I Irdisches Jammertal, — jämmerlich Wort! Die es hier rufen, Jammern sicher auch einmal dort An des Ewigen Stufen. 7 Jubilate heißt jeder lag, Auf dem der Arbeit Segen lag. K Kosten und Küssen Muß man nie müssen. L Lust, Liebe, Leid, — drei Ehe-L, Folgen einander und wechseln schnell; Wird aber kein L durchs andre gestört, Wos Ehepaar recht zusammengehört, Da findet sich auch als Ringgeschmeid Das allerköstlichste : Lauterkeit. M Marschieren und lustig sein, das laß ich gelten, Doch darf kein Feldwebel fluchen und schelten. Das Allervergnüglichste wird Verdruß, Steht auf der Fahne das grämliche Muß. N Niedertracht, Neid, Nörgelei Bilden gerne Kumpanei, 408 Immer sind zusammen die drei. Laß sie, Freund, geh still vorbei, Lach dir eins und laß sie lästern, Diese dürren Kaffeeschzoestern. O Oberflächlichkeiten Sind geschickt, zu gleiten, Wissen ihren Weg gar schnell zu gehn. Denn sie lassen sich treiben. Doch auf Pfützen bleiben Breit sie und mit vieler Würde stehn. P Pietist Reimt sich auf Christ, — Was doch die Sprache oft scherzhaft ist. Q Quappen und Quallen Mag Schlamm gefallen; Wir von den Hellen Gehn zu den Quellen. R Redlich und reinlich: Darin sei peinlich! S Sorgen das sind schlimme Gäste, Kleben zähe, sitzen feste. Mußt ihnen nur hurtig den Rücken drehn; Wenn sie dich bei der Arbeit sehn. Bleibt ihnen nichts übrig, als weiter zu gehn. 409 T Teufel bannen heißt tätig sein; Herr Urian kehrt bei Frau Schlaf haube ein. U Undank ernten, das läßt sich tragen; Wens ankommt, je nach Dank zu fragen, Kann keiner vom Herr enge schlechte sein; Aber Undank üben macht pöbelgemein. V Versuch dein Glück! So rufen die Lotterien. Zieh, doch bedenk : Du kannst auch Nieten ziehn. Viel sicherer geht, wer, statt zu spielen, schafft. Drum folg dem Ruf: Versuche deine Kraft/ W Wirbelwinde, Wirbelköpfe Zerschmettern Schiffe, zerbrechen Töpfe. Klar und gradaus der Wind, der Kopf: Im Hafen das Schiff, voll Speise der Topf. X X wird nie U, und machts dir einer vor, Nimm ihn gelassen nur beim Ohr Und setz ihn säuberlich vors Tor. r Ypsilon ist gar so selten, Schwer will sich ein Vers drauf melden. So gibts im Leben auch leere Stunden, Auf die ein Reim schwer wird gefunden. 410 Fällt uns nur sonst was Rechtes ein, Eine Lücke wird immer verziehen sein. Z Zier dich nicht und sperr dich nicht, Bürger dieser Erde. Dazu ist das Mahl gericht, Daß gegessen werde. 411 PARKSPUK BRAUTFÜHRER TOD Der Bräutigam: Ich lese Lieder aus fremden Seelen, aber alle Lieder künden mir nur dich und deine Seele. Und über Wiesen schau ich und tausende Blumen, aber überall seh ich nur dich und die Blume deiner Schönheit. Komm, o komm, du meiner Seele le- bendiges Gedicht, du meiner Seele atmende Blume, komm! Komm, du mein Leben! Wie du so bebst! Gib, gib mir deine Hand! Ich habe mich so sehr nach dir gesehnt, und wie du kamst, bin ich er- schrocken. Die Braut: Ich habe mich nach dir so bang gesehnt; nun bin ich froh. Mir wars, mich führte Wer zu dir, und einer spräche leis an meinem Ohr: Geh hin, geh hin, heut überschattet dich an seiner Brust das tiefe, tiefe Glück, in dem der Sonne Aufgang ist und Niedergang! 412 Und mir ward bange, da ich zu dir ging. Nun bin ich froh. Der Brautführer: Sterne führ ich einander zu im Kreis- lauf geketteter Ewigkeiten und bin im An- einanderflügeln des Mückentanzes. Von meinem Atem getragen fliegen die S amenstäub chen aus Blütennarben im Blüten- kelche, und was ich raune, bebt im Herzen der Braut und läßt die Brust des Bräuti- gams drängend gehn. Wohin ich führe, braucht ihr nicht zu fragen. Fühlt euch, so fühlt ihr mich. Ich segne euch. HERBSTVISITE EIN GESPRÄCH Ich: — .* Die ersten Trauben und Nüsse dabei — ; Meine Türe ist offen, komm herein, wer es sei: Will niemanden heut von der Schwelle weisen ; Soll Trauben zerdrücken und Nüsse zerbeißen. Der mit der Sense (im Eintreten): „Das nenn ich höflich. Ich bin so frei." — : Willkommen, Gevatter! und setz dich her! Anmutig scheinst du mir zwar nicht sehr, Doch hoff ich von deinen Knochenbacken, Sie werden mir helfen die Nüsse zu knacken. Du siehst ja aus wie das ewige Gähnen. 4*3 „Ich renommiere gern mit den Zähnen. Eine kleine Schwäche und Eitelkeit . . . Doch apropos: Bist du so weit?" — „• Soweit? Wieweit? „Dich einzuhenkeln In meinen Arm . . ." — .* An dürren Schenkeln Mocht ich mir nie gerne meine reiben. Auch hob ich noch große Lust, hier zu bleiben Bei Trauben und Nüssen und sonst guten Sachen, Die mir das Leben vergnüglich machen, Zum Beispiel . . . „Gestatte, daß ich verzichte; Ich kenne sie schon, die Schleckergerichte: Die Liebe, die Schönheit, die Kunst und so weiter. Eigentlich hielt ich dich für gescheiter. Das alles, du weißt es so gut wie ich, Ist bloß Zuckerglasur und äußerlich; Inwendig der Kern: puh, bitter und böse. Gestatte, mein Freund, daß ich schnell dich erlöse." — .- Sehr liebenswürdig. Indes . . . ich glaube . . . Ach, sieh nur: Wie voll ist diese Traube/ Und heb nur: Wie schwer.' Und denke: Der Wein! Der Heurige wird recht trinkbar sein. „Kein Rausch ist wie der meine tief." 414 ; Ich wachte noch immer gern auf, wenn ich schlief. „Dann bin ich in dem Haus zu früh." — ; Nimm deine Sense, spar deine Müh. „War keine Mühe, war eine Visite." — : Geh nicht im Arger, Gevatter, bitte. Du siehst mir so verdrossen aus . . . „Ich gehe nicht gerne leer aus dem Haus." — • So nimm eine Handvoll Nußschalen mit, Denn dein ist die Schale. „Einst sind wir quitt." gA-TWfl 4*5 MA UERINSCHR1F- TEN EHEMARTERL Hier fiel ich, steh, Wandrer, und bet ein Gebet, In die Hände meiner Frau, der Anna Margret; Es war am fünfundzwanzigsten Mai, Als ich ging an diesem f ff Baume vorbei, Hinter dem sie ganz von ungefähr stand; Ich sagte Guten Abend und gab ihr die Hand. Damals war ich ein Junggesell, Und deshalb verliebte ich mich sehr schnell; Sie behauptete von sich selber das gleiche Und verlangte, daß ich die Hand ihr reiche Nächstens und schleunigst auch am Altar, Der zufällig hier in der Nähe war. Und deshalb, weil dieses wirklich geschehn, Sag ich: O Wandrer, bleibe hier stehn, Bedenke der Freiheit Vergänglichkeit, Bet ein Gebet und bleibe gescheit. 416 Bums Bärlatsch, Bauer und Ehemann, Der ein Wort davon mitreden kann. GLAUBE NUR Wenn im Sommer der rote Mohn Wieder glüht im gelben Korn, Wenn des Finken süßer Ton Wieder lockt im Hagedorn, Wenn es wieder weit und breit Feier klar und fruchtstill ist. Dann erfüllt sich uns die Zeit, Die mit vollen Maßen mißt, Dann verebbt, was uns bedroht, Dann verweht, was uns bedrückt, Über dem Schlangenkopf der Not Ist das Sonnenschwert gezückt. Glaube nur! Es wird geschehn! Wende nicht den Blick zurück! Wenn die Sommerwinde wehn, Werden wir in Rosen gehn, Und die Sonne lacht uns Glück. DAS KOMMT VON DEN OCHSEN Weil Ochsen ihm sein Rosenbeet zertraten, Ward er Aristokrat aus einem Demokraten. 417 HANS UND GRETE Hans und Grete, Grefe und Hans; Überall derselbe Tanz; Immerfort derselbe Kreis, Von Adam her im Paradeis Zielt alles auf denselben Strich: Das Ding ist unabänderlich. ZWEI SPRÜCHE FÜR PRÜDE I Die Sittlinge müssen sich immer genieren, Wenn einer recht herzhaft von Liebe spricht. Sie denken halt immer ans „Amüsieren", An des Rätsels Heiligkeit denken sie nicht. II Natur, mein Freund, ist immer sittlich. Der Staatsanwalt freilich ist unerbittlich. Jüngst hat er ein Andachtsbuch konfisziert, Weil sich zwei Fliegen drauf kopuliert. MISCH DICH NICHT DREIN In Liebesdingen raten, Das heiß ich Narrentaten. Red an die Wand, red in den Wind, Sie werden eher hören, als die in Liebe sind. 418 DREI SPRÜCHE in einem Gedicht. Geh zum Tisch des Lebens: nimm! Sieh, es ist ein bunter Strauß, Weiße Lilien und rote Rosen Blenden, flammen zwischen großen Grünen Blättern bunt heraus. Glaube nicht ans ewige Grau! Sei nur selber froh und bunt; Schluckst du Staub, so trinke Weines^ Schmäle nicht, daß nur ein kleines Glas dir ward für deinen Mund. Schiel nicht auf der andern Art! Sei getrost auf dich gestellt, Sei Kristall und fange Strahlen Und laß dir im Herzen malen Sich aus Strahlen deine Welt. REIME ATZ Die Erde, der runde, Der bunte Ball, Spektakelt, Mirakelt Durchs Weltenall. 41g Wir taumeln Und baumeln Spektakelnd mit, Werden älter, Werden kälter, Tante Mors ruft: Quitt/ DIE GUTE ÄRZTIN Die Zeit / die eilt / Die Zeit j die heilt. Weis deine Wunden! O Schmerz und Blut! Wird alles wieder gut: Kühl wehen die Stunden. ZWISCHEN SAAT UND SENSE Das beste Werk auf Erden ist: Korn in die Scholle säen, Und aller Freuden vollste ist: die schweren Schwaden mähen. Rund geht der Wurf des Säemanns und rund des Mähders Eisen, Des ganzen Lebens Auf und Ab liegt mitten diesen Kreisen. SPRUCH Ein jeder Mann hat seine Rüpeljahr. Der wird kein ganzer Kerl, der nie ein Rüpel war. 420 Nur freilich, daß es geht, so wie maus treibt: Mancher sein Lebtag bloß ein Rüpel bleibt WAHLSPRUCH Tragt Stein auf Stein zum Bau der Zeit. Ich bau mich; Türmt Türme für die Ewigkeit: Ich bau mich; Schleift s-piegelblank die Menschheit glatt: Ich bau mich; Ich bin der blauen Pläne satt: Ich bau mich. SCHWERTHULDIGUNG Mit meinen Speeren Will ich dich ehren, Mit meinen Schwerten Will ich dich werten, Mit Stechen und Hauen Will ich dir trauen, Herr Feind! QUIETISTENDEVISE Weise bin ich worden, Wie der König Salomo, Stifte mir den Orden Zum gezähmten Floh. 421 KÜNS TLERKERNSPR UCH Welch Gegacker! Welch Gemeckert Schriller Streit um die Geschmäcker. Laß sie meckern! Laß sie gackern! Wir wolln unsern Acker ackern. ÄSTHETISCHES VON DEN KÜHEN Ah, wie glänzt das neue Tor! Jede Kuh furcht sich davor; Es ist viel zu reine. Laßts mit Mist heschmissen sein, Gehen alle wedelnd ein, Und es furcht sich keine. VOM LORBEER Lorbeer ist ein gutes Kraut Für die Saucenköche ; Wers als Kopfbedeckung wünscht, Wisse, daß es steche. KLEINER, HÜTE DICH Worte werfen die Wahrheit nicht um, doch wackelt sie manchmal, Wenn von rechts und von links Wortegestöber krawallt. Leider genügt das bereits, denn wackelnde W ahrheiten werden 422 Gerne von hoch und gering eilig als Irrtum geschätzt. Steht aber Unsinn recht stramm, breitbeinig und wuchtig im Erdreich, Fühlt sich die Menge zu ihm wie mitMagneten gelenkt, Klebt wie der Eisenfeilspan daran fest und fühlt sich geborgen, Denn das Feste allein bietet den Wankenden Schutz. Wehe dir, Männchen mit Spaten und Beil, wenns keck dich gelüstet, auszugraben den Stamm, der so gar viele beschützt ! Bist du nicht stark wie der Sturm, der knorrige Eichen entwurzelt, Nageln sie dich mit Gehöhn an den geheiligten Stamm. Und es geschieht dir recht, denn der schänd- lichste Dilettantismus Ist es, fürs Große ins Feld als ein Pygmäe zu ziehn. Ehrfurcht gebietet die Kraft auch als Wahn; sie niederzukämpfen Ziemt nur wieder der Kraft; Macht gebührt nur der Macht. WAHRHEIT UND WAHN Wo wächst die Wahrheit? Hinter dem Zaun, im Feld, lief in der Wiese, im Wald: Überall, überall. 423 Aber über sie her Weht seine Halme der Wahn, Die Brotfrucht. Willst du ihn ernten, den nährenden, greif Zu Sichel und Sense. Aber die Wahrheit zu Rücken genügt Die Hand des Kindes. Drum siehst du sie öfter im Strauße des Dichters, Als in den Tennen der klugen Leute. FRAGE- UND ANTWORT-SPIEL Der Sohn fragt: Wohin kam ich, Vater, wenn ich Aufwärts immer höher stiege? Wohin komm ich, Vater, wenn ich Steilauf durch die Lüfte fliege? Der Vater antwortet: Flieg und steige in die Ferne.' Steig und fliege und verlerne, Daß ein Dort ist und ein Hier. Steigend lernst du es begreifen: Alles Indiehöheschweifen Bringt am Ende dich zu dir. 424 EIGENTUM Du hast gekauft und du erworben, Du hast geerbt, wie dein Vater gestorben: Ihr sitzt im Recht. Aber der Erste, der euer Land besessen, Hat sichs mit Keulen zugemessen, Hat sichs erfrecht. Wahrlich, ich sage euch : Fragt nicht zurück t Auf dem Grunde des Grundbuchs steht: Recht ist Glück. Machts wie jener, der sich erfrechte: Behauptet mit Keulen euch in euerm Rechte. — Wenn aber nun wiederum einer käme Und sich die Keule zur Elle nähme Und uns beim Kragen . .? . . Weiß keinen Rat als: wehrt euch gut! Fehlts aber euch an Kraft und Mut, Soll er hinaus euch jagen. DER DICHTER AN DEN PHILOSOPHEN Was willst du alles wissen P O Weiser, sei kein Tor/ Wer klug ist, zieht dem Leben Leis einen Schleier vor. Das Nackte ist das Leere, Wenn du es nicht verklärst, Und keine Schönheit wäre, Wenn du kein Seher wärst. 425 MEINE ANTWORT „Freund, o künde dein Verlangen.1" — ; Einsam sein und Verse fangen. BELLENDER NEID Wie es dir schlecht ging, ließen sie dich gelten, Du warst talentvoll und ein Biedermann ; Da führte dich das Glück nur einen Schritt voran, Und schon hubs an, das dumpf verhaltne Schelten. Nun aber, da sich ganz die Himmel dir er- hellten Und dir das Glück sehr hold zu sein begann, Jetzt fangen heulend sie zu bellen an, Wie hungerstoll nur je im Walde Wölfe bellten : Du bist ein Stümper und ein Schuft, pack ein! Talentlos, ehrlos, schamlos ohnegleichen; Der Speichel ist zu gut, dich zu bespein. Du wirst doch nicht vor diesen Kläffern weichen t Hör das Konzert an, Freund, es muß so sein: Die Bettler sind es am Fortal des Reichen. GLÜCK AUF DIE REISE Sie machen die Luft dir dumpf und schwer, Die kreischenden Zwerge? Lach ihnen Abschied.' Fahr über das Meer! Steig über die Berge! 426 Doch, ehe du gehst, nivint einen am Ohr Und schüttet ihn leise. Verloren ist, wer den Humor verlor. Glück auf die Reise! MEINEN WERTEN FEINDEN Die Feinde haben mich weise gemacht, — Die guten Feinde! Erst hab ich gebrummt, dann hab ich gelacht Der grimmen Gemeinde. Sie haben mir, was ich bin, gezeigt, — Die lieben Leute! Nun weiß ich, wie man lächelt und schweigt. Wer haßt mich heute? EINEM GERÄUSCHVOLLEN Laß mir mein Glück, Ich laß dir deins; Mir tuts nicht weh, Wenn ich mit Hengsten viere lang Dich fahren seh. Laß mir mein Glück, Ich laß dir deins; Laß mich allein. Ein Stückchen Erde will ich und Ein Bauer sein. 427 ACH SO Wohin denn, wohin denn so schnelle, Du Mann mit der Elle? Siehst nicht den schönen Regenbogen? Frivoler Geselle/ Den eben will ich messen gehn. War mir eine Art, so dazustehn Und bloß die Farben anzusehn. Ich bin gründlich/ AN DIE VERSCHÄMLICHEN Ihr armen Schacher, wie tut ihr mir leid In eurer lugend engem Kleid, Darunter die Triebe zu Krankheiten werden, Zu bösen Dünsten und allen Beschwerden Der Leibeslüge und Heuchelei. Nie seid ihr froh, nie seid ihr frei, Denn euer Wahn hat zur Sünde verdacht, Was Kreaturen selig macht. Des Lebens Quell mit Schmutz zu ver- schlamme^ Tragt alle Unnatur ihr zusammen; Was fröhlich, rein, lebendig fließt, Wird euch und uns zum faulen Bache, Zur giftigen Sünden-Unken-Lache, Wenn eure „Moral" hinein ihr gießt. O J ammer mißbrauch mit dem Wort! Was blüht, ist Leben, tot, was dorrt; Ihr aber streut Salz auf des Lebens Flureny 428 Was keimt und treibt, ist euch verhaßt, Dem Leben grabt ihr ohne Rast Das Grab, ihr „sittlichen" Lemuren. FÜR BEERENSUCHER Gingen zwei in einen Beerenwald; Fand der eine süße Beeren bald; Hat sich fleißig gebückt Und emsig gepflückt; Tat nichts als essen. Der andre indessen Trug immer die Nase gen Himmel gericht, Sah den lieben Herrgott oder macht ein Ge- dicht, Aber die süßen Beeren, die sah er nicht. Tun mir leid alle beide. Ich liebe die Beeren- und Himmelsweide. Ich hätte mir Beeren gesucht im Kraut Und essend zum blauen Himmel geschaut. Mir hätte keins das andre geniert, Hätte Himmel und Beeren in eins skandiert. AUS DER SCHUSTERPERSPEK- TIVE Ein Held und Herr hatte Stiefel not, Und einen Schuster zu sich entbot, Sie anzumessen. 429 Der rannte beglückt von Trinken und Essen Und kam. Zunftsäuberlich das Fußmaß nahm. Nun aber, als er am Biertisch gesessen! Hu, wie er das Maul voll Knödel nahm: Efm Helden, ihr, ist nit leicht anzumessen! Ich maß mir schier die Arme lahm. Nicht jeder Meister mag dazu taugen: Der Held hat sieben Hühneraugen! GASSENHAUER FÜR SCHWACHE STUNDEN Laßt uns nicht schelten und schmä . . hä . . hen, Das Leben ist so wie so schlimm (ja schlimm!) Laßt Friedenskeime uns sä . . ä . . en, Begraben den grimmigen Grimm! Was hilft es, die Fäuste zu ba . . a . . llen, Dadurch wird der Böse nicht gut (ja gut!) Und ist ein Schimpfwort gefa . . a . . llen, Verdoppelt sich bloß seine Wut. Zähneknirschen und Augenro . . o . . llen Hat gleichfalls gar keinen Sinn (ja Sinn!) Sie tun ja doch, was sie wo . .0 . . llen, Gehn ihres Weges dahin. Drum rat ich euch, zündet die Pf ei . .ei . .fe Des Friedens im Lehnstuhle an (ja an!) Zorn ist eine giftige Sei . . ei . . fe. Die Unheil anrichten kann. 430 TROCKENE BLUMEN UNTER GLAS Hoffnungswimpel im Lenze, Banner des Todes nun, Gern wären es Liebeskränze, Die hier wie Leichen ruhn. . . Der Herbst hats getan, Sterben hebt an . . . Grüß Gott, grüß Gott, du Mann mit der Sense! 431 AUF DER MAUER [AUS- UND EINBLICKE] ALEXANDRINER Dort lag der See gewellt, ein blauer Schimmer- plan, Wie weiße Möwen drauf manch schneller Segelkahn; Das Ufer drüben hell, der Himmel drüber klar, Wie das doch wundersam, gar heilig heiter war.' Es tuschte noch der Herbst mit feiner Künstler- hand In Sammetbraun und -Rot Wald, Wiese, Berg und Land, Unendlich weit der Blick, und umrißreinlich, fein, Fiel alles, fern und nah, dem satten Auge ein. Die Zacken des Gebirgs scharf vor dem Himmels- blau, Ich sah der Schroffen Grat, der Schrunde Spalt genau, Und wenn zur Dämmerzeit der Mondkahn drüber schwamm, 432 War silb er üb erblitzt der blaue Höhenkamm. Der fernsten Dächer Rot, der weitsten Wälder Braun, Ich sah, wie weit es war, und könnt es nahe schaun, Selbst kleinster Bäche Band, wie Silber ein- gestickt Dem Sammetdunkelrot, hob deutlich ich erblickt. Und heute. Eingebannt bin ich in kleinem Raum, Das nahe Dorfgehölz, seh ich als Schleier kaum. Es fällt ein schneller Schnee, breitflockig, dicht gedrängt, Und hat in leeres Grau mich drückend ein- geengt. Wo ist der See, der Wald, der blaue Höhen- kamm, Darauf der Silberkahn des halben Mondes schwamm ? Wie bin ich -plötzlich arm. Ein König im Exil, Dem über Nacht vom Haupt die goldene Krone fiel. Er legt von sich den Prunk, die Pracht, die Macht, den Tand, Und in sich selbst entdeckt er tief ein neues Land, Das nie er noch geschaut, das, unveräußerlich, Ein reiches Königreich: staunend entdeckt er — sich. Mein Auge ward beraubt, mein Herz ward reich beschenkt, Das in sich selber sich mit stiller Kraft versenkt. 433 WINTER Der alte Säetnann geht übers Land; Sein grauer Sack ist voll und wird nicht leer, So viele Hampfein auch die Hand verstreut. Und alles ist ihm Feld: Wald, Wiese, Berg; Allüberallhin sät er seine Saat, Die niemals aufgeht. Schweigend tut er so. Ich seh ihm zu. Mich überschüttet weiß Der kalte Segen seiner toten Saat. Und wie ein Baum, aus dem der Lebenssaft Sich in die Erde schlug, so steh ich starr Und fühle innerlichst mich selbst vergehn. Und Schlaf und Tod ist mir nur noch ein Gott. WO LAUSCHEN DEINE TALE Land des Friedens mit den roten Herzflamm- fahnen der Liebe, Die wie Herdrauch leise in lauen Winden wellen, Gelobtes Land, o Kanaan meiner Seele, Nach dem mein Sehnen seine Sucheaugen Hinaus läßt leuchten in goldenen Glaubens- blicken, Grünes Friedensland: Wo lauschen deine Tale? In Sommersonne lachend liegen sie, Die Vögel ziehen lautlos drüber hin, 434 Der Himmel ist von Seligkeiten tief; Und du und ich, Ein kleines Haus, hin Rosenbusch, Ein Nelkenbeety Und du und ich, O, du und ich .... Und unstet Hetzen Liebe V et flammt sich mild Zut Sonne uns, Die übet unsetm Hause steht, Wie einst det goldene Winkestern Übet det Ktippe in Nazateth. ANDACHT ZU MEINER WELT In einem Haus, vetsteckt in Linden, Dutch die das Licht grüngolden fällt, Will ich vergehen und vetschwinden Vor dem Gelätme diejet Welt. Aus dieset Welt det Wutgrimassen, In der der Zaum die Blöden hält, Im Lieben dumpf und flau im Hassen, Aus dieser lauten, leeren Welt. Ich will mir eine andre bauen, Von innetlichem Licht ethellt, Und will in Andacht still beschauen Die von mit selbet ist, die Welt. 435 FRÜHLINGSABEND Das junge Feld vor mir. Es wächst in ihm, Die Säfte steigen stetig auf zum Halm, Kein Wind bewegt die stille, grüne Kraft. Der Wald dahinter. Starr der Wipfel Wuchs; Es zeichnet sich ihr Zackenrand am Himmel, Tief dunkel, schwarzgrün vor gestähltem Blau. Ein rosagelber Streifen, lang und schmal, Ruht segnend drüber, eine Heilandshand. Das ist der Friede. Fruchten lebt in ihm. Ein einziger Vogel singt im tiefen Wald. ABEND Die grauen Geierfittiche der Nacht Rauschen über den See. In seinen erzenen Fängen hält der Riesenvogel Die Leiche des Tages. Eine Blutspur hinter ihm her Wellt nach Westen. ' Die schwarzen Augen des Waldes Heben die Nadelwimpern Und starren stumm Dem Fluge des Räubers nach, Dem eine Schar verdrossener Schatten folgt. Vom Himmel herunter In frostigen Winden Haucht ein Gedanke: Auf schwarzen Schwingen Schwebt alles Leben Schweigend In das Tal des Todes. 436 SONNE Nach langen Nebelwochen voll kaltem Schatten- grau Heute der erste 'lag, Da sich der Himmel hellt, Die Sonne wieder scheint, Das heilige Licht des Lebens. Ich erkenne dich, gütige Gottheit, Und meine Augen beten dich an Mit hellen Blicken, Im Lichte beten sie das warme Leben an Und saugen seine gütigen, goldenen Strahlen Mit Kindes Wollust ein, Das an der Mutterbrust Nahrung aus heiligem Leibe saugt. Also trink ich mit strahlenden Augen den Gnadenstrom Unerschöpflicher Werdenskräfte mit Lust, Der von der Sonne, dem heiligen, Liebeflammenden Leibe kommt. Lebensglut-schürender Feuerwein sind die Goldenen Strahlen der Sonne, und der be- gnadete, Betende Trinker taumelt im Herzen be- geisterten Tanz., Ob auch sein Fuß bedächtig hin Über der Erde rauhen Rücken geht, Denn seine Seele ist auf der Sonne, Denn seine Seele brennt in den Gluten Lebenschenkender Güte. In der seligsten Liebesbrunst brennt sie, Tanzgewirbelt ein stäubender Funken 437 In dem riesigen Sonnenfeuer, Sie, auch sie ein jauchzendes Flackerteilchen Der großen Liebeslohe, die in die kreisende Dunkelheit Ihre lebenanfachenden Fackeln reckt. DIES BUCH WURDE GEDRUCKT BEI OSCAR BRJNDSTETTER IN LEIPZIG ■W^V nniyi "NrfV* > o ocoooo ooooo-ooo ■VW" ' •'***/*• * *^%*> i *%V*' 'VV/ iivV*V >vv* ■ *tv** oooooooo oooo'oooo > o o o o o o o oooooooo > o o o o o o o oooooo oo ■VW»«^yVy»i» vwi. i*A* "wx^^' ■ '■^fci^'— *^A^A"" "^»V^ o o > o o o o c o o oooooooo «WVi ii n«yw>— " '»Vi*- »VV" "»W 00 M P3 Übrary V*- < -*v i // ■> DO NOT y w- / REMOVE / f < 00 +3 Ui^« CARD < •H f \\ 3 M FROM tt ■>** h> f +3 > o -p -p i THIS \ V *w= o -p < • 03 1 POCKET \^ —^ crJ I > U ■ Q) •H ««V- 0 Q : Acme Library Card Pocket < ■t-> ■ Under Pat. "Ref. Index File" S < H Made by LIBRARY BUREAU o o o ^V» V — W»